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Venatrix

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Veröffentlicht am 31.03.2019

"Wer sich in Familie begibt, kommt darin um"

Großes Sommertheater
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Frank Goldammer ist seinen Lesern ja durch die Krimi-Reihe rund um Max Heller im Dresden der Nachkriegszeit bestens bekannt. Diesmal schenkt er sich und seinen Fans einen Familienroman erster Klasse:

Joseph, ...

Frank Goldammer ist seinen Lesern ja durch die Krimi-Reihe rund um Max Heller im Dresden der Nachkriegszeit bestens bekannt. Diesmal schenkt er sich und seinen Fans einen Familienroman erster Klasse:

Joseph, der Patriarch einer deutschen Familie ist schwer krank, und lässt seine Familie in seinem Domizil an der Ostsee antanzen. Die Söhne Erwin, Harald und Uwe sind heillos zerstritten, gönnen einander nichts und buhlen um die die Gunst des apathisch im Rollstuhl sitzenden Vaters. Der wird von einer resolut auftretenden Pflegerin namens Agnes versorgt. Gleichzeitig ist sie so etwas wie der „Major Domus“ (oder soll ich sagen die „Domina“ des Haushalts?) und übernimmt das Regiment über die Familienmitglieder.

Neben den Söhnen und Schwiegertöchtern sind auch Enkel samt Partnern und Urenkel dabei, die so gar nichts mit der buckligen Verwandtschaft anzufangen wissen. So versucht man sich, unter der Fuchtel von Agnes, allerlei Freizeitaktivitäten hinzugeben. Die werden immer wieder durch Aktionen des kleinen Roccos unterbrochen, der seine Mutter und alle anderen Erwachsenen vor sich her treibt - Vier Jahre und kein bisschen leise!

Die Familienmitglieder belauern sich gegenseitig, jeder/jede ist erpicht darauf, das größte Stück vom (Erb)Kuchen zu erhalten. So treibt die hochsommerliche Hitze die Spannung auf die Spitze, bis sie sich mit einem Knalleffekt entlädt.

Meine Meinung:

Eine herrliche Lektüre rund um die Abgründe eines Familienclans. Schon die Struktur des Romans erinnert an einen Hollywoodfilm. Die einzelnen Familienmitglieder werden bei der Ankunft an der Ostsee vorgestellt. Dem geneigten Leser von Frank Goldammers Krimis ist schon jetzt klar, dass man bei einer solchen Familie keine Feinde mehr braucht.

Herrlich sind die unterschiedlichen Charaktere dargestellt. Da sind zum einen die Urenkel Vanessa und Tom, die von ihren Smartphones im Normalfall nur chirurgisch zu trennen sind, aber plötzlich das jeweils andere Geschlecht entdecken, aber vor lauter Whatsapp und Emojis nicht miteinander reden können. Ach ja, das Miteinander reden habe diese Leute alle nicht erfunden. Das beginnt schon bei Josephs Eltern Alfons und Waltraut, die, wie wir aus diversen Rückblenden erfahren, jahrelang stumm nebeneinander leben und auch dem gemeinsamen Sohn keine Beachtung schenken. Dieses „nebeneinander leben“ und „nicht beachten“ des Nachwuchses zieht sich durch alle hier versammelten Generationen durch. Doch, wie sollten sie es auch lernen? Die Ehepartner sind ähnlich gestrickt und so wunderen die Gedanken von Jussi, dem Finnen und Gemahl von Ida, nicht wirklich.

Die drei Brüder Erwin, Harald und Uwe stellen die drei Säulen der Gesellschaft dar: Erwin, der erfolgreiche CDU-Politiker (Wie lange noch?), Harald, der in dubiose Geschäfte verstrickt ist (Wann kommt man ihm drauf?) und Uwe, dessen Lebensaufgabe es scheint, dem Staat jedwede Sozialleistung abzupressen, die es nur gibt.

Mit bitterbösem Humor kommt es zu einem Showdown, den man so nicht vermutet hätte. Wie sagte schon Heimito von Doderer? "Wer sich in Familie begibt, kommt darin um."

Fazit:

Eine trügerische Familienidylle, die sich in einem gewaltigen Knall entlädt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 31.03.2019

Das hätte auch Goethe gefallen

Newtons Gespenst und Goethes Polaroid
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Klappentext zu „Newtons Gespenst und Goethes Polaroid “
„Das "Fragment über die Natur" gilt als der herausragende Schlüsseltext für das Denken Goethes über die Natur. Es steht am Anfang seiner lebenslangen ...


