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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.01.2021

keine leichte Kost

Die goldenen Jahre des Franz Tausend
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Titus Müller entführt uns mit in die als „Goldene Zwanziger Jahre“ bezeichnete Zeit der Weimarer Republik, die so golden gar nicht waren. Er erzählt aus vier Perspektiven die Geschichte des Franz Tausend, ...

Titus Müller entführt uns mit in die als „Goldene Zwanziger Jahre“ bezeichnete Zeit der Weimarer Republik, die so golden gar nicht waren. Er erzählt aus vier Perspektiven die Geschichte des Franz Tausend, einem Hochstapler und Betrüger, der unter anderem vorgegeben hat, Gold zu machen.

Die realen Ereignisse werden mit fiktiven ergänzt. Wir begegnen außer dem historisch belegten Betrüger noch zwei Nobelpreisträgern: Thomas Mann (Literatur) und Carl von Ossietzky (Frieden).
Fiktiv hingegen ist der Kommissar Heinrich Arndt, der den Betrüger Tausend vor dem Zorn einer betrogenen Frau schützen soll. Es wird alles daran gesetzt, das Betrugsopfer zu diffamieren. Auch Arndt ist zu Beginn Teil des perfiden Plans, in dem die aufkeimende NSDAP ihre schmutzigen Finger im Spiel hat. Als er erkennt, was läuft, wird er von München nach Berlin versetzt. Doch auch hier gerät er in Gewissenskonflikte, als er den regimekritischen Carl von Ossietzky beschatten soll.

Meine Meinung:

Titus Müller ist es wieder glänzend gelungen, eine spannende Geschichte aus der Zwischenkriegszeit zu schreiben. Die Stimmung sowohl in München als auch in Berlin ist authentisch beschrieben.

Zu Beginn laufen mehrere Handlungsstränge nebeneinander her und man fragt sich, wie die miteinander verknüpft werden sollen.
Mir persönlich war der Handlungsstrang rund um Thomas Mann ein wenig zu ausführlich und eine Spur zu langatmig.

Der Leidensweg Carl von Ossietzkys, der von den Nazis, wie viele andere Regimekritiker. in ein Konzentrationslager gebracht und dort de facto ermordet wurde, obwohl er letztlich in einem Krankenhaus gestorben ist, ist an Dramatik kaum zu überbieten.

Die Charaktere sind fein herausgearbeitet und dürfen sich entwickeln.

In Zeiten der Not haben Betrüger wie Franz Tausend leichtes Spiel. Doch auch die Gier der Reichen und Mächtigen darf nicht unterschätzt werden.

Fazit:

Das Buch ist keine leichte Kost. Es verlangt den Lesern einiges ab. Gerne gebe ich dafür 4 Sterne.

Veröffentlicht am 14.01.2021

Macht Lust, nach Amsterdam zu reisen

111 Orte in Amsterdam, die man gesehen haben muss
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Wenn man seit einem Jahr schon nicht in Wirklichkeit reisen darf, so bieten die Orte, die man in der 111er-Reihe aus dem Emons-Verlag besuchen ein wenig Abwechslung. Diesmal habe ich Amsterdam gewählt ...

Wenn man seit einem Jahr schon nicht in Wirklichkeit reisen darf, so bieten die Orte, die man in der 111er-Reihe aus dem Emons-Verlag besuchen ein wenig Abwechslung. Diesmal habe ich Amsterdam gewählt und bin ziemlich überrascht worden, dass sich einige Vergleiche mit meiner Heimatstadt Wien anstellen lassen. Es gibt durchaus Parallen zu entdecken.

Amsterdam ist ebenso reich an Museen wie Wien: vom Rijksmuseum bis zum Aviodrome (7) Das erinnert an Anthony Fokker, dem holländischen Otto von Lilienthal und die Geschichte der Flugpioniere.

