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Veröffentlicht am 15.03.2019

Ein historisch bemerkenswert dokumentierter Einblick

Abgehört
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„Abgehört“ ist ein ungewöhnliches und schwieriges Buch. Zugrunde liegen ihm Protokolle, die die Briten von abgehörten Gesprächen kriegsgefangener deutscher Generäle (und einiger anderer hochrangiger Wehrmachtsangehöriger) ...

„Abgehört“ ist ein ungewöhnliches und schwieriges Buch. Zugrunde liegen ihm Protokolle, die die Briten von abgehörten Gesprächen kriegsgefangener deutscher Generäle (und einiger anderer hochrangiger Wehrmachtsangehöriger) machten. Diese Gespräche wurden geführt, ohne daß die Deutschen sich der Abhörung bewußt waren, so sind sie von einer Unbefangenheit, die man in offiziellen Memoiren, Interviews und anderen Texten nie finden würde. Dadurch, daß wir in den Protokollen die direkte wörtliche Rede lesen, gewinnen diese Gesprächsausschnitte auch noch einmal eine starke Unmittelbarkeit.

Der erste Teil der Buches erklärt die Situation, in der die Protokolle erstellt wurden und teilt die Gespräche in vier Themenschwerpunkte auf (Meinungen zur Kriegslage, Kriegsverbrechen, 20. Juli, Kollaboration/Mitwirkung beim Neuaufbau). Hier werden die Gesprächsprotokolle zusammengefaßt, ein wenig erklärt, es gibt Hintergrundinformationen. Die eigentlichen Gesprächsprotokolle, ebenfalls in Kapiteln zu jenen Themenschwerpunkten aufgeteilt, finden sich dann auf rund 350 Seiten in der Mitte des Buches. Anschließend folgen Kurzbiographien der Gesprächsführenden, die auch eine Einschätzung des jeweiligen Charakters sowohl durch Wehrmachtsvorgesetzte wie auch Briten oder Amerikaner beinhaltet. So werden uns die Personen über den reinen Lebenslauf hinaus nähergebracht. Leider fehlten hier meistens Informationen zum Werdegang nach dem Krieg. Ein umfangreicher (über 100 Seiten) Fußnotenteil erklärt viele Punkte der Gesprächsprotolle, gibt Hintergrundinformationen, rückt manche Information in den historischen Kontext oder auch ins richtige Licht, denn auch unter sich sind die Herren nicht immer ganz ehrlich oder neigen manchmal zur Schönfärberei.

Vor dieser ausführlichen Bearbeitung, insbesondere den in den Biographien und Fußnoten zusammengetragenen Hintergrundinformationen, kann man nur höchsten Respekt haben. Das ist eine bemerkenswerte Historikerleistung. Die Fußnoten sind sehr ausführlich und wurden von mir häufig zu Rate gezogen. Da oben auf jeder Seite vermerkt ist, auf welche Seitenabschnitte sich die jeweiligen Fußnoten beziehen, ist die richtige Seite auch immer rasch gefunden - es entfällt das zähe Suchen nach Kapitelnummer und Fußnotennummer. Solch eine Benutzerfreundlichkeit ist so einfach, und trotzdem in Sachbüchern selten.

Die Vorbemerkungen sind hilfreich, aber sie nehmen schon vieles aus den Gesprächsprotokollen vorweg. Die Protokolle selbst sind ausgesprochen interessant, man bekommt hier sonst nicht mögliche Einblicke. Einige der Protokolle wiederholen sich im Inhalt ziemlich, gerade wenn es um die Kriegslage geht. Hier hätte einiges ausgelassen werden können, ohne daß der inhaltliche Eindruck beeinträchtigt worden wäre. Wie die Kriegslage gesehen wurde, welche Überlegungen man zur Zukunft anstellte, ist natürlich gerade mit heutigem historischen Wissen faszinierend zu lesen. Auch die inneren Einblicke in Gespräche mit führenden Köpfen der Diktatur waren lesenswert, manchmal - sofern man das in diesem Kontext überhaupt sagen kann - aufgrund der flapsigen Ausdrucksweise in den Protokollen fast amüsant. Ein Bericht behandelt ein vertrauliches militärisches Gespräch mit Göring, der wie ein chinesischer Mandarin in farbenfrohe Seide gekleidet und reichlich mit Juwelen behängt ist, das verwöhnte Töchterchen Edda spielt im Zimmer und unterbricht die Besprechung, weil ihr Perlenkettchen kaputt gegangen ist - das ist alles so grotesk und lächerlich, dazu so locker erzählt, daß man trotz allem schmunzeln muß.

