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WinfriedStanzick

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.08.2018

Auf den abschließenden dritten Band der in den USA sehr erfolgreichen Reihe darf man sehr gespannt sein

Mr Griswolds Bücherjagd
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Jennifer Chambliss Bertman, Mr. Griswolds Bücherjagd Band 2. Der unlösbare Code, Mixtvison 2018, ISBN 978-3-95854-120-7

Vier Monate lebt Emily nun schon mit ihren Globetrottereltern und ihrem Bruder Matthew ...

Jennifer Chambliss Bertman, Mr. Griswolds Bücherjagd Band 2. Der unlösbare Code, Mixtvison 2018, ISBN 978-3-95854-120-7

Vier Monate lebt Emily nun schon mit ihren Globetrottereltern und ihrem Bruder Matthew in San Franciso. Zusammen mit ihrem Freund James hat sie im ersten Band ein spannendes Abenteuer erlebt und dabei ein bislang unbekanntes Manuskript von Edgar Alan Poe entdeckt.
Garrison Griswold, der büchervernarrte und rätselverliebte Verleger, der die Bücherjagd erfunden hat, der sich Emily und James in ihrer Freizeit widmen, hat es veröffentlicht und aus Anlass dieses Ereignisses findet in Hollisters Buchhandlung eine Feier statt, bei der Emily und James geehrt werden sollen.

Auf dieser Feier sehen sie auch ihren Lehrer Mr. Quisling, der, als er die Buchhandlung verlässt, einen Zettel verliert. Dieser geheimnisvolle Zettel und vor allen Dingen das, was drauf steht, ist der Beginn eines weiteren spannenden und anspruchsvollen Abenteuers, in dem sich alles um Mark Twains „Tom Sawyer“ und einen alten mysteriösen unlösbaren Code dreht.

Emily und James ruhen nicht, bis sie auch dieses Mal unter Einsatz ihres persönlichen Wohlergehens der Lösung immer näher kommen.

Emily, die sich in diesem zweiten Band so richtig heimisch macht in der Stadt und in der Gemeinschaft ihrer Booker-School und auch der Leser erfahren viel Interessantes über die Geschichte von San Francisco und die historischen Hintergründe jenes Codes, an dem sie sich fast die Zähne ausbeißen.

Auf den abschließenden dritten Band der in den USA sehr erfolgreichen Reihe darf man sehr gespannt sein.

Veröffentlicht am 23.08.2018

Es ist ein berührender Roman ohne aufgesetzte Sozialkritik. Laetitia Colombani schildert ihre drei Frauenfiguren mit Bedacht, ohne hintergründige Kritik und achtet so das, was sie verbindet trotz aller unüberbrückbaren Unterschiede: die Sehnsucht nach Fre

Der Zopf
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Laetitia Colombani, Der Zopf, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-397351-8

In diesem wunderbaren Bestseller aus Frankreich geht es um drei Frauen, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten. Drei Frauen ...

Laetitia Colombani, Der Zopf, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-397351-8

In diesem wunderbaren Bestseller aus Frankreich geht es um drei Frauen, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten. Drei Frauen aus drei Kontinenten, jede mit ihrem eigenen Schicksal und doch auf eine magische Weise miteinander verbunden.

Da ist Smita aus Uttar Pradesh in Indien. Sie und ihre Tochter gehören zu den Dalit, den Unberührbaren, die Gandhi einmal „Kinder Gottes“ nannte. Ihre Aufgabe ist es, täglich die Latrinen der Bewohner des Ortes reinigen, die höher gestellt sind als sie. Mit bloßen Händen holt sie die Exkremente ihrer Nachbarn heraus und entsorgt sie auf den Feldern. Ihr Mann arbeitet als Rattenfänger auf jenen Feldern. Die Tiere, die ihm in die Falle gehen, darf er nach Hause mitnehmen. Smita brät sie dann abends, oft die einzige Nahrung für die Familie. Während Smitas Mann treu im Glauben auf seine Wiedergeburt in einem hoffentlich besseren Leben wartet und sich still in sein Schicksal fügt, beschließt Smita, die will, dass ihre Tochter Lalita Lesen und Schreiben lernt, ihr Leben in die Hand zunehmen. Mitten in der Nacht geht sie mit den wenigen Ersparnissen zusammen mit ihrer Tochter fort. Sie verlässt Dorf und Ehemann, um für sich und die Tochter ein neues Leben zu beginnen.
Ihre Reise wird sie irgendwann in einen Tempel führen, wo sie für ihre spirituelle Reinigung ihrem Gott Vishnu ihren Zopf opfert.

