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Venatrix

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Veröffentlicht am 24.02.2019

Google & Co eine Art Ersatzreligion?

Google Unser
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Schon der Titel lässt ahnen, dass hier Anleihen in der Bibel bzw. Religion genommen werden. Gleich zu Beginn steht ein Richtung Google adaptiertes Vater Unser.

In 5 Hauptkapiteln, die noch weiter unterteilt ...

Schon der Titel lässt ahnen, dass hier Anleihen in der Bibel bzw. Religion genommen werden. Gleich zu Beginn steht ein Richtung Google adaptiertes Vater Unser.

In 5 Hauptkapiteln, die noch weiter unterteilt sind, versucht der Autor die Ähnlichkeiten dieses Konzerns mit Religion aufzuzeigen.

Glaube, Geld & Google
Die Kirche der digitalen Neuzeit
Die neuen digitalen Believers
Diagnose der digitalen Moderne
Digitale Aufklärung

Hoffmeister deutet an, dass die aktuelle säkulare Welt nach einer Art Ersatz-Religion sucht. Alle möglichen Ansichten werden zu einer „Pseudoreligion“ erhoben. So gibt es eingefleischte Fans des Wiener Fußballklubs „Rapid“, die bei der Frage nach dem religiösen Bekenntnis „Rapid“ angeben. (Das steht nicht im Buch.)

Wenn Karl Marx, die Religion als „Opium für das Volk“ bezeichnet, so gilt das in viel stärkerem Maße für Google & Co. Ob der chronische Google-Abusus gesünder als Opium ist, mag dahingestellt bleiben. Dazu gibt es noch zu wenige Langzeitstudien.

„Digitale Aufklärung beginnt mit Ideen, Konzepten und Erkenntnissen der Quantenphysik.“ (S.192) Wirklich? Die Menschheit hat seit je gemessen und gewogen.

Wenn, wie Hoffmeister ausführt, Elon Musk glaubt, die Menschheit befindet sich in einer Art Computerspiel, warum jagt Musk dann höchst irdischem Geld und Erfolg nach?

Hoffmeister versucht, mit diesem Buch zu provozieren. Manchmal verliert er sich, dort wo kurze prägnante Aussagen nötig und passend wären, in allzu vielen Details.
Nicht der schöpferische Geist wird zum Göttlichen erhoben, sondern die Möglichkeit der weltumspannenden Verbreitung durch das Internet entpuppt sich als Dienst am Götzen.

Kaum jemand entkommt der allumfassenden Präsenz des www und seiner Inhalte. Die Menscheit wird beeinflusst, manipuliert und in eine bestimmte Richtung gedrängt.

Der Autor gibt einige Denkanstöße und jeder Leser kann sich seine eigene Meinung bilden.

Fazit:

Ein interessantes Buch, das sich zu lesen lohnt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 24.02.2019

Ein bissige kritischer Blick auf Österreichs POlitik

Biedermeiern
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Unter Biedermeier versteht man die Politikverdrossenheit, das Abwenden von der gefährlichen Politik, die Resignation, den Rückzug ins Privatleben und die Fokussierung auf sein eigenes kleines Glück. Kommt ...

Unter Biedermeier versteht man die Politikverdrossenheit, das Abwenden von der gefährlichen Politik, die Resignation, den Rückzug ins Privatleben und die Fokussierung auf sein eigenes kleines Glück. Kommt uns das bekannt vor? Diese Epoche (1815-1848) ist die Antwort auf das Ende der Napoleonischen Kriege, auf die „feste“ Hand der Reaktion, der Zensur und die Resignation der Bürger, die sich mehr Gedankenfreiheit erhofft hatten. Und jetzt, mehr als 200 Jahre später, scheint sich die Bevölkerung auf ähnliches zu besinnen?

Dieses Buch ist die Zusammenfassung ihrer Kommentare, die sie seit der Nationalratswahl 2017 bis November 2018 geschrieben hat. („An diesem wahlergebnis sind die Inländer schuld.“ Biedermeiern Tag 1).
Das Buch ist als Blog gestaltet und durchgängig in Kleinbuchstaben gehalten, was für mich persönlich anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig war. Nicht gewöhnungsbedürftig ist der pointierte, bissige und kritische Schreibstil. Mit vielen ihrer politisch unkorrekten Kommentare spricht sie auch mir aus der Seele.

Herrlich sind die Verballhornungen wie fezbuch, witzekanzler und bubenkanzler. Die Karikaturen sind ebenso treffend wie der Blick auf die unglücklich agierende Opposition. Dazu siehe Tag 277:
„Besonders unerträglich macht diese schlechte regierung erst diese schlechte opposition.“ Dem ist leider wenig hinzuzufügen.