Ein entsetzlicher Gegensatz dazu das Kapitel über Kriegsverbrechen. Hier konnte ich nur in ganz kleinen Abschnitten lesen. Man kennt die dort berichteten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und doch ist es immer wieder furchtbar, darüber zu lesen. Aufschlußreich aber die Haltungen der sich Unterhaltenden hier. Es gibt einige wenige, die sich generell gegen diese Verbrechen aussprechen. Andere subsumieren es unter militärischer Notwendigkeit, oder empören sich gegen die Art und Weise, nicht aber dagegen, daß unzählige unschuldige Menschen, vom Baby bis zum Greis, qualvoll ermordet wurden. Besonders interessant - und erschreckend - ist es, daß sogar jene, die gegen die Nazidiktatur einstellt sind, häufig einen starken Antisemitismus zeigen und Verbrechen gegen ihre jüdischen Mitmenschen durchaus gerechtfertigt finden.

Eindringlich sind auch viele der Protokolle über den 20. Juli. Einer der Gesprächsführenden ist nach diesem Attentat verhaftet worden und berichtet darüber. Es krampft einem beim Lesen das Herz. Diese persönlichen Komponenten spielen auch eine Rolle, wenn diskutiert wird, inwieweit man sich aus der Gefangenschaft am Widerstand beteiligt (zB durch Radio- oder Zeitungsaufrufe). Hier ist allen sich in England in Sicherheit befindlichen Männern klar, daß sie dadurch ihre Familien in Gefahr bringen würden. Auch die Aussichtslosigkeit des Krieges wird sehr klar formuliert: „Man kann ja nichts weiter machen als nur sterben, denn wenn man zurückgeht, wird man ja erschossen. (…) Denn wenn sie vorne nicht totgehen, werden sie hinten totgemacht.“ Tod an der Front oder Tod durch die eigene Regierung, das war für die Soldaten die Realität.

Die unterschiedlichen Meinungen sind interessant zu lesen. Es gibt jene, die bis zum Ende jedes Wort gegen die Diktatur als Verrat ansehen. Jene, die den Nationalsozialismus als Idee weiterhin gut finden, nur an der Umsetzung hätte es eben gehapert. Und jene, die, entweder von Anfang an, oder durch ihre Kriegs- oder Gefangenschaftserfahrungen, wissen, welch verbrecherisches Regime da agiert. „Wir haben uns ja versündigt, nicht Sie und nicht ich, aber wir auch als Repräsentanten dieses Systems, indem wir gehaust haben gegen alle sittlichen Gesetze auf der ganzen Welt.“

Veröffentlicht am 10.03.2019

Interessante Geschichte, zäh erzählt

Der verbotene Fluss
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In diesem Buch begleiten wir die junge Deutsche Charlotte ins spätviktorianische England des Jahres 1890, wo sie auf dem Landsitz Chalk Hill eine Stelle als Gouvernante angenommen hat. Das Erzähltempo ...

In diesem Buch begleiten wir die junge Deutsche Charlotte ins spätviktorianische England des Jahres 1890, wo sie auf dem Landsitz Chalk Hill eine Stelle als Gouvernante angenommen hat. Das Erzähltempo zu Beginn ist erfreulich, die Erzählung von Charlottes Anreise und ihren ersten Eindrücken von England liest sich flüssig. Charlotte selbst wird uns hervorragend nahegebracht. Ohne langwierige Erklärungen wird ihr Charakter greifbar und bekommt rasch Kontur. Auch die anderen Charaktere des Buches, selbst diejenigen, die nur kurz vorkommen, sind sehr gut konzipiert und lebendig. Man kann sie sich ebenso gut vorstellen wie die diversen Schauplätze. Ob es nun der gemütliche Pub ist, in dem Charlotte ihr erste Abendessen einnimmt, das elegante unterkühlte Eßzimmer auf Chalk Hill, Charlottes gemütliches Schlafzimmer oder die entzückende Teestube, bei der ich immer Lust auf Scones bekam – ich sah es beim Lesen richtig vor mir.

