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Veröffentlicht am 10.04.2024

Als Einführung und bei leichten Schlafstörungen hilfreich

Schlaf - Das Elixier des Lebens
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Als jemand mit einer über zwanzigjährigen „Karriere“ im Bereich Schlafstörungen bin ich ständig auf der Suche nach hilfreichen Informationen. Die gängigen, für mich leider nicht hilfreichen, Ratschläge ...

Als jemand mit einer über zwanzigjährigen „Karriere“ im Bereich Schlafstörungen bin ich ständig auf der Suche nach hilfreichen Informationen. Die gängigen, für mich leider nicht hilfreichen, Ratschläge kann ich mittlerweile herunterbeten und habe sie auch alle ausprobiert. An diesem Buch zog mich nun das Versprechen einer „revolutionären Schlafformel“ an, sowie die Tatsache, daß es sich bei den Autoren um Schlafmediziner mit umfangreicher und langjähriger Erfahrung handelt.
Meine Hoffnung, hier neue und/oder etwas tiefergehende Erkenntnisse zu erlangen, wurde leider nicht erfüllt. Dieses Buch ist ein fundierter, angenehm geschriebener Schlafratgeber, aber eben leider einer wie unzählige andere auch. Der Schreibstil ist erfreulich, wenn man mal von den leseflussunfreundlichen Doppelnennungen wie „Patientinnen und Patienten“ oder etwas albern klingenden künstlichen Begriffen wie „Schnarchende“ anstelle von „Schnarcher“ absieht. Auch die optische Gestaltung ist ansprechend und legt Wert auf Übersichtlichkeit.
Den mit 61 Seiten mit Abstand längsten Abschnitt nehmen allgemeine Informationen über den Schlaf ein, die z.B. darlegen, warum wir schlafen, welche Hormone eine Rolle spielen, welche Schlafpositionen und welche Schlaftypen es gibt. Dies wird alles zugänglich und verständlich geschildert, aber von recht wenig praktischem Wert für Leute mit Schlafstörungen, die ohnehin aus ureigener, schmerzlicher Erfahrung wissen, wie wichtig Schlaf ist, und denen die Sicht auf Träume während der Renaissance oder das Persönlichkeitsprofil von Seitenschläfern bei ihrem Problem wenig hilft. Allerdings finden sich auch hier schon immer wieder kleine Hinweise und Tips eingestreut. An sich ist ein allgemeiner Teil eine gute Idee, nur ist er hier im Verhältnis zum restlichen Inhalt wesentlich zu ausführlich ausgefallen. Wer sich für derlei Grundlagen interessiert, wird sie hier anschaulich und fundiert dargelegt finden.
Der zweite Teil, mit knapp über 40 Seiten, geht dann auf die verschiedenen Schlafstörungen ein. Hier fanden sich einige Fallbeispiele, über die ich mich sehr gefreut habe, denn es war u.a. diese direkte Erfahrung der Autoren in ihrem Beruf, die mich neugierig gemacht hatte. Auch zum Thema Schlafmittel und Alkohol findet sich hier Informatives. Erneut erfreut der zugängliche Schreibstil, der nie von oben herab wirkt. Im Vergleich zu dem sehr umfangreichen ersten Teil wird hier aber vieles knapp gehalten. Mehr Fallbeispiele hätten weitergehende Einblicke aus Betroffenensicht und in Behandlungsmöglichkeiten geben können. Auch schwerere Fälle kommen hier so gut wie nicht vor – es wird zutreffend erwähnt, daß dann ein Schlafmediziner hinzugezogen werden soll, und natürlich erwartet niemand, daß ein Buch einen Schlafmediziner ersetzt, aber hier hätten die beiden Autoren schlichtweg mehr von ihren Erfahrungen mit schwereren Fällen berichten und die arg ausgetretenen Bahnen von „kein Handy und kein schweres Essen vor dem Schlafengehen, ein ruhiges Zimmer und Lavendelöl“ etwas erweitern können. So las ich letztlich das, was ich schon unzählige Male gelesen habe.
Der letzte Teil widmet sich auf etwa vierzig Seiten dann endlich der „revolutionären Schlafformel“. Diese ist durchaus fundiert und bei leichten Schlafstörungen sinnvoll, enthält aber nichts Revolutionäres. Für Schlafproblemerfahrene wird dieser Ratgeber m.E. kaum etwas Neues beinhalten. Das Enthaltene ist aber sehr erfreulich formuliert, fundiert und zudem mit Übersichten ansprechend präsentiert.
Weitergehende Probleme werden hier angesprochen, allerdings nur sehr kurz. Natürlich ist zu beachten, daß es sich bei dem Buch um einen Kompaktratgeber handelt, aber die Gewichtung stimmt hier für mich nicht. Der Großteil des Buches widmet sich Hintergrundinformationen, die für Betroffene keinerlei praktische Hilfe bieten, während der praktische Teil zu kurz kommt und zudem letztlich das darlegt, was man an vielen anderen Stellen erfahren kann. Hier wurde für mich die Chance verschenkt, durch zwei praxisorientierte Fachleute Erfahrungswerte, Fallbeispiele und Ratschläge zu bekommen, die ein wenig über das Übliche hinausgehen und Menschen mit schwereren Schlafstörungen mehr Handhabe und Orientierung liefern. Wenn der überlange erste Teil um zehn Seiten gekürzt und dieser Raum dafür genutzt worden, dann wäre das hier ein Buch geworden, das aus den üblichen Schlafratgebern heraussticht und das besondere Wissen der Autoren hervorragend genutzt hätte. Die Chance wurde nicht genutzt. So ist es ein verständlich geschriebener, gut gestalteter Ratgeber von vielen, mit einer Vielfalt von Informationen für Leute mit leichten Schlafstörungen oder Leute, die sich mit dem Thema noch nicht befasst haben.

