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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.05.2017

Wundervoll schräge Geschichte mit herrlich skurrilen Figuren

Der Freund der Toten
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Irgendwo an der Küste Irlands, im kleinen Dorf Mulderrig, taucht im Jahre 1976 ein junger Mann auf, der vielen Einheimischen merkwürdig bekannt vorkommt. Kein Wunder, denn der 26jährige Mahony ist seiner ...

Irgendwo an der Küste Irlands, im kleinen Dorf Mulderrig, taucht im Jahre 1976 ein junger Mann auf, der vielen Einheimischen merkwürdig bekannt vorkommt. Kein Wunder, denn der 26jährige Mahony ist seiner Mutter Orla wie aus dem Gesicht geschnitten, die in Mulderrig lebte und kurz nach seiner Geburt verschwand. Mahony wuchs in einem Waisenhaus in Dublin auf und ist nun auf der Suche nach Orla, was offensichtlich Vielen überhaupt nicht gefällt. Doch er bekommt auch Unterstützung - und nicht nur von den Lebenden.
Wer sich mit übersinnlicher, eher etwas weniger realitätsgetreuer Lektüre schwertut, sollte besser die Finger von diesem Buch lassen. Denn hier spielen beispielsweise Tote eine wichtige Rolle: "Die Toten zieht es zu den Verwirrten und Ungeschriebenen, den Beschädigten und Gebrochenen.... Denn die Toten haben gebrauchte Geschichten für dich, wenn du sie hereinlassen würdest." Mahony lässt sie herein (wenn auch wohl eher unfreiwillig), während die meisten von uns sie übersehen, denn wir sind "... mit einem beruhigenden Mangel an Visionen gesegnet." Die Toten haben sich ihre Eigenheiten bewahrt, vermutlich sind sie sogar noch verstärkt, sodass die Beschreibungen herrlich skurril und gleichzeitig liebenswert wirken (wie zum Beispiel Johnnie, der immer wieder nur halb bekleidet toten Zimmermädchen nachstellt). Trotzdem erscheinen sie wie auch andere übernatürliche Erscheinungen (seltsame Wetterphänomene, eine plötzliche Quelle in einem Bibliothekszimmer incl. Fröschen, ...) hier weniger mystisch als einfach dazugehörend; ein Teil von Irland, der etwas schräg und einnehmend ist wie viele der Figuren.
Was dem Ganzen zudem etwas Phantastisches verleiht, ist der wunderbare Sprachstil der Autorin. Unbelebten Dingen verleiht sie eine Seele, in dem sie sie zu handelnden Subjekten werden lässt: "Bald wurde der Regen selbstbewusster, platschte auf Kopfsteinpflaster, hüpfte durch die Traktorspuren in der festgebackenen Erde." oder "Und natürlich wussten auch die Bäume Bescheid, aber sie trieben ihre Pfahlwurzeln einfach tiefer in die Erde und behielten ihre Meinung für sich."
Doch was nicht vergessen werden sollte: spannend ist die Suche nach Orla zudem. Alles in Allem ein durchweg tolles Lesevergnügen!

Veröffentlicht am 27.04.2017

Schräge Science-Fiction-Zeitreise-Fantasy-Geschichte mit viel 80er Flair

Paper Girls 1
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1. November 1988, 4:40 Uhr. Die 12jährige Erin macht sich auf den Weg, Zeitungen auszutragen. Es ist Halloweennacht und jede Menge merkwürdige Gestalten sind noch unterwegs. Als ihr drei ältere Jungs blöd ...