Die Mutter von Charlottes Schützling Emily starb einige Monate zuvor und der Witwer, Sir Andrew, hat seiner Tochter, allen Dienstboten und überhaupt allen Menschen in seinem Umfeld verboten, sie auch nur zu erwähnen. Das fand ich deshalb irritierend, weil es so sinnlos ist. Natürlich wird es nicht möglich sein, eine gerade verstorbene Frau nie zu erwähnen, gerade ihrer 8jährigen Tochter nicht. Natürlich werden die Leute sich verplappern, was sie ja dann im Buch auch unablässig tun. Und natürlich wird durch so eine Anordnung die Neugier und der Klatsch erst recht angefacht. Sir Andrew als intelligenter und rationaler Mann sollte das wissen. Und anstatt seine neue Gouvernante wenigstens knapp zu informieren, erwähnt er ihr gegenüber kein Wort davon und so erfährt sie vom ersten Moment aus versehentlich gemachten Bemerkungen lauter kleine Details, die ihre Neugier mehr anfachen, als es zwei erklärende Sätze von Sir Andrew getan hätten.

Nun müssen aufgrund dieses Konstrukts lauter Situationen geschaffen werden, in denen Charlotte zufällig etwas über den geheimnisvollen Tod erfährt und dies geht leider sehr zu Lasten der Erzähltempos. Es werden zahlreiche belanglose Alltagssituationen geschildert und ich fand irgendwann die ganzen Spaziergänge, Teekuchenverzehrungen, Plaudereien uä sehr langweilig, außerdem ähnelten sich die Szenen im Konstrukt zu sehr und es gab mir etwas zu viele Zufälle. Während Charlotte also in quälender Langsamkeit ein Puzzlestück nach dem anderen erhält, widmen sich immer wieder einzelne Kapitel dem Journalisten Thomas Ashdown in London. Hier ist die Charakterzeichnung nicht so gut, die Leute blieben mir fremd und der Anteil der irrelevanten Szenen und unnötigen Details war noch größer. Was Tom mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat, erfahren wir auch erst auf Seite 260 und so waren seine Kapitel für mich unwillkommene Unterbrechungen. Letztlich war er für das weitere Geschehen mE auch nicht in dem Maße relevant, daß es seine ausführliche Vorgeschichte gebraucht hätte. Hier wurde zudem leider auf Kosten der Handlung versucht, zu viel Zeitgenössisches unterzubringen. Außerdem neigen er und Charlotte beide zum ausführlichen Grübeln, wodurch wir bereits Gelesenes dann noch einmal erfahren.

Zum Ende hin wird das Tempo wieder besser und die Geschichte selbst ist durchaus originell und vielschichtig. Mit einer strafferen Erzählweise hätte dies ein sehr gutes Buch sein können, auch weil Charlotte ein interessanter Charakter ist, an dem ich als Leser Anteil nehmen konnte und bei dem Stereotype vermieden wurden. So aber ist es mir alles zu überfrachtet und im Mittelteil mußte ich mich manchmal zum Weiterlesen zwingen und habe auch einiges überflogen. Geärgert hat mich ein etwas plumper Fehler, als auf die Frage „Sie sprechen von einer Geisteskrankheit?" geantwortet wird „Sie sieht Geister, in der Tat.“ Der Roman spielt in England und in der englischen Sprache gibt es keinen Begriff für „Geisteskrankheit", der eines der englischen Worte für „Geister" beinhaltet. Dieses Wortspiel wäre also im Englischen unmöglich.

Die Autorin hat ein kleines Nachwort angehängt, in dem nützliche Hintergrundinformationen enthalten sind. Sie erwähnt dort auch, daß sie von „Jane Eyre" inspiriert war und etwas Ähnliches schaffen wollte. Den Leser zu einem derartigen Vergleich mit einem der besten viktorianischen Romane einzuladen ist…mutig.

Veröffentlicht am 04.03.2019

Eine Geschichte voller Sprachkunst, psychologischer Raffinesse und Verstörendem

Nada
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"Tief in der Nacht krochen dunkle Gewitterwolken wie endlos lange Finger über den Himmel. Schließlich erdrosselten sie den Mond."

Das oben wiedergegebene Zitat zeigt nicht nur die herrliche Sprachgewalt ...

"Tief in der Nacht krochen dunkle Gewitterwolken wie endlos lange Finger über den Himmel. Schließlich erdrosselten sie den Mond."