Mir gefällt „Biedermeiern Tag 24“ ausnehmend gut:

„Früher hatte ich keinen respekt vor politikern, weil ich jung und ahnungslos war.
Heute habe ich keinen respekt vor Politikern, weil die jung und ahnungslos sind.“

Der Schlusssatz der Betrachtung von Tag 374, „hauptsach’ die sozen san weg“ scheint überhaupt das Credo der aktuellen Bundesregierung zu sein., egal wie sinnvoll ein Vorschlag, eine Aktion der Sozialdemokraten war oder ist, alles was eine „soz’n“ Handschrift trägt, muss weg. Auch das hatten wir schon einmal ...
Bin schon gespannt, wann die ersten, die diese Regierung gewählt haben, entdecken, dass viele Änderungen, z.B. im Sozialbereich, nicht "für den kleinen Mann" sondern gerade zu gegen dieses Klientel gerichtet ist.
Da muss ich doch glatt noch ein Zitat von François de Neufchâteau (1750-1828) anbringen: "Das Volk wird der Regierung nur dann vertrauen, wenn es ihm gut geht."

Livia Klingl ist Journalistin und hat bereits mehrere Sachbücher herausgebracht. Als Auslandskorrespondentin sieht sie die österreichische Politik mit einem kritischen Auge.

Dem Verlag Kremayr & Scheriau ist hier ein tolles Buch gelungen. Schon das Cover, das als Biedermeier-Tapete gestaltet ist, und ein Guckloch gleich einem Schlüsselloch aufweist, weckt Interesse und macht neugierig auf den Inhalt.

Gerne gebe ich 5 Sterne.

Veröffentlicht am 20.02.2019

26 Geschichten, die das Leben so schrieb

Marillen & Sauerkraut
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Harald Jöllinger hat in seinem Debüt 26 teilweise bitterböse Ge-schichten aus dem Leben aufgeschrieben, die dem Geschmack „Marille“ (für fruchtig, süßsauer) und „Sauerkraut“ (für vergoren, lange haltbar) ...

Harald Jöllinger hat in seinem Debüt 26 teilweise bitterböse Ge-schichten aus dem Leben aufgeschrieben, die dem Geschmack „Marille“ (für fruchtig, süßsauer) und „Sauerkraut“ (für vergoren, lange haltbar) zugeordnet sind.

Ein Großteil der Geschichten ist herrlich skurril, wie z.B. die Schneckengeschichte oder die arme Gelse, die sich den Stechrüssel an einem fettleibigen Mann verbiegt. Auch die „hinige Puff’n“ habe ich ein wenig ins Herz geschlossen.

Einige Erzählungen befassen sich mit jenen Menschen, die sich auf der Schattenseite des Leben befinden: Mit den Obdachlosen, den Alkoholikern und auch mit den demenzkranken Alten, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, sie aber im hektischen Alltag nicht erhalten. Apropos Alkohol – der fließt in Strömen. Sei es als Bier oder Wein oder gar als hochprozentiges „Marillenzeug vom Ferdl“.

Die beiden Geschichte(n), die einen Heiratsantrag zum Thema haben, sind sowohl in der „Marillen-Fraktion“ als auch in der „Sauerkraut-Abteilung“ zu finden. Die scheinen, jeweils den Übergang zur andern Geschmacksrichtung oder zur anderen Gemütsverfassung zu bilden.

Meine Meinung:

Es scheint, als schriebe Harald Jöllinger so, wie ihm der Schna-bel gewachsen ist. Kurzweilig, manchmal derb, im Wiener Dialekt, der vielleicht Lesern außerhalb der Bundeshauptstadt Schwierigkeiten machen könnte. Aber nur vielleicht, denn im Anhang ist ein ausführliches Glossar vorhanden. Sehr aufmerksam!

Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Grant und dem Scharfsinn des legendären Helmut Qualtinger ist wohl nicht ganz zufällig und auch nicht ganz ungewollt.

Fazit:

Geschichten, die das Leben so schreibt. Gerne gebe ich für die Anthologie 4 Sterne.

Veröffentlicht am 18.02.2019

Hat mich nicht ganz überzeugt

Sühneopfer
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Matt Hunter zieht mit seiner Frau Wren und den beiden Töchtern in die kleine Ortschaft Hobbs Hill. Wren, die Architektin, soll dort eine alte Kirche renovieren. Matt, Ex-Pfarrer und Buchautor will diese ...

Matt Hunter zieht mit seiner Frau Wren und den beiden Töchtern in die kleine Ortschaft Hobbs Hill. Wren, die Architektin, soll dort eine alte Kirche renovieren. Matt, Ex-Pfarrer und Buchautor will diese Zeit nützen, ein Buch zu schreiben.

Gleich bei der Ankunft entdeckt er, dass der dortige Pfarrer ein Studienkollege ist und die Menschen irgendwie eigenartig religiös wirken. Vor jedem Haus stehen Kreuze. Das irritiert Matt, der nach einem schweren Schicksalsschlag mit Gott hadert.
Als dann noch mehrere Frauen spurlos verschwinden, ist es mit der Idylle vorbei. Matt, der schon mehrmals der Polizei bei religiös motivierten Verbrechen zur Seite gestanden ist, bietet auch den örtlichen Polizisten sein Knowhow an.