1. November 1988, 4:40 Uhr. Die 12jährige Erin macht sich auf den Weg, Zeitungen auszutragen. Es ist Halloweennacht und jede Menge merkwürdige Gestalten sind noch unterwegs. Als ihr drei ältere Jungs blöd kommen, tauchen plötzlich drei ca. gleichaltrige Mädchen mit ihren Fahrrädern auf, die ebenfalls Zeitungen austragen. Sie vertreiben die Typen und Erin schließt sich den dreien an. Doch der Ärger geht jetzt erst richtig los. Von noch viel merkwürdigeren Erscheinungen wird Tiff (eines der Mädchen) eines ihrer Walkie-Talkies geklaut; auf der Suche danach entdecken sie ein seltsames Konstrukt, das zu explodieren scheint; der Strom fällt aus; die Bewohner ihres Vorortes verschwinden gen Himmel - und für absolut nichts gibt es eine Erklärung. Und dann wird es so richtig gefährlich...
Was sich hier in Worten noch recht gewöhnlich und vielleicht sogar eher langweilig anhört, zeigt sich jedoch als Graphic Novel als völlig schräge Story mit Witz und Spannung. Die merkwürdigen Gestalten können vermutlich überhaupt nicht so genau beschrieben werden wie sie hier erscheinen. Die Hauptfiguren selbst sind klar unterscheidbar (wirken jedoch deutlich älter als zwölf), obwohl die Illustratoren auf allzu viele Details verzichten, sodass der eigenen Phantasie noch genügend Spielraum bleibt. Stimmungen und Atmosphären werden durch das Verwenden jeweils einer dominanten Farbe so deutlich, dass darüber keine großen Worte verloren werden müssen. Hinweise auf irgendwelche Zusammenhänge erfolgen fast schon beiläufig durch kleine Zeichnungen (wie der immer wiederkehrende Apfel), sodass ich das Buch nun bereits zwei- oder dreimal gelesen habe und dennoch immer wieder etwas Neues entdeckte.
Die Geschichte um die Paper Girls läuft seit Oktober 2015 und noch immer als monatliche Fortsetzungsserie (mit Unterbrechungen), was man den diversen Cliffhangern anmerkt, die vermutlich das Ende einer Serie bilden. Sie sind derartig gut angelegt, dass man überhaupt nicht anders kann als weiterzulesen. Und am Ende dieses ersten Bandes mit den ersten fünf Folgen habe ich noch immer mehr Fragen als Antworten - im Juli kommt aber der zweite Band. Ich bin dabei

Veröffentlicht am 25.04.2017

Spannend, wenn auch weniger Thriller als erwartet

Wenn das Eis bricht
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Angekündigt wird dieser 600-Seiten-Wälzer als Psychothriller, "... so kalt und gewaltig wie kaum einer sonst." (Daily Mail) Wenn sich Letzteres auf das Wetter beziehen sollte, dann stimmt es vermutlich ...

Angekündigt wird dieser 600-Seiten-Wälzer als Psychothriller, "... so kalt und gewaltig wie kaum einer sonst." (Daily Mail) Wenn sich Letzteres auf das Wetter beziehen sollte, dann stimmt es vermutlich sogar, denn die Handlung spielt um Weihnachten herum, bei widerlich ekligem Wetter Ansonsten empfinde ich die Aussage aber deutlich übertrieben, denn mindestens die Hälfte der Handlung, wenn nicht sogar mehr, beschäftigt sich mit dem Innenleben zweier beteiligter Personen, das mit dem eigentlichen Fall absolut nichts zu tun hat.
Im Hause eines reichen Geschäftsmannes wird eine enthauptete Frau aufgefunden, alle Indizien deuten auf den Hausbesitzer, der spurlos verschwunden ist. Erzählt wird abwechselnd aus drei Perspektiven: Da gibt es Hanne, Verhaltenstherapeutin und Psychologin, die neben schweren Eheproblemen auch mit ihrer Diagnose Demenz zu kämpfen hat und die Mitarbeit an diesem Fall nutzt, um in ihrem Leben reinen Tisch zu machen. Und Peter, einer der verantwortlichen Kommissare, der beruflich zwar erfolgreich, im Sozialen jedoch ein völliger Versager ist. Auch für ihn wird dieser Fall eine Auseinandersetzung mit seinem eigenen Leben, in dem Hanne ebenfalls eine Rolle spielt. Die Dritte im Bunde ist Emma, deren Bericht zwei Monate vor dem Fund der Leiche beginnt. Ist sie die Tote? Ihr Erzählpart steuert nach und nach auf den Tag der Tat zu und es ist klar, dass sie eine der Hauptfiguren darin ist.
Neben den Ermittlungsschilderungen sind sicherlich mehr als die Hälfte Rückblenden der drei Personen, was in Emmas Fall durchaus zur Spannung beiträgt, da sie direkt mit dem Verbrechen verbunden ist. Bei Hanna und Peter sind es dagegen (nur) Erinnerungen an das eigene Leben; wie sie zu den Menschen wurden, die sie jetzt sind; weshalb sie jetzt so und nicht anders handeln. Camilla Grebe schreibt gut und die Psychogramme ihrer Protagonisten sind schlüssig und auch fesselnd zu lesen - nur mit dem eigentlichen Fall haben sie nichts zu tun. So könnte, wer aufgrund der Lobeshymnen auf dem Cover und dem Klappentext einen durchweg packenden Thriller erwartet, enttäuscht werden. Denn die überraschenden Wendungen beginnen erst ca. 100 Seiten vor dem Ende, aber dann haben sie es auch in sich. Bis dahin ist es ein gut geschriebener und spannend aufgebauter Krimi mit zwei Figuren, die durchaus das Potenzial für einen weiteren Fall hätten.