Das oben wiedergegebene Zitat zeigt nicht nur die herrliche Sprachgewalt dieses Buches, sondern faßt auch die herrschende Atmosphäre der Geschichte gut zusammen. Es ist ein ausgesprochen düsteres Buch, eine Welt voller Gewalt, Frustration, gestohlener Chancen, Grausamkeit und Depression. Wir begleiten die 18jährige Andrea, die voller Hoffnung auf neue Unabhängigkeit und ein interessantes Leben zu ihrem Studium nach Barcelona kommt, wo sie bei ihrer Familie leben wird. Es ist 1944, der Spanische Bürgerkrieg ist noch frisch in der Erinnerung und den Nachwirkungen, Francos brutale Diktatur in ihrer unnachgiebigsten Phase, Hunger und Mangel herrschen allenthalben (etwa 200.000 Spanier verhungerten in den 1940er Jahren aufgrund schlechter Rationen).

Carmen Laforet schrieb dieses Buch 1945, laut einiger Quellen ist es semibiographisch, auch wenn die Autorin dies abstritt. In jedem Fall kennt sie diese düstere Zeit aus eigener Erfahrung, studierte zudem ebenfalls in Barcelona und kennt auch die Stadt und ihre Situation in den 1940ern. Sie schrieb in einem Regine mit strenger Zensur, was erklärt, daß vieles im Buch ungesagt bleibt oder symbolisch verbrämt wird. Daß das Buch überhaupt veröffentlicht wurde, liegt daran, daß die Zensoren davon ausgingen, daß es kaum jemand kaufen würde und somit seine Wirkung unterschätzten. Wer es also mag, daß die Fäden der Geschichte am Ende verknüpft, die offenen Fragen geklärt sind, für den ist dieses Buch nicht das Richtige.

Andreas Optimismus schwindet schnell dem, was sie "Alptraum" nennt - ihrer zutiefst psychologisch auffälligen Familie, die in einer heruntergekommenen, vor Dreck starrenden Wohnung haust und sich beständig verbal und körperlich attackiert. Die Schilderungen von Wohnung und Familie sind ausgesprochen verstörend - und zugleich faszinierend. Kurze Rückblicke, Momentaufnahmen aus besseren Zeiten, zeigen uns, daß zumindest der soziale Status der Familie einmal ein ganz anderer war und es dort gepflegter und kulturell reicher zuging. So sind Wohnung und Familie symptomatisch für das, was auch Spanien in dieser Zeit erlebte - der Verlust der alten Werte, der Hoffnung, der Schönheit. Stattdessen das Leben als Überlebenskampf, der Einzug von Gewalt in den Alltag. Nach und nach erfahren wir mehr über die einzelnen Familienmitglieder und ich konnte das Buch kaum niederlegen, so gespannt war ich darauf, was sich als nächstes offenbaren würde, was wir über die Familie und ihr Trauma erfahren würden.

Kontrastierend dazu sind Andreas Erfahrungen an der Universität, mit der hübschen Ena aus gutem Hause, einer Gruppe Bohemiens, einigen jungen Männern, die an ihr bzw Ena interessiert sind. Sie sucht eine Welt außerhalb ihrer ver- und gestörten Familie und merkt, daß sie so richtig nirgendwo dazupaßt. Hier gab es im Buch einige Längen, im Mittelteil wurde mir zu viel von diesen Kontakten Andreas mit den diversen Gruppen geschildert. Mir fehlte das, was dieses Buch so außerordentlich machte - diese grenzenlose Abscheulichkeit der Familie und ihrer Wohnung. Auch sind manche Szenen des Buches zu überzeichnet und surreal für meinen Geschmack.

Zuletzt finden sich aber Verbindungen, manches zuvor belanglos Erscheinende ergibt Sinn (anderes nicht) und die letzten Kapitel sind fulminant, mit schockierenden Ereignissen und Entwicklungen. Es bleiben Rätsel, unbeantwortete Fragen, Unklarheiten, und das ist frustrierend, aber wie oben geschrieben muß man den Kontext beachten, in dem dieser Roman geschrieben wurde.

Das, was dieses Buch aber ganz besonders hervorhebt, was auch bei den weniger interessanten Passagen wie ein Geschenk war, ist der Schreibstil. Hier auch ein Kompliment an die Übersetzerin, die diese Sprachgewalt aus dem Spanischen so gut ins Deutsche gebracht hat. Selten habe ich so viele traumhaft schöne Sätze gelesen, so ein gelungenes Malen mit Worten erlebt, solche Sprachkunst genossen. Alleine dafür lohnt es sich, das Buch zu lesen.

