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Veröffentlicht am 16.05.2019

Lustig mit ernsten Hintergründen

Bombenstimmung
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Darum geht es:

Der Autor wurde als Säugling adoptiert - er hat einen iranischen Vater, seine Adoptiveltern leben mit ihm in einem Dorf in Niedersachsen, in dem er der einzige mit etwas dunklerer Haut ...

Darum geht es:

Der Autor wurde als Säugling adoptiert - er hat einen iranischen Vater, seine Adoptiveltern leben mit ihm in einem Dorf in Niedersachsen, in dem er der einzige mit etwas dunklerer Haut ist. Da er seine leiblichen Eltern bis ins Erwachsenenalter nicht kennt und in Deutschland bei deutschen Eltern aufwächst, ist er gleichzeitig heimisch und fühlt sich doch immer irgendwie fremd, weil er durch seine Hautfarbe immer wieder auffällt.

In seinem Buch erzählt er die lustigen und skurrilen Geschichten, die sich aus dieser "Bombenstimmung" ergeben. Das ist teilweise zum Brüllen komisch, an deren Stellen bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken.

Und so fand ich es:

Bombenstimmung ist ein gleichzeitig lustiges und sehr ernstes Buch, aus dem man viel über die Themen Adoption und "Fremdsein" in allen Facetten lernen kann.

Obwohl die Geschichten mit Humor erzählt werden, gleitet das Buch nie ins Alberne ab und der ernste Hintergrund der Situation bleibt präsent.

Der Autor macht damit auf sehr eindrückliche Weise deutlich, was es bedeutet, an die eigene Geschichte nicht heranzukommen und einen Teil der eigenen Identität nicht zu kennen.

Ich empfehle das Buch besonders allen Adoptiv- und Pflegeeltern, nicht nur, aber besonders auch denen, die ein Kind mit anderer Hautfarbe bei sich aufnehmen möchten oder bereits aufgenommen haben.


Dass das Buch dann auch noch tolle und entspannende Unterhaltung ist, ist natürlich ein besonderer Gewinn.

Schreibstil und Cover:

Der Autor schreibt flüssig und unterhaltsam, die Dialoge sind spritzig und die komischen Situationen, die sich aus seiner Lebensgeschichte ergeben, sehr schön zugespitzt, was das Lesen zu einem besonderen Vergnügen macht. Der Autor beherrscht jedoch nicht nur die lustigen, sondern auch die leisen Töne und weiß, wann die Geschichte ernst bleiben darf und sollte. Das sorgt dafür, dass das Buch eben nicht nur reine Unterhaltung ist, sondern auch informativ für all jene, die wissen möchten, wie sich ein adoptiertes Kind fühlt.

Das Cover ist spritzig und lustig, denn es zeigt den im Titel angekündigten Terroristen mit der Bombe, die zur Bombenstimmung gehört. Das passt zum Buch, weil die Lebenssituation des Autors, der als einziger Dunkelhäutiger in einem niedesächsischen Dorf aufwächst, vor allem in ihren humorvollen Facetten beleuchtet wird.

Was mich am Cover ein wenig stört, ist die Tatsache, dass der klamaukige Aspekt der Geschichte durch die Überzeichnung des dunkelhäutigen Jungen mit der Bombe in der Hand sehr stark betont wird. Das Buch hat aber auch ernste und tiefgründige Aspekte der Geschichte zu bieten, die durch das Cover erst einmal nicht abgebildet werden. Damit ist das Cover zwar ein Hungucker und lädt dazu ein, nachzuforschen, was es mit der "Bombenstimmung" auf sich hat, bildet aber nicht die gesamte Bandbreite des Buches ab.

Veröffentlicht am 30.04.2019

Spannende Fortsetzung

Bluthaus
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Bluthaus ist die spannende, bis zur letzten Seite packende Fortsetzung von Totenweg. Wieder stehen Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn im Mittelpunkt der Erzählung. Die beiden ermitteln gemeinsam, jedoch ...

Bluthaus ist die spannende, bis zur letzten Seite packende Fortsetzung von Totenweg. Wieder stehen Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn im Mittelpunkt der Erzählung. Die beiden ermitteln gemeinsam, jedoch aus unterschiedlicher Motivation, in einem mysteriösen Mordfall. Ebenfalls in den Mordfall verwickelt ist eine weitere Figur, die dem Leser bereits aus Totenweg bekannt ist: Fridas alte Freundin Jo. Im Verlauf der Geschichte stellt sich heraus, dass Jo in dem Mordfall eine deutlich größere Rolle spielt als anfangs vermutet bzw. von ihr selbst behauptet ... während Haverkorn als ermittelnder Kommissar diese Rolle vor allem zwecks Klärung des Mordfalls genauer beleuchtet, möchte Frida der Freundin gerne helfen. Doch auch sie muss erkennen, dass Jo nicht ganz mit offenen Karten gespielt hat.

Bluthaus ist ein hochspannender Krimi, in dessen Verlauf der Leser auf immer neue Fährten gelockt wird. Aber sind dies auch die richtigen oder ist doch alles ganz anders als zunächst vermutet? Diese Frage hält den Leser bis zum überraschenden Ende in Atem, genauso wie die scheibchenweise enthüllten Verbindungen des aktuellen Mords in die Vergangenheit.


