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Veröffentlicht am 20.05.2026

Nur mit Hund(en) komplett

Penny, Prince und Ginny
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Nachdem er sein Leben der Kunst und Kunstkritik gewidmet hat, schrieb der legendäre britische Kolumnist und Kunstkritiker Brian Sewell (1931-2015) ein Buch über seine Hunde. In “Sleeping with dogs” 2013 ...

Nachdem er sein Leben der Kunst und Kunstkritik gewidmet hat, schrieb der legendäre britische Kolumnist und Kunstkritiker Brian Sewell (1931-2015) ein Buch über seine Hunde. In “Sleeping with dogs” 2013 erschienen, 2026 ins Deutsche übersetzt als “Penny, Prince und Ginny“ verrät der englische Titel schon Sewells intensive Nähe zu seinen geliebten Vierbeinern.

Wenn man zu seinen besten Freunden Bellfreudige mit vier Beinen und einer wedelnden Rute zählt, dann wird einen das Buch von Brian Sewell bestimmt begeistern. Ja, es tauchen auch ein paar Katzen auf, die die Tierliebe des Autors nur unterstreichen.

Ich muss zugeben, dass mir der Name Sewell vorher gänzlich unbekannt war. In diesem Buch gibt er auch relativ wenig über seinen Werdegang als bekannter Kunstkritiker preis. Stattdessen erzählt er über all seine Hunde, mit denen er sein über 80 Jahre währendes Leben (und auch sein Bett) geteilt hat. Auf 17 vierbeinige Begleiterinnen konnte er am Ende zurückblicken, deren Lebenslauf jeweils ein Kapitel zugewiesen wurde.

Sewell hatte in seiner Kindheit Zeiten von Armut erlebt. Prägend blieb aber vor allem die Erinnerung an seinen ersten Hund namens Prince. Den liebte er sehr, bis sein Stiefvater ihn angesichts des Kriegsanfangs 1939 aus Bedenken wegen der bevorstehenden Zeiten erschoss. Das hat das Kind Brian traumatisiert. Sein einziger Wunsch zu Geburtstagen oder Weihnachten war danach, wieder einen eigenen Hund haben zu dürfen. Für eine halbe Krone holt er sich dann nach Kriegsende einen Welpen, einen Terrier.

Tatsächlich hat er im Lauf seines Lebens nur für zwei seiner Hunde etwas bezahlt. Kaum welche hatten einen Stammbaum. Die Mehrzahl der Hunde, die ihn im Laufe der Jahre begleiten sollten, stammten aus dem Tierschutz, über deren Rettung wir hier erfahren - Mischlinge, von den Vorbesitzern verstoßen, oder von einem leidenschaftlichen Tierarzt gerettet und ihm anvertraut.
Meistens lebten mehrere Hunde im Sewell’schen Haushalt, denn er hielt Drei für die perfekte Zahl für eine Hundegemeinschaft.

Einige Jahre lang lebte seine alte Mutter mit ihm, aber seine wahre Familie scheinen immer die Hunde gewesen zu sein. Selbst sein Umgang mit den sterblichen Überresten seiner Fellnasen, war sehr persönlich und voller Verehrung (für manch eine/n vermutlich auch etwas zu übertrieben oder exzentrisch).
Es ist bewundernswert, wie der Autor nach all den Jahrzehnten in seiner Erinnerung zurückgehen kann und über die besonderen Persönlichkeiten, (Un-)Taten und selbst kleinste Eindrücke von Fell und Haut wieder berichten kann. Manche der Erlebnisse mit seinen Vierbeinern können vielleicht nur Hundeliebhaber
innen ohne ein Kopfschütteln, sondern mit einem Schmunzeln aufnehmen. Andere würden sich eher bestätigt fühlen, sich lieber keinen Hund ins Haus zu holen. Aber ich bezweifele, dass jemand, der keine Hunde mag, sich so weit in die Geschichte vertieft.

