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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.02.2018

Und was passierte nun eigentlich in der Walpurgisnacht?

Walpurgisnacht
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Als 'spannender Schauerroman und eine wunderbare Lektüre für Gruselfans' wird diese Geschichte angekündigt, doch um ehrlich zu sein, habe ich davon nicht allzuviel mitbekommen.
Hauptfigur ist der pensionierte ...

Als 'spannender Schauerroman und eine wunderbare Lektüre für Gruselfans' wird diese Geschichte angekündigt, doch um ehrlich zu sein, habe ich davon nicht allzuviel mitbekommen.
Hauptfigur ist der pensionierte Arzt Flugbeil, der seinen Lebensabend gemeinsam mit verschiedenen alten Adligen auf dem Hradschin verbringt. Während eines Whistabends erscheint ein seltsamer Mann in den Räumlichkeiten, der die merkwürdige Fähigkeit hat, Vergangenes wieder deutlich ins Bewusstsein zu bringen (auch durch Veränderung seiner Physiognomie) und die Anwesenden damit in Unruhe versetzt. Flugbeil forscht dem Unbekannten nach, der ihn an jemanden erinnert und trifft dabei seine frühere Geliebte, die 'böhmische Liesel', eine mittlerweile auch in die Jahre gekommene frühere Prostituierte. Diese Begegnung verstört Flugbeil mehr als ihm lieb ist ...
Daneben wird die Geschichte von Polyxena und Ottokar erzählt. Sie ist die Nichte einer der Adligen und verliebt sich in einen jungen Studenten, der deutlich unter ihrem Range steht. Während sie über ihre Gefühle nachdenkt, wird ihr klar, dass sie sich zu einer ihrer Vorfahrinnen, der sie täuschend ähnlich sieht, derart hingezogen fühlt, als ob diese versuchen würde, von ihr Besitz zu ergreifen. Weiterhin entdeckt sie, dass sie in der Lage ist, Menschen alleine durch ihren Geist zu manipulieren. Ottokar, der ebenfalls in Liebe zu Polyxena entbrannt ist, wird von den revoltierenden Proletarieren als neuer Herrscher auserkoren, mit ihr an seiner Seite.
Was der Autor mit dieser Geschichte aussagen wollte, ist wohl eine massive Gesellschaftskritik, die sich in erster Linie an den Adel richtet, der beinahe völlig vertrottelt in seinen vier Wänden hockt und ab und zu voller Abscheu auf das niedere Volk herabschaut. Dieses wiederum blickt mit großer Wut nach oben auf den Hradschin und sammelt sich, um den Alten die Macht und das Geld zu entreißen. Verpackt ist dies in mystische Begebenheiten wie beispielsweise Aweysha; die Macht, in andere Menschen einzudringen und diese nach dem eigenen Willen reden und handeln zu lassen.
Auch wenn das Ganze recht schaurig beschrieben ist (die Szenerie ist meist dunkel, muffig; es gibt makabere Stellen mit Trommeln aus Menschenhaut), wirkte das auf mich eher alles amüsant. Zum Einen fand ich dieses Gruselige recht überzogen, zum Anderen sind die handelnden Personen so schräg, skurril und teilweise sogar böse beschrieben, dass ich immer wieder laut lachen musste. Beispielsweise über Baron Elsenwanger, wie er mit seinem Strickstrumpf in der Hand an seinem Schreibtisch sitzt. Oder wie die Whistrunde erfährt, dass Einer der Ihren es gewagt hat, tatsächlich in die Stadt hinunterzugehen. Oder wie Flugbeil traurig über sein einsames Leben jammert: 'Er nickte seinen vergißmeinnichtumrahmten Tigerpantoffeln trübselig zu: "Extra geschmacklos hab ich sie mir bestellt, um mir einreden zu können, sie seien ein Geschenk. Ich habe geglaubt, daß dadurch die heimliche Traulichkeit in meiner Stube einziehen würde."'
Diese Geschichte ist voll gespickt mit Ironie, Esoterik, Ausflüge in verschiedene Religionen, Sarkasmus, Philosophie undundund, für meinen Geschmack aber zuwenig zusammenhängend - selbst die Walpurgisnacht taucht nur am Rande auf. Vielleicht fehlt mir aber einfach das entsprechende Hintergrundwissen, um es richtig einzuordnen. Auf jeden Fall wirkte das Ganze so mehr wie ein Flickenteppich auf mich mit durchaus interessanten und auch amüsanten Einzelteilen.

Veröffentlicht am 14.02.2018

Wenn aus Träumen Realität wird ...,

Die Kieferninseln
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... kann daraus eine tiefgründige und humorvolle Reise nach Japan werden; so wie in diesem Buch.
Gilbert Silvester ist einer jener Männer, die irgendwann feststellen, dass sich ihr Leben nicht so entwickelt ...

