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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.05.2026

Mord im Schärengarten – ein durchwachsener Auftakt

Vega Varg – Das Schweigen der Insel
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Als der erste Herbststurm über die schwedischen Koster-Inseln zieht, entdeckt eine Gruppe norwegischer Immobilienmaklerinnen und -makler während einer Kajaktour einen toten jungen Mann an einem Bootssteg. ...

Als der erste Herbststurm über die schwedischen Koster-Inseln zieht, entdeckt eine Gruppe norwegischer Immobilienmaklerinnen und -makler während einer Kajaktour einen toten jungen Mann an einem Bootssteg. Die vier Kolleginnen und Kollegen sind eigentlich für ein Teambuilding-Seminar angereist – doch statt Strategien zu entwickeln, müssen sie nun Alibis vorweisen.
Denn jeder in der Gruppe hütet eigene Geheimnisse: gescheiterte Beziehungen, Affären, Drogen oder Loyalitätskonflikte. Diese psychologische Gemengelage macht den Roman lesenswert – die Spannungen innerhalb der Gruppe sind oft packender als die eigentliche Kriminalistik. Die erfahrene Ermittlerin Vega Varg und ihr Kollege Leopold Posse aus Oslo, der nach dem Verschwinden einer Politikergattin hinzugezogen wird, müssen sich mühsam durch ein Geflecht aus Halbwahrheiten arbeiten.
Leider bleiben die Figuren in ihren tieferen Beweggründen letztlich etwas blass. Auch die Sprache ist ausgesprochen schlicht – stellenweise fast unfreiwillig komisch. Was das Buch dennoch trägt, ist seine Unmittelbarkeit: Die Handlung entfaltet sich in weniger als einer Woche, was dem Geschehen einen echten Sog verleiht. Die Auflösung wirkt allerdings stellenweise konstruiert und hinterlässt ein etwas ratloses Lesegefühl.
Für Fans des gemäßigten Skandinavien-Krimis dennoch eine Empfehlung, wenn auch mit Abstrichen.

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Veröffentlicht am 09.05.2026

Zwischen Harris-Tweed und heiliger Strenge

John of John
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Die Äußeren Hebriden – eine Welt aus Wind, Weite und Kargheit, geprägt von Schafzucht, Fischerei und dem rhythmischen Klang des Webstuhls. Der schottische Booker-Preisträger Douglas Stuart entführt uns ...

Die Äußeren Hebriden – eine Welt aus Wind, Weite und Kargheit, geprägt von Schafzucht, Fischerei und dem rhythmischen Klang des Webstuhls. Der schottische Booker-Preisträger Douglas Stuart entführt uns in diese raue Landschaft und in eine Geschichte voller unerfüllter Sehnsucht, erdrückender Religiosität und zerbrechlicher Geheimnisse.
Cal kehrt nach seinem Studium auf dem Festland – und einem kurzen Aufatmen in der Freiheit – auf die Insel zurück. Sein Vater John, ein streng presbyterianischer Weber, erwartet Gehorsam sowie die Unterwerfung unter Gott und die Gemeinde. Dass Cal schwul ist, verschweigt er wohlweislich; es würde den Ausschluss aus allem bedeuten, was diese enge Welt zusammenhält. Und so lebt er eingeklemmt zwischen seinem wahren Ich und den Erwartungen der Gemeinschaft.
Doch der eigentliche Schlüssel zum Verständnis dieser Geschichte liegt vielleicht weniger bei Cal als bei seinem Vater. John ist ein Mann, der sich selbst mit einer irritierenden Konsequenz verleugnet. Während er nach außen hin unbeirrt für die Einhaltung der Regeln kämpft, verstößt er insgeheim gegen das, was er vehement predigt. John weiß um seine eigenen Widersprüche, und der Hass auf sich selbst entlädt sich in Wut und Aggression – und trifft am härtesten jenen Sohn, den er doch über alles liebt. Dass beides gleichzeitig wahr sein kann, Hass und Liebe, macht John zur wohl tragischsten Figur des Buches. Stuart beschreibt diesen Zwiespalt mit einer Präzision, die einen nicht loslässt:
„So war es, wenn man John Macleod liebte. Man tat es gegen jede Vernunft und bessere Einsicht, und immer wenn er die Glut fast ausgetreten hatte, schaffte er es, so sanft in die Asche zu blasen, dass das Feuer wieder aufflammte.“
Obwohl es ein Buch der leisen Töne ist, hat es mich regelrecht erschlagen. Stuart erzählt in großen, eindringlichen Bögen: von den inneren Kämpfen der Figuren, der Doppelmoral einer frommen Gemeinschaft und der zärtlichen Verbundenheit, die zwischen Menschen aufscheint, denen Nähe versagt bleibt. Besonders berührt hat mich, wie Stuart die Sprache selbst zum Instrument macht: Die Weber-Metaphorik zieht sich durch den Text wie ein Kettfaden, Farbbeschreibungen leuchten immer wieder auf, und die gälischen Begriffe – kursiv gesetzt und teils direkt übersetzt – verleihen der Erzählung eine besondere Authentizität.
Ein Schmöker im besten Sinne: wuchtig, intensiv und mit Landschaftsbeschreibungen, die mich ernsthaft in Versuchung führen, die Hebriden bald selbst zu besuchen.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Spiele, Geheimnisse und ein Geist namens Louisiana Veda

