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Veröffentlicht am 23.07.2018

Barbarotti muss nach Burma

Am Abend des Mordes
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Nicht in Südostasien, sondern im ländlichen Schweden, in Kymlinge, liegt der Hof Klein-Burma, in dem vor vielen Jahren - 1989 - ein brutales Gemetzel stattfand, für das die Ehefrau des Opfers, Ellen Bjarnebo, ...

Nicht in Südostasien, sondern im ländlichen Schweden, in Kymlinge, liegt der Hof Klein-Burma, in dem vor vielen Jahren - 1989 - ein brutales Gemetzel stattfand, für das die Ehefrau des Opfers, Ellen Bjarnebo, zur Verantwortung gezogen wurde. Nun hat man sie im Verdacht, mit dem Verschwinden ihres aktuellen Lebensgefährten Arnold Morinder, den sie nach ihrer Freilassung kennengelernt hatte und der im August 2007 auf seinem Moped fortgefahren war und nicht mehr zurückkehrte, zu tun zu haben.

Auf diesen nicht gerade als prioritär eingestuften Fall wird Gunnar Barbarotti angesetzt, der nach dem Tode seiner Frau - nun als Witwer mit fünf Kindern - als nicht mehr so recht arbeitsfähig gilt. Man will ihm aber das Gefühl geben, etwas zu tun zu haben, während alle seine voll einsatzfähigen Kollegen sich dem Todesfall Raymond Fängström, einem schwedischen Rechtsradikalen, der unter ungeklärten Umständen zu Tode kam, widmen. Wie immer bei Nesser kann der Leser sich auf viele unerwartete Wendungen und auf einige interessante und schräge Charaktere freuen, wobei zu ersteren die Hauptverdächtige in Barbarottis Fall, Ellen Bjarnebo, zu letzteren ganz klar die Mutter des toten "Nazis", Lill-Marlene Fängström zählt.

Im Vordergrund aber steht wie immer Gunnar Barbarotti mit seiner Trauer um Marianne, der Sorge um alle fünf Kinder, sowohl die eigenen, als auch die angenommenen und natürlich mit seinem Fall, dem er sich trotz immer wieder aufkommenden Schwächegefühls mit (fast) gewohnter Akribie widmet. Das übliche Personal in Form von Barbarottis Kollegen und dem Chef ergänzen das Setting auf Trefflichste. Dazu kommen diesmal jedoch gewisse esoterische bzw. religiöse Elemente - so spricht Barbarotti mit Gott und erhält von diesem gar eine Botschaft, die dann auch eintrifft - ein Aspekt, der meine anfängliche Begeisterung durchaus etwas geschmälert hat.

Insgesamt also die gewohnte düstere skandinavische Krimiliteratur, jedoch mit einigen humoristischen Einsprengseln, die sich vor allem durch die Einführung gewisser Episoden wie der zufälligen Begegnung Barbarottis mit einem Studienfreund, der gerade die Geschichte Hitlers neu schreibt, bemerkbar machen. Leider sind auch einige Längen zu verzeichnen, vor allem, wenn Barbarotti oder auch seine - dem Leser dieser Serie bereits bekannte - Kollegin Eva Backmann mit ihrem jeweiligen Schicksal hadern. Ich bin eigentlich ein Fan von Kommissar Barbarotti und war diesmal ein kleines bisschen enttäuscht: sowohl die Längen als auch die übersinnlichen Episoden ließen mich diesem typisch schwermütigen Beitrag zur schwedischen Kriminalliteratur ein wenig hadern. Trotzdem ein spannender Krimi, den zu lesen sich lohnt und den vor allem Nesser-Fans auf keinen Fall auslassen sollten!

Veröffentlicht am 23.07.2018

Lappland und die Samen

Helle Tage, helle Nächte
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sind das Ziel von Friederikes unvorhergesehener Reise. Selbst frisch geschieden und mit etlichen noch offenen seelischen Wunden versehen, reist sie nun bereits seit einem halben Jahr durch die Weltgeschichte ...

sind das Ziel von Friederikes unvorhergesehener Reise. Selbst frisch geschieden und mit etlichen noch offenen seelischen Wunden versehen, reist sie nun bereits seit einem halben Jahr durch die Weltgeschichte und versucht, sich darüber klarzuwerden, was sie nun, nachdem ihr Lebenstraum geplatzt ist, mit sich anfangen will. Bisher war der Süden Europas ihr Ziel, den sie mit ihrem neu angeschafften VW-Bus befährt. Sie fühlt sich frei, aber alles andere als glücklich.

Bis der Anruf ihrer Tante Anna sie auf eine andere Fährte bringt - sie soll nach Schweden, genauer gesagt, ganz hoch in den Norden, nach Lappland, reisen. Anna hat Friederike nach dem frühen Tod ihrer Eltern aufgezogen, doch ist das Verhältnis der beiden Frauen nicht so nah, wie man meinen sollte. Nun ist bei Anna Lungenkrebs entdeckt worden und sie bittet Friederike um einen Gefallen: sie soll in Lappland einen Brief abliefern, der an einen gewissen Petter, einen Samen, der Rentiere züchtet, gerichtet ist.