... kann daraus eine tiefgründige und humorvolle Reise nach Japan werden; so wie in diesem Buch.
Gilbert Silvester ist einer jener Männer, die irgendwann feststellen, dass sich ihr Leben nicht so entwickelt hat, wie sie es sich in jungen Jahren vorstellten. Statt wie viele seiner früheren Kommilitionen Karriere zu machen, hangelt er sich von Projektvertrag zu Projektvertrag, während seine Frau als Gymnasiallehrerin erfolgreich ist. Eines Nachts träumt er, dass sie ihm untreu ist und als er erwacht, ist klar, dass dieser Traum die Wahrheit darstellt. Fassungslos verlässt er das Haus und fliegt schnellstmöglich so weit weg wie es geht - nach Tokio. Dort plant er eine Reise auf den Spuren des Dichters Bashō, doch noch bevor er sie antritt, kann er den Selbstmord des jungen Japaners Yosa verhindern. Dieser schließt sich ihm an und gemeinsam machen sie sich auf den Weg.
Es ist eine ruhige, stellenweise poetische und auch philosophische Geschichte, die jedoch nicht ohne Humor ist. Gilbert ist ein etwas dröger 'Held', der sich seines beruflichen Mißerfolges zwar durchaus bewusst ist, verantwortlich dafür sind aber die Fehler der Anderen: die Kritikunfähigkeit seines Doktorvaters, der nicht geschätzte Auslandsaufenthalt - irgendwas war immer. Stets ist er das Opfer, nun das seiner Frau, die ihn mit ihrer Untreue (wenn auch nur geträumt) nach Japan getrieben hat. Wirklich amüsant wird es, als er Yosa begegnet und versucht, ihm die Welt zu erklären, die japanische natürlich. Und ihm (gedachte) Vorhaltungen macht, die exakt auf seine eigene Person zutreffen, was mir Gilbert aber wieder sympathischer machte (wie häufig, wenn ich über Personen lächeln muss ).
Voller Poesie sind die zahlreichen Naturbeschreibungen, ganz im Sinne des Dichters Bashō, für den Poesie einen eigenen Lebensstil darstellte; selbst die des Selbstmörderwaldes, der tatsächlich existiert. Und auch die philosophischen Gedankengänge Gilberts von der Bartbetrachtung (seinem aktuellen Forschungsprojekt) bis zum Allmachtsparadoxon sind lesenswert-amüsant.
Ein ungemein vielschichtiges Buch, das mit Genuss und Aufmerksamkeit gelesen werden sollte und aus dem man viel über Japan erfahren kann.

Veröffentlicht am 14.02.2018

Der alltägliche Horror, über den niemand spricht

Hemmersmoor
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Hemmersmoor, ein kleines Dorf im Teufelsmoor, irgendwann in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts. Urbanes Leben, wie es bereits in Hamburg oder Bremen teilweise schon damals stattfindet, scheint hier ...

Hemmersmoor, ein kleines Dorf im Teufelsmoor, irgendwann in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts. Urbanes Leben, wie es bereits in Hamburg oder Bremen teilweise schon damals stattfindet, scheint hier noch Lichtjahre entfernt. Noch immer beherrschen Aberglauben, Gewalt und Roheit den Alltag der Bewohner in einem Maße, wie man es sich für diese Zeit mitten in Deutschland kaum vorstellen kann. Davon erzählt dieses Buch über eine Spanne von ca. zehn Jahren, stets abwechselnd aus der Sicht mehrer BewohnerInnen, die zu jener Zeit Kinder und miteinander befreundet waren.
Es ist kein fortlaufender Roman mit einer kontinuierlich fortschreitenden Entwicklung; vielmehr könnte jeder Abschnitt auch für sich stehen, dessen 'Höhepunkt' meist Gewalt oder Tod darstellt. Chronologisch bauen diese Abschnitte aufeinander auf, aber es wird eher beiläufig auf die vorangegangenen Geschehnisse verwiesen bzw. eingegangen, sodass man eher nebenher erfährt, was tatsächlich geschah oder wie es endete.
Mir hat diese Form des Erzählens sehr gut gefallen, denn jede einzelne dieser Geschichten ist so unglaublich, entsetzlich und/oder haarsträubend, dass ich danach immer erst einmal eine Pause einlegte. Dass die Firnis unserer Zivilisation sehr dünn ist, zeigt sich ja stets wieder auf's Neue. Aber dass sie in manchen Teilen Deutschlands vor nicht einmal 70 Jahren praktisch nicht existierte, hat mich doch ziemlich entsetzt und mich nach jedem Abschnitt das Buch zuklappen lassen.
Ich weiß leider nicht, wieviel Realität tatsächlich in diesen Geschichten steckt, denn trotz längeren Suchens habe ich leider kein Interview mit dem Autor gefunden, in dem er darüber Auskunft gibt. So bleibt die Hoffnung, dass er vielleicht 'etwas' übertrieben hat bei seinen Erzählungen und die Menschen doch nicht so schlecht sind Auf jeden Fall ist das Buch eine schaurigschöne Lektüre.

