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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.12.2018

Auftakt einer neuen Familien-Saga

Jahre aus Seide
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Dieses Buch ist der Beginn einer Trilogie rund um Ruth Meyer und basiert auf der wahren Geschichte einer Krefelder Familie.

Das Buch beginnt 1926: Karl Meyer, Handlungsreisender in Sachen Schuhe, ist ...

Dieses Buch ist der Beginn einer Trilogie rund um Ruth Meyer und basiert auf der wahren Geschichte einer Krefelder Familie.

Das Buch beginnt 1926: Karl Meyer, Handlungsreisender in Sachen Schuhe, ist zu einigem Wohlstand gekommen, der es ihm ermöglicht, für seine Familie ein Haus zu bauen. Die Töchter Ruth und Ilse gedeihen. Man beschäftigt ein Kindermädchen, Leni, und Frau Jansen, eine Köchin. Obwohl die Familie Meyer jüdischer Herkunft ist, spielt Religion nur eine untergeordnete Rolle. Erst als die Nazis die Herrschaft übernehmen, wird das Judentum ein Thema.
Wie so viele jüdische Familien fühlen sich die Meyers als Deutsche und wollen ihre Heimat nicht verlassen. Man diskutiert innerhalb der Familie, überlegt Auswege und verwirft sie wieder. Auch in der jüdischen Gemeinschaft ist wenig Rat zu erhalten. Sollen die Meyers auswandern? Wenn ja wohin? Palästina ist für den kurzsichtigen Karl Meyer keine Option. Oder wenigstens nur die Töchter in Sicherheit bringen? So verstreichen wertvolle Wochen und Monate.

Meine Meinung:

Wieder eine tolle Familien-Saga aus der Feder von Ulrike Renk. Der Beginn mag auf einige langatmig wirken, weil wenig Aufregendes passiert. Wir bekommen Einblick in das großbürgerliche Leben: Haus, Garten, Auto samt Chauffeur und Dienstboten. Ein behütetes Leben für Ruth und ihre Schwester.
Wir erleben das Spannungsfeld zwischen (streng) Gläubigen und säkularen Juden. Die einen sind der Tradition so stark verbunden, dass ein Weihnachtsbaum als ungehörig empfunden wird. Die anderen machen einige Sitten und Gebräuche Deutschlands passend – sie assimilieren sich. Was aber dann, nach Inkrafttreten der Nürnberger Rassegesetze, völlig wertlos ist.
Sehr detailliert ist der Konflikt um das Auswandern beschrieben. Leider geht hier wertvolle Zeit verloren, sodass es vermutlich für die Eltern Meyer zu spät sein wird. Nachdem Ruths Geschichte als Vorlage dient, ist ihr die Flucht geglückt. Doch um welchen Preis?
Das Nachwort ist sehr aufschlussreich, da es die Fakten und Fiktion aufschlüsselt.

Fazit:

Der fesselnde Beginn einer Familien-Saga. Gerne gebe ich 4 Sterne.

Veröffentlicht am 28.12.2018

Das bewegende Schicksal des willy Blum

Das Kind auf der Liste
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Klappentext:

„Willy Blum war sechzehn Jahre alt, als er in Auschwitz Birkenau ermordet wurde. Von ihm blieb nur ein Name auf einer Liste, neben dem durchgestrichenen Namen Jerzy Zweigs, der durch Bruno ...

Klappentext:

„Willy Blum war sechzehn Jahre alt, als er in Auschwitz Birkenau ermordet wurde. Von ihm blieb nur ein Name auf einer Liste, neben dem durchgestrichenen Namen Jerzy Zweigs, der durch Bruno Apitz` Roman „Nackt unter Wölfen“ weltberühmt wurde. Über Willy Blum und seine Familie wusste man bislang nichts. Annette Leo hat sich auf die Suche gemacht und erzählt die Geschichte der Familie Blum und zugleich auch die Geschichte des Verschweigens einer Opfergruppe in der Nachkriegszeit: die der Sinti und Roma.“

Mit großem Interesse habe ich dieses Buch gelesen. Wie kann es sein, dass ein Jugendlicher freiwillig den Platz auf der Todesliste einnimmt? Oder ist er einfach ausgetauscht worden, weil jemand für Jerzy Zweig eine Wache bestochen hat? Und, was macht es mit dem Geretteten? Denkt er der daran, dass an seiner Statt ein anderer sterben musste?

Das Buch enthüllt eine ganz andere Geschichte, als ich sie erwartet habe. Die eine Frage wird recht bald beantwortet: Willy wollte seine Brüder nicht allein in den Tod gehen lassen.