Nach und nach wird klar, dass es um Liebe geht - um langjährige Liebe, um unerfüllte Liebe, um Erfüllte, darum, auf ewig nur eine bzw. gleichzeitig zwei Personen zu lieben. Ein ewig junges Thema also, das hier in den unterschiedlichsten Facetten beleuchtet wird.

Aber: Bald schon wird die Geschichte absehbar und kann - obwohl sich nicht alles Angenommene 100%tig bewahrheitet - diese Schiene auch nicht mehr verlassen. Was die Entwicklung der Ereignisse anbelangt, ist dieser Roman also sehr wenig originell: Alles ist schon mal dagewesen, in irgendeiner Form jedenfalls!

Dennoch habe ich das Buch wirklich sehr genossen, da sowohl die Figuren sehr eindringlich gezeichnet als auch die Lokalitäten - vor allem die Natur im hohen Norden - sehr atmosphärisch gezeichnet wird. Die Autorin kann also schreiben und wenn das Geschehen nicht so vorhersehbar gewesen wäre, könnte dieser Roman ein echtes Highlight sein.

So jedoch ist es solides Mittelmaß: ein Schmöker, den man beispielsweise im Urlaub - vor allem wenn es in den hohen Norden geht - mit Genuss verschlingen kann, dessen Geschichte sich aber wohl, im Gegensatz zu den Protagonisten und den Orten - nicht sehr tief im Gedächtnis des Lesers verwurzeln wird.

Veröffentlicht am 22.07.2018

Der König der Meere

Rotes Gold
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Ich liebe Sushi - und ich liebe Xavier Kieffer, den luxemburgischen Koch! In diesem spannenden Krimi hat man beides zusammen - was will man mehr?!

Es geht weiter mit Xavier - unkonventionell, sympathisch ...

Ich liebe Sushi - und ich liebe Xavier Kieffer, den luxemburgischen Koch! In diesem spannenden Krimi hat man beides zusammen - was will man mehr?!

Es geht weiter mit Xavier - unkonventionell, sympathisch und ein Feinschmecker in jeder Hinsicht hat sich der Protagonist aus der "Teufelsfrucht" kein bisschen verändert: das freut die geneigten Leser, die bereits ungeduldig auf die Fortsetzung dieser stimmungsvollen Reihe gewartet haben.

Xavier gerät durch seine Freundin, die Pariser Gastrokritikerin - nein, wohlgemerkt DIE Gastrokritikerin überhaupt - Valerie in illustre Kreise: ein vom japanischen Sternekoch Mifune zubereitetes exklusives Sushi-Diner, zu dem Francois Allégret, der Bürgermeister von Paris einlädt und auf dem der Koch - quasi im Zenit seines Erfolges - auf fatale Weise zu Tode kommt -vergiftet durch das schwere Nervengift Tetrodotoxin, das aus dem Kugelfisch wie auch aus anderem Meeresgetier gewonnen wird.

Xaviers erhofftes romantisches Wochenende mit Valerie platzt aufgrund der aufwühlenden Entwicklungen, doch findet er Ablenkung durch ein Austernfrühstuck mit einem alten Freund - Japaner und ebenfalls Koch - durch den er aufschlussreiche Informationen zu Mifune, zur Kunst der Sushi-Zubereitung und den in Meerestieren enthaltenen Giften enthält. Der Termin mit Valerie wird vertagt, seine Überlegungen zum Todesfall jedoch nicht. In den ersten Stunden nach dem grausigen Ereignis wird ein fataler Unfall vermutet, doch es kommt schlimmer! Verbrecherische Taten, bei denen sich alles um den König der Meere, den Thunfisch, dreht! Und Xavier ist immer mittendrin: er schuldet Bürgermeister Allégret, der nun im Kreuzfeuer steht, nämlich noch einen Gefallen und der scheut sich nicht, ihn als Ermittler einzusetzen - ein Ermittler jedoch, dem sein Job mit kiloweise Stopfleberpastete "versüßt" wird...

Im zweiten Band dieser wundervollen luxemburgischen Serie geht es ganz schön zur Sache - von der leichten Behäbigkeit, die den ersten Teil durchzog, ist keine Spur mehr zu erkennen. Wer atmosphärische Krimis liebt, in denen Essen und Trinken eine große Rolle spielen, auf knackige Spannung aber nicht verzichten will - für den ist "Rotes Gold" wie gemacht! Herrlich, wie Hillenbrand die Atmosphäre sowohl in Paris als auch im beschaulichen Luxemburg einfängt! Aber ob das Rauchen am laufenden Band - fast keine Seite, auf der sich Xavier nicht mindestens einen Glimmstengel gönnt - unbedingt sein muss? Hier wird es als typisch französische und auch luxemburgische Eigenart verkauft: nun, ich kenne jede Menge überzeugte bis militante Nichtraucher sowohl aus Frankreich als auch aus den Benelux-Ländern, für die genussvolles Essen und Zigarettenqualm am besten auf zwei unterschiedliche Planeten verteilt sein sollten... mir scheint, der Autor will hier auf charmante Art ein ganz persönliches Laster legitimieren. Das stört mich ein ganz kleines bisschen, tut dem Lesevergnügen in ganz großem Stil jedoch keinen Abbruch.