Ähnlich wie in Wien gibt es hier ein Badeschiff „Badbuiten“ mit Bar und Sonnenterrasse (9). Noch ein Vorbild aus Wien: die 1744 gegründete Hollandsche Manege = Span. Hofreitschule (49). Und, eine coole Überraschung: man kann bei einer Fahrt mit historischen Straßenbahnen einer Original Wiener Tramway der Linie 5 begegnen (67).

Interessant ist die Ets Haim Bibliothek auch „Bibliothek des Baumes des Lebens“. Sie wurde 1616 gegründet und ist damit die älteste jüdische Bibliothek der Welt (35).

Als Vermesserin darf natürlich ein Besuch des NAP (Normal Amsterdamse Peil) nicht fehlen, hat doch auch Österreich seinen Bezugspunkt der orthometrischen Höhen auf den NAP umgestellt. Die Gebrauchshöhen werden nach wie vor als „Höhe über Adria“ (Molo Satorio/Triest) angegeben.

Natürlich dürfen auch Einblicke in das berühmt-berüchtigte Rotlichtviertel oder ein Zwischenstopp in den zahlreichen Bars nicht fehlen. Dass in einem Coffeshop keine Wiener Melange serviert wird, dürfte bekannt sein.


Fazit:

Macht Appetit auf eine Reise nach Amsterdam. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 14.01.2021

Wahrheit oder doch nicht?

Leonardos Fahrrad
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Wer glaubt, dass Fake News ein Produkt des 21. Jahrhunderts ist, der irrt. Schon frühere Präsidenten und Diktatoren habe sich getürkter Wahrheiten bedingt. Manche, wie die zahlreichen gefakten (weil selbst ...

Wer glaubt, dass Fake News ein Produkt des 21. Jahrhunderts ist, der irrt. Schon frühere Präsidenten und Diktatoren habe sich getürkter Wahrheiten bedingt. Manche, wie die zahlreichen gefakten (weil selbst in Auftrag gegebenen) Glückwünsche diverser Staatsmänner zu seinem eigenen Geburtstag, lassen den ehemaligen rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu beinahe wie ein armes, ungeliebtes Würstchen dastehen.

Gefälschte oder verfälschte Nachricht gibt es seit mehr als 3.000 Jahren. Autor Peter Köhler hat einige aus unterschiedlichen Epochen, Kontinenten und Gesellschaftsschichten zusammengetragen. Manches klingt wirklich skurril, manches doch ziemlich glaubwürdig.

Wie sagt eine interviewte Passantin so treffend: „Wahrheit oder nicht - ich glaube die Geschichte“ (S. 72)

Dazu hat er die unterschiedlichsten Fake News in zehn großen Kapiteln zusammengefasst. Sie reichen von „Politik in postfaktorischer Zeit“ bis hin zum „Final“ in dem bekannte Persönlichkeiten wie Paul McCartney 1967 einen vorzeitigen Medientod sterben (mussten). Doch wie man weiß, leben Totgesagte länger. Der Musiker hat erst vor kurzem ein neues Album herausgebracht. Und nein, Elvis lebt tatsächlich nicht mehr.

Veröffentlicht am 14.01.2021

Ein gelungenes Sittenbild

Der Mann im roten Rock
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Julian Barnes entführt seine Leser in das Paris des Fin de Siècle. Der Leser lernt einen interessanten Mann dieser Zeit kennen: Dr. Samuel Pozzi, Chirurg und Gynäkologe. Die Ausstrahlung des schönen und ...

Julian Barnes entführt seine Leser in das Paris des Fin de Siècle. Der Leser lernt einen interessanten Mann dieser Zeit kennen: Dr. Samuel Pozzi, Chirurg und Gynäkologe. Die Ausstrahlung des schönen und charmanten Arztes öffnet ihm die Türen zur High Society von Paris. Pozzi trifft auf die Intellektuellen seiner Zeit. So haben Sarah Bernhardt, Marcel Proust, Èmile Zola, Joris-Karl Huysmans oder der Kunstsammler und Dichter Robert Montesquiou ihre Auftritte. Pozzi war ihnen Freund und kultivierter Gesprächspartner. Doch diese elitären Zirkel haben auch ihre Schattenseiten. Dekadenz und Allüren lassen manche nicht gar so sympathisch erscheinen.

