Platzhalter für Profilbild

Venatrix

Lesejury Star
offline

Venatrix ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Venatrix über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.02.2023

Eintauchen in das mittelalterliche Konstanz

Der Tod in den Gassen von Konstanz
0

Dieser historische Roman entführt die Leser in das Konstanz des Jahres 1327. Es ist, wie man aus Andeutungen in der Geschichte, der zweite Band rund um die Hebamme Hanna, die wegen ihrer Neugier abermals ...

Dieser historische Roman entführt die Leser in das Konstanz des Jahres 1327. Es ist, wie man aus Andeutungen in der Geschichte, der zweite Band rund um die Hebamme Hanna, die wegen ihrer Neugier abermals in einen Kriminalfall verwickelt wird.

Hanna, die sich eigentlich auf ihre Hebammenprüfung vor dem Hohen Rat der Stadt Koblenz vorbereiten sollte, wird zu Martha Eberlin, der hochschwangeren Ehefrau eines Tuchhändlers gerufen. Ihr Mann ist nach einer Reise völlig verändert. Statt liebevoll und häuslich ist er nun brutal und verbringt seine Zeit lieber in der Schenke. Doch das ist nicht das Einzige, was Martha beunruhigt: Sie erwartet abermals Zwillinge, die nicht als „doppeltes Glück“ empfunden werden, sondern in der damaligen abergläubischen Welt als Beweis weiblicher Untreue gewertet wird.

Hanna beginnt mit ihren Freundinnen, zu denen auch die Begine Alma zählt, mehr oder wenig vorsichtig Erkundigungen einzuziehen, um hinter das Geheimnis von Eberlins Wesensänderung steckt.

Dann werden Personen ermordet und Hannas Recherchen bleiben Eberlin nicht verborgen.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman lässt die Leser in das Mittelalter abtauchen. Frauen haben nichts zu sagen. Sie sind entweder verheiratet oder verwitwet. Allein leben ist ihnen nicht erlaubt. Sie können als Nonne in ein Kloster eintreten oder als Begine in deren Gemeinschaft leben. Alles in allem, keine wirklich rosigen Aussichten. Zumal sie immer wieder sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind, an denen sie selbst schuld seien.

Die Geschichte ist gut erzählt, manches erscheint ein wenig viel des Zufalls.
Dennoch hat mir der Roman gefallen, beschreibt die Autorin das Leben in der mittelalterlichen Stadt mit seinem Hohen Rat, seiner Befestigungsanlage und den strengen Regeln recht anschaulich.

Gleich nach dem Prolog habe ich eine Hypothese aufgestellt, die sich dann gut manifestiert hat. Zwar ist nicht alles so gekommen, wie von mir gedacht, doch in großen Zügen habe ich recht behalten.

Die Andeutungen auf frühere Ereignisse lassen mich nach dem Vorgängerband Ausschau halten.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Mittelalterkrimi 4 Sterne.

Veröffentlicht am 25.02.2023

Einem Familiengeheimnis auf der Spur

Das Geheimnis des Orangengartens
0

Berlin Wannsee 1899 - Emilia Witt ist mit dem Schmuckfabrikanten Karl Witt verheiratet. Die Ehe ist nicht sehr glücklich, da der erhoffte Sohn und Erbe weiter auf sich warten lässt. Als Karl Witt durch ...

Berlin Wannsee 1899 - Emilia Witt ist mit dem Schmuckfabrikanten Karl Witt verheiratet. Die Ehe ist nicht sehr glücklich, da der erhoffte Sohn und Erbe weiter auf sich warten lässt. Als Karl Witt durch seine Spielsucht Haus und Geschäft verlieren soll, steht mit Emanuel Rufin der größte Gläubiger vor Emilia und bietet ihr einen Ausweg, der Folgen bis in die Gegenwart haben wird.