Veröffentlicht am 21.04.2017

Sommer mit 16

Skizze eines Sommers
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Was für ein schön zu lesendes Buch! Locker-leicht-melancholisch vermittelt es ein Lebensgefühl, wie man es nur in einem Sommer mit 16 haben kann - ok, vielleicht auch noch mit 17 oder 18
Sommer 1985 in ...

Was für ein schön zu lesendes Buch! Locker-leicht-melancholisch vermittelt es ein Lebensgefühl, wie man es nur in einem Sommer mit 16 haben kann - ok, vielleicht auch noch mit 17 oder 18
Sommer 1985 in Potsdam, René ist gerade 16 geworden und vor ihm liegen zwei Monate ohne Schule, ohne Erwachsene und mit überraschenderweise viel Geld. Lässig-schnoddrig und auch wundervoll selbstironisch erzählt er von dieser Zeit, dem Abhängen mit seinen Freunden, seinen Erfahrungen mit Mädchen und überhaupt diesem Leben, in dem es nichts Wichtigeres zu geben scheint als Bücher, Musik, Klamotten - nicht zu vergessen der Weltfrieden. Ich las die meiste Zeit mit einem Grinsen im Gesicht, zum Einen weil der Text an sich sehr humorvoll ist ('Es herrschte bei uns ja ständig ein Überfluss an irgendwelchem Mangel'), zum Andern weil mir Vieles sehr bekannt erschien, auch wenn ich meine Jugend nicht in der DDR verbrachte (beispielsweise das Zusammenstellen von Mixtapes). "Hach! - diesen Ausruf hat man beim Lesen von André Kubiczeks «Skizze eines Sommers» ziemlich oft im Kopf." - so schrieb der Stern und ich kann dem nur zustimmen. Insbesondere auch bei der Erwähnung von Musik. Viele, schon lange nicht mehr gehörte Gruppen kehrten wieder ins Bewusstsein zurück, die ich mir endlich mal wieder zu Gemüte führen werde (The Cure, Grandmaster Flash...). Überrascht bin ich, wieviele Gemeinsamkeiten es offensichtlich damals zwischen der Ost- und West-Jugend gab, nur in wenigen Situationen schienen wirklich deutliche Unterschiede zu herrschen (beispielsweise bei der Literaturbeschaffung).
Auch wenn das Buch mehr als leichte Unterhaltung daherkommt, sind doch immer wieder schöne, tiefergehende Passagen zu finden. Beispielsweise die Lobeshymne auf ein Gedicht: 'Es war wie ein Wunder, jemanden zu treffen, der genau wusste, was man selber gern gesagt hätte. Und der es für einen in Worte kleiden konnte, die schön klangen und in einem Buch geborgen waren, das so edel wirkte wie ein Schatzkiste.' So oder so ähnlich ging es mir auch mit diesem Buch

Veröffentlicht am 18.04.2017

Tolles Jugendbuch - jedoch mit unüberlesbaren Schwächen

Ana und Zak
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Schon mal auf einer Sci-Fi-Comic-Convention gewesen? Ich noch nicht, aber nach dem Lesen dieses Buches hätte ich richtig Lust dazu. Denn der Autor hat dies so bilderreich und witzig beschrieben, dass ich ...

