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Veröffentlicht am 27.07.2018

Das Wandern ist des Vaters Lust

Acht Berge
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Und zwar das der ganz sportlichen Art, nämlich das Bergsteigen und deswegen verschlägt es Pietro bereits in jungen Jahren regelmäßig aus dem urbanen Mailand ins ursprüngliche Monte Rosa, wo er mit seinen ...

Und zwar das der ganz sportlichen Art, nämlich das Bergsteigen und deswegen verschlägt es Pietro bereits in jungen Jahren regelmäßig aus dem urbanen Mailand ins ursprüngliche Monte Rosa, wo er mit seinen Eltern den ganzen Sommer verbringt. Und bald schon Bruno kennenlernt, der ein ganz anderes Leben führt als er selbst. Nämlich eines, das sich ganz und gar in Grana, einem winzigen Dorf abspielt. Und auch die Familienverhältnisse sind so unterschiedlich, wie sie nur sein können.

Italien wird hier mal ganz anders präsentiert. Gelati? Strand? Gigolos? Liebesschnulzen? Pizza?
Fehlanzeige! Wenn Sie dieses Italien suchen (und auch finden) wollen, dann ist dies definitiv der falsche Roman für Sie. Aber wenn Sie erfahren wollen, wie Italien auch sein kann sowie ganz andere Italiener als die üblicherweise bekannten kennenlernen möchten, dann sind Sie hier richtig.

Ein stiller Roman? Nein, so empfinde ich eigentlich nur, wenn ich ihn mit den üblichen Italien-Klischees vergleiche. Er ist nicht laut, aber er ist vor allem kraftvoll und eindringlich in seiner Darstellung des Menschen in der Natur und der gegenseitigen Bedeutung füreinander. Eine wunderbare Sprache ist es, die Paolo Cognetti für seine Schilderungen findet und die auch in der Übersetzung meiner Ansicht nach sehr stark und poetische auf eine klare Art wirkt. Dass dieses Buch 2016 des Premio Strega, des italienischen Literaturpreises für würdig befunden wurde, wundert mich nicht!

Auf jeden Fall ein sehr besonderer Roman, in dem die Frage, ob man eine Wahl hat, wiederholt eine Rolle spielt. Auch Freundschaft, Verpflichtungen, die Wirkung, die Herkunft auf das weitere Leben hat, sowie familiäre Beziehungen spielen eine Rolle. Ein Buch für Freunde anspruchsvoller Literatur, die Lust auf etwas Ungewöhnliches aus Italien haben!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Eine Liebesgeschichte - mehr oder weniger

Unsere verlorenen Herzen
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So bezeichnet Henry seine Erlebnisse selber und nichts anderes ist es. Er sieht Grace zum ersten Mal an ihrem ersten Schultag an seiner Schule und sie ist absolut nicht mondän, nicht glamourös, nicht sexy. ...

So bezeichnet Henry seine Erlebnisse selber und nichts anderes ist es. Er sieht Grace zum ersten Mal an ihrem ersten Schultag an seiner Schule und sie ist absolut nicht mondän, nicht glamourös, nicht sexy. Im Gegenteil, sie ist ein in sich gefallenes, trauriges kleines Wesen, das beschützenswert wirkt. Ist es vielleicht das, was Henrys Herz trifft? Nicht von der ersten Minute an, sondern langsam, allmählich, aber umso mächtiger.

Wie auch immer, auf jeden Fall ist Grace Henrys erste Liebe und seine Geschichte bzw. alles, was damit zu tun hat, wird von der australischen Autorin Krystal Sutherland in einer wunderschönen Sprache geschildert. In einer nämlich, die einfühlsam, aber auch witzig, ja flapsig sein kann und dadurch umso mehr ihre Leserschaft - und nicht nur die jugendliche - bis ins Mark trifft.