Berlin Wannsee 2019: Leandra Witt soll für die renommierte Schmuckmanufaktur Rufin Verträge übersetzen. Grundsätzlich für eine Übersetzerin und Dolmetscher kein ungewöhnliches Jobangebot. Ungewöhnlich bei diesem Auftrag ist, dass sie für einige Tage in die Villa am Wannsee ziehen muss. Schon bald nach der Ankunft geschehen einige seltsame Dinge. Sie hört neben unheimliche Geräuschen auch Gesprächsfetzen, die möglicherweise auf sie bezogen sind und dann versucht man, Leandra zu vergiften. Doch wer und warum? Und warum sind die Verträge, die sie bearbeiten soll, uralt?

Liegen die Antworten auf ihre Fragen in der verwahrlosten Orangerie im prachtvollen Garten, von der sie mehrmals träumt? Und welche Rolle spielt Tim, der Sicherheitschef des Unternehmens?

Meine Meinung:

Dieser Roman, der auf zwei Zeitebenen spielt, ist angenehm zu lesen. Er enthält alles, was eine spannende Lektüre für lange Abende braucht: Intrigen, Schuld und Sühne, ein wenig Mystery sowie - das darf manchmal auch sein - einen Hauch von Romanze.

Die kurzen Kapitel erhöhen die Spannung, denn man will ja wissen, wie es mit den Familien Rufin und Witt weitergeht.

Mir hat der historische Handlungsstrang besser gefallen, da er die gesellschaftlichen Zwänge, denen Frauen unterworfen damals sind, sehr gut herausarbeitet.

Im Handlungsstrang der Gegenwart treten mir persönlich zu viele Personen auf, die ihr eigenes Süppchen kochen.

Fazit:

Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 23.02.2023

Fesselnd bis zur letzten Seite

In den letzten Stunden der Dunkelheit
0

Als Captain Frederic Carvis im April 1945 den Befehl erhält, nach Deutschland zu fliegen, um den Atomwissenschaftler Paul Bergmann nach Amerika zu bringen, weigert er sich zuerst. Denn Berlin ist aktuell ...

Als Captain Frederic Carvis im April 1945 den Befehl erhält, nach Deutschland zu fliegen, um den Atomwissenschaftler Paul Bergmann nach Amerika zu bringen, weigert er sich zuerst. Denn Berlin ist aktuell der gefährlichste Ort in Deutschland. Die deutsche Wehrmacht kämpft verbissen bis zum letzten Mann um jeden Zentimeter der Stadt und die Sowjetarmee walzt alles, was sich ihr entgegenstellt, brutal nieder.

Doch es ist nicht nur die Gefahr, die Carvis, der als Dolmetscher in der US-Army tätig ist, Berlin zu meiden, sondern auch die Erinnerung an die Jahre 1936 und 1937, in denen er in Berlin Physik studiert hat und Anna, die Freundin von Bergmanns Tochter Sophie, kennen- und lieben gelernt hat, bis Anna plötzlich nichts mehr von ihm wissen wollte.

Carvis ist der Einzige, der Bergmann persönlich kennt und soll ihn genau deswegen aus Berlin herausholen, zumal Carvis akzentfrei deutsch spricht. Um endlich eine Antwort auf die quälende Frage, was mit Anna passiert sein könnte, zu bekommen, lässt er sich auf das Himmelfahrtskommando ein.

Was als schnelle Kommandoaktion auf dem Reißbrett geplant ist, entpuppt sich in der Umsetzung als militärischer Albtraum. Die kleine Gruppe, mit der Carvis in Berlin landet, wird von mehreren Seiten torpediert: Zum einem haben die Generalstäbler der US-Army nicht bedacht, dass die Deutschen Berlin bis zur letzten Patrone verteidigen werden und zum anderen, dass auch die Sowjets alles daran setzen, nicht nur Berlin, sondern auch die Forscher unter ihre Kontrolle zu bringen. Zusätzlich stellt Bergmann allerhand Bedingungen für sein Überlaufen.

Es entspinnt sich ein Kampf auf Leben und Tod, in dem auch Animositäten innerhalb der Kommandoeinheit eine Rolle spielen.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman ist eine fesselnde Geschichte aus dem umkämpften Berlin wenige Wochen vor der Kapitulation des NS-Regimes.