Auch wenn nicht jeder Hundemensch seinen Vierbeiner mit ins Bett lässt, ihn am Tisch füttert oder ihm sofort verzeiht, wenn er wertvolle Buchschätze zerlegt. Aber man kann es irgendwie schmunzelnd nachvollziehen. Brian Sewell konnte eben sehr tolerant sein gegenüber einer Bandbreite verschiedenster Hunde und ihrer teils sehr speziellen Eigenarten.

Sewell schreibt sehr warmherzig, mit Humor, zart und doch auch leidenschaftlich. Immer wieder offenbart es ein tiefes Verständnis den Tieren gegenüber. Diese teilweise exzentrische, eigenwillige Liebe zu Hunden, die von den wüsten Welpenzeiten, über so manche wilde Episode bis in Krankheit, Alter und Tod reicht, wird so hingebungsvoll beschrieben, dass man auch den Autor mit ins Herz schließen muss.
Oft musste ich beim Lesen wissend schmunzeln (schließlich leben auch hier seit 25 Jahre ein oder mehrere Hunde im Haushalt), lachen, aber auch schwer schlucken. Schließlich kann ich seine Gefühle beim Verlust eines Hundes nur zu gut nachvollziehen. Denn auch diese schweren Zeiten lässt Sewell nicht aus.

Das Cover verspricht schon sehr feine Illustration von Sally Ann Lasson, die sich über das Buch verteilen. Was mir am Ende doch fehlt, sind ein paar Fotos, die noch eine genauere Vorstellung der Vierbeiner schenken könnten, die einen beim Lesen sehr ans Herz wachsen.
Ein herrliches Buch für alle Hundefans.

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Veröffentlicht am 13.05.2026

Blick in das China von heute

Fliegt, Wilde Schwäne
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In der derzeitigen Geopolitik ist China ein bedeutsamer aber undurchsichtiger, gefährlicher Player, über den man eigentlich wenig weiß, weil die Eindrücke von Innen fehlen. Da hoffte ich auf einen sehr ...

In der derzeitigen Geopolitik ist China ein bedeutsamer aber undurchsichtiger, gefährlicher Player, über den man eigentlich wenig weiß, weil die Eindrücke von Innen fehlen. Da hoffte ich auf einen sehr persönlichen Einblick durch dieses Buch.
Die Autorin Jung Chang (*1952) ist in der Volksrepublik China aufgewachsen und hat die Kulturrevolution hautnah miterlebt. 1976 konnte sie mit einem Stipendium ein Ergänzungsstudium in England beginnen, kehrte nach dem Abschluss des Studiums jedoch nicht nach China zurück. Jung Chang ist verheiratet mit dem Historiker Jon Halliday und lebt im Vereinigten Königreich.

Schon mit dem Titel „Fliegt, Wilde Schwäne” nimmt Jung Chang einen Faden nach vielen Jahren wieder auf – den Faden ihres 1991 erschienen internationalen Bestsellers „Wilde Schwäne“ (im Original „Wild Swans: Three Daughters of China“). In diesem Debüt erzählte sie damals die ein Jahrhundert umspannende Geschichte ihrer Familie mit dem Schwerpunkt auf den Biographien dreier weiblicher Generationen in China.

Auch ohne das vor 35 Jahren erschienene Buch gelesen zu haben, kann man problemlos in „Fliegt, Wilde Schwäne“ einsteigen. Für das Verständnis der Handlung wichtige Ereignisse werden wieder aufgegriffen, wie z.B. die erschütternden Erlebnisse ihrer Familienmitglieder während der Kulturrevolution und die politischen Umwälzungen, die ihr Leben formten.
„Fliegt, Wilde Schwäne“ führt die Familiengeschichte weiter bis in die Neuzeit und fügt die Erfahrungen Jung Changs bei der Recherche für ihre Bücher (u.a. Biographien von Mao und der letzten chinesischen Kaiserin Cixi) in China hinzu. Im Zentrum steht neben Jung Chang ihre unerschütterliche Mutter. Jung Changs ausgedehnte Familie ist über Jahrzehnte Zeuge und Opfer von so viel Leid und Qualen geworden. Trotzdem hat die Autorin furchtlos die Dokumentation dieser Geschichte aufgenommen. Sie zeigt eindrücklich auf, wie nach dem Tod Maos es eine allmählich etwas offenere Haltung dem Westen gegenüber gab. Aber mit dem Regime von Xi Jinping, der nun auf unbestimmte Zeit am Ruder ist, hat sich dies dramatisch verändert. So versinkt China in eine weitere dunkle Periode.