Dazu die Handlung - es läuft nichts so, wie man es erwartet, es ist alles andere als eine Romeo-und-Julia-Geschichte und genau deswegen ist sie so nahe dran am Leben! Weil es nämlich genau das - oder ähnliches - trifft, was ein jeder von uns - und beileibe nicht nur in den Jugendjahren - erlebt hat. Es ist gnadenlos (aber immer nur kurz, denn eigentlich ist dies ein wirklich sehr menschlicher Roman), schmerzhaft, rührend, unverfroren, eiskalt, grausam (immer nur kurz, gottseidank), aber vor allem warmherzig und nahe dran an dem, was man so wirklich fühlt, wenn man mit Liebe zu tun hat. Ängste kommen darin vor, Befürchtungen, viele große Fragezeichen, aber auch Aufklärendes und Erlösendes - und natürlich viel, viel Liebe - wenn sie auch nicht immer denjenigen trifft, der es verdient hätte.

Ein wundervoller Roman für jeden, der ein bisschen Wärme braucht. Denn: Keine Angst, genau das ist es, was am Ende, wenn man das Buch ausgelesen beiseite legt, übrig bleibt: ein richtig rundes, erfülltes und eben warmes Bauchgefühl!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Eine mutige Frau

Über dem Meer die Freiheit
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ist Charlotte aus Neustadt in der Pfalz, tritt sie doch öffentlich für ihre politische Überzeugung ein! Das wäre heute schon lobenswert, doch die junge Frau tut dies im Jahre 1832 und nimmt mit ihrem Verlobten ...

ist Charlotte aus Neustadt in der Pfalz, tritt sie doch öffentlich für ihre politische Überzeugung ein! Das wäre heute schon lobenswert, doch die junge Frau tut dies im Jahre 1832 und nimmt mit ihrem Verlobten am Hambacher Fest teil, eine Aktion, die er schlussendlich mit seinem Leben bezahlen muss und die somit auch Charlotte teuer zu stehen kommt. Und auch Charlottes Vater, der ebenfalls kein Freund der herrschenden Zustände ist, ist in Schwierigkeiten.

Kurz gesagt, sieht die junge Frau keine andere Möglichkeit, als sich nach Übersee einzuschiffen, in eine völlig neue, andere Welt. Für sie ist New York etwas vollkommen Neues, aber auch für den Leser ist das so, denn Amerika war damals noch etwas ganz anderes als heute.

Spannend und eindringlich schildert die Autorin Katrin Tempel die Erlebnisse der jungen Charlotte. Ihr ist ein spannender Roman gelungen, der einen Einblick in lang zurückliegende Zeiten gewährt. Mir hat das Buch gut gefallen, zumal die Autorin als studierte Historikerin gut recherchiert hat, aber auch überzeugend schreibt. Ein kluges Buch, dem es auch an Emotionen und Unterhaltungswert nicht mangelt, denn auch schreiben kann die Autorin wirklich gut! Ein gelungener Roman, der Liebhabern historischer Themen sicher die ein oder andere unterhaltsame Stunde bereiten wird!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Die Twenties in München - nicht so "roaring", eher politisch

Wintergewitter
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und natürlich voll von Verbrechen, wie Angelika Fellenda in ihrem zweiten Krimi um den Kommissär Reitmeyer zu berichten weiß. Mit ihm hat die Autorin eine Figur geschaffen, die ich mir als repräsentativ ...

und natürlich voll von Verbrechen, wie Angelika Fellenda in ihrem zweiten Krimi um den Kommissär Reitmeyer zu berichten weiß. Mit ihm hat die Autorin eine Figur geschaffen, die ich mir als repräsentativ für die frühen 1920er vorstelle: eine gewissermaßen tragische Gestalt, ein Rückkehrer aus dem "Großen Krieg", der seine Traumata verarbeiten muss, nichtsdestotrotz jedoch versucht, ein "normales" Leben zu führen, soweit man das als Kriminalpolizist eben kann.

Ich lese gerne historische Krimis, gerne auch gerade aus den 1920ern und bin da bislang meist in Berlin steckengeblieben, wo Susanne Goga mit ihrem Leo Wechsler meine ungekrönte Kaiserin ist. Angelika Fellenda kann da sehr gut mithalten, wie ich finde, wird doch der Standort München und der etwas frühere Zeitraum sehr lebensnah und atmosphärisch dargestellt. Historische Romane aus München und der Umgebung kenne und liebe ich allen voran von Brigitte Riebe, aber auch Heidi Rehn und Tanja Weber haben fesselnde Bücher geschrieben. Nun gibt Fellenda dem ganzen noch ordentlich Spannung hinzu, denn ein fieser Frauenmörder treibt sein Unwesen in der Isarmetropole - zwei Opfer hat er bereits auf dem Gewissen und es werden möglicherweise mehr, wenn Reitmeyer nicht schnell genug handelt.