Veröffentlicht am 14.02.2018

Beeindruckender Inhalt, der über die literarischen Schwächen hinwegsehen lässt

Weiße Nana
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Bettina Landgrafe ist eine beeindruckende Person. Nachdem sie in ihrem Urlaub mit einer Organisation in Gambia war, um die Menschen dort mit medizinischer Hilfe zu unterstützen (sie ist Krankenschwester), ...

Bettina Landgrafe ist eine beeindruckende Person. Nachdem sie in ihrem Urlaub mit einer Organisation in Gambia war, um die Menschen dort mit medizinischer Hilfe zu unterstützen (sie ist Krankenschwester), war sie so begeistert von diesem Land, dass sie fortan regelmäßig wiederkehrte, allerdings auf eigene Faust. Zudem begann sie Spenden zu sammeln, um in 'ihrem' Dorf eine Toilettenanlage zu installieren - der grösste Wunsch der BewohnerInnen. Tatsächlich gelang es ihr - und nicht nur das. Auch ein Brunnen konnte gebaut werden und mit jedem weiteren Erfolg stieg ihre Bekanntheit und damit auch das Spendenaufkommen, sodass ihre Projekte sich mittlerweile beinahe über ganz Gambia erstrecken. In 'ihrem' Dorf wurde sie sogar zur Königin ernannt, eine grössere Ehre ist kaum vorstellbar.
Mittlerweile hat sie ihr Leben praktisch Gambia verschrieben und fühlt sich dort mehr zuhause als in Deutschland. Wie es dazu kam und was sie dort Alles bewegt und erreicht hat, davon erzählt sie in diesem Buch. Es ist eine fast unglaubliche Geschichte und wäre ihr Tun durch die Medien nicht so gut dokumentiert, könnte es man auch für bloße Übertreibung halten. Daher wäre allein der Inhalt ohne jede Frage sofort fünf Sterne wert, doch leider ist die Umsetzung nicht so gelungen. Bestimmte Dinge, die ihr offenbar sehr wichtig sind, werden so häufig wiederholt, dass ich sie nur noch quer gelesen habe. Beispielsweise, dass man den Menschen auf Augenhöhe begegnen, sie in Entscheidungen einbeziehen und ihre Erfahrungen berücksichtigen muss. Natürlich ist dies wichtig, sogar sehr wichtig (und wird dennoch noch immer nicht ständig berücksichtigt). Und keine Frage, es muss auch immer wieder in Erinnerung gebracht werden. Doch in der Häufigkeit, wie es in diesem Buch geschieht, ist es einfach des Guten zuviel, weshalb es 'nur' für vier Sterne reicht.

Veröffentlicht am 14.02.2018

Richtig spannend, aber am Ende bleibt nur Kopfschütteln

Passagier 23
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Immer wieder verschwinden Menschen spurlos von Kreuzfahrtschiffen - Selbstmord ist meistens die Erklärung. Ob sie aber auch stimmt, weiß niemand so genau, denn außer eventuellen Angehörigen gibt es Niemanden, ...

Immer wieder verschwinden Menschen spurlos von Kreuzfahrtschiffen - Selbstmord ist meistens die Erklärung. Ob sie aber auch stimmt, weiß niemand so genau, denn außer eventuellen Angehörigen gibt es Niemanden, der Interesse an der Wahrheit hat. Auch als Martin Schwartz vor fünf Jahren seine Frau und seinen Sohn während einer Kreuzfahrt auf der 'Sultan of the Seas' verlor, unterblieben weitere Ermittlungen, denn Selbstmord schien trotz diverser Unstimmigkeiten die einfachste und damit beste Erklärung. Nun erreicht den Polizeipsychologen, der über diesen Verlust nicht hinwegkommt, ein Hilferuf von eben diesem Schiff: Ein ebenfalls vermisstes Kind ist wieder aufgetaucht, was jedoch vertuscht werden soll, um keine Passagiere abzuschrecken. Schwartz bucht kurzfristig eine Passage mit der Hoffnung, auch etwas über den Verlust seiner Frau und seines Sohnes zu erfahren.
Eines ist dieses Buch auf keinen Fall: langweilig. Über 400 Seiten hat es, aber ich habe es mehr oder weniger in einem Rutsch durchgelesen, obwohl ich eigentlich Anderes zu tun hatte Man sollte also meinen, ein klarer *****-Thriller, aber da gibt es doch einige Schwächen, wobei das Ende für meinen Geschmack das größte Manko darstellt. Die Auflösung ist derart hanebüchen, dass ich bei den letzten Seiten immer wieder nur noch den Kopf schüttelte. Ok, als Autor will man natürlich sein Publikum überraschen, aber dann derart tief in die Trickkiste zu greifen nur der Überraschung willen? Mir war's zuviel, doch die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden
Eine weitere Schwachstelle ist die Vielzahl der Personen, die zu Beginn hopplahopp in kurzen Kapiteln eingeführt werden und von denen manche nicht allzu viel zur Entwicklung der Geschichte beitragen. Hier wäre weniger sicherlich mehr gewesen - allerdings wären es dann wohl keine 400 Seiten geworden. Dennoch: Künftigen Kreuzfahrern werde ich diese Lektüre ins Gepäck legen