Annette Leo begibt sich auf Spurensuche nach Willy Blum und seiner Familie. Anfangs ist nicht viel zu erfahren. Die Familie ist seit Generationen Marionettenspieler. Sie ziehen – immer mit einer Genehmigung – von Ort zu Ort, um die Leute mit ihren Darbietungen zu erfreuen. Nach und nach gelingt es der Autorin Details aus dem Leben der Familie Blum ausfindig zu machen.
Die Geschichte von Willy und seiner Familie steht stellvertretend für die vielen Roma und Sinti, die während des NS-Regimes verhaftet und ermordet wurden.
Doch auch nach 1945 haben sich die deutschen (und österreichischen) Behörden nicht mit Ruhm bekleckert. Ansprüche der Überlebenden wurden (und werden) nicht anerkannt und wenn, müssen sie langwierig eingeklagt werden und reichen kaum zum Leben. Man macht den Roma und Sinti-Familien nach wie vor das Leben schwer. Man verbannt sie an den Ortsrand, die Kinder werden in den Schulen gemobbt und sie erhalten keine oder nur schlechte Jobs.

Fazit:

Ein sehr berührendes und aufwühlendes Buch, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 28.12.2018

atmosphärisch dicht - empfehlenswert

Kinder einer neuen Zeit
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Im zweiten Teil dieses historischen Romans begegnen wir wieder den Familien aus „Der Sturz des Doppeladlers“.

Man schreibt das Jahr 1927. Der Justizpalast brennt, die Polizei erschießt 84 Demonstranten. ...

Im zweiten Teil dieses historischen Romans begegnen wir wieder den Familien aus „Der Sturz des Doppeladlers“.

Man schreibt das Jahr 1927. Der Justizpalast brennt, die Polizei erschießt 84 Demonstranten. Mitten im Geschehen sind der Arbeitersohn Viktor Obernosterer und das Heimkind Ernst Belohlavek, beide gerade einmal 10 Jahre alt.
Dann schwenkt der Blick auf die Beamtenfamilie Webern, deren Enkel nun in das Schottengymnasium eintreten soll.
Ein nächster Schwenk richtet sich auf die Familie Holzer in Südtirol, in die Felicitas Webern eingeheiratet hat. Deren Sohn Siegfried ist es bei Strafe verboten, zu Hause oder in der Schule deutsch zu sprechen. Julius Holzer, der ehemalige Kaiserjäger, wird auf Grund seiner Haltung nach Süditalien verbannt.

Die Wege der Familien kreuzen sich immer wieder und die neue Generation hat die Konflikte der alten quasi geerbt.
Die Hoffnungslosigkeit nach dem Zerfall der Donaumonarchie, die Wirtschaftskrise und dem von Engelbert Dollfuss ausgerufenen Ständestaat, dreht sich die Gewaltspirale immer schneller. Der Bürgerkrieg 1934 und der Mord an Engelbert Dollfuss bereiten zuerst langsam und dann immer schneller werdend den Boden für den lachenden Dritten, der noch im Untergrund lauert.

Im Anhaltelager Wöllersdorf sind dann 1934 sowohl Kommunisten und Sozialisten als auch die noch illegalen Nazis interniert. Hier treffen Viktor Obernosterer und Ernst Belohlavek wieder aufeinander, nachdem sie sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben.

Meine Meinung:

Das Schicksal dieser Familien ist wie im ersten Teil wieder dicht mit der Geschichte Österreich verwoben. Die Entwicklung in Richtung NS-Staat ist deutlich zu erkennen.

Der Schreibstil ist packend und die historischen Ereignisse sind penibel recherchiert. Besonders haben mich die Repressalien denen die deutschsprachigen Südtiroler ausgesetzt waren, berührt. Hier werde ich noch ein wenig weiter nachlesen müssen.

Fazit:

Der Autorin ist wieder ein grandioses Porträt dieser Zeit gelungen. Das Buch ist atmosphärisch dicht und menschlich berührend. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 28.12.2018

fesselnd bis zur letzten Seite

Der Jude, der Nazi und seine Mörderin
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Mit diesem Buch ist Autor Paul Kohl ein fesselnder historischer Roman gelungen, der uns in die NS-Zeit mitnimmt.

Wir begegnen vier Menschen, deren Leben sich 1943 in Minsk auf dramatische Weise verknüpft ...

Mit diesem Buch ist Autor Paul Kohl ein fesselnder historischer Roman gelungen, der uns in die NS-Zeit mitnimmt.

Wir begegnen vier Menschen, deren Leben sich 1943 in Minsk auf dramatische Weise verknüpft und für zwei dort auch endet.

Wilhelm Kube, ein Nazi erster Stunde, gewissenlos und korrupt, wird auf Grund seiner Verfehlungen als Generalkommissar in das von den deutschen besetzte Minsk abgeschoben. Wilhelm hat aber noch eine andere Seite: Er dichtet, zum einen schwülstige Liebesgedichte und zum anderen heroische Theaterstücke. In seinem „Totila“ wird Anita Linde vormals Lindenkohl ihren ersten großen Auftritt haben.

