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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.07.2018

Eine Überdosis Schweden

Mord auf der Insel
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genauer gesagt: Gotland erhält der Leser dieses Krimis, aber ich bin sicher, dass es viele gibt, die von dem so properen skandinavischen Land gar nicht genug bekommen können, zumal es ja ein Krimiland ...

genauer gesagt: Gotland erhält der Leser dieses Krimis, aber ich bin sicher, dass es viele gibt, die von dem so properen skandinavischen Land gar nicht genug bekommen können, zumal es ja ein Krimiland par Excellence ist.

Hier geht es um die frisch verwitwete Anki Karlsson, die auf Gotland ihren Jugendtraum verwirklichen und ihren Ruhestand auf dem Rücken der Pferde genießen will. Ihre Ehe war eine wahre Hölle - das gibt sie jetzt im Nachhinein vor sich selbst zu - ab jetzt sollen nur noch sie und ihre beiden neu erstandenen Pferde eine Rolle spielen in ihrem Leben in dem kleinen (fiktiven) Dorf Mullvald in Küstennähe.

Aber schon bald kommt sie nicht mehr um den Tod herum, denn die Barbro, die Vorbesitzerin ihres Hofes, wurde brutal ermordet und leider muss sie bald feststellen, dass es mit den Morden noch nicht vorbei ist. Und nicht nur das erschwert Ankis Einstieg ins neue Leben...

Ein charmanter, wenngleich recht behäbiger Krimi mit allerdings recht brutalen Morden, die gar nicht zur pittoresken Umgebung passen wollen. Trotzdem ist es ein nettes Buch, bei dem Schweden- und vor allem natürlich Gotlandfans voll auf ihre Kosten kommen. Die Insel wird ausführlich und in den schillerndsten Farben beschrieben, was leider auf Kosten der Figuren, die allesamt recht farblos und mit wenig Alleinstellungsmerkmalen dargestellt sind, geht. Also definiti eher was für Anhänger der Region und nicht des Genres!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Antoni Gaudí in einer ganz neuen Rolle

Die Sieben Türen
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Beziehungsweise in mehreren, denn in diesem Roman lernen wir den so vielseitigen Architekten als Freund, Student, Dealer, Herumjobber, Objekt der Begierde und nicht zuletzt als Ermittler kennen, denn zusammen ...

Beziehungsweise in mehreren, denn in diesem Roman lernen wir den so vielseitigen Architekten als Freund, Student, Dealer, Herumjobber, Objekt der Begierde und nicht zuletzt als Ermittler kennen, denn zusammen mit seinem Freund Gabriel Camarasa - dem auch die Rolle des Erzählers in diesem Buch zufällt - schlittert er in einen Fall, der sozusagen ganz Barcelona, ja eigentlich ganz Spanien aufmischt. Man könnte es einen Politkrimi - Thriller wäre ganz eindeutig eine unpassende Bezeichnung nennen, auch wenn das Buch streckenweise durchaus entspannt daherkommt und damit traditionelle Elemente eines historischen Romans aufweist.

1874 - Gabi, wie der Erzähler genannt wird und Gaudí lernen sich durch einen Zufall kennen und schlittern - wie es bei so jungen Menschen oft der Fall ist - schnell in eine Vertrautheit, aus der Freundschaft wird. Schnell geht Gaudí bei der ausgesprochen wohlhabenden Familie Casamara - selbstverständlich lebt Gabi noch bei seiner Familie und macht auch keine Anstalten, dies zu ändern - ein und aus und erfährt so manches Vertrauliche. Auf der anderen Seite führt er Gabi rasch in Kreise, man könnte sogar sagen: neue Welten, ein, von deren Existenz dieser bislang überhaupt keine Ahnung hatte. Wie auch von gewissen Entwicklungen, die mit seiner eigenen Familie zusammenhängen.