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Veröffentlicht am 05.04.2024

Originell, schöne Sprache, aber sehr distanziert und zu knapp

Der Sommer, in dem alles begann
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Ein Buch, das mit zwei Beerdigungen beginnt, macht neugierig auf das, was in jenem titelgebenden Sommer geschehen ist. Der Klappentext klingt etwas platt, derlei „drei Frauen, deren Lebenswege sich kreuzen“, ...

Ein Buch, das mit zwei Beerdigungen beginnt, macht neugierig auf das, was in jenem titelgebenden Sommer geschehen ist. Der Klappentext klingt etwas platt, derlei „drei Frauen, deren Lebenswege sich kreuzen“, und Romane mit verschiedenen Zeitebenen gibt es leider zu Hunderten. Léosts Roman hebt sich davon aber glücklicherweise ab. Die Geschichte selbst hat schon durch die Bretagne als Handlungsort etwas Ungewöhnliches und auch die meisten Handlungsstränge selbst sind düsterer und substanzvoller als bei der üblichen Drei-Frauen-Zeitebenen-Romankost. Besonderes Herausstellungsmerkmal war für mich der Sprachstil, mit dem Léost sich ebenfalls von diesem oft süßlichen Genre abgrenzt.
Sie schreibt äußerst reduziert und beweist, wie ausgezeichnet sie mit Sprache umgehen kann. Die Übersetzung wird dem ebenfalls erfreulich gerecht. Einziger Wermutstropfen in der Übersetzung ist die Verwendung von künstlichen Worten wie „Studierende“ und leserunfreundlichen Doppelnennungen wie „Schülerinnen und Schüler“ – dies sogar in wörtlicher Rede der frühen 1990er, obwohl diese Formulierung zu der Zeit gar nicht verwendet worden wären. Abgesehen davon erfreut die gekonnte Sprache aber und ich habe viele Formulierungen mehrfach gelesen und mich an ihrer treffenden Prägnanz erfreut.
Etwas nachteilig fand ich dagegen den berichtartigen, knappen Erzählstil. Die Leser sind nur sehr selten wirklich bei Geschehnissen dabei, der Großteil des Buches wird uns nicht erlebbar gemacht, sondern erzählt. Wir sind bei Dialogen oft nicht dabei, sie werden uns zusammengefasst, auch sonst sind die Leser oft nicht in der Szene drin. Unemotional und knapp erfährt man von allerlei, was doch eigentlich voller Gefühle wäre. Es gibt einige anrührende Szenen, aber größtenteils liest es sich eher wie eine Zusammenfassung eines Romans als wie ein Roman. Das hat in mancherlei Hinsicht zwar durchaus ungewöhnlichen Charme, führte bei mir aber dazu, daß mich die Charaktere kaum erreichten und ich auch an vielen Ereignissen innerlich nicht teilnahm und mich auch nur selten in der Geschichte drin fühlte. Eintauchen kann man in dieses Buch leider nicht.
Das ist auch deshalb schade, weil es einige interessante und ungewöhnliche Charaktere gibt, die aber durch die Erzählweise nicht wirklich entwickelt werden. Obwohl die Geschichte ganz sicher nicht flach ist, bleiben die Charaktere an der Oberfläche. Bei einer der drei Frauen, Odette, deren Geschichte in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückführt, hat das leider zudem den Effekt, daß ihre nicht erklärte erhebliche Wesensveränderung für mich nicht nachvollziehbar war. Dem zweiten Teil ihres Handlungsstrangs mangelt es an Plausibilität, was dadurch leider auch die Wendung ganz am Ende erheblich schwächt.
Und so ist dieses Buch für mich eine gemischte Erfahrung. Die Ansätze sind hervorragend, aber ich fühlte mich dauernd, als ob man mich von einem köstlichen Gericht kosten ließ und mir dann den Teller wieder wegnahm. Die Geschichte mit ihren vielen Facetten war zu knapp und zu distanziert erzählt, die Charaktere toll angelegt, aber nicht hinreichend ausgeführt. Die Entwicklungen sind vielversprechend, aber ein Handlungsstrang mit viel Potential verpufft einfach, ein anderer nimmt eine zwar herrlich unerwartete, aber eben nicht nachvollziehbare Wendung. Dauernd blieb das Gefühl: hier hätte man so viel mehr draus machen können.
Dagegen genoss ich den ausgezeichneten Umgang mit Sprache, die Informationen über das bretonische Leben, einige tiefrührende Aspekte und eine Originalität in Schauplatz, Charakteren und Entwicklungen, die leider so vielen Romanen fehlt. Insofern ist das Buch eine zwar etwas unausgegoren wirkende, aber dennoch lohnende Erfahrung.