Klappentext zu „Newtons Gespenst und Goethes Polaroid “
„Das "Fragment über die Natur" gilt als der herausragende Schlüsseltext für das Denken Goethes über die Natur. Es steht am Anfang seiner lebenslangen Erforschung von Steinen und Pflanzen, Tieren und Menschen, Licht und Farben und legt den Grundstein für die Methode der "zarten Empirie", mit der er sich als Wissenschaftler seinen Gegenständen nähert. So kam denn auch der Pionier der Farbfotografie mit Newtons "spectre" (engl. Erscheinung, Gespenst), dem von einem Prisma Farben getrennten weißen Lichtstrahl, nicht weiter, erforschte die Farbwahrnehmung mit Goethe'schen Methoden und erfand das farbige Polaroid-Sofortbild. Mathias Bröckers zeigt, dass Goethes Erkenntnisse über die Natur ihrer Zeit voraus waren und heute für die Zukunft relevanter sind als je zuvor.“

Der Autor untersucht auf Basis von Goethes „Fragment über die Natur“ welche Überlegungen des Dichterfürsten korrekt und bis heute bewiesen werden konnten. Johann Wolfgang von Goethe gilt ja als einer der letzten Universalgelehrten. Neben messerscharfem Verstand und Akribie zeichnen ihn lebenslange Neugierde aus.

Dieses Buch habe ich gerne gelesen, obwohl es aufgrund seiner Sprache und philosophischer Gedanken nicht immer ganz einfach zu lesen ist.

Beeindruckend sind die vielen Zitate und Querverweise, ich am liebsten alle hier verwendet hätte.
So begnüge ich mich Folgendem: „das was auf diesem Feld Benoît Mandelbrot mit seiner Geometrie der Fraktale aufziegen konnte, ... - hätte Goethe entzückt.“ (S.35)

Und ja, wir begegnen vielen, die in der Wissenschaft Rang und Namen haben: von Benoît Mandelbrot, Johannes Kepler, Werner Heisenberg bis hin zu den Philosophen Fritz Jacobi und Rudolf Steiner.

Wenn Goethe sagt: „Es ist vieles wahr, was sich nicht berechnen lässt“ (S.29), steckt viel Wahrheit dahinter. Man denke nur an die schier ewige Diskussion ob Licht Welle oder Teilchen ist.

Passend zur Farbenpracht der Natur, ist das Cover bunt gestaltet. Manches erinnert ein wenig an Mandelbrots fraktale Geometrie. Als Geschenk ein echter Hingucker aus dem Westend-Verlag.

Fazit:

Ein Buch das sowohl Goethe-Fans als auch Anhängern von Heisenberg & Co. Freude machen kann. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 31.03.2019

Ein wortgewaltiges Trio

Zwei Lebenswege. Eine Debatte
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Unter der „Regie“ von Herbert Lackner treffen sich zwei höchst unterschiedliche Persönlichkeiten, die doch mehr gemeinsam haben, als es scheint:

Erwin Pröll, geboren 1946 in der kleinen niederösterreichischen ...

Unter der „Regie“ von Herbert Lackner treffen sich zwei höchst unterschiedliche Persönlichkeiten, die doch mehr gemeinsam haben, als es scheint:

Erwin Pröll, geboren 1946 in der kleinen niederösterreichischen Gemeinde Radlbrunn und Peter Turrini, geboren 1944 in St. Margarethen in Kärnten. Während Pröll in einer Bauernfamilie geborgen aufwachsen und studieren konnte, wurde Turrini als Zuwandererkind jahrelang ausgegrenzt.

Prölls beruflicher Höhepunkt waren seine Jahre als Landeshauptmann von NÖ (1992-2017). Turrini hingegen ist nach einer Reihe unterschiedlichster Berufe seit 1971 freischaffender Schriftsteller mit allen Vor- und Nachteilen.

Während Pröll die eher konservative Weltanschauung vertritt, liegt Turrini der Kommunismus näher. Trotzdem kreuzen sich die Lebenswege der beiden immer wieder.