Meine Meinung:

Gut gelungen ist dem Autor die Darstellung der langsam zerfallenden Epoche. Auch über Paris, das als die bestimmende Kulturhauptstadt angesehen wird, ziehen sich die düsteren Wolken des Ersten Weltkriegs zusammen.

Der Fortschrittsglaube ringt mit der Dekadenz - dieser Konflikt wird sich im kommenden Krieg entladen.

Fazit:

Ein gelungenes Sittenbild des Fin de Siècle. Nicht ganz einfach zu lesen. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 09.01.2021

Jeder Neuanfang ist eine Herausforderung

Marta
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Monika Hürlimanns Roman enthält zahlreiche interessante Informationen über das Leben in Polen unter dem kommunistischen Regime. Zum Beispiel über die Mangelwirtschaft, obwohl der Kommunismus doch den Menschen ...

Monika Hürlimanns Roman enthält zahlreiche interessante Informationen über das Leben in Polen unter dem kommunistischen Regime. Zum Beispiel über die Mangelwirtschaft, obwohl der Kommunismus doch den Menschen das Paradies auf Erden versprochen hat. Bis spät in die 1980er Jahre ist stundenlanges Anstellen um Güter des täglichen Bedarfs inklusive Vordrängens mancher Personen, nur um dann zu erfahren, dass die ersehnte Ware bereits ausverkauft ist, Alltag. Das muss auch Marta, die ihrer berufstätigen Mutter zur Hand geht, mehrfach erfahren, während ihr Zwillingsbruder Tomek kaum einen Handgriff zur Bewältigung des Haushalts tun muss, dafür aber mehr zu essen bekommt. Warum die Ungleichbehandlung der Kinder?
Dann werden die Koffer und die Familie verlässt illegal Polen. Während die Mutter perfekt deutsch spricht, müssen die Kinder die neue Sprache erst lernen.

Doch Deutschland wird nicht die letzte Station von Marta sein, die als Ärztin in der Schweiz Fuß fasst. Wieder steht ein Neuanfang in einem fremden Land und einer Sprache, die nur teilweise geläufig ist, auf der Tagesordnung.

Meine Meinung:

Dieser Roman, der autobiografische Züge enthält, beschäftigt sich mit den Themen illegale Aus- und Einreise, mit Integration, Auf-sich-allein-gestellt-sein, ungleiche Behandlung von Zwillingen sowie von zahlreichen Familiengeheimnissen.
Auf viele Fragen, die Marta gerne ihrer Mutter gestellt hätte, findet sie erst durch Dritte eine (mögliche) Antwort. Die Mutter selbst gibt sich zugeknöpft, beinahe unnahbar und wenig empathisch. Zumindest Marta gegenüber, denn Tomek, wird von ihr immer in Schutz genommen und gewissermaßen erhöht.

Die Überraschung ist groß, als Marta während ihrer Ausbildung bzw. Tätigkeit als Psychiaterin einige der Geheimnisse ihrer Mutter enthüllt. Nun braucht sich Marta nicht mehr wundern, warum sie selbst so ist, wie sie ist. Einige der mütterlichen Konflikte sind auf sie übertragen worden.

Der Roman ist grundsätzlich gut gelungen. Nur das mehrmalige Herumspringen zwischen Orten und Zeiten hat mir nicht so ganz gefallen.

Die Zeit Martas als Studentin war mir ein wenig zu detailliert beschrieben. Die hätte ich mir ein wenig straffer gewünscht, da sie die Handlung nicht allzu viel weiter bringt. Dafür wäre ein Einblick in die Aufarbeitung von Martas Leben im Zuge der Psychiaterausbildung interessant gewesen. Aber, da hier Autobiografisches in den Roman eingeflochten ist, ist ein mehr an Information vielleicht Eindringen in die Persönlichkeit der Autorin.

Fazit:

Ein durchaus lesenswerter Roman, dem ich gerne 4 Sterne gebe.