Darkly
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Dia ist kein typischer Teenager: Sie spielt Backgammon, liebt Stickkissen, trägt Faltenröcke und verbringt ihre Nachmittage im Antiquitätenladen ihrer Mutter; ihre zwei liebsten Menschen sind über 75 Jahre. ...

Dia ist kein typischer Teenager: Sie spielt Backgammon, liebt Stickkissen, trägt Faltenröcke und verbringt ihre Nachmittage im Antiquitätenladen ihrer Mutter; ihre zwei liebsten Menschen sind über 75 Jahre. In ihrer altmodischen, ruhigen Welt verehrt sie vor allem eine: Louisiana Veda, die geniale Gründerin der Brettspielfirma Darkly, die vor 39 Jahren starb und deren rätselhafte Spiele noch heute als Kunstwerke gelten — Originale werden für Millionen gehandelt.
Als die Louisiana-Veda-Stiftung sieben Sommerpraktikantinnen und -praktikanten sucht, bewirbt sich Dia sofort. Hunderttausende konkurrieren — und Dia gehört wider Erwarten zu den Auserwählten. Sie fliegt nach London, doch was sie dort erwartet, ist kein ruhiges Büropraktikum, sondern das größte und gefährlichste Abenteuer ihres Lebens: gemeinsam mit sechs anderen jungen Menschen muss sie ein Rätsel lösen, bei dem möglicherweise das Leben auf dem Spiel steht.
Die Geschichte ist wirklich richtig spannend — und das liegt zu einem guten Teil daran, dass die Natur der Darkly-Spiele bewusst im Ungewissen gehalten wird. Alles wirkt mysteriös, hinter jeder Ecke scheint ein weiteres Geheimnis zu lauern. Dieser Kunstgriff funktioniert ausgezeichnet: Man liest weiter, nicht nur weil man wissen möchte, was als Nächstes passiert, sondern auch, weil man Louisiana Veda und ihre Spiele besser verstehen möchte.
Ja, manches mag etwas überzogen wirken — eine 17-Jährige, die plötzlich massiv über sich hinauswächst und Gefahren meistert, die vorher undenkbar waren. Aber die Geschichte ist so gut erzählt, dass man bereitwillig über diese kleinen Schwächen hinwegliest.
Was wirklich herausragt, ist die Aufmachung des Buches. Schon der Umschlag wirkt düster und mysteriös — ganz so wie alles, was sich um Louisiana Veda dreht. Der gesamte Buchschnitt ist bedruckt: geheimnisvolle Motive, passend zum Cover. Zwischen den Kapiteln finden sich immer wieder eingestreute Dokumente aus Louisianas Leben — Briefe, Zeitungsausschnitte, Anwaltsschreiben — die das Ganze ungemein auflockern und lebendig machen. Eine insgesamt wirklich tolle Aufmachung, die das Leseerlebnis deutlich bereichert.

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Veröffentlicht am 13.03.2026

Ausbruch im Zoo – Mitmachen erwünscht!

Bloß nicht öffnen
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Na das ist deutlich: "Bloß nicht öffnen!" steht in großen bunten Lettern oben auf dem Buch. Aber die fünf Tiere darunter sehen so lustig und süß aus - da muss man es einfach öffnen. Gesagt, getan - und ...