Die Kommandoaktion, mit der Carvis und sein Team mit einem requirierten deutschen Flugzeug mitten im umkämpften Berlin landet, ist aufregend geschildert. Der authentische Lagebericht aus zerstörten Stadt, in der sich Carvis beinahe nicht mehr zurechtfindet, lassen die Leser um den Erfolg des Unternehmens bangen, zumal der Wissenschaftler sich anders verhält, als die Amerikaner erwarten. Sie glauben ja, dass alle Menschen froh und glücklich sein müssten, von Uncle Sam gerettet zu werden. Doch Paul Bergmann ist, wie so viele seiner Landsleute vom NS-Regime verblendet, und glaubt nach wie vor an den Endsieg und an seinen Anteil daran.

Sehr gut gelungen sind die Rückblenden auf die Berliner Studienjahre von Frederic Carvis.

Die prophetischen Worte eines US-Militärs, haben auch aktuell wieder große Bedeutung:

„...Es hat immer schon Krieg gegeben, und es wird ihn immer geben. Es liegt in der Natur des Menschen, eigene Interessen mit Gewalt durchzusetzen, einander zu übervorteilen, zu vertreiben und zu unterdrücken...“

Der Schreibstil ist fesselnd. Ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hande legen.

Peter Klisa hat umfangreich recherchiert und gibt im Anhang zahlreiche Hintergrundinformationen.

Seine Charaktere sind vielschichtig angelegt. Gut und Böse liegt manchmal nur einen Hauch neben- oder auseinander. Schmunzeln musste ich, dass Carvis einen deutschen Offizier so überzeugend darstellt, dass er sogleich ein Gruppe deutscher Soldaten befehligen muss und gegen die Sowjets kämpft.

Fazit:

Dieser fesselnden Geschichte aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in Berlin gebe ich gerne 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 20.02.2023

Mehr Milieustudie, denn Krimi

Der Kuss des Kaisers
0

Dieser historische Krimi entführt uns in das Wien von 1908 und beschert uns ein Wiedersehen mit dem sympathischen Polizeiagenten Johann Pospischil und seinem Assistenten Frisch. Seit der letzten Mordermittlung ...

Dieser historische Krimi entführt uns in das Wien von 1908 und beschert uns ein Wiedersehen mit dem sympathischen Polizeiagenten Johann Pospischil und seinem Assistenten Frisch. Seit der letzten Mordermittlung sind rund zehn Jahre vergangen. Nun wird im Brunnen des Schlossgartens im Belvedere eine abgehackte Hand und wenig später ein Sack mit weitere Leichenteile gefunden. Nur der Kopf der Leiche fehlt, was eine Identifizierung vorerst unmöglich macht. Nun haben die beiden die delikate wie unangenehme Aufgabe im Belvedere zu ermitteln.

Warum?

Zum einen ist das Obere Belvedere die Residenz des Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin Sophie sowie Sitz des „Schattenkabinetts“ und zum anderen wird im Unteren Belvedere die Ausstellung zu Gustav Klimts Gemälde „Der Kuss“ vorbereitet. Da kann man keine zerstückelte Leiche brauchen.

Neben Pospischil, der es gewöhnt ist, als ziviler Polizeiagent von den Uniformierten herablassend behandelt zu werden, lernen wir Erna Kührer, eine Reinigungskraft mit Ambitionen sowie einige Hofschranzen kennen, die sich auf ihre Stellung einiges einbilden.

Meine Meinung:

Es dauert eine geraume Zeit, bis der eigentliche Krimi rund um die Leichenteile beginnt.

