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Veröffentlicht am 29.12.2017

Den Atem der Welt hautnah spüren

Der Atem der Welt
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das will Jaffy, als er 15jährig seinem Freund Tim folgt und auf einem Walfänger anheuert, mit dem Ziel, einen "Drachen" zu fangen. Die beiden werden als Experten eingestellt, denn den ersten tiefen (Lebens)Einschnitt ...

das will Jaffy, als er 15jährig seinem Freund Tim folgt und auf einem Walfänger anheuert, mit dem Ziel, einen "Drachen" zu fangen. Die beiden werden als Experten eingestellt, denn den ersten tiefen (Lebens)Einschnitt erlebte Jaffy im Alter von acht Jahren, als er in das Maul eines Tigers geriet und dies überlebte. Vom Besitzer des Tigers wurde er fortan für die Betreuung seiner zahlreichen seltenen Tiere eingestellt - für ihn ein Ausbruch aus tiefster Armut und großem Elend, in dem er bis dahin zusammen mit seiner Mutter in den Londoner Docklands hauste. Doch dies ist ihm auf Dauer zu wenig, er will mehr ... nämlich das Meer! Und davon bekommt er auf seiner Reise viel, viel mehr als erhofft - inmitten zahlreicher Männer und Jungen, jeder mit seinen Erfahrungen, seinen Wünschen und Träumen unterwegs.

Carol Birch gelingt hier ein knallharter Abenteuerroman auf hohem Niveau, wenn auch ein bisschen zu sehr an die klassischen Abenteuerromane (v.a. Moby Dick) angelehnt. Dabei schont sie den Leser nicht: Jaffys Reise ist reich an Erlebnissen, an Kummer und an Leid und das bekommt der Leser hautnah mit.

Ein ungewöhnlicher Roman für eine Frau - sie fühlt sich ein in die Männerwelt des 19. Jahrhunderts und stellt diese überzeugend und - ja, trotz aller harten Szenen - einfühlsam dar. Fast spürt der Leser die Zähne des Tigers, fast riecht er den fauligen Geruch der Docks, fast... nein, das müssen Sie selbst lesen!

Abgesehen von gelegentlichen Längen ein packender Roman, der von seiner Sprache lebt und allen Liebhabern klassischer Abenteuerromane wärmstens zu empfehlen ist. Wer in jungen Jahren Robinson und Lederstrumpf verschlang, wer mit den drei Musketieren auf Abenteuerjagd ging und mit dem Grafen von Monte Christo eine Ungerechtigkeit nach der anderen durchlitt - der wird auch diesen Roman lieben.

Veröffentlicht am 29.12.2017

Schulkriminalität in Oberhessen

Der Tod macht Schule
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In Oberhessen - ja, da geht es rund: zumindest in den witzigen Krimis um Hauptkommissar Henning Bröhmann, von denen jetzt der zweite Band vorliegt: und gehörig die Lachmuskeln des Rezipienten strapaziert..

In ...

In Oberhessen - ja, da geht es rund: zumindest in den witzigen Krimis um Hauptkommissar Henning Bröhmann, von denen jetzt der zweite Band vorliegt: und gehörig die Lachmuskeln des Rezipienten strapaziert..

In den dörflichen Gefilden rund um Schotten geht es ländlich und betulich zu, man wohnt - wie der Kommissar - mit seiner 4köpfigen Familie in Doppelhaushälften und schlägt sich mit solch Problemen wie dem ersten - viel älteren Freund - der Tochter Melanie, ehelichen Missverständnissen, einem überaus dominanten und leider auch einflussreichen Vater, nervigen Kollegen ... und nicht zuletzt seiner eigenen Trägheit herum. Der Kriminalfall besteht zunächst aus Übergriffen der Direktorin des Gymnasiums, das auch Melanie besucht... bis sie tot aufgefunden wird... Ausser verdächtigen Schülern und Vertretern des Lehrerkollegiums geraten auch vor ein paar Jahren ansässig gewordene Kosovaren ins Spiel - oder war es gar der Ex-Ehemann?