Sehr interessant ist es, wie „Wilde Schwäne“, Changs erstes Buch in China aufgenommen wurde und was das für einen Einfluss auf ihr Leben seitdem hatte. In den folgenden Jahren hatte sie nur begrenzten Zutritt nach China. In China ist sie seit 2018 nicht mehr gewesen. Sie hat sich damit abgefunden, dass sie nicht mehr in der Lage sein wird, nach China zurückzukehren. Ihre Mutter war immer voller Angst, wenn ihre Tochter in China weilte. Ihr ist es lieber, dass sie fern, aber in Freiheit im Westen lebt. All ihre Bücher sind in China verboten. Durch die Unfreiheit und die Intensität der nun vorherrschenden Überwachung, ist ihre Angst vor Inhaftierung sehr real.

Dass Chang bewusst und deutlich eine sehr persönliche Perspektive einnimmt, hat mir sehr gefallen. Somit ist das Buch keine Darstellung chinesischer Geschichte, sondern die Fortsetzung der intensiven realen Familiensaga vor historischem Hintergrund. Die Situation ihrer Familie, ihre eigenen Besuche und ihre wieder zunehmend schwieriger werdende Recherche spiegeln das komplexe Leben unter einem totalitären Regime wider. Gerade diese Erzählhaltung macht das Buch ganz besonders authentisch, eindrücklich, fesselnd, kraftvoll und informativ. Man wird schier überwältigt von der Menge an persönlichen Details, der intensiven Eindrücke und der ergreifenden und emotionalen Erzählweise.

Mich hat berührt, auf welche Weise Themen wie Freiheit, Überleben und Identität in einem totalitären Regime durch die Verbindung mit realen Menschen und ihrer Biographie viel greifbarer werden. Denn nun treten auch Konflikte wie zwischen politischem Pflichtgefühl und Loyalität zur Familie, Mut, Resilienz und Leidenschaft klar hervor. Die Schilderung der Lage der Menschen dort zerreißt einem schier das Herz.

Für mich ist dies ein wichtiges und sehr persönliches Buch um das moderne kommunistische China zu verstehen. Zudem hat dieses Buch in mir die Neugierde geweckt, auch das erste Buch „Wilde Schwäne“ zu lesen, um ein umfassenderes Bild von der unruhigen und leidvollen Geschichte des neuzeitlichen Chinas zu bekommen. Beide Bücher sind übrigens in China verboten, was ihre Bedeutung unterstreicht.

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Veröffentlicht am 04.04.2026

Die Magie der Falter

Das Jahr der Schmetterlinge
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Der Titel hat mich gleich angezogen, doch das Cover der deutschen Ausgabe dieses Buches zeigt für meinen Geschmack zu viele ablenkende Details, zu viel grelles Pink zwischen dem der Schmetterling fast ...

Der Titel hat mich gleich angezogen, doch das Cover der deutschen Ausgabe dieses Buches zeigt für meinen Geschmack zu viele ablenkende Details, zu viel grelles Pink zwischen dem der Schmetterling fast untergeht. Das dänische Originalcover gefällt mir weitaus besser. Die Konzentration auf den Falter, darum geht es doch eigentlich.

Der Wunsch, sich näher mit heimischen Schmetterlingen zu beschäftigen, hat die dänische Journalistin Lea Korsgaard schon mehrere Jahre bewegt. Doch im dunklen, kalten Winter 2022 beschließt sie, ihn endlich in die Realität umzusetzen. Binnen eines Jahres möchte Korsgaard alle dänischen Schmetterlingsarten in der Natur sehen. Was sie damals noch nicht ahnt, wie dieses Jahr der Schmetterlinge ihr Leben und ihr Bewusstsein verändern wird.