Na das ist deutlich: "Bloß nicht öffnen!" steht in großen bunten Lettern oben auf dem Buch. Aber die fünf Tiere darunter sehen so lustig und süß aus - da muss man es einfach öffnen. Gesagt, getan - und schon ist es passiert: Die Tiere entkommen und laufen jetzt frei im Zoo herum.
Statt einfach eine Geschichte vorgelesen zu bekommen, werden die Kinder hier aktiv miteingebunden und müssen mithelfen, die Zootiere wieder einzufangen. Da darf man Antippen, mit der Nase malen oder gleich das ganze Buch schütteln, damit die Tiere wieder zurück in ihr Gehege kommen. Jede Doppelseite fordert mit wenigen Sätzen zum erneuten Mitmachen auf, insgesamt gibt es nur wenig Text.
Die Illustrationen sind liebevoll, fröhlich und sehr gut auf das Geschehen abgestimmt: Beispielswiese sieht man im dunklen Schuppen nur fünf Augenpaare und den Lichtschalter. Und nachdem man die Tieren die Farben weggepustet hat, folgen zwei kunterbunte Seiten.
Gedacht ist dieses Mitmachbuch für Kinder ab 3 Jahren, ist aber durch die kurzen und einfachen Sätze auch schon für Jüngere gut geeignet: beim mit der Nase malen, rubbeln oder pusten haben sie bestimmt auch ihre Freude.
Insgesamt ein tollen Mitmachbuch mit abwechslungsreichen und lustigen Aufträgen - Langeweile kommt da keine auf.

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  • Cover
Veröffentlicht am 08.03.2026

Wo früher Kühe standen

Melken
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Sanna Samuelssons Debütroman verbindet Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Bauernhof mit der stillen Gegenwart eines Ortes, der seine ursprüngliche Funktion verloren hat. Ellen, die Tochter eines Bauern, ...

Sanna Samuelssons Debütroman verbindet Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Bauernhof mit der stillen Gegenwart eines Ortes, der seine ursprüngliche Funktion verloren hat. Ellen, die Tochter eines Bauern, kehrt während der Ferien spontan auf den Hof zurück, auf dem sie aufgewachsen ist. Die neuen Besitzer sind verreist, der Schlüssel liegt noch immer unter dem Topf – und so betritt sie einen Ort, der gleichzeitig vertraut und fremd geworden ist.
Der Hof ist inzwischen zur eleganten Villa umgebaut: Die Weide ist leer, die Scheune verschlossen, und aus ehemaligen Stallmaterialien sind Designobjekte geworden. Ellen richtet sich in ihrem alten Kinderzimmer ein, trinkt den Kaffee der neuen Bewohner und bleibt länger, als geplant. Während sie durch Räume und Erinnerungen streift, tauchen Bilder ihrer Kindheit auf – von harter Arbeit, Nähe zu den Tieren und einem Leben, das untrennbar mit dem Hof verbunden war.
Der Roman erzählt von der Entfremdung zwischen Land und Stadt, Vergangenheit und Gegenwart. Ellen schämte sich früher für den Geruch von Mist in ihrer Kleidung und musste das Dorf einst mit ihren Eltern verlassen. Zwar brachte die Stadt ihr Freiheit, aber weder Ruhe noch Orientierung. Als sie zurückkehrt, stellt sich jedoch die Frage, ob es überhaupt noch etwas gibt, zu dem man wirklich zurückfinden kann.
Samuelsson beschreibt das Landleben ohne Nostalgie. Sie zeigt sowohl die harte Arbeit der Bauern als auch die ambivalenten Seiten der Tierhaltung. Immer wieder blitzen auch agrarpolitische Hintergründe auf, die zeigen, warum solche Höfe verschwinden. Gleichzeitig überrascht der Text mit ungewöhnlichen, manchmal bissig-humorvollen Bildern: Gedanken über Kühe, Menschen und sogar Darmflora werden zu eigenwilligen Vergleichen über Nähe, Prägung und Identität.
Am Ende wirkt Ellens Aufenthalt wie ein stiller Heilungsprozess – und wie ein verspäteter Abschied von einer Lebensform, die langsam verschwindet.

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