Aufgrund seiner eigenen Probleme - im Laufe der Handlung kommen noch ein paar dazu - hat Bröhmann kaum Zeit zu ermitteln.. doch aufgrund diverser, teilweise zufälliger Entwicklungen kommt er doch zum Ergebnis.

Ein lustiger, teilweise ins Tragikomische spielender Krimi, bei dem alles und jeder auf die Schippe genommen wird. Für Liebhaber regionaler Krimis genau das Richtige - auch wenn man mit dem Autor nicht zu streng sein sollte, da einige anfänglich relevante Erzählstränge einfach so auf der Strecke bleiben und das Betuliche im Krimi nicht immer nur ironisch gemeint zu sein scheint. Trotz dieser kleinen Schwächen freue ich mich schon auf die nächste Flucht aus dem eigenen Alltag mit dem dritten Bröhmann!

Veröffentlicht am 29.12.2017

Eine Art Western der Neuzeit

Kanada
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Eine Art Western der Neuzeit - so präsentiert sich das schwermütige Epos des Autors Richard Ford, in dem Dell Parson auf eine Episode in seiner Jugendzeit zurückblickt, die sein gesamtes Leben verändert ...

Eine Art Western der Neuzeit - so präsentiert sich das schwermütige Epos des Autors Richard Ford, in dem Dell Parson auf eine Episode in seiner Jugendzeit zurückblickt, die sein gesamtes Leben verändert hat.
In einer für die ganze Familie schwierigen Situation werden Dells Eltern zu Bankräubern, das Leben der bis dahin "anständigen" Familie verändert sich von einem auf den anderen Tag und Dell und seine Zwillingsschwester Berner müssen mitansehen, wie ihre Eltern verhaftet und als Verbrecher abgeführt werden. Es folgt ein Leben außerhalb der Gesellschaft - so erscheint es zumindest unmittelbar danach.

Doch es gibt auch ein Davor: detailliert wird der Leser eingeführt in die Verhältnisse und Hintergründe der Familie Parson - für meinen Geschmack teilweise zu detaillert, verliert sich der Autor doch seitenweise in Einzelheiten.

Als Folge der Tat seiner Eltern wird Dell durch Zufall von seiner Schwester getrennt und kommt nach Kanada, wo er eine neue, noch größere Dimension von Einsamkeit erfährt und Zeuge einer Gewalttat, eines noch schlimmeren Verbrechens wird.

Auf mich wirkt diese Schilderung wie eine Art moderner Western - vergleichbar mit dem Film "12 Uhr mittags", in dem alles auf diesen Zeitpunkt hinausläuft, an dem die Handlung kulminiert und die entscheidende Wendung erfolgt. In diesem Buch ist es nicht ein, sondern mehrere Momente, die jedoch alle in eine bestimmt Phase von Dells Leben fallen - es ist also eine entscheidende Episode, die hier als westernartige Abrechnung geschildert wird - wenn man die Geduld hat, sich auf die bereits erwähnten Details einzulassen, kommt man hier in den Genuss einer großen literarischen Leistung, denn der Pulitzer-Preisträger Ford kann schreiben, und wie!

Nichts für Freunde actionreicher Erzählkunst, wohl aber für diejenigen, die die neue amerikanische Literatur, aber auch deren Tradition schätzen, denn in diese fügt sich Fords neuester Roman "Kanada" nahtlos ein.

Veröffentlicht am 29.12.2017

Eine ungewöhnliche Familiengeschichte

Zwei lange Unterhosen der Marke Hering
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Vorweg erstmal: dies ist ein emotionales und sehr, sehr herzliches Buch - eine Verbeugung eines Enkels, nämlich Ariel Magnus, eines argentinischen Schriftstellers mit deutschen Wurzeln vor seiner Großmutter: ...