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Veröffentlicht am 28.03.2024

Hervorragender Schreibstil, inhaltlich leider etwas kurz gehalten

Gussie
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Über die zweite Ehefrau Konrad Adenauers wußte ich bislang überhaupt nichts und auch über Adenauers Hintergründe beschämend wenig, also war ich auf dieses Buch sehr neugierig. Der ausgezeichnete Sprachstil ...

Über die zweite Ehefrau Konrad Adenauers wußte ich bislang überhaupt nichts und auch über Adenauers Hintergründe beschämend wenig, also war ich auf dieses Buch sehr neugierig. Der ausgezeichnete Sprachstil hat mich dann gleich gefangengenommen und so ging ich die Lektüre mit hohen Erwartungen an, die auch fast vollständig erfüllt wurden.
Die Gestaltung des Buches ist hinsichtlich Einband und Vor- sowie Nachsatz ansprechend. Auf dem Titel findet sich ein Portrait Gussie Adenauers, welches wir dann im Vor- und Nachsatz als größeres Gemälde sehen, wodurch die Leser gleich einen visuellen Eindruck erhalten. Im Buch fand ich das etwas raue Papier weniger angenehm, aber das ist letztlich zweitrangig.
Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt. 1948 liegt die sterbende Gussie in ihrem Krankenhausbett und blickt auf ihr Leben zurück, welches dann in der zweiten Zeitebene ab 1915 erzählt wird. Die 1948-Szenen sind ausgesprochen schmerzhaft. Dieses stille Sterben, die Resignation, die über allem hängt, das melancholische Ergeben ins Schicksal und auch die Trauer der Umgebung sind mit wenigen wohlgesetzten Worten einfach wundervoll erzählt. Ich sah mich geradezu mit in diesem Krankenzimmer und spürte Trauer über dieses zu früh endende Leben nach Jahren des Leids in der Nazidiktatur. Die rührenden Briefauszüge verstärken dieses schwermütige Gefühl und sind überhaupt hervorragend eingesetzt.
Vor jedem Kapitel findet sich ein solcher Auszug aus Briefen an oder von Gussie. Diese passen immer ausgezeichnet zum Kapitel und mir gefielen sie im Buch mit am meisten, weil man so einen direkten Zugang zu den Menschen bekam. Ich war enttäuscht, im Nachwort zu lesen, daß es sich gar nicht um echte Briefauszüge handelt. Sie sind laut Autor zwar dem Ton der wirklichen Briefe nachempfunden, aber es wäre wesentlich authentischer gewesen, dann auch die wirklichen Auszüge zu nehmen. Leider wird auch nicht erklärt, warum dies nicht getan wurde.