Als Peter Turrini 1978 die legendäre TV-Alpensaga schreibt, prallen die Ansichten hart aufeinander. Die Bauern, deren Vertretung, dem Bauernbund, dem Pröll damals angehört, fühlen sich von Turrinis Bild der Bauern desavouiert. Wütende Proteste sind die Folge. Dabei will Turrini das angestaubte Image der Bauern zurechtrücken. Manchmal ist eben „gut gemeint“ das Gegenteil von „gut“.

Heute sind die beiden so etwas wie Freunde. Neben Pröll, lebt auch Peter Turrini (seit 1991) ebenso wie der Moderator dieser Debatte, Herbert Lackner, in Niederösterreich.

Das spannende Experiment, zwei so unterschiedliche Menschen wie Erwin Pröll und Peter Turrini abseits eines „weiteren Beitrags zur Selbstdarstellungs- und
Seitenblickegesellschaft“ (© Peter Turrini) an einen Tisch zu bringen, darf als durchaus gelungen betrachtet werden. Neben Anekdoten wird auch bislang Unbekanntes aus der Erinnerung geholt und im klassischen Sinn geteilt.

Abwechselnd reden Pröll, Turrini und Lackner über Macht und Geschichte, Kirche und Kunst sowie das Leben als solches.


Fazit:

Ein Buch zum Verschenken oder Selberlesen. Gerne gebe ich 4 Sterne.

Veröffentlicht am 30.03.2019

Anarchisten vor der Hofburg

Todesreigen in der Hofreitschule
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Der neue Fall für Gustav von Karoly, den Privatermittler im kaiserlichen Wien, beginnt mit einem sprichwörtlichen Knalleffekt: nämlich mit einem Bombenattentat vor dem Michaeler Tor der Hofburg, bei dem ...

Der neue Fall für Gustav von Karoly, den Privatermittler im kaiserlichen Wien, beginnt mit einem sprichwörtlichen Knalleffekt: nämlich mit einem Bombenattentat vor dem Michaeler Tor der Hofburg, bei dem der ungarische Polizeipräsident und der Wiener Polizeidirektor getötet wurden. Mitten im Geschehen sind Edi, ein böhmisch-stämmiger Fiaker und Bekannter Gustavs sowie Emma von Zoloto, eine Wienbesucherin, von deren hübschen Gesicht sich Frauenfreund Gustav gleich einmal hingezogen fühlt.

Da die Wiener Polizei den böhmischen Untertanen grundsätzlich Tendenzen zur Rebellion unterstellt, ist der spurlos verschwundene Edi gleich einmal verdächtig.
Gustav kann diesem Generalverdacht gar nichts abgewinnen, ist doch Edi so etwas wie sein Leibfiaker und fast ein Freund. Auf der Suche nach Edi trifft er ihn bei Dana, eine Kindsmörderin, die sich als Sühne liebevoll um die Toten aus der Donau kümmert, die am Friedhof der Namenlosen in Kaiser-Ebersdorf angeschwemmt werden, und sie dort bestattet.

Während sich mehrere Polizeidienststellen um das Attentat kümmern und sich wegen der Zuständigkeiten in den Haaren liegen, umgarnt die schöne Emma nicht nur Gustav sondern auch seinen Freund, den Polizei-Oberkommissär Rudolf Kasper. Was führt sie im Schilde? Denn, dass irgendetwas mit Emma nicht ganz stimmt, bekommt Gustavs Damenriege bei einem Zusammentreffen schnell heraus. Aber was?

Neben dieser hochpolitischen Angelegenheit bekommt es Gustav noch mit einem pokanten Fall in eigener Sache zu tun: Der Ehemann seiner ehemaligen Geliebten Ada von Dalheim ist ermordet worden. Getreu dem Motto „Cui bono?“ wird einmal die Witwe verdächtigt. Ihr Nutzen, Freiheit und Vermögen ist am Größten. Doch auch Gustav und Adas aktuelles Gspusi, ein Armeearzt, werden einvernommen. Erst ein unerwartetes Geständnis spricht sowohl Ada als auch die Männer vom Mordverdacht frei.