Veröffentlicht am 03.03.2019

Ein Strom entrauscht umwölktem Felsensaale

Herrlich wie am ersten Tag
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Goethes Umgang mit Sprache war meisterhaft und man kann vor dieser Wortgewalt oft nur bewundernd stehen und staunen. In diesem Buch sind nun 125 seiner Gedichte versammelt, zu jedem Gedicht gibt es Gedanken ...

Goethes Umgang mit Sprache war meisterhaft und man kann vor dieser Wortgewalt oft nur bewundernd stehen und staunen. In diesem Buch sind nun 125 seiner Gedichte versammelt, zu jedem Gedicht gibt es Gedanken und Interpretationen deutschsprachiger Autoren. Diese erschienen ab 1974 wöchentlich in der FAZ und wurden hier in einem Buch zusammengefaßt - eine sehr gute Idee. Wie bei allen insel Taschenbüchern ist die Aufmachung ansprechend.

Die Gedichte werden in mehr oder weniger chronologischer Reihenfolge präsentiert, so daß wir Goethe poetisch durch sein Leben begleiten können. Auf dies eine hervorragende Idee - viele der die Gedichte kommentierenden Texte gehen auf seine jeweilige biographische Situation ein, so daß wir hier auch eine Art Biographie haben. Zudem kann man durch diese Darbietung den sich verändernden Stil Goethes beobachten. Die sprudelnd enthuisiastische Lebensfreude der ersten Gedichte führt allmählich zu dem manchmal resignierten, manchmal gelassenen kontemplativen Stil der Altersgedichte.

Die Gedichte selbst sind eine gute Mischung aus bekannten und unbekannten Werken. Es sind Gedichte dabei, die mir den Atem nahmen und welche, bei denen ich etwas gleichgültig die Schultern zuckte. Auch der große Goethe hat nicht nur perfekte Gedichte verfaßt. Am besten war er meiner ganz persönlichen Meinung nach immer, wenn er über die Natur schrieb. Niemand sonst kann die vielfältige Schönheit der Natur so wundervoll einfangen, in solch atemberaubende Wortschöpfungen kleiden. Das "Ein Strom entrauscht umwölktem Felsensaale" aus der Rezensionsüberschrift ist eine solche Gedichtzeile, die ich wieder und wieder las. Die meisten hier abgedruckten Gedichte sind ein wahres Vergnügen, die Auswahl gut getroffen.

Auch die begleitenden Texte bieten wechselndes Lesevergnügen und leider waren hier jene Texte,die ich nicht so gelungen fand, doch häufiger. Dies ist eine absolute Geschmackssache und das ist auch einer der Pluspunkte dieses Buches - über 75 Autoren haben ihre Interpretationen und Kommentare beigetragen, jeder hat seinen individuellen Stil und seine Sichtweise eingebracht, und so findet sich für jeden Leser viel Nützliches und Angenehmes, wenn es auch eben von Leser zu Leser differieren wird, welche der Kommentare als nützlich und angenehm empfunden werden. Viele verlieren sich für meinen Geschmack zu sehr in Versrhythmen und technischen Bemerkungen zu Jamben und dergleichen. Gabriele Wohmann schrieb lieber über sich selbst als über das jeweilige Gedicht. Klara Obermüller zwingt dem Gedicht "Das Veilchen" eine verkrampft-feministische Deutung auf; stellt selbst fest, daß diese eigentlich nicht paßt und preßt das Gedicht dann trotzdem in ein feministisches schwarz-weiß Weltbild. Marcel Reich-Ranicki empört sich wie ein beleidigter Junge über das satirisch-plumpe Gedicht "Rezensent" und unterstellt Volksverhetzung, Unterstützung der Todesstrafe und Gegnerschaft der Meinungsfreiheit. Falls er das nun auch satirisch gemeint hat, ist das seinem Text nicht anzumerken. Dafür trägt er mit seinem Kommentar zu "Alle Freuden, die unendlichen" dann wieder einen der schönsten Texte des Buches bei - ein gutes Beispiel für die Vielfalt der Kommentare und Interpretationen. Einige mir bislang unbekannte Autoren haben so wundervolle Kommentare verfaßt, daß ich gleich nachsah, welche Bücher sie geschrieben haben, und so neue Autoren für mich entdeckte. Das Buch ist auf mehrfache Weise eine Fundgrube.