Zunächst versucht sie, eine Liste sämtlicher tagaktiven Schmetterlinge anzulegen, die (noch) in Dänemark zu finden sind. Die erste Hürde ist bereits die Liste selber, denn Korsgaard geht ziemlich ahnungslos an dieses Unternehmen. Über Schmetterlinge weiß sie eigentlich kaum etwas. Der dänische Biologe und Schmetterlingsexperte Michael Stoltze kann ihr weiterhelfen. Tatsächlich kommen nur noch 65 Tagschmetterlingsarten in Dänemark vor. Es wird klar, dass die Suche nach ihnen kein Kinderspiel sein wird: viele Arten sind nicht leicht zu entdecken, ihr Erscheinen beschränkt sich auf bestimmte Monate. Teilweise haben sie auch nur sehr kurze Lebensspannen (Wochen, Tage). Lea Korsgaard macht sich trotzdem voller Zuversicht und Engagement auf den Weg.

Neben dem aufwändiger werdenden Schmetterlingsprojekt läuft der Alltag der Autorin mit turbulenten Familienleben mit drei Kindern, Ehemann und Job weiter. Korsgaard verwebt die Geschichte ihrer Schmetterlingssuche, die Recherche und Gedanken rund um dieses Thema, mit ihrem persönlichem Leben und den Problemen, alles zusammen zu bewerkstelligen.

Es beginnt mit dem Erwerb des notwendigen (aber fehlenden) Basiswissen: z.B. auf welche Weisen die Schmetterlinge den Winter überstehen, was man unter Metamorphose versteht, die Verbindung und Abhängigkeiten der gesuchten Schmetterlingen zur umgebenden Natur. Das mag auch für die Leserschaft oft nicht in allen Details bekannt zu sein.
Ihre „Jagd“ nach den Sommervögeln („sommerfugl“ = dänisch für Schmetterling) führt sie in Landschaften, von denen sie vorher nicht wusste, dass sie existieren. Sie wird von Leuten, die ihr Hilfe versprochen haben, zu abgelegenen Orten geführt: Wiesen, Wälder Feuchtgebiete, die sie und auch wir vermutlich sonst nie aufgesucht, sondern übersehen hätten. Im Laufe der Zeit wächst die Erfahrung der Autorin und sie vergleicht die Planung ihrer Exkursionen mit der eines militärischen Manövers.
„Ich war eine Jägerin. Ich wusste über Dinge Bescheid. Ich kannte Fachausdrücke wie Fouragieren, Rast und Imago.“ S. 271

Die Herausforderung, sich den Schmetterlingen anzunähern, führt sie auch zu interessanten Exkursionen in die Welt der Literatur, Mythologie, Philosophie und Umweltwissenschaften. Diese sind gut nachvollziehbar, eröffnen neue Perspektiven und wecken Neugierde, könnten aber gern konzentrierter und weniger ausufernd sein.

Der Fortlauf des Jahres strukturiert die Schmetterlingssuche. So geben die Monate des Jahres die Kapitelaufteilung vor. Eingestreut in den Text sind Illustrationen der Schmetterlinge mit Zeitpunkt und Ort der Sichtung durch die Autorin. Das ist sehr schön zur Erläuterung. Leider fehlt mir die Angabe, wer diese Illustrationen angefertigt hat. Denn die Autorin war mit der Kamera und nicht mit Stift oder Pinsel unterwegs. Das Fehlen von Fotos mag manche/r beklagen.

Sehr eindringlich sind die Mahnungen der Autorin bezüglich der Vernichtung von Lebensräumen und dem Aussterben in der Tierwelt, das ein unfassbares Ausmaß und Tempo angenommen hat. „Was unsere Natur angeht, steht sie seit hundert Jahren in Flammen. … Der Artenschwund geht schneller voran als jemals zuvor in der Erdgeschichte.“ S. 228
Korsgaard hat eine ganz persönliche und vermutlich für ein Sachbuch unerwartete Art, über ihre Suche zu schreiben. Ihr Ziel ist es, dass die Leser*innen selber beginnen, die Natur mit neuem Blick anschauen und vielleicht kleine Details, die einem vorher entgangen sind, entdecken.