Diese Haare sind zusammen mit anderen die Rettung für die altehrwürdige Perückenfirma der 19-jährigen Giulia aus Palermo, die nach einem Unfall des Vaters, der ihn in ein immerwährendes Koma fallen lässt, verzweifelt versucht, die durch erhebliche Schulden und sinkende Nachfrage ihrer edlen Produkte kurz vor dem Bankrott stehende Firma und die Arbeitsplätze der Mitarbeiterinnen zu erhalten.
Die Haare aus Indien, von besonders guter Qualität, sind der Rohstoff, für Perücken besonders hohen Standards, von denen eine schließlich in Kanada landen wird.

Dort, auf der anderen Seite des Atlantiks lebt die erfolgreiche Anwältin Sarah in Montreal. Sie hat sich über viele Jahre trotz zahlreicher Anfeindungen als Frau in ihrem Beruf durchgesetzt. Immer hat sie es geschafft, die Sorge für ihre drei Kinder und ihren Beruf miteinander zu vereinbaren. Der Preis dafür war hoch. Sie hat schon zwei Scheidungen hinter sich und als sie nun als Partnerin ihrer Kanzlei aufgenommen werden soll, denkt sie, mit noch mehr Anstrengung sei auch das zu schaffen.
Da erfährt sie von einer Krebserkrankung, die sie erst einmal verdrängt, die sie dann niederhaut und sie schließlich zwingt darüber nachzudenken, was ihr im Leben wirklich etwas bedeutet, was ihr wichtig ist. Ganz schafft sie den Turnaround nicht, aber eine Perücke aus Guilias Werkstatt in Palermo wird ihr helfen, neuen Lebensmut zu schöpfen und ihr normales Leben wieder aufzunehmen.

Laetitia Colombani erzählt die Schicksale dieser drei Frauen, die auf unterschiedliche Weise dieselbe Sehnsucht nach Freiheit verbindet abwechselnd. Ohne dass sich die Frauen kennen, bewegen sich ihre Geschichte sozusagen aufeinander zu. Jede auf ihre Weise kämpft gegen die Widerstände des Lebens.

Die Autorin hat aus diesen drei Geschichten eine Art Zopf geflochten, der symbolisch den ersten Zopf Smitas ersetzt.

Es ist ein berührender Roman ohne aufgesetzte Sozialkritik. Laetitia Colombani schildert ihre drei Frauenfiguren mit Bedacht, ohne hintergründige Kritik und achtet so das, was sie verbindet trotz aller unüberbrückbaren Unterschiede: die Sehnsucht nach Freiheit und die Erfahrung, dass es sich lohnt, neu anzufangen und für sie zu kämpfen.

Veröffentlicht am 23.08.2018

Interessante und unterhaltsame, manchmal schräge Erzählungen von Menschen hat Rachel Cusk in ihrem Roman versammelt. Der Leser soll sich in ihren gespiegelt sehen, damit er anders als die meisten anderen begreift, wie wichtig es ist, wo auch immer, aber b

Kudos
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Rachel Cusk, Kudos, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42807-8

Nach „Outline“ und „In Transit“ erscheint nun der abschließende Teil einer Romantrilogie der englischen Schriftstellerin Rachel Cusk. Auch in ...