Veröffentlicht am 22.07.2018

Zauberberg in Thriller-Manier

Himmelstal
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Daniel und Max sind eineiige Zwillinge, die jedoch außer den Genen nicht allzu viel gemeinsam haben: sie sind die meiste Zeit getrennt aufgewachsen und während Daniel zunächst als Dolmetscher und später ...

Daniel und Max sind eineiige Zwillinge, die jedoch außer den Genen nicht allzu viel gemeinsam haben: sie sind die meiste Zeit getrennt aufgewachsen und während Daniel zunächst als Dolmetscher und später dann als Lehrer arbeitet, hat Max psychische Probleme und verbringt weite Teile seines Erwachsenenlebens in psychatrischen bzw. psychosomatischen Kliniken. In eine solche lädt er eines Tages Daniel als Gast ein und da dieser gerade ziemlich abgebrannt ist und die Klinik sich zudem in der malerischen Schweiz befinden, ist es leicht, ihn dazu zu überreden. Und weiter geht es mit den Überredungskünsten des Bruders: der ist klamm, will sich "draußen" Geld besorgen und tischt Daniel eine wilde Mafia-Geschichte auf. Daniel soll ihn für ein paar Tage in der Klinik "vertreten".

Das Ende vom Lied: Danie bleibt in Himmelstal zurück. Und es wird richtig, richtig heftig. Und zwar ganz anders als erwartet. Die Entwicklungen sind spannungsreich und aktivitätsgeladen, es gibt diverse eigenartige Begegnungen, sowohl mit Patienten als auch mit dem Personal. Die Entwicklung und die Überraschungen steigern und steigern sich, werden immer rasanter - jedoch nicht ganz bis zum Ende des Buches. Ein toller, mit gekonnter Feder gestrickter literarischer Thriller, der den Ansprüchen, die man als Leser nach dem Genuss des ersten Teiles aufbaut, jedoch nicht ganz bis zum Schluss gerecht bleibt. Leider flaut die Handlung zum Ende hin stark ab, verschiedene Stränge werden nicht bis ganz zum Ende verfolgt, was der Geschichte ein wenig ihren Reiz nimmt.

Trotzdem ist das Niveau dieses durchaus originellen Romans generell so hoch, dass ich ihn von Herzen weiterempfehlen kann: sowohl für Liebhaber der Zauberberg'schen Atmosphäre als auch für die Freunde spannender Überraschungen.

Schließlich und endlich muss man im Leben immer wieder und noch an ganz anderen Stellen als am Ende von Romanen mit Krimiqualitäten Abstriche machen...

Veröffentlicht am 22.07.2018

Ein neuer Glattauer - und zwar in jeder Hinsicht

Ewig Dein
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Daniel Glattauers neuer Beziehungsroman "Ewig Dein" spielt nicht im Internet, sondern im ganz normalen Leben: statt mit Emmi und Leo haben wir es mit Judith und Hannes zu tun, mit ihrer sich sehr langsam ...

Daniel Glattauers neuer Beziehungsroman "Ewig Dein" spielt nicht im Internet, sondern im ganz normalen Leben: statt mit Emmi und Leo haben wir es mit Judith und Hannes zu tun, mit ihrer sich sehr langsam entwickelnden Liebesgeschichte - Hannes stösst Judith im Supermarkt an den Hacken und wird prompt zum treuen bzw. beharrlichen Bewunderer, der so weit möglich, nicht von ihrer Seite weicht und somit flott zum Begleiter mutiert. Lange wartet er auf den ersten Körperkontakt, geriert sich verbal jedoch bereits als fester Freund, der sich nur zu gern im Bekanntenkreis vorstellt.

Glattauer schreibt gut und wortgewandt, mit österreichischem Charme und Esprit und entwickelt behutsam eine stringente, doch nicht allzu spannungsreiche Story. Doch die Wendungen, die die Geschichte so nimmt, lassen den Leser am Ball bleiben, um die nächste unerwartete Entwicklung nicht zu verpassen.

Glattauer ist immer für Überraschungen gut – keine Frage! Und so nimmt die Geschichte um Judith und den beharrlichen Hannes ein Ende, das den Leser überrascht aufschrecken lässt. Ein Glattauer mit Biss, der mich wesentlich mehr als die beiden romantischen, leicht süßlichen Geschichten um Emmi und Leo anspricht! Für Freunde schwarzen Humors ein gefundenes Fressen!