Ich hätte mir dafür noch einen größeren Schwerpunkt auf die einzelnen Schmetterlinge selber und ihren Lebensraum gewünscht.
„Verantwortung entsteht, wenn wir in der Lage sind, die Schönheit wahrzunehmen, die uns umgibt.“S. 262
Und um diese Schönheit wahrzunehmen, würde ein bisschen mehr Wissen über z.B. den jeweiligen Falter und seine ganz spezifischen Bedürfnisse helfen. Denn diese genauere Betrachtung geht schnell unter zwischen den vielen Exkursen in andere Bereiche. Die zunehmenden Fähigkeiten der Autorin, ganz in die Natur einzutauchen, bewahrt sie davor, dass die Suche am Ende nur zu einer reinen Trophäenjagd wird.

Auf jeden Fall kann das Buch motivieren, selber mehr über Schmetterlinge in Erfahrung zu bringen. Auch als Ermutigung, eigene Herzensprojekte endlich anzugehen, könnte es bei dem/der einen oder anderen dienen.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Cosy Fantasy zum Relaxen

The House Witch 1
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Wer in diesen Zeiten der Schreckensnachrichten eine entspannte Auszeit mit einem Buch wünscht, um mal eine Mußestunde in heimeligen Fantasiewelten abzutauchen, ist mit einer „Cosy Fantasy“ gut bedient. ...

Wer in diesen Zeiten der Schreckensnachrichten eine entspannte Auszeit mit einem Buch wünscht, um mal eine Mußestunde in heimeligen Fantasiewelten abzutauchen, ist mit einer „Cosy Fantasy“ gut bedient.
„The House Witch – Der Koch des Königs“ ist der erste Band einer ebensolchen Fantasy-Serie.
Das zauberhafte, detailreiche Cover und der faszinierend gestaltete Buchschnitt nehmen uns gleich mit in eine für dieses Genre typischen Schauplatz voller Gemütlichkeit. Das Setting ist wirklich idyllisch: die Küche eines Königspalastes in einer Fantasyzeit, die an ein moderates, sanftes Mittelalter erinnert.

Die Welt des Genusses, feinster Gewürze, köstlicher Gerüche und verlockender Rezepte umgibt einen sofort in dieser heimeligen Schlossküche. Da fehlt eigentlich nur noch eine sanfte Prise Magie. Die kommt mit dem auffällig jungen, gutaussehenden Fremden ins Spiel, der die arbeitsreiche Anstellung als Koch des Königs von Daxaria gerade eben aufnimmt.
Finlay „Fin“ Ashowan scheint ein hochtalentierter Koch zu sein. Dass er eine Haushexe mit Fähigkeiten zu niederer Magie zum Schutz des Hauses und seiner Bewohner ist, möchte er zunächst geheim halten. Fin ist ein sehr skurriler, aber liebenswerter Charakter. Nach außen wirkt er recht ungesellig, griesgrämig und auch leicht reizbar. Anfangs traut man sich im Palast kaum zu versuchen, hinter diese abweisende Maske zu blicken.

Fin steht unter dem starken Einfluss seiner speziellen Magie, mit der er sein neues Heim – das Schloss- und seine Menschen schützen soll. So hat der magische Koch stets Gesundheit und Wohlergehen der Leute, für die er köstliche Mahlzeiten zubereitet, im Blick. Seine Kochkünste (eher modern als mittelalterlich) machen auch die Empfindlichsten und Anspruchsvollsten zufrieden und schier glückselig. Vermutlich lässt man am Hofe deshalb dem jungen Mann, der aus Gründen am liebsten allein in der Küche werkelt, viel durchgehen.
Die Geschichte erzählt den Alltag im und um das Schloss herum, kleine Alltagsereignisse, Sorgen, Kümmernisse, Liebeleien und Streit. Die Gefahr lauert an den Landesgrenzen durch ein aggressives Nachbarkönigreich, das schon seine Finger ausstreckt.

Die Handlung wird getragen durch Humor, Ironie, Heiterkeit und die verbundene Gemeinschaft des Hofstaates.
Durchgehend gefallen hat mir Fin als sehr ausgefallener Hauptcharakter mit seinen starken Gefühlen und inneren Kräften, getragen von seiner ganz speziellen Magie. Dass das ganze Ausmaß und die versteckten Eigenschaften dieser Magie ihm selber und so auch den Leserinnen bis zum Schluss verborgen bleiben, verleiht seiner Person noch ausbaubares Potential.