Vorweg erstmal: dies ist ein emotionales und sehr, sehr herzliches Buch - eine Verbeugung eines Enkels, nämlich Ariel Magnus, eines argentinischen Schriftstellers mit deutschen Wurzeln vor seiner Großmutter: ein inniges Denkmal, das er ihr bereits zu Lebzeiten setzt. Davor habe ich allergrößte Hochachtung - doch hätte ich vor dem Lesen bereits gewußt, was mich erwartet; ich weiss nicht, ob ich mich darauf eingelassen hätte.

Ich habe natürlich eine Familiengeschichte erwartet, allerdings eine, die sehr viel stärker in den historischen Kontext, in die Zeit des Nationalsozialismus eingebettet ist, als es hier der Fall ist. Durch den Klappentext erfährt der Leser im voraus, dass die Oma als junge Frau mutig und freiwillig ihrer blinden Mutter erst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz folgte. Genau darüber hätte ich gern sehr viel mehr erfahren, über die Umstände, die dazu führten, über die persönlichen Erfahrungen der Oma, die es nach dem Krieg nach Brasilien verschlug, im Wandel der Zeit - wobei ich mir ein wenig mehr Fokus auf dem "Wandel der Zeit" gew

Veröffentlicht am 29.12.2017

Ein neues Lieblingsbuch

Geheime Tochter
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Vorneweg: als Vielleserin habe ich nicht ein, sondern gleich Dutzende von Lieblingsbüchern, zu denen sich jedes Jahr etwa 5-6 neue dazu gesellen. Dieses Buch hat eindeutig das Potential dazu.

Im Fokus ...

Vorneweg: als Vielleserin habe ich nicht ein, sondern gleich Dutzende von Lieblingsbüchern, zu denen sich jedes Jahr etwa 5-6 neue dazu gesellen. Dieses Buch hat eindeutig das Potential dazu.

Im Fokus stehen zunächst zwei Frauen: Somer in Kalifornien, U.S.A. und Kadita in Indien. Während die junge und ambitionierte Ärztin Somer, die mit einem Kollegen, dem Exil-Inder Krishnan, verheiratet ist, an ihrer Kinderlosigkeit verzweifelt, hat Kadita andere Probleme: sie bekommt Kinder, allerdings zunächst nur Töchter und die gelten in Indien nur als Geldverschwendung. Ihr Ehemann veranlasst die Tötung der ersten Tochter, bei der zweiten, Usha, greift Kadita ein und bringt sie in einem Kinderheim unter. Man ahnt es schon: aus Usha wird Asha und sie findet ihren Weg in die Staaten, wo sie als Tochter von Somer und Krishnan, die ihr die Adoption nie verschwiegen haben, aufwächst. Von Indien weiss sie nicht viel, bis sie erwachsen ist und ihren eigenen Weg gehen will: das grundlegende Kennenlernen ihres Geburtslandes ist ein entscheidender Schritt.

Das alles könnte kitschig und platt sein, ist es aber nicht. Einfühlsam und gleichzeitig mitreißend schildert die Autorin die Problematik von beiden Seiten, der amerikanischen und auch der indischen.

Eine Geschichte mit vielen Windungen, die vor allem eines zeigt: dass nichts nur schwarz und weiß ist. Auch wenn die Autorin, eine Amerikanerin mit indischem Migrationshintergrund, ihre westliche Sichtweise nicht verbergen kann und dies auch gar nicht will, wird dem Leser die Situation in Indien nahegebracht und veranschaulicht.

Ein Buch mit Ecken und Kanten, aber für mich vor allem eines, in dem man schwelgen kann - nicht nur wegen der mitreißenden und aufwühlenden Geschichte, nein, auch aufgrund der liebevollen Gestaltung des Bandes. Ein Buch für Genießer und eine wunderbare Geschenkidee!