Meine Meinung:

Dieser Thriller hat mich nicht wirklich überzeugt, was vermutlich meiner Distanz den Religionen gegenüber geschuldet ist. Religiöser Wahn und Fundamentalismus im Glauben sind jetzt sogar nicht meines.

Die seltsame Spannung, die in diesem Dorf in der Luft liegt, ist deutlich spürbar. Dass ausgerechnet Wren den Auftrag erhalten soll, scheint ebenfalls ein abgekartetes perfides Spiel zu sein genauso wie die Versuche des Pfarrers Matt wieder auf den (seiner Meinung nach) richtigen Weg zum Glauben zu drängen. Matt hat gute Gründe, sich von der Kirche abzuwenden und die müssen akzeptiert werden.

Fazit:

Wie gesagt, hier bin ich nicht überzeugt und kann daher nur 3 Sterne vergeben.

Veröffentlicht am 17.02.2019

Eine Reise in die Weiten des zaristischen Russlands

Die Russland-Expedition
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Alexander von Humboldt (1769-1859) ist spätestens seit Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ in der Welt der Literatur kein Unbekannter. Im Gegensatz zu Kehlmanns fiktivem Zusammentreffen mit Carl Friedrich ...

Alexander von Humboldt (1769-1859) ist spätestens seit Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ in der Welt der Literatur kein Unbekannter. Im Gegensatz zu Kehlmanns fiktivem Zusammentreffen mit Carl Friedrich Gauss können wir hier Humboldts Briefe lesen, die er während seiner Russland-Expedition an seinen Bruder Wilhelm, seinen Freund Francois Arago, den russischen Finanzminister Cancrin, dessen Frau sowie an den preußischen Gesandten von Schöler schreibt.

Mit dieser Reise erfüllt sich Alexander von Humboldt im reifen Alter von 60 Jahren einen Jugendtraum. Er nimmt die Einladung von Zar Nikolaus I. 1829 an und reist mit den forschenden Kollegen wie Gottfried Ehrenberg und Gustav Rose mehr als 19.000 Kilometer durch Eurasien bis zur chinesischen Mauer. Doch so ganz uneigennützig ist die vom Zaren finanzierte Reise nicht: Nikolaus I. Erwartet Aufschluss über die vermuteten Gold- und Diamantenvorkommen im Ural.

Gleich zu Beginn der Reise trifft Humboldt noch einen alten Bekannten, dessen Name mein Vermesserherz ein wenig höher schlagen lässt: Friedrich Wilhelm Bessel, ein Astronom, Mathematiker, Physiker und Geodät, der das nach ihm benannte und heute noch gültige Erdellipsoid berechnete. Und überhaupt Geodäsie - Humboldt berichtet über barometrische Höhenmessungen und andere Vermessungen (leider viel zu wenig für mich), erwähnt die Markscheider und ihre Bemühungen, die in diese Expedition gesetzten Erwartungen, bezüglich Erzlagerstätten zu erfüllen.

Die Reisenden sind ständig von russischen Truppen eskortiert und sollen/dürfen keinen Meter von der vorgegebenen Route abweichen. So lernen sie die wahren Zustände im Zarenreich nicht wirklich kennen. Nur ab und zu erhaschen sie einen Blick auf die russische Wirklichkeit.

„Auf diesem Wege sahen wir zum ersten Mal einen Transport von Verbannten, die nach Sibirien geschickt wurden. Er bestand aus Frauen und Mädchen, etwa 60 – 80 an der Zahl. Sie gingen frei, waren also nur leichtere Verbrecher; …“

Welche Schlüsse Humboldt daraus zieht? Da einige der Briefe gekürzt sind, ist dies nicht eindeutig auszumachen. Allerdings versucht er zu helfen, so gut das unter der Bewachung der kaiserlichen Eskorte geht.

Sehr interessant zu lesen, sind die Beobachtungen von Stadt und Land, von Sitten und Gebräuchen, von Kleidung und Speisen, die nicht immer ganz so bekömmlich sind. Hier spricht der erfahrene Beobachter und Forscher aus seinen Briefen. Humboldt verschweigt auch die Mühsal der Reisen nicht, obwohl er ja durch zaristische Ukas ja privilegiert reist, können Schlechtwetter, Hitze oder sonstige Verzögerungen nicht ausgeschlossen werden.

Sehr interessant sind die nur ganz behutsam redigierten Briefe zu lesen. Die Orthografie und die Beistrichsetzung sind Großteils wie im Original beibehalten. Die damalige Sprache ist für unsere Verhältnisse blumig und poetisch.

Die in Inneren der Buchdeckel abgedruckten Karten erleichtern die Orientierung und lassen uns die Entfernungen, die Alexander von Humboldt mit seiner Reisegruppe zurückgelegt hat, besser einschätzen.

Fazit:

Ein Reisebericht, der mir sehr gut gefallen hat und dem ich gerne 5 Stern gebe.