München war unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg ein sehr politisches Pflaster und das lässt die Autorin ihre Leser quasi auf Schritt und Tritt spüren. Aber auch der Alltag - in diesen Jahren vor allem dessen Nöte - kommen stets zur Sprache und so genießt der Leser hier ein spannendes und anschauliches Werk, das ich von Herzen weiterempfehle. Die 1920er stehen hier in großem Gegensatz zu dem Schillernden, den roaring Twenties, wie man sie aus Berlin kennt, wo neben dem Elend Glamour exisistierte. Hier sind es eher Parteibücher diverser extremer Strömungen!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Ein Lied geht hinaus in die Welt

Die Melodie meines Lebens
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Ein Brief aus längst vergangenen Zeiten, der vor über 30 Jahren geschrieben wurde, taucht wieder auf - und das ist ein ganz besonderes Schreiben. Der Arzt Alain erhält von einer Plattenfirma einen Brief, ...

Ein Brief aus längst vergangenen Zeiten, der vor über 30 Jahren geschrieben wurde, taucht wieder auf - und das ist ein ganz besonderes Schreiben. Der Arzt Alain erhält von einer Plattenfirma einen Brief, der seiner Band "Les Hologrammes" einen Vertrag anbietet. Nur: diese Band existiert seit ebenfalls über 30 Jahren nicht mehr, Alain hat zu keinem der Mitglieder noch Kontakt und diese sind zudem in alle Winde verstreut. Und haben sich auseinanderentwickelt: vom Rechtsextremen bis zum Aktionskünstler ist alles dabei. Alain möchte die Kassette finden - ja, die gab es damals noch - mit den Liedern - vor allem mit einem ganz bestimmten, das zum Megahit hätte werden können und beginnt eine Suche nach den ehemaligen Gefährten, die alsbald eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Doch an die Kassette von damals zu kommen - das scheint aussichtslos.

Ich würde dieses Buch eher mit einem französischen Film als mit einem französischen Roman vergleichen: ungewöhnlich, manchmal absurd, mit einem ganz besonderen, eben dem französischen trockenen Humor und definitiv mit Pfiff. Manchmal taucht ein - möglicherweise ebenfalls ziemlich französisches - Chaos auf, das der Autor aus meiner Sicht gern hätte bleiben lassen können, aber ohne das geht es wohl nicht. Kenne ich schon aus den erwähnten Filmen - alles wunderbar, aber manchmal dann doch etwas too much.

Aber dass der Autor hier etwas richtig Visionäres eingebaut hat, das im Nachhinein in die Annalen eingehen wird, das konnte er natürlich selbst nicht ahnen, wie denn auch! Ich verrate Ihnen auch nicht, was es ist (im Laufe der Lektüre zeichnet es sich allerdings recht schnell ab) und sie müssen auch schon bis zum Ende lesen, um es in Gänze zu erfahren. Aber das Buch ist nicht dick, ausgesprochen unterhaltsam und die Figuren sind gekonnt und mit einer gehörigen Portion französischen Charmes gezeichnet, selbst der Rechtsradikale, gegen den selbst Marine LePen noch wie eine linke Ratte wirkt. Ach ja, auch Ratten beeinflussen den Verlauf der Geschichte, aber raten Sie nicht, da würden Sie nie drauf kommen!

Auf jeden Fall enthält das Buch eine gehörige Portion Gesellschaftskritik der besonderen Art - Antoine Laurain versteht es eben, diese Dinge auf Französisch zu erledigen. Das Buch wird durchgehend von einer Melodie begleitet, die so richtig auch erst am Ende erklingt, die ganze Geschichte aber erst ins Rollen gebracht hat. Dann geht tatsächlich ein Lied hinaus in die Welt! Absolut ungewöhnlich, klug kombiniert und wirklich nur im Ansatz gelegentlich ein kleines bisschen kitschig. Unbedingt lesenswert - seien Sie gespannt!