Anita Lindenkohl, Tochter eine Sozialisten und Schwägerin einer Jüdin, verliebt sich ebenso sich Hals über Kopf in Kube wie er sich in sie. Sie gibt zwar die Schauspielerei auf der Bühne auf und wird Mutter von Kubes Söhnen. Anita ist ziemlich egozentrisch und sieht nur das, was sie sehen will. Die mörderische Ader ihres Mannes blendet sie aus.

Der Jude Gustav Heimann ist Buchhändler in Berlin und wird 1943 gemeinsam mit seiner Frau Gertud und Tochter Erika in das KZ nach Minsk deportiert. Zuvor ist es dem gewitzten Buchhändler lange Zeit gelungen, den Nazis zu trotzen und sogar das Schild „Heine-Buchhandlung“ zu behalten, nachdem er eine Marie Cäcilie Heine als Sammlerin von deutschem Volksliedgut ausfindig zu machen.

Jelena, die als Waisenkind zahlreiche Misshandlungen erleben muss, wird unfreiwillig zur Partisanin und soll die Geliebte von Wilhelm Kube werden und einen günstigen Augenblick für ein Attentat auf ihn ausspähen.

Meine Meinung:

Autor Paul Kohl ist hier ein fesselnder historischer Roman gelungen, der auf wahren Begebenheiten beruhen. Obwohl klar ist, wie sich das Schicksal der Heimanns erfüllen wird und Kube ermordet wird, ist die Spannung kaum auszuhalten.

Kurz hat mich die Bezeichnung „Ostmark“ für ein Gebiet, mit dem nicht Österreich gemeint ist, irritiert. Doch es hat sich schnell herausgestellt, dass es sich hier um Teile vom Gau Mark Brandenburg mit Frankfurt an der Oder als Hauptstadt handeln muss.

Die Ereignisse sind beklemmend realistisch dargestellt. Vor allem der weitere Lebensweg von Jelena, die in die Mühlen der Sowjetischen Justiz gerät und beinahe als Verräterin und Kollaborateurin hingerichtet wird.

Fazit:

Ein beklemmend erzähltes Stück Zeitgeschichte, dem ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung gebe.

Veröffentlicht am 28.12.2018

Eine musikalische Biografie

Rossini
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Auf rund 200 Seiten erzählt der Autor die Geschichte des italienischen Komponisten Giachino Rossini, der 1792 geboren und 1868 gestorben ist. Rossini lebt in einer politisch unruhigen Zeit, die in dieser ...

Auf rund 200 Seiten erzählt der Autor die Geschichte des italienischen Komponisten Giachino Rossini, der 1792 geboren und 1868 gestorben ist. Rossini lebt in einer politisch unruhigen Zeit, die in dieser Biografie wunderbar in den biografischen Kontext eingewoben ist.

Den zahlreichen Reisen und Auslandsaufenthalten Rossinis ist
Genügend Platz eingeräumt. Wenn man bedenkt, wie mühsam das Reisen mit Kutsche (und später mit der Eisenbahn) war, eine gewaltige Leistung. Seine Zeitgenossen wie Franz Liszt, Giuseppe Verdi, Richard Wagner, Giacomo Meyerbeer oder der junge Mendelssohn, einige sind Fans, die anderen Kritiker, kommen zu Wort.

Wie viele Künstler seiner Zeit leidet auch Rossini an einer Depression, die damals nicht behandelbar ist. Nach einem arbeitsreichen Leben entdeckt er mit knapp vierzig, das „dolce far niente“ und nimmt keine Verpflichtungen mehr an. Gemeinsam mit seiner letzten Ehefrau betreibt er einen musikalischen Salon, in dem das Who-is-Who der Künstlerelite aus und eingeht.
Rossini ist zeit seines Lebens sozial eingestellt. Hat er lange Zeit seine Eltern unterstützt, so stiftet er mit einem Teil seines Vermögens ein Altersheim für Opernsänger in Paris.

Meine Meinung:

Diese Biografie über Giachino Rossini aus der Feder von Joachim Campe liest sich leicht und beschwingt. Das Buch hat mich ein wenig an die Sendung „Der Opernführer“ von und mit Marcel Prawy erinnert, die in meiner Kindheit über den TV-Schirm geflimmert ist.
Campe unterhält die Leser mit Anekdoten und Ausschnitten aus Rossinis Werken.

Das Buch selbst ist gediegen und liebevoll gestaltet. Zahlreiche Abbildungen ergänzen den Text. Das Buch ist als Geschenk an einen Musikliebhaber eine gute Wahl.

Fazit:

Es ist eine wahre Freude, dieses Buch zu lesen. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.