Die Kapitel über Gussies Leben sind vignettenhaft. Wir erhalten kurze Einblicke, zwischen denen oft recht viele Jahre liegen. Das hat mir von der Konzeption her weniger gefallen. Die Ehejahre vor 1933 werden ausgesprochen kurz abgehandelt. Das mag natürlich daran liegen, daß es vielleicht nicht so viel zu berichten gab, aber dieser Vignettenstil verhinderte es für mich, mich den Charakteren zu nähern, auch hätte ich gerne ein umfassenderes Bild erhalten. Abgesehen von Gussie blieben mir dann auch alle anderen Charaktere recht fremd, was ich bedauerlich fand. Ab 1933 werden die Kapitel länger und dichter, aber auch hier wurde vieles zu kurz abgehandelt, über das ich gerne mehr gelesen hätte. Auch dem Verständnis mancher Situationen wären etwas mehr Hintergründe hilfreich gewesen. Dagegen gab es einige langatmige Passagen, insbesondere das Privatleben der Krankenschwester Gussies fand ich in diesem Rahmen höchst entbehrlich – gerade weil ich so viel lieber mehr über Gussie und Konrad Adenauer gelesen hätte. Es gibt viele Bücher, die sich in sich selbst verlieren und denen 50 Seiten weniger guttun würden – „Gussie“ hätte mir mit etwa 50 Seiten mehr noch besser gefallen.
Der Schreibstil ist eine wahre Freude. Christoph Wortberg kann mit Worten umgehen. Er schreibt reduziert und gleichzeitig wortgewaltig. Alle Szenen sind sehr anschaulich, schaffen Atmosphäre, lassen die jeweiligen Orte vor unseren Augen auferstehen. Gerade das Atmosphärische ist ausgezeichnet gelungen. Die Bedrohung durch die Nazis, ihre perfiden, widerlichen Methoden, die immer lastende Angst werden so hervorragend dargestellt, daß das Lesen oft beklemmend wird. Man merkt auf jeder Seite, daß hier ein Autor mit Können am Werk ist.
Ich habe aus diesem Buch viel gelernt und mich an der gelungenen Sprache erfreut. Eine bereichernde Lektüre.

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Veröffentlicht am 21.03.2024

Ein bunter Strauß aus Beobachtungen, Wissen und Erfahrungen

Ein Garten offenbart sich
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Dieses Buch ist auf gelungene Weise ungewöhnlich. Es ist eine teils literarisch anmutende Erzählung mit Rückblicken in den Alltag früherer Generationen, teils fast poetische Darstellung der Beobachtungen, ...

Dieses Buch ist auf gelungene Weise ungewöhnlich. Es ist eine teils literarisch anmutende Erzählung mit Rückblicken in den Alltag früherer Generationen, teils fast poetische Darstellung der Beobachtungen, welche die Autorin in ihrem Garten macht, teils Ratgeber für natürliche Gartengestaltung, teils Sachbuch über Naturkunde und teils Manifest. Letztlich ähnelt es dem Garten der Autorin – es findet sich hier so vieles, oft Unerwartetes, manches nimmt eine andere Entwicklung als gedacht, aber alles bildet ein harmonisches Ganzes. Es hat Spaß gemacht, auf diese Reise voller kleiner Abzweigungen zu gehen. Dies beginnt schon beim ungemein liebevoll gestalteten Einband – hochwertig und mit einem zauberhaften Motiv.