Ein überaus vielschichtiger Roman, mit dem man ein wenig Geduld haben muss und den man aufgrund der komplexen Entwicklungen konzentriert lesen sollte - es kommen eine Menge unterschiedlichster Figuren vor, die durchaus zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt wieder von Belang sein können und wenn man sich die Namen nicht merkt, dann ist man verloren! Ein streckenweise etwas verwinkeltes Buch mit zahlreichen ausgesprochen überraschenden Entwicklungen und einer ganz besonderen Atmosphäre, die den Leser tief in das Barcelona längst vergangener Zeiten eintauchen lässt. Wer bereit ist, sich in das Geschehen zu vertiefen und historische Spannungsromane mag und möglicherweise sogar eine Affinität zu Barcelona hat, der sollte sich dieses Buch nicht durch die Lappen gehen lassen.

Veröffentlicht am 27.07.2018

Im Grunde ein Krieg gegen sich selbst?

Der Krieg der Enzyklopädisten
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Amerikas Generation der Jahrtausendwende hat eine neue Stimme, beziehungsweise gleich zwei: denn der vorliegende Roman wurde gleich von zwei Autoren gemeinsam geschrieben, die hier aufs Eindrucksvollste ...

Amerikas Generation der Jahrtausendwende hat eine neue Stimme, beziehungsweise gleich zwei: denn der vorliegende Roman wurde gleich von zwei Autoren gemeinsam geschrieben, die hier aufs Eindrucksvollste die Zerissenheit ihrer Generation, der neuen Kriegsgeneration der Jahrtausendwende spiegeln.

Kriegsgeneration, welch hässlich Wort! Sind wir Kinder der 1950er und 1960er, auch der frühen Siebziger doch elegant um diese extreme und tragische Entwicklung herumgekommen, jedenfalls ist den meisten von uns - sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten - die Nähe bpw. zum Falklandkrieg der 1980er oder auch den Kriegen der 1990er Jahre auf dem Golf und dem Balkan erspart geblieben. Doch hat sich im neuen Jahrtausend gleich in den ersten Jahren nicht nur durch 09/11 eine neue, aggressive Komponente eingeschlichen, die quasi die ganze Welt beeinflusst, Kriegsherde an gleich mehreren Stellen auf der ganzen Welt, in die vor allem die junge amerikanische Generation mit voller Wucht hineingezogen wurde, wenn auch in vielen Fällen eher zufällig. Inzwischen haben wir uns fast schon daran gewöhnt, dass Einheiten der NATO-Länder an allen Ecken und Enden der Welt stationiert sind, doch hier geht es um den Beginn des Jahrtausends, der Roman spielt hauptsächlich im Jahr 2004.

So ist es auch bei Mickey Montauk, der seit Jahren als Reservist gemeldet ist und dann doch nach Bagdad kommt, sogar einen ganzen Platoon befehligen muss. Dabei hat er gerade noch zusammen mit seinem Freund Hal Corderoy die coolsten Feste im hippen Seattle gegeben, als "die Enzyklopädisten" waren sie Trendsetter sowohl durch ihre ständig modifizierten Artikel auf Wikipedia wie auch durch ihre Happenings, die im Grunde stets wilde Partys waren. Ein klares Ziel, so schien es, hatten beide nicht vor Augen.

Doch Montauk wurde durch den Krieg schnell gezwungen, erwachsen zu werden, während Corderoy in seiner Planlosigkeit weiter dahindriftet. Der Kontrast zwischen der Ziellosigkeit in der Heimat und dem harten Alltag in Bagdad, bei dem man selten wählen kann und wo es stets um Leben und Tod geht, ist eindrucksvoll gespiegelt. Montauk muss Verantwortung übernehmen, Corderoy ist noch immer nicht bereit dazu.

Ein Roman über eine Welt, die vor einigen Jahren noch die unsere war und nun schon wieder in einem schnellen Wandel zu einer anderen, eher noch bedrohlicheren wird, auch dadurch, dass wir noch nicht wissen, was uns erwartet. Jedenfalls haben Terror und Gewalt seit Beginn des Jahrtausends nicht abgenommen, ganz im Gegenteil. Ein Phänomen, an das wir durch dieses Buch auf jeder Seite erinnert werden, wenn es auch ein wenig zu ausschweifend daherkommt, um als Ganzes wie eine Bombe einzuschlagen. Jedenfalls erzielt es bei mir eine solche Wirkung. Aber es ist auf jeden Fall ein Buch, das etwas Neues beschreibt, Ereignisse, die erst vor recht kurzer Zeit eine Rolle gespielt haben, auch wenn es womöglich schon in wenigen Jahren als historischer Roman zu lesen ist, so schnelllebig, wie es heute zugeht.