Meine Meinung:

Mit dieser historischen Krimi-Reihe rund um den sympathischen Privatermittler Gustav von Karoly bringt uns die Autorin die Donau-Monarchie ein wenig näher. Gustav ist der uneheliche, inzwischen vom Vater anerkannte, Sohn des Grafen Batheny. Gustav lebt mit Vera, Josepha und Dorothea in einer Art Wohngemeinschaft. Vera schreibt heimlich Romane, um den Lebensunterhalt zu verdienen und Dorothea ist die erste Pathologin Wiens im Allgemeinen Krankenhaus, Josepha ist Gustav früheres Kindermädchen. Diese illustre Damenriege treiben Gustav manchmal zur Verzweiflung, doch ganz ohne das Trio kann und möchte er auch nicht sein.
Vera und Josepha hoffen auf eine reiche (und standesgemäße) Heirat von Gustav, doch dessen Herz schlägt eigentlich für Dorothea, die ihre Unabhängigkeit wegen eines Mannes nicht aufgeben will. Doch, wenn ich die letzten Zeilen in diesem Band weiterspinne, könnte dieses Ansinnen möglicherweise in einem nächsten Krimi ind Hintertreffen geraten.

Edith Kneifls Schreibtstil ist leicht und locker. Sie gewährt ihren Lesern einen kritischen Einblick in das imperiale Wien, wenn sie uns, gemeinsam mit Rudi und Gustav in die ärmlichen Vorstädte mitnimmt. Diese Ausflüge sind durchau sozial-kritisch und passen gut in das Engagement von Vera und ihrer sozilaistisch eingestellten Damenriege. Gustav weiß natürlich, dass nur wenige Menschen mit dem goldenen Löffel im Mund geboren sind, doch die Abgründe, mit denen ihn Rudi „auf der Schmelz“ (einem verrufenen Viertel), konfrontiert, schockieren ihn aller-dings sehr.

Fazit:

Mir hat dieser Krimi wieder sehr gut gefallen, auch wenn Gustav und Rudi diesmal weniger als üblich ermitteln (dürfen). Die Streifzüge durch das Wien der Kaiserzeit lassen die „gute, alte Zeit“ in einem nicht ganz so rosigen Licht erscheinen. Gerne gebe ich wieder 5 Sterne.

Veröffentlicht am 30.03.2019

Briefe eines Wiener Strozzis von der Front

Liebe Mama, ich lebe noch!
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ORF-Korrespondent Ernst Gelegs entdeckt im Nachlass seiner Wahltante Johanna „Hansi“ Wohlschläger einen Karton mit rund 100 Briefen aus den Jahren 1933 - 1944. Der Briefeschreiber: Leonhard Wohlschläger, ...

ORF-Korrespondent Ernst Gelegs entdeckt im Nachlass seiner Wahltante Johanna „Hansi“ Wohlschläger einen Karton mit rund 100 Briefen aus den Jahren 1933 - 1944. Der Briefeschreiber: Leonhard Wohlschläger, Johannas Bruder, die Adressatin meistens Käthe, die Mutter.

Eine große Auswahl dieser Briefe reiht Ernst Gelegs chronologisch aneinander, immer durch Einschübe der historischen Wirklichkeit verbunden und ergänzt.

Leonhard beschreibt das Soldatenleben wie einen Abenteuerurlaub. Er richtet sich sowohl in Belgien und Frankreich häuslich ein, schnorrt seine Mutter um Geld an, um in den besetzten Gebieten Waren zu besonders günstigen Preisen einzukaufen. Auch die Verlegung in den Osten ist zunächst einmal nicht so dramatisch. Während rund herum gestorben wird, beklagt er sich, nicht oder nur mit großer Verzögerung befördert zu werden. Die Inhalte der zahlreichen Briefe ähneln einander. Natürlich kann er wegen der drohenden Zensur weder eine genaue Ortsangabe noch die Gräueltaten der Wehrmacht berichten. An Hand einiger Stellen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch er an Erschießungen und Plünderungen teilgenommen hat und diese Verbrechen gebilligt, bzw. auch genossen hat. Und überhaupt ist der, in der Zwischenkriegszeit im antisemitisch eingestellten Wien, Geborene, ein echtes Kind seiner Zeit. Zunächst scheinbar unpolitisch, weil ihm die Juden, wie alle anderen Menschen egal sind, driftet er immer mehr in die von der NS-Propganda indoktrinierte Haltung ab. So sind Juden Volksschädlinge und die Russen Untermenschen, denen man ungestraft die Lebensgrundlage entziehen darf/kann/muss, indem man ihnen, sowohl Vieh als auch Vorräte stiehlt und die Behausungen in Brand steckt.

