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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.03.2021

Links und vor allem rechts

Die Stunde der Wut
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Damit sind die politischen Positionen der Charaktere in diesem Krimi gemeint. Denn Melia Adan, Kriminalrätin, nachdem ihre Karriere beim Verfassungsschutz durch das Aufdecken eines rechten Netzwerks, ...

Damit sind die politischen Positionen der Charaktere in diesem Krimi gemeint. Denn Melia Adan, Kriminalrätin, nachdem ihre Karriere beim Verfassungsschutz durch das Aufdecken eines rechten Netzwerks, in das auch Kollegen involviert waren, ein jähes Ende nahm, hat es auch hier wieder mit rechter Gesinnung zu tun. Obwohl es zunächst eigentlich um die Ermordung eines jungen Mädchens geht und um die mögliche Einbindung ihrer Familie in krumme Geschäfte geht. Doch mehr und mehr kommen hier einmal mehr rechtsradikale Machenschaften ins Spiel und wieder muss Melia feststellen, dass der Polizeiapparat ebenfalls beste Kontakte nach Rechts unterhält.

Es ist ein Fass ohne Boden - denn alles hängt miteinander zusammen, es gibt sogar eine mögliche Spur zum Verschwinden und der wahrscheinlichen Ermordung von Melias Kollegin beim Verfassungsschutz.

Ja. Autor Horst Eckert schaut sich das Rechtssystem in Deutschland ganz genau an und sonderlich gut kommt es dabei nicht weg. Im Gegenteil, indem der Autor den Finger in eine Wunde nach der anderen legt, wird deutlich, wie nah an der Wahrheit das alles eigentlich ist und wie vieles davon - vor allem im Rahmen des rechten Terrors von staatlichen Verwaltungsstrukturen gedeckt wird.

Teilweise ging es mir etwas zu extrem zu - es gibt (fast) nur rechts oder links und Leute, die diese Strömungen manipulieren, vor allem die Rechte. Ab gesehen von dieser aus meiner Sicht etwas zu überzogenen Schwarz-Weiß-Malerei jedoch ein durchaus mitreißender Thriller, in dem es nicht nur um Politik geht.

Veröffentlicht am 14.03.2021

Ein Name für jede Pflanze

Was blüht denn da - Fotoband
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Ich liebe Lexika und ich liebe Natur, auch wenn ich mich nicht besonders gut auskenne. Wir hatten nie einen Garten und auch jetzt kaufe ich eher nach Aussehen oder Typ. Aber zu gerne erfahre ich mehr ...

Ich liebe Lexika und ich liebe Natur, auch wenn ich mich nicht besonders gut auskenne. Wir hatten nie einen Garten und auch jetzt kaufe ich eher nach Aussehen oder Typ. Aber zu gerne erfahre ich mehr über jede einzelne Pflanze und hier findet eine jede ihre Bestimmung. Da das der Fotoband ist, auch noch mit besonders prächtigen Abbildungen dazu!

Was ich witzig finde: die Blumen sind nach Farben sortiert, dabei gibt es doch etliche in ganz unterschiedlicher Couleur. Darunter werden sie genauer einsortiert und zwar nach Menge und Anordnung der Blütenblätter. Vorne gibt es einige allgemeine Erläuterungen zu Formen und Farben - ja, und dann kann der Blumenfreund eintauchen in die Farben- und Formenpracht.

Diese Kosmos-Führer sind einfach großartig, sie bringen auf kleinem Raum so viel nahe, sind reich bebildert - sowohl mit Zeichnungen als auch mit Fotos und beinhalten genau die richtige Menge an Definitionen. Es findet sich sowohl Bekanntes wie Waldmeister und Kornblume, aber man trifft auch auf spannende Gesellen wie die Vierblättrige Einbeere, den Augentrost und Gauchheil. Ja, es ist ein wahres Eldorado - wenn ich einmal anfange, lege ich das Büchlein so schnell nicht aus der Hand!

Veröffentlicht am 11.03.2021

Nach dem Krieg

Abels Auferstehung
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Wir befinden uns im Jahr 1920 und es herrscht ein Chaos. Nach dem Ersten Weltkrieg ist noch längst nicht jeder an seinen Ort der Bestimmung zurückgekehrt. Kommissar Paul Stainer aber schon. Im Privatleben ...

Wir befinden uns im Jahr 1920 und es herrscht ein Chaos. Nach dem Ersten Weltkrieg ist noch längst nicht jeder an seinen Ort der Bestimmung zurückgekehrt. Kommissar Paul Stainer aber schon. Im Privatleben ist ihm Schreckliches widerfahren, aber auch im Präsidium hat er es nicht gerade leicht. Er wird von etlichen Kollegen angefeindet und diese tun alles, um ihn vom Thron zu stürzen.

Es geht um den Tod eines jungen Soldaten, dem bald ein weiterer folgt. Haben diese beiden miteinander zu tun? Im Laufe der Ermittlungen bekommt Stainer es nicht nur mit dem Militär, sondern auch mit studentischen Verbindungen, ungewöhnlichen Frauen und sozial benachteiligten Kreisenzu tun.

Ich kenne Leipzig einigermaßen und dank der anschaulichen Art des Autors, die Stadt von vor hundert Jahren heraufzubeschwören, konnte ich knietief in die Vergangenheit eintauchen. Mindestens. Wenn nicht sogar bis zur Hüfte oder zum Hals!

Ein sehr atmosphärischer Krimi, dem einzig zum Ende hin ein wenig die Spannung ausgeht - auch ca. 100 Seiten vor dem Schluss ist dieser bereits einigermaßen vorhersehbar.