Und so bekam ich hier einen tieferen Einblick in Goethes Lyrik und Leben, in die verschiedenen Sichtweisen der Kommentatoren, entdeckte manch mir unbekannte Gedichtperle und eben auch manch mir unbekannten Autor.

Veröffentlicht am 02.03.2019

Viele Informationen, keine gute Gewichtung, oft viel zu trocken

Meilensteine der deutschen Geschichte
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Das Buch verspricht, über die Meilensteine der deutschen Geschichte "von der Antike bis heute" zu informieren. Dies tut es durchaus, allerdings nicht durchweg gut.

Positiv ist zunächst die Gestaltung ...

Das Buch verspricht, über die Meilensteine der deutschen Geschichte "von der Antike bis heute" zu informieren. Dies tut es durchaus, allerdings nicht durchweg gut.

Positiv ist zunächst die Gestaltung zu vermerken, es gibt zahlreiche qualitativ gute Abbildungen, viele Karten und Übersichten. Sehr schön die Übersichten der jeweiligen Landesherrscher, auch wenn man diese immer etwas in den jeweiligen Abschnitten suchen muß. Alle diese Übersichten zusammen in einem Anhang hätte ich übersichtlicher gefunden.
Relevante Begriffe, Geschehnisse oder Persönlichkeiten erhalten in den Außenmargen des Buches Zusammenfasungen in farbiger Schrift, bei Persönlichkeiten auch immer mit einem kleinen Bild der Person. Leider werden nie die Lebensdaten angegeben, was ich schade finde. Diese Zusammenfassungen sind übersichtlich und thematisch gut gewählt.
Jedem Zeitabschnitt ist eine Zeitleiste und eine zusammenfassende EInführung vorangestellt, die für einen schnellen Überblick sehr nützlich ist.

Ebenfalls positiv hervorzugeben ist, daß neben den geschichtlichen Ereignissen auch fast immer ein Überblick über Alltag, Kultur, Bevölkerungsgruppen gegeben wird. Viele Zusammenhänge und Erklärungen späterer Entwicklungen werden informativ und klar dargestellt, das habe ich nicht oft so gut erlebt. Thematisch gibt es eine gute Vielfalt, allerdings variiert auch die Tiefe, mit der diese Themen betrachtet werden, sehr.

Was mich ganz erheblich gestört hat, war die ungleiche Gewichtung der Epochen. Der erste Abschnitt (1. Jh - 919) ist ganze 9 Seiten lang (inkl 2 Seiten Einführung), bzw kurz! Römerzeit, Germanen, Kelten, Völkerwanderung, Frankenreich...alles auf 7 Seiten Text abgehandelt. Das ist für ein 500seitiges Geschichtswerk, welches die gesamte deutsche Geschichte abdecken möchte, einfach indiskutabel. Das Mittelalter erhält etwas über 40 Seiten, die faszinierenden 200 Jahre der Staufer werden darin in gerade mal 2 Seiten beschrieben. Wie soll man über solch wichtige und interessante Epochen denn hier etwas erfahren? Ungefähr die Hälfte des gesamten Buches ist der Zeit ab 1914 gewidmet. Dieses Ungleichgewicht ist ärgerlich und für ein seriöses Geschichtswerk inakzeptabel.

Vom Schreibstil her hat mich das Buch nicht überzeugt. Es wurde von verschiedenen Autoren verfaßt und so ist auch der Schreibstil unterschiedlich. Manche Bereiche sind recht gut und angenehm lesbar, andere so unglaublich trocken und langweilig, daß ich mich zwingen mußte, weiterzulesen. Richtig begeistert hat mich keiner der Texte. Geschichte ist so spannend, so lebendig, oft aufregend wie ein toller Roman. Davon spiegelt dieses Buch überhaupt nichts wider. Man kann seine Fakten hier entnehmen, sich über manche (aber eben nicht alle!) Meilensteine unserer Geschichte recht ausführlich informieren, Spaß an der Geschichte bekommt man hier aber nicht.

So gehört dieses Buch trotz mehrerer guter Aspekte insgesamt leider zu den Geschichtsbüchern, die mir wenig Freude bereitet haben.