Die Ironie des Schicksals will es, dass Leonhard Wohlschläger völlig unbeschadet den Zweiten Weltkrieg überlebt hat, während Ernst Gelegs Großvater dem Kessel von Stalingrad und der anschließenden Hölle der russischen Kriegsgefangenschaft nur mit Mühe und spät entkommen kann. Auch die oftmals beklagte Nichtberücksichtigung bei Beförderungen, gereicht Wohlschläger zum Vorteil nach dem Krieg. Er wird, wie viele der unteren Chargen recht bald aus der (westlichen) Kriegsgefangenschaft entlassen und erhält ohne wenn und aber seinen „Persil-Schein“.

Meine Meinung:

Ich habe schon Erfahrung mit Soldatenbriefen von der Front, doch diese hier haben mich ein wenig zwiegespalten zurückgelassen.

Der Schreibstil ist eingängig und wie man es von einem Journalisten erwarten kann, sprachlich gelungen. Wie der Autor die Auswahl der abgedruckten Briefe getroffen hat, ist leider nicht vermerkt, wäre aber interessant, weil in den Zwischentexten die eine oder andere Andeutung gemacht wird, die nicht weiter verfolgt werden kann.
Was mich aber massiv stört, ist Folgendes:
Erstens kommen persönliche Emotionen des Autors immer wieder durch. Das sollte bei einem Sachbuch nicht sein. Natürlich macht es betroffen, wenn der eigene Großvater traumatisiert aus dem Krieg kommt und ein Strizzi wie Leonhard Wohlschläger sich durchlavieren kann. An manchen Stellen wertet Gelegs ein bisserl zu sehr. So beschreibt er den Hass zwischen den beiden Ehefrauen von Leonhards Vater Jakob Wohlschläger, wobei er beide Damen niemals kennengelernt hat. Hier ist er auf Hörensagen und subjektive Interpretation angewiesen. Ich kann Anna, die erste Gemahlin schon verstehen, dass sie für ihre Nachfolgerin wenig Sympathie verspürt. Sie wird immerhin mit vier unversorgten Kindern sitzengelassen. Hier hätte ein wenig Zurückhaltung des Autors den Eindruck der Briefe und die Charakterschwäche des Briefeschreibers besser zur Geltung kommen lassen können. Wobei der Charakter von Leonhard Wohlschläger eher ein ziemlich mieser ist. Je öfter ich die Schlussfloskel „Dein dankbarer Sohn Leo“ gelesen habe, desto öfter habe ich Leo die Pest an den Hals gewünscht. „Dankbarkeit“ ist keine Dimension in Wohlschlägers Gedankengut.

Mein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf die mangelnden Quellenangaben: Es werden lediglich sieben genannt, wobei sich gerade die Nennung des Buches von Gerhard Zeilinger („Der Gürtel des Walter Fantl“) nur unzureichend erschließt. Vermutlich sind die Schilderungen des jüdischen Lebens in Wien und das Ende desselben daraus entnommen. Hier wäre eine Fußnote oder Anmerkung wichtig gewesen. Die verbindenden Texte zwischen den einzelnen Briefe, die Einblick auf das Leben in Wien während des Zweiten Weltkriegs geben, sind grundsätzlich gut. Manchem Leser wird dadurch ein neuer Blickwinkel eröffnet oder das eine oder andere bis-lang unbekannte Detail näher gebracht.

Gut gefällt mir die hochwertige Aufmachung des Buches, das auch mit ein passenden Cover ausgestattet ist. Auch die Idee, Leonhards handgeschriebene Briefe als Schreibmaschinenseiten einzubinden ist eine erstklassige Idee. So heben sie sich auch optisch vom anderen Text ab. Die Abbildungen, wie z.B. Die Propaganda-Postkarte, die den deutschen Panzer mit toten Russen (S.129) darstellt, zeigt das grausame Gesicht des Krieges. Ach ja, ein Abbildungsverzeichnis fehlt leider auch. Als Leser kann man nur vermuten, dass die gezeigten Bilder aus den Briefen stammen.

Ein bisschen hätte ich mir gewünscht, dass das Lektorat steuernd und helfend eingreift, ist es doch Ernst Gelegs' erstes Buch. Auch die Konsultation eines Historikers wie Andreas Pittler, hätte dem Buch den letzten Schliff geben können.

Fazit:

Eine interessante Lektüre, der ich wegen der oben beschriebenen Unzulänglichkeiten nur 4 Sterne geben kann.