Es ist interessant, die Geschehnisse mal aus der Perspektive eines niederen Bediensteten zu betrachten. Fin hält sich in dieser Rolle und der scheinbar beschränkten Macht selber für schwach.
„Ich sorge auf meine eigene Weise für andere, unbemerkt und indirekt. Manchmal kann eine gute Suppe oder ein frisches Butterbrot dazu beitragen, einen furchtbaren Tag aufzuhellen. … Ich tue es, weil ich auf diese Weise die Welt ein bisschen besser machte.“ S. 505
Die Geheimnisse seiner Herkunft und Fähigkeiten will er mit niemanden teilen. Das ist schwierig für offene Freundschaften. Seine Entwicklung im Umgang mit seinen Mitmenschen erfährt man mit viel Humor im Laufe der Geschichte.
So schließt man Fin als Leser
in mit all seinen Marotten rasch ins Herz.

Auch die weiteren Charaktere sind recht speziell wie raue Ritter, die bald nach Fins Pfeife tanzen (müssen), ein friedfertiger, genügsamer König, der Sorge um sein Volk trägt und natürlich ein mysteriöser weiblicher Gegenpart. Was wäre eine Fantasy ohne Tiere? Bald schnurrt (und spricht) in der Schlossküche ein schwarzer junger Kater Kraken, der sich schnell in die Herzen der Menschen schleicht, ganz anders als sein neuer Herr.
Der weibliche Hauptcharakter, die adelige Annika, wird als schön, schlau, aber auch skrupellos dargestellt. Mir ist es nicht gelungen, mit ihr warm zu werden. Fins Gefühle dieser Frau gegenüber konnte ich absolut nicht nachvollziehen. Die Liebesgeschichte pendelt hin und her, hat mich persönlich aber nicht überzeugen können.

Eine Cosy Fantasy lebt von der „Welt“, die die Autorin für die Geschichte entwirft. Die Küche als zentraler Ausgangspunkt ist ein super Ansatz. Der Ort der Handlung befindet sich hauptsächlich am Hofe des Königs mit umfangreichen Hofstaat. Die Welt drum herum bleibt skizzenhaft und unscharf. Zwar trägt das Setting leicht mittelalterliche Züge, z.B. durch die Ritter, wird durch die Akzeptanz von Homosexualität jedoch deutlich kontrastiert. Dass in der Handlung Menschen verschiedener Herkunft und Sexualität akzeptiert werden und respektvoller Umgang z.B. gegenüber Frauen einfordert wird, hat mir gefallen.
Leider lässt sich die Autorin die Chance entgehen, den Frauen andere Rollen und Gewichtungen als mittelalterliche zu geben. So bleibt es bei der Mutterrolle, Heiratspolitik, Tändeleien und ein bisschen Spionage. Das fand ich ärgerlich. Hier hat man doch als Fantasy-Autorin viel mehr Möglichkeiten. Wesentlich kreativer, vielschichtiger und stimmiger ist der Entwurf der Welt der Hexen angelegt. Davon hätte ich gern mehr gehabt. Hier liegt für mich mehr Potential.

Für mein Empfinden taucht der exzessive Genuss von Alkohol (von Trinkgelagen bis zu Gewohnheitstrinken von Hochprozentigem) in der Geschichte zu oft auf, obwohl es für die Handlung eigentlich entbehrlich wäre.
Der Stil ist leicht lesbar. Der Roman ist tatsächlich eine typische Cosy Fantasy, in der das Erzähltempo eher geruhsam mit flachem Spannungsbogen mäandriert und nur wenige unerwartete Wendungen vorkommen. Der humorige Erzählstil, zusammen mit den leckeren Genüssen aus der Schlossküche lädt zum Relaxen ein.

Wer also für ein paar Stunden dem Alltag entfliehen möchte, liebenswerte Helden mit kleinen Marotten, magischen Zauber und Humor aber wenig Action, Brutalität oder aufregende Wendungen erleben möchte, ist mit diesem Roman bestens bedient. Mir persönlich war dieses Tempo zu viel des Guten.