Doch hat mich das nur wenig gestört: Ich erlebe es leider zu selten, dass sich ein Mann der Frauenfiguren so liebevoll annimmt wie das hier der Fall ist.Gerade das weibliche Personal wird mit einer besonderen Warmherzigkeit dargestellt.

Aber alle Figuren, auch die männlichen, sind dem Autor Thomas Ziebula außerordentlich gut gelungen und ich bin begeistert. Die Handlung ist absolut rund, da muss auch in einem Krimi die Spannung nicht ganz bis zum Ende gehalten werden. Ich hätte ja sehr gerne gewusst, ob Kilian jetzt endgültig das Handwerk gelegt wurde, aber das erfährt man dann leider wohl erst im nächsten Band.

Was für ein Leseerlebnis! Wirklich toll und ein Muss für Liebhaber historischer Krimis!

Veröffentlicht am 08.03.2021

Aufstieg und Fall eines Familien-Imperiums

Wo wir Kinder waren
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Die Familie Langbein ist als Spielzeughersteller tätig - wie so viele Bewohner der Stadt Sonneberg im schönen Thüringen. Nachdem der Familienbetrieb immer erfolgreicher wird, wagt das Ehepaar ...

Die Familie Langbein ist als Spielzeughersteller tätig - wie so viele Bewohner der Stadt Sonneberg im schönen Thüringen. Nachdem der Familienbetrieb immer erfolgreicher wird, wagt das Ehepaar Alfred und Miene Langbein den Schritt zur Gründung einer eigenen Firma. Einer Firma, die sie vor dem Ersten Weltkrieg so richtig reich macht, dann jedoch, der Weltschichte geschuldet, wieder abstürzen lässt.

Es folgt die unruhige Zeit der Weimarer Republik, doch mit Unterstützung der Kinder gelingt es, die Firma zu halten, selbst im Nachkriegdeutschland, also in der DDR, sind Sohn Otto und dessen Frau Flora zunächst die Chefs.

Erzählt wird auf zwei Ebenen - aus der Perspektive von Eva, der Urenkelin der Firmengründer erfolgt die Schilderung der Gegenwart, in der sie sich zusammen mit Cousin und Cousine des Familienerbes annimmt.

Der Leser erkennt, dass diese kleine persönliche Welt alles für die Familie. Es ist ihr ureigenes kleines Imperium, mit dem sie aufsteigen und sinken, sich aber nicht unterkriegen lassen!

Ja, die Autorin Kati Naumann hat erneut eine Familiengeschichte der besonderen Art erschaffen; eine, die mich zutiefst berührt und gleichzeitig bestens unterhalten hat - und zwar auf hohem Nivau. Zudem taucht die Autorin so richtig tief in die Geschichte der thüringischen Kleinstadt Sonneberg ein, die eng mit der Entwicklung der deutschen Spielzeugindustrie verknüpft ist. Zudem nimmt Sonneberg eine besondere Stellung in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein, da es durch seine unmittelbare Lage an der deutsch-deutschen Grenze im Sperrgebiet lag. Diese Umstände hat die Autorin einfühlsam in ihren Roman eingebaut und damit ein Gesamtwerk, nein: ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das runder nicht sein kann. Wer einen richtig, richtig schönen und stimmigen historischen Roman zur neuesten deutschen Geschichte lesen möchte, der ist hier ganz und gar an der richtigen Adresse!

Veröffentlicht am 04.03.2021

Opulent wie die Gemälde der niederländischen Renaissance

Otmars Söhne
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Nach "Bonita Avenue", 2010 im niederländischen Original und 2013 auf Deutsch erschienen, folgte mit gebührendem Abstand 2019 (2021 dann auf Deutsch) "Otmars Söhne", das als Trilogie geplant ist. ...

Nach "Bonita Avenue", 2010 im niederländischen Original und 2013 auf Deutsch erschienen, folgte mit gebührendem Abstand 2019 (2021 dann auf Deutsch) "Otmars Söhne", das als Trilogie geplant ist. Bei einer solchen Ausführlichkeit wie der Buwaldas ist der zeitliche Abstand nachvollziehbar, sind doch beide Werke von komplexer Struktur und umfassen über 600 Seiten.

Konnte "Bonita Avenue" mich von Beginn an bedingungslos begeistern, musste ich mich an "Otmars Söhne" zunächst herantasten. Denn es schlägt seinen Vorgänger in Bezug auf Komplexität, Opulenz und Verwendung literarischer Kniffe und Feinsinnigkeiten noch um Längen.

Es geht um Ludwig Smit, aber die Vergangenheit spielt wieder und wieder mit ein, nein, eigentlich dominiert sie das Geschehen auf eine fast manische Art und Weise. Fast? Nein, sie tut es wirklich.

Denn Ludwig hat zwei Väter und zwei Geschwister - Stiefgeschwister, es sind eigentlich Otmars Kinder. Denn Otmar ist der Stiefvater und damit derjenige der in Ludwigs Leben eine deutlich dominantere Rolle spielt.

Ein ganzes Heer an Personal wird hier aufgeboten und es ist schwierig, damit nicht durcheinander zu geraten, aber es lohnt sich durchaus.

An Opulenz ähnelt dieser "Schinken" den Gemälden der niederländischen Renaissance, einem Breughel zum Beispiel, auf dem man bei jeder Betrachtung unzählige neue Details entdeckt. So erging es mir bei der Lektüre dieses Buches - ich habe immer mal zurückgeblättert und neu gelesen und neue Aspekte taten sich mir auf. Ein ungeheuer eindringlicher, aber auch fordernder und gelegentlich etwas anstrengender Roman!