Zuvor ist die Geschichte eher eine Milieustudie, die das Leben der Familie Kührer recht gut beschreiben. Erna Kührer ist eine ziemlich ehrgeizige Frau, die ihren erarbeiteten, kleinen Wohlstand wie die trockene Wohnung und ihre Arbeit als Putzfrau im Belvedere nicht verlieren will. Im Gegenteil, sie will Kammerzofe bei Gräfin Sophie werden. Dafür ist ihr beinahe jedes Mittel recht. Ihr Mann Franz ist arbeitslos und leidet an einer Hautkrankheit. Miteinander haben sie vier Kinder, Daniel, Klementine und Zwillinge. Daniel ist ein Kleinkrimineller, der anstatt zu arbeiten, lieber dem Glückspiel frönt und keiner Rauferei aus dem Weg geht. Als er nach einem längeren Aufenthalt außerhalb Wiens zurückkehrt, entdeckt die Schönheit der kleinen Klementine und beschließt, daraus Kapital zu schlagen.

In Zusammenhang mit Daniel musste ich schmunzeln, denn das von ihm häufig frequentierte Wirtshaus „Zum Alten Heller“ in der Ungargasse kenne ich. Es hat leider seit einigen Jahren geschlossen.

Wie wir schon aus dem Vorgänger, „Der Offizier der Kaiserin“ wissen, sind dem Pospischil die technischen Errungenschaften wie die Elektrische nicht ganz geheuer.

Leider ist die Autorin dieser Zeit weit voraus und lässt im Kapitel 20 die Ermittler über einen „genetischen Fehler“ diskutieren. Zwar hat Gregor Mendel schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts an seiner Vererbungslehre gearbeitet, doch der Begriff „Gen“ wie wir in heute kennen, hat sich erst ab den 1930-er Jahren entwickelt. Und Franz Kührer spricht von „einem Schub“ bei seiner Hautkrankheit (Schuppenflechte?). Mir ist schon bewusst, dass es nicht einfach ist, das heutige Wissen auszublenden..

Der Schreibstil ist leicht zu lesen. Die Sprache der Menschen ist der Zeit angepasst. Die einen sprechen Wiener Dialekt, die andern verwenden das gestelzte „Erzen“ und „Siezen“.

Ein wenig irritierend sind die Szenen, in denen Sophie, die Gemahlin von Franz Ferdinand, vorkommt. Ja, sie wurde wegen ihrer morganatischen Heirat vom kaiserlichen Hof geschnitten, aber das einer Putzfrau vorzuraunzen? Das erscheint mit doch ein wenig unglaubwürdig.

Das Cover gefällt mir nicht so besonders.

Ich hatte schon bald einen Verdacht, der sich bestätigt hat.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der eher eine Milieustudie als Krimi ist, 4 Sterne.

Veröffentlicht am 19.02.2023

Gesellschaftspolitische Kritik an Frankreich

Ein ehrenhafter Abgang
0

Éric Vuillard gilt in der Literaturszene als Nachfolger von Stefan Zweig, der mit seinen „Sternstunden der Menschheit“ Meister der erzählerischen Verknappung, also der Novelle, war.

Dieses Subgenre „Novelle“ ...

Éric Vuillard gilt in der Literaturszene als Nachfolger von Stefan Zweig, der mit seinen „Sternstunden der Menschheit“ Meister der erzählerischen Verknappung, also der Novelle, war.

Dieses Subgenre „Novelle“ trifft auch auf dieses Buch zu, in dem er die Bestrebungen der französischen Regierung beschreibt, sich einen „ehrenhaften Abgang“ aus dem französischen Kolonialismus in Indochina und dem Vietnamkrieg zu verschaffen. Beides haben frühere Regierungen zu verantworten.

Ob man sich aus einem Krieg, den man selbst angezettelt und der schließlich nicht so läuft, wie geplant, ehrenvoll verabschieden kann?

Von Éric Vuillard habe ich noch „14. Juli“ im Regal stehen, in dem er sich des Sturms auf die Bastille annimmt, der ja bekanntlich als Ausgangspunkt für die Französische Revolution und die nachfolgenden blutigen Jahrzehnte gilt.

Dass der Autor 1968 geboren wurde und sein Vater, ein Chirurg, zur 68er Generation gehörte und selbst auf die Barrikaden ging, ist in seinen gesellschaftskritischen Werken deutlich spürbar.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser Kritik an der damaligen Politik Frankreichs 5 Sterne.