Kleine Vignetten, die sich in die Vorfahren der Autorin hineinversetzen, bieten einen anschaulichen Einblick in das von Landwirtschaft und Wissen über die Natur bestimmte Leben jener Zeit, ebenso wie die Alltagserinnerungen der Autorin aus ihrer Kindheit. Diese konzentrieren sich auf das Wesentliche, es ist der ganz normale Alltag, der hier ruhig und sachlich geschildert wird, und gerade das macht es interessant und veranschaulicht, wie sehr sich vieles innerhalb von ein paar Generationen geändert hat, das zuvor über Jahrhunderte zum Leben dazugehörte.

Den Großteil des Buches bilden die Erfahrungen, welche die Autorin mit ihrem eigenen riesigen Garten macht und ihre – innere und äußere – Reise von der konventionellen Gartengestaltung zum sich fast selbst überlassenen natürlichen Garten. Sie schildert viele faszinierende Beobachtungen und das tut sie so farbig, daß man es beim Lesen miterleben kann. Auch die Symbiosen zwischen den unzähligen Lebensformen in der Natur werden hier durch eigene Beobachtungen dargestellt. Hintergrundinformationen erfahren wir auf verschiedene Weise. Einmal durch Informationen der Autorin selbst, häufig durch die beiden Söhne der Autorin. Dies stellt allerdings einen Wermutstropfen des Buches dar. Die Söhne haben viel Wissen und auch viel Enthusiasmus für das Thema, was an sich eine tolle Sache ist. Nur treten sie in einer statisch belehrenden Rolle auf, die stilistisch nicht überzeugt. So gibt es immer wieder Einschübe mit „Mein Sohn sagt“ oder „Meine Söhne sagten“, denen dann ein langer handbuchartiger Einschub folgt (was dann, wenn das angeblich beide Söhne sagen, eher unfreiwillig komisch wirkt, da es klingt, als ob beide nach Art eines griechischen Chores diese langen Passagen gemeinsam deklamieren). Wahrscheinlich sollte es durch die wörtliche Rede lebendiger wirken, aber die Umsetzung hat etwas Unnatürliches und wirkt in ihrer Häufigkeit enervierend.

Ebenfalls anstrengend fand ich den emotionalen Überschwang. Der innere Aufruhr der Autorin bei allerlei kleinen Vorkommnissen und Erkenntnissen wirkte auf mich übertrieben und in seiner Häufigkeit auch überspannt. Sätze wie „Ich kann alle und alles dem Tod anheimgeben. (…) Meine ungeheuerliche Macht“ und allerlei fast dramatische Reaktionen auf Handlungen, die die Autorin im Nachhinein als nicht richtig einstuft, ellenlanges Sinnieren über die „Beziehung“ zu den Pflanzen und Gekränktheit, weil diese sie nicht beachten oder brauchen, waren mir viel zu viel und haben mein Lesevergnügen beeinträchtigt. Auch die Erkenntnisse, denen ich oft zustimme und für sehr wichtig halte, waren mir häufig zu dramatisch dargebracht. Die immer wieder vorkommenden Wiederholungen hätten m.E. ebenfalls eingeschränkt werden können.

Insgesamt ist der Schreibstil aber erfreulich – der Text ist zugänglich, oft farbig, ungemein persönlich und gut lesbar. Auch ist das Thema faszinierend. Hätte ich einen Garten, würde ich vieles von dem hier Erwähnten umsetzen und das Buch läßt mich wünschen, ich hätte einen Garten. Die Natur um mich herum beobachte ich aber nun entschieden noch aufmerksamer und ich weiß zu schätzen, wie viel ich hier gelernt habe. Das Buch weckt ein Bewußtsein und das ist heutzutage dringend notwendig. Mir gefiel die Umsetzung in mehrerlei Hinsicht nicht, gerade was das übertriebene Pathos und die Einsetzung der Söhne als Handbuchzitierer betrifft, aber dafür fand ich auch viele Aspekte ausgezeichnet. Insbesondere die Vermittlung des Wissens, welches sich die Autorin erster Hand und über lange Jahre erarbeitet hat, ist bemerkenswert. Die Leser haben hier an einem ungewöhnlichen Lernprozess teil.

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Veröffentlicht am 11.03.2024

Fundierte, menschlich berührende und ausgewogene Betrachtung

Zeit der Schuldigen
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In „Zeit der Schuldigen“ greift Markus Thiele den Mord an Frederike von Möhlmann auf, der durch eine Ende Oktober 2023 erfolgte Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wieder neue Aktualität erlangte. ...