Ein Buch, das mich bewegt, aber nicht vollends gepackt hat, dafür war der starke Tobak dann doch zu schwere Kost. Wer jedoch die Zerissenheit einer - seiner? - Generation spüren will, der sollte sich durch dieses Werk kämpfen!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Mix aus Jodi Picoult und Sara Gruen

Das Geheimnis der Schwimmerin
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Es geht um ein Familiengeheimnis - warum nur sind die Frauen der Familie Watson seit Jahrhunderten immer ertrunken? Und zwar immer am 24. Juli? Simon, ein Nachfahre der Familie, findet ein altes Buch, ...

Es geht um ein Familiengeheimnis - warum nur sind die Frauen der Familie Watson seit Jahrhunderten immer ertrunken? Und zwar immer am 24. Juli? Simon, ein Nachfahre der Familie, findet ein altes Buch, das diese Geschichte erzählt. Vielmehr findet das Buch ihn - und kündet vom Geheimnis einer ganzen Familie, einer Familie im Schaustellermilieu.

Ein Roman um ein tief verborgenes Familiengeheimnis und das in einem aussergewöhnlichen Setting - damit stellt sich die Autorin Erika Swyler in die Tradition von Jodi Picoult, wobei sie thematisch näher an Sara Gruen rückt. Aber kann sie diese großen Fußstapfen - denn beide Genannten sind zweifelsohne Könnerinnen ihres Metiers -, in die sie tritt, tatsächlich ausfüllen?

Ich meine, nicht ganz, denn obwohl mir diese ruhige, ja gelassene Erzählweise sehr zusagt, fehlt es ihr, gerade auch im Vergleich zu den beiden anderen Autorinnen, an durchgängiger Spannung. Zudem geht es hier stellenweise ein wenig umständlich und behäbig zu - mich durchzuckte beim Lesen immer wieder der Gedanke, ob die Autorin jetzt endlich zum Punkt, sprich zum Thema findet. Dennoch ein netter Roman für zwischendurch - allerdings eher ein "Kann" als ein "Muss"!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Es beginnt mit einem Knall

Die Flügel der Freiheit
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Nämlich mit einem, der dem großen Reformator Luther höchstpersönlich entweicht und neben Geräusch auch Gestank mit sich bringt. Nicht nur zu Beginn des Romans geht es ganz schön deftig zur Sache auf der ...

Nämlich mit einem, der dem großen Reformator Luther höchstpersönlich entweicht und neben Geräusch auch Gestank mit sich bringt. Nicht nur zu Beginn des Romans geht es ganz schön deftig zur Sache auf der Wartburg, in Wittenberg und an den übrigen Schauplätzen des Romans. Luther selbst wird eine eher derbe Sprache nachgesagt und daran hält sich der Autor in seinen Schilderungen durchaus, passt zeitweise auch seine eigenen Beschreibungen - wie eben ganz zu Beginn - diesem Stil an. Ein spannendes Thema - die Bedrohung der Reformation vor allem durch Thomas Münzer, den einstigen Luther-Schüler ist der Garant für packende Lesestunden.

Doch es geht nicht nur um Luther, der Leser wird auch Zeuge vom Schicksal des jungen Barthel, in Wittenberg Geselle bei Luthers treuem Freund, dem Maler Lucas Cranach, dessen Liebesgeschichte mit Dorothea auch etwas fürs Herz bietet
Wie so viele kann ich mich dem Sog, ja, man könnte schon auf Neudeutsch sagen, dem Hype des Lutherjahres 2017, in dem wir im Oktober auf 500 Jahre Reformation blicken, nicht entziehen und lese mich quasi durch die zahlreichen Angebote.

Tilman Röhrig schreibt seit vielen Jahren historische Romane und ist für fundierte Recherchen und sowohl spannungsreiche als auch unterhaltsame Schilderungen bekannt. Mit "Die Flügel der Freiheit" ist ihm wieder ein opulenter und farbenprächtiger Roman mit Aufs und Abs gelungen, den ich trotz gelegentlicher Längen sehr gerne gelesen habe und allen Luther-Interessierten ans Herz legen will.