Schon mal auf einer Sci-Fi-Comic-Convention gewesen? Ich noch nicht, aber nach dem Lesen dieses Buches hätte ich richtig Lust dazu. Denn der Autor hat dies so bilderreich und witzig beschrieben, dass ich mir am liebsten sofort eine Eintrittskarte dafür gekauft hätte. Leider ist nicht das ganze Buch so mitreißend, weshalb es nur für vergleichsweise wenig Sterne gereicht hat.
Ana und Zak, die beiden Hauptfiguren des Buches, haben nicht viel gemeinsam, wenn man davon absieht, dass sie auf dieselbe Schule gehen. Während Anas Leben nur aus Pflichten und Lernen zu bestehen scheint, genießt Zak das Leben und schenkt der Schule maximal so viel Aufmerksamkeit wie unbedingt nötig. Zufälligerweise nehmen Beide an einer Quiz-Meisterschaft in Seattle teil und als Anas kleiner Bruder verbotenerweise verschwindet, um auf die gleichzeitig stattfindende Sci-Fi-Comic-Con zu gehen, hilft Zak Ana, ihn dort wiederzufinden.
Zwei Jugendliche, die so unterschiedlich sind wie man es nur sein kann, auf der Suche nach einem 13jährigen Jungen auf einer schrägen Veranstaltung mit hunderten, wenn nicht sogar tausenden seltsamer Menschenwesen - das verspricht Verwicklungen und Chaos. Und dieses Versprechen wird gehalten, denn sie landen in einer gigantischen Schlacht, in der Ninjas, Konquistadoren, Wikinger, Kreuzritter, Orks, Zwerge undundund die Schlacht von Badon Hill nachstellen; Ana sprengt eines der wichtigsten Turniere des Festivals; Zak wird von einem wildgewordenen Wikinger gejagt - es geht drunter und drüber. Zu all dem werden beide in ein Gefühlschaos gestürzt, denn Zak findet Ana immer anziehender je weiter der Abend (bzw. die Nacht) voranschreitet und Ana muss feststellen, dass der scheinbare Hallodri ein verantwortungsbewusster und sympathischer junger Mann ist. Und dass Beide eine Vorstellung von ihrem jeweiligen Gegenüber haben, das nur in Teilen mit der Realität übereinstimmt.
Hört sich alles nicht schlecht an - und das ist es auch nicht. Wenn, ja wenn nur nicht der Anfang und das Ende wären. In einer Art erstem Teil werden die Konflikte dargestellt, die die beiden jungen Menschen mit bzw. wegen ihrer Eltern haben. Doch die Art, wie Ana und Zak damit umgehen, passt so gar nicht zu den Persönlichkeiten, die man ihm Laufe des Buches kennenlernt. Viel zu überzogen und wenig glaubwürdig handeln die Beiden; Zak wie ein pubertärer Zwölfjähriger und Ana wie ein kleines Mädchen ohne jedes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Am Ende hingegen wird diese chaotische Nacht durch eine Drogengeschichte noch derart gepusht, dass man fast glauben könnte, einen Actionthriller zu lesen. Dabei ist bereits derart viel geschehen, dass das überhaupt nicht nötig gewesen wäre.
So bleiben gemischte Gefühle: Ein toller Mittelteil mit einer Liebesgeschichte, die durchaus auch Jungs gefallen könnte - und ein Rest, bei dem weniger deutlich mehr gewesen wäre. Vielleicht beim nächsten Mal?