In „Zeit der Schuldigen“ greift Markus Thiele den Mord an Frederike von Möhlmann auf, der durch eine Ende Oktober 2023 erfolgte Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wieder neue Aktualität erlangte. Die menschlichen Auswirkungen dieser durchaus fragwürdigen Entscheidung und eines manchmal ungerechten Rechtssystems zeigt Thiele in diesem Buch sehr nachdrücklich und vielfältig auf. Während der Autor sich hinsichtlich der Entwicklung des Falles und dessen juristischer Betrachtung eng an den wahren Fall hält, hat er alles andere fiktionalisiert. So entspricht auch die Beziehung zwischen Mordopfer und Täter der Fiktion, auch die Ermittler sind fiktive Personen.
Thiele entwickelt diese fiktiven Charaktere sehr ausführlich, was einerseits von Sorgfalt zeugt, andererseits für mich viele Szenen aber auch zu langatmig wirken ließ und zudem den Fokus manchmal zu sehr vom eigentlichen Fall wegnimmt. Gerade der Handlungsstrang der emotional instabilen Ermittlerin Anne, die den unbestraften Täter Jahrzehnte später entführt, ist im letzten Drittel des Buches sehr dominant, war für mich etwas zu übertrieben und behandelte dann zudem auch noch Annes Beziehungsleben, was ich überflüssig und teils auch etwas zu klischeehaft fand. Auch sonst waren mir manche privaten Hintergründe und philosophischen Betrachtungen zu ausführlich. Am besten fand ich den Mittelteil des Buches, der sich auf das Wesentliche konzentriert und die Geschichte für sich selbst sprechen läßt.
Insgesamt liest sich der Schreibstil aber erfreulich fundiert, flüssig und farbig. Der Autor ist Jurist, das macht sich angenehm bemerkbar. Er bietet uns einen sehr unmittelbaren Blick in die Ermittlungsarbeit und insbesondere die rechtliche Behandlung. Thiele hat nicht nur die Erfahrung und das Wissen zu dieser Thematik, er vermittelt sie zudem gekonnt und unterhaltsam. Dabei zeigt er stets Respekt für das Mordopfer und die Angehörigen, stellt einfühlsam deren Leid dar und macht auch deutlich, welche Härten die notwendigerweise versachlichten Prozesse in Ermittlungen und Rechtsprechung für Verbrechensopfer und ihre Angehörigen darstellen. Gleichzeitig bemüht er sich um eine ausgeglichene Betrachtungsweise und die Erklärung, warum manches, das menschlich grausam wirkt, juristisch durchaus seinen Sinn hat. Er verzichtet auf künstliche Dramatik, berichtet ruhig, realistisch und vermischt das Sachliche gekonnt mit dem Menschlichen.
Auch atmosphärisch weiß der Autor zu überzeugen. Gerade die Szenen mit dem Täter sind oft so farbig geschildert, daß man das Gefühl hat, dabei zu sein. Eine der Begegnungen zwischen dem späteren Mordopfer Nina und dem Täter Volker zeigt sein manipulatives und ihr jugendlich unsicheres Verhalten so gelungen auf, daß einem beim Lesen ganz unbehaglich zumute wird. Auch eine Verhörszene veranschaulicht das Feingefühl des Autors für menschliche Nuancen. Mit geschickt eingesetzten Details schafft Thiele die jeweiligen Atmosphären. Manchmal sind mir diese zu geballt genutzt, so hat die unablässige Erwähnung von allerlei 80er-Liedtiteln in den entsprechenden Szenen etwas Listenartiges, auch einige Leitmotive und das Stilmittel der Wiederholung werden etwas übertrieben.
Der Umgang mit den verschiedenen Zeitebenen ist dagegen durchweg gelungen, auch die Erzählstimmen klingen gekonnt unterschiedlich. Wir verfolgen den Fall über mehr als vierzig Jahre, der Autor wechselt die Zeitebenen stetig, dies aber immer sinnvoll und deutlich. Trotz der Zeitwechsel wirkt die Geschichte kontinuierlich und wie aus einem Guss, auch hier erkennt man wieder die Sorgfalt, die in dieses Buch geflossen ist.

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