Neben dem spannenden Plot ist es vor allem die Herangehensweise der beiden Ermittler, die den Krimi so spannend macht. Die beiden kooperieren, haben aber dennoch jeweils unterschiedliche Motive, den Mord aufzuklären. Frida fühlt sich persönlich betroffen, da ihre alte Freundin in den Mord verwickelt zu sein scheint. Der Kommissar möchte vor allem seinen Fall klären, ist aber dennoch aufgrund seiner Sympathie zu Frida auch persönlich betroffen. Diese Verwicklungen lesen sich besonders spannend und sorgen für unterschiedliche Perspektiven auf den Mordfall, die der Geschichte eine besondere Würze verleihen.

Besonders gelungen ist der Autorin auch die Entwicklung ihrer Charaktere. Die beiden Hauptfiguren sind nicht nur blasse Ermittler, sondern schlagen sich während der Ermittlungen mit ihren jeweils eigenen beruflichen und privaten Problemen herum. Das macht sie lebendig und sympathisch. Man fiebert nicht nur bei der Lösung des Mordfalls mit, sondern auch bei der einen oder anderen verzwickten Nebenerzählung aus dem Privatleben der Ermittler.

Alles in allem ein sehr gut geschriebener Krimi, der Lust auf mehr macht: mehr aus dem Leben der Ermittler und mehr spannende Fälle.

Ich hoffe auf eine Fortsetzung.

Veröffentlicht am 04.04.2019

Rätselhafter Tod und redseliger Papagei: Ein herausragender Tierkrimi

Gray
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Ein Student der berühmten Cambridge Universität, bekannter Fassadenkletterer und, wie sich im Verlauf des Buches herausstellen wird, alles andere als beliebt, stürzt von einem Turm in den Tod.

Unfall ...

Ein Student der berühmten Cambridge Universität, bekannter Fassadenkletterer und, wie sich im Verlauf des Buches herausstellen wird, alles andere als beliebt, stürzt von einem Turm in den Tod.

Unfall oder Mord? Diese Frage beschäftigt Dr. Augustus Huff, Dozent an der Universität, der doch eigentlich gar keine Zeit hat, sich dem Mord zu widmen und dennoch der rätselhaften Geschichte bald so verfallen ist, dass er kaum an etwas anderes denken kann und umfangreiche Forschungen anstellt.

Dafür sorgt neben einigen Verbindlichkeiten in Bezug auf die reiche und gefürchtete Familie des Toten, die sich Huff mehr oder weniger versehentlich einfängt, ganz besonders die eigentliche Hauptfigur des Romans, der titelgebende Graupapagei Gray.

Mehr oder weniger versehentlich wird Huff dessen temporärer Halter, nachdem er eigentlich nur der Putzfrau helfen wollte, die im Zimmer des Verstorbenen Gespenster witterte. Notgedrungen nimmt er das Tier an sich, mit dem sich bald eine innige Beziehung entwickelt.

Das liegt nicht zuletzt an Grays ganz besonderem Wesen: Der Papagei ist intelligent, redselig, hat seinen eigenen Kopf und weiß, wie sich im Verlauf der Geschichte mehr und mehr herausstellen wird, einiges über den Tod seines ehemaligen Halters zu berichten.

Leonie Swan schreibt mit "Gray" bereits ihren 3. Tierkrimi, der allerdings in einer ganz anderen Welt spielt als seine Vorgänger.

Das Besondere an diesem Krimi ist sein Held, der Graupapagei Gray, der so liebevoll und bis ins kleinste Detail glaubwürdig dargestellt wird, dass ich nach dem Lesen aufrichtig traurig war, dass er nicht aus dem Buch herausflattern und mir weiter Gesellschaft leisten kann. Ganz besonders gelungen sind Leonie Swan die Sprachbeiträge Grays, die immer ins Schwarze treffen und so eigenwillig und skurril sind, dass man das Tier einfach lieben muss. Als Papagei hat Gray natürlich ein begrenztes Sprachrepertoire, das vor allem aus einigen immer wiederkehrenden Sätzen besteht. Diese äußert der Papagei jedoch immer derart passend zur Situation, dass es eine wahre Freude ist. Ob nun beim Dialog mit einem angesehenen Bakterienforscher, in Zwiesprache mit seinem Halter oder flirtend am Telefon mit der Geliebten seines verstorbenen Ex-Halters: Gray findet immer die passenden Worte. Das ist teils urkomisch, teils rührend und es kann zuweilen auch sehr tiefsinnig sein.

Vor dem Hintergrund dieser genial und glaubwürdig ausgestalteten tierischen Figur kann alles andere eigentlich nur verblassen. Dennoch gelingt es Leonie Swan, dass man nicht nur Grays nächster Wortäußerung entgegenfiebert, sondern auch der Lösung des Kriminalfalls, der mit einigen unvorhersehbaren Wendungen aufwartet.

Auch die menschliche Hauptfigur, Dr. Augustus Huff, ist so eigenwillig und dennoch sympathisch, dass sie einem noch länger im Gedächtnis bleiben wird. Huff, mit (leichten?) Zwangsstörungen ausgestattet, entwickelt sich im Verlauf des Romans nicht zuletzt unter Einwirkung seines neuen Freundes Gray von einem skurrilen, eigenbrötlerischen Charakter hin zu einem etwas kontaktfreudigeren Exemplar.

Die Auflösung des Krimis ist bis zum Ende spannend, im Vordergrund steht jedoch die Weiterentwicklung der Freundschaft von Gray und Huff. Für mich war das auch gut so, denn ich wollte möglichst viel über die Beziehung der beiden lesen.