Rachel Cusk, Kudos, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42807-8

Nach „Outline“ und „In Transit“ erscheint nun der abschließende Teil einer Romantrilogie der englischen Schriftstellerin Rachel Cusk. Auch in diesem erzählt die Schriftstellern Faye von Begegnungen und Menschen, die sie beeindruckt haben.
Rachel Cusk hat mit ihrer Protagonistin vieles gemeinsam: sie lebt in England, ist einmal geschieden und nun wieder verheiratet und hat zwei Kinder. Mehr ist von der ich-erzählenden Faye auch in diesem Roman nicht zu erfahren. Denn das Buch besteht aus vielen Geschichten, Lebensberichten und Stellungnahmen zum Literaturbetrieb, die Faye meist zuhörenderweise auf einer Reise aufnimmt und dann dokumentiert. Diese Reise führt sie zunächst zu einem Literaturfestival in eine deutsche Stadt, im Weiteren dann zu einem Schriftstellerkongress in eine weitere Stadt, deren Beschreibung in vielem an Lissabon erinnert.

Doch die zum Teil skurrilen Umstände insbesondere in Lissabon sind nicht wichtig. Wichtig sind die Menschen, die Faye auf ihrem Weg trifft, und denen sie zuhört. Diese Menschen, oft aber nicht immer direkt oder indirekt mit dem Literaturbetrieb verbunden, wiederum scheinen zu spüren, dass sie ihr alles erzählen können, weil sie ihnen so wie eine Therapeutin zuhört und nur sehr selten eigene Bemerkungen macht. Diese Methode Fayes (Rachel Cusks) hatte schon die beiden ersten Romane getragen und ihren Charme ausgemacht.

Schon im Flugzeug aufs europäische Festland beginnt dieser Reigen von Geschichten mit einem Mann, der ihr erzählt, dass er in der Nacht zuvor seinen Hund begraben hat. In Köln trifft sie dann auf einen CEO eines altehrwürdigen Verlages, der ihn mit dem Verlegen von Sudokuheften aus dem drohenden Konkurs geführt hat.

Rachel Cusk gelingt es auf den knapp 200 Seiten des Romans eine Vielzahl von Menschen mit ihren Geschichten unterzubringen, die sie mit Distanz beschreibt und dann erzählen lässt. Wie eine gute Therapeutin denkt sie, dass das Erzählen in Monologen zu einer Art Selbsterkenntnis führt. Zumindest beim Leser, der sich in so manchen Themen, um die es geht, wiedererkennen mag.
All diese so unterschiedlichen Menschen und ihre Geschichten sind wie durch einen unsichtbaren Faden miteinander verbunden durch die Themen, um die es im Hintergrund und zwischen den Zeilen dauernd geht: um persönliche Freiheit und wie man sie sich durch selbstgewählte Gefängnisse nimmt, um Gerechtigkeit und Recht und immer wieder die Urfrage, wie das denn eigentlich gehen soll, insbesondere für Frauen, mit dem Zusammenleben von Mann und Frau oder als Familie mit Kindern.
Und wie ist es um das Verhältnis zwischen den Müttern und ihren Söhnen bestellt? Kann man/frau in einer solchen Bindung überhaupt zu sich selbst kommen? Und: kann man in ihr als Schriftstellerin produktiv sein?

An einer Stelle (es sind nicht viele), an der die Schriftstellerin Faye als Alter Ego von Rachel Cusk selbst zu Wort sich meldet, vergleicht sie das Erzählen mit der alten Form der Beichte, mit der sich Menschen erleichtern wollen. Sie wollen erzählen, so ihre Theorie, die der Leser bei der nächsten Begegnung mit anderen Menschen sofort überprüfen kann, um „jede Schuld zu vermeiden; mit anderen Worten, wir nutzen (das Erzählen) strategisch, um uns von Verantwortung zu entlasten.“

Interessante und unterhaltsame, manchmal schräge Erzählungen von Menschen hat Rachel Cusk in ihrem Roman versammelt. Der Leser soll sich in ihren gespiegelt sehen, damit er anders als die meisten anderen begreift, wie wichtig es ist, wo auch immer, aber besonders in unseren Beziehungen, wirkliche Verantwortung zu übernehmen.

Veröffentlicht am 21.08.2018

Ich war begeistert. Es ist magisch, spannend und an manchen Stellen auch sehr traurig.

Wie man die Zeit anhält
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Matt Haig, Wie man die Zeit anhält, DTV 2018, ISBN 978-3-423-28167-6

Matt Haig beschäftigt sich in seinem neuen Roman „Wie man die Zeit anhält“ auf eine philosophische und dennoch überaus spannende Weise ...