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Eine ungewöhnliche Freundschaft

Eine Maus namens Merlin
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Wie gemütlich sich die niedliche Maus auf dem Cover in den karierten Seniorenpantoffel kuschelt… Auch wenn sich in diesem Roman viel um diesen kleinen Mäuserich dreht, werden doch auch weniger heitere ...

Wie gemütlich sich die niedliche Maus auf dem Cover in den karierten Seniorenpantoffel kuschelt… Auch wenn sich in diesem Roman viel um diesen kleinen Mäuserich dreht, werden doch auch weniger heitere Dinge thematisiert: Alter, Einsamkeit, Kummer und Verlust. Wie gut, dass Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft diese aufwiegen.

Sechzig Jahre nachdem Helen Cartwright von England nach Australien ausgewandert ist, kehrt sie über 80jährig zurück in den englischen Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Mehr als einen Koffer hat sie nicht mitgebracht. Sie kommt allein, denn Mann und Sohn sind in Australien gestorben.

Sie zieht sich zurück in ein bescheidenes Zuhause in der Wohngegend ihrer Kindheit, verharrt isoliert drei Jahre ohne jegliche sozialen Kontakte in einem kargen Leben um Routine und Gewohnheit herum. Letztendlich bereitet sie sich ohne großes Aufhebens auf ihren Tod vor.

Doch das Leben hat seinen eigenen Plan. Über einen Zeitraum von knapp zwei Wochen begleiten wir Helen, beginnend an einem Freitag, als sie unfreiwillig mit dem aufgesammelten Gerümpel des Nachbarn eine kleine Hausmaus in die Küche trägt.
Man kann sich sehr gut in die recht authentisch dargestellte Helen hineinfühlen. Es berührt, die Entwicklung der Witwe zu beobachten, ausgehend vom alten Menschen, der sich eigentlich schon selber aufgegeben hat und nur noch von und in Erinnerungen lebt. Es ist wie eine Rückkehr zu den Wurzeln, obwohl dort einen niemand mehr zu kennen scheint.
Die Einsamkeit durch die Verarmung an Kontakten, die körperlichen Einschränkungen durch das fortgeschrittene Alter, die Traurigkeit durch die Verluste: Helen erwartet nichts mehr vom Leben.

Dass in Helen vom ersten Moment an Empathie für das kleine tierische Leben erwacht, macht sie besonders liebenswert. Dieses Mitgefühl setzt in Helen Kräfte und am Ende Lebenswillen in Gang. Um ihre Maus zu retten, traut sie sich auf eine Reise mit vielen notwendigen sozialen Begegnungen.

Gerade, wenn man sich sicher in seinem Bild von der Figur der alten Witwe Helen zu sein scheint, dann schafft sie es, mit der Enthüllung ihres Lebensweges einen absolut zu überraschen. Eine Wendung, die einen zum Nachdenken bringt…
„Das ist richtig. Da sehen Sie, ich bin nicht nur irgendeine alte Frau.“ S. 173
Die anfängliche depressive Stimmung des Buches löst sich mit Helens Engagement immer mehr auf. Als Leser*in ist man selbst immer wieder überrascht, wie sich plötzlich um die Maus eine Art Gemeinschaft bildet.

Merlin, die heimatlose Hausmaus, die im Original „Sipsworth“ heißt, bleibt als Charakter selber (leider) blass und schwächlich. Mich hat beim Lesen etwas verwundert, dass zweimal im Text der englische Originalname „Sipsworth“ (bzw. Sips) anstatt des (unkreativen) Ersatznamens Merlin verwendet wird. Wohl kaum Absicht, sondern eher Fehler oder Nachlässigkeit beim Übersetzen/ Lektorieren?

Diese berührende, herzerwärmende Geschichte geht Themen an, die uns alle irgendwann betreffen werden. Dass gerade ein so kleines Tier es schafft, einen Menschen zu bewegen, seinen Lebensfaden wieder aufzugreifen, bewegt mich besonders.

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