Matt Haig, Wie man die Zeit anhält, DTV 2018, ISBN 978-3-423-28167-6

Matt Haig beschäftigt sich in seinem neuen Roman „Wie man die Zeit anhält“ auf eine philosophische und dennoch überaus spannende Weise mit Thema Zeit. Hauptperson ist der ich-erzählende Geschichtslehrer Tom Hazard, der nach England gekommen ist, um dort in einer Schule einen neuen Job anzutreten. Schnell begeistert er seine Schüler mit seinem unkonventionellen Unterricht.

Privat ist Tom eher ein Einzelgänger, denn er hat eine lange Lebensgeschichte zu verbergen. Er sieht zwar aus wie vierzig, doch 1581 geboren, ist er ein Vielfaches älter. Tom Hazard gehört zu der Spezies der Albatrosse. Anders als normale Menschen („Eintagsfliegen“) altern die Albatrosse kaum. Doch gerade deswegen fallen sie bald auf und sehen sich Verfolgungen von normalen Menschen ausgesetzt Deshalb wechselt Tom alles acht Jahre seinen Aufenthaltsort. Denn wirkliche Nähe zu anderen Menschen, die bei längerem Aufenthalt zwangsläufig eintreten würde ist für Albatrosse gefährlich. Doch schon kurz nachdem er seine neue Tätigkeit in England aufgenommen hat, verliebt er sich in seine Kollegin Camille.

Kann man die Zeit anhalten? Kann Tom sich aus seinem Schicksal als Albatros befreien? Matt Haig lässt ihn quer durch die Jahrhunderte seine Erlebnisse schildern, was für den Leser eine überaus informative Reise durch die Geschichte seit dem 16. Jahrhundert ist. Immer galt die Regel: niemals sich auf Sterbliche einlassen, denn dann, so zeigt die Geschichte sind alle in Gefahr.

Geschützt werden die Albatrosse durch einen der Ihren namens Hendrich, der auch Tom immer wieder Aufträge erteilt, die in alle möglichen Ländern führen und bei den er andere Albatrosse vor den Fängern ihrer Häscher retten soll.
In diesem spannenden und sehr lehrreichen Roman geht es um innere Zerrissenheit, um die große Sehnsucht nach einem Lebenssinn und dem tiefen Bedürfnis zu „Sein“. Die Geschichte ist durchgehend dramatisch aufgebaut, mit vielen Zeitsprüngen aus der Gegenwart in viele unterschiedliche Vergangenheiten und wieder zurück und fordert so dem Leser einige Aufmerksamkeit ab.
Tom Hazard flieht sein ganzes jahrhundertelanges Leben lang, doch immer wieder holt ihn etwas ein was er „Erinnerungsschmerz“ nennt.

Nicht nur, weil man nicht weiß, wie Tom mit seiner Liebe zu Camille umgehen wird, sondern auch wegen der im Laufe des Buches zunehmenden Zwielichtigkeit von Hendrich hält Matt Haig mit dieser wunderbar phantasievollen Geschichte den Spannungsbogen hoch bis zum Ende.

Ich habe das Buch während nach eine OP im Krankenhaus an einem Tag in einem Rutsch gelesen. Ich war begeistert. Es ist magisch, spannend und an manchen Stellen auch sehr traurig.



Veröffentlicht am 21.08.2018

Rothmann besticht nach wie vor durch einen beeindruckenden Stil und eine wirklich schöne Sprache.

Der Gott jenes Sommers
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Ralf Rothmann, Der Gott jenes Sommers, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42793-4

Nach der Lektüre des mittlerweile in 25 Sprachen übersetzten hervorragenden Romans „Im Frühling sterben“ aus dem Jahr 2015, ...

Ralf Rothmann, Der Gott jenes Sommers, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42793-4

Nach der Lektüre des mittlerweile in 25 Sprachen übersetzten hervorragenden Romans „Im Frühling sterben“ aus dem Jahr 2015, der die dramatische und bewegende Geschichte zweier fast noch jugendlicher deutscher Soldaten erzählte, war meine Erwartung an den neuen Roman Ralf Rothmanns hoch, sehr hoch. Doch wie so viele andere Leser im Netz bleibe ich nach der Lektüre dieses 252 - seitigen Romans eher ratlos und skeptisch zurück. Der Roman fällt hinter die literarische Qualität seines Vorgängers und auch vieler anderer Romane von Rothmann zurück.
In „Der Gott des Sommers“ beschreibt Rothmann, der seine Stimme der zwölfjährigen Luisa Norff leiht, ein Dorf in Schleswig-Holstein in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945. So wie in diesem Dorf, in das Luisa zusammen mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aus dem ausgebombten Kiel auf das Gut ihres Verwandten und hochrangigen SS- Offiziers Vinzent geflohen ist, mag es damals in vielen deutschen Ortschaften zugegangen sein. Ein Alltagsleben voller Verblendung und Denunziation, zunehmende Verzweiflung und Zweifel machen sich breit. Jeder versucht seine eigene Haut zu retten, angesichts näher rückender Alliierter und immer mehr Flüchtlingen aus dem Osten, die im Ort hängen geblieben sind.

Vinzent ist mit Luisas sehr viel älterer Halbschwester Gudrun aus der ersten Ehe der Mutter verheiratet und kommt nur sporadisch mit Unmengen von Essen und anderen kriegsknappen Dingen nach Hause. Verwaltet wird das Gut von dem Ehepaar Thamling, das dafür sorgt, dass der übliche Betrieb aufrechterhalten wird.

Es scheint also, als ob Luisa dort die letzten Kriegsmonate gut überleben könnte. Doch sie sieht das brennende Kiel aus ihrem Fenster und begegnet bei verbotenen Besuchen des nahen Waldes ausgehungerten Kriegsgefangenen, die dort in Baracken wie Sklaven als Torfstecher gehalten werden. Ein Massengrab wird man nach dem Krieg dort finden.

Immer mehr Flüchtlinge müssen in Ställen und Nebengebäuden des Gutes untergebracht werden, während sich Luisa vor all dem, was sie an Schrecklichem beobachtet, vor all den Fragen, die sich ihr stellen und auf sie keine Antwort erhält oder findet, in ihre Bücher flüchtet.

Rothmann besticht nach wie vor durch einen beeindruckenden Stil und eine wirklich schöne Sprache. Dennoch kann man sich bei fortschreitender Lektüre als Leser, der schon viele Romane aus dieser Zeit und mit diesen Themen gelesen hat (zuletzt Rothmanns letzten aus dem Jahr 2015) des Eindrucks nicht erwehren, dass Rothmann sowohl in der Handlung als auch bei seinen Charakteren allzu viele Klischees einsetzt.

Ein interessantes Element des Buches ist hingegen der fiktive, von Rothmann kapitelweise eingestreute Bericht des Schreibers Bredelin Merxheim in barockem Deutsch über die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Der Schreiber, der an Grimmelshausen und Gryphius(ein Gedicht von ihm steht dem Buch als Motto vor) erinnert, lässt inmitten der Kriegswirren eine Kapelle bauen, um seinen nach Brandschatzung, Raub, Mord und Vergewaltigung verlorenen Mitmenschen in Gott wieder einen Halt zu geben. Über diese Botschaft Rothmanns habe ich lange nachgedacht und würde gerne mal mit ihm darüber sprechen.

Auch Luisa Norff will nach Ende der Schreckensjahre im Kloster Halt finden und Nonne werden: an ihrem 13. Geburtstag ist das junge Mädchen überzeugt, nach dem Mord am britischen Piloten,den sie gesehen hat, nach der erlebten Hinrichtung des Schwagers, dem Selbstmord des Vaters, dem Verschwinden der Schwester und ihrer Vergewaltigung durch den eigenen Schwager das weltliche Dasein bereits in allen Facetten gelebt und erlebt zu haben: „Ich hab alles erlebt!“, sagt sie am Ende eines Buches voller Humanität jenseits religiöser Dogmatik.
Christoph Schröder hat Ralf Rothmann einen Schriftsteller genannt, „den nicht die Reflexion, sondern das bloße Erzählen und die Evokation starker, aussagekräftiger Bilder antreibt.“

Dass das auch stellenweise eine Schwäche sein kann, zeigt sein neuer Roman.