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Veröffentlicht am 18.08.2021

Zwischen Strebern und Gaunern

Harlem Shuffle
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Der zweifache Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead ist vor allem durch seine zwei vorherigen tiefernsten Romanen, die sich mit Sklaverei und Rassismus beschäftigen, berühmt. Auch in seinem neuen Werk ...

Der zweifache Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead ist vor allem durch seine zwei vorherigen tiefernsten Romanen, die sich mit Sklaverei und Rassismus beschäftigen, berühmt. Auch in seinem neuen Werk „Harlem Shuffle“ spielt der Unterschied zwischen Weißen und Schwarzen eine Rolle, aber vor allem bedient Colson sich mit einer großartigen Prosa nebenbei noch den Genres spannender Ganovenkrimi und einer präzise Milieustudie von New Yorks Harlem der 60er-Jahre mitten in der Bürgerrechtsbewegung.

Möbelverkäufer Ray Carney möchte im Jahre 1959 rechtschaffend für seine Familie sorgen und hat sich in der 125. Straße sein kleines Königreich aufgebaut. Doch er verstrickt sich immer mehr in ein kriminelles Doppelleben, da er nebenbei noch Hehlerware seines ungeschickten Cousins Freddie vertickt, um besser über die Runden zu kommen. Ray selbst hatte eine schwierige, verwahrloste Kindheit mit einem stadtbekannten Gangster-Vater. Als Freddie beschließt, das historische Hotel Theresa auszurauben, gerät alles aus den Fugen und zahlreiche düster-gewaltvolle Gestalten aus der Unterwelt sowie zwielichtige Cops sind ihnen auf den Fersen. Carney muss sich nun in seinem Doppelleben entscheiden, wie viel Ganoven- oder Strebertum in ihm steckt, während er die wirklichen Drahtzieher in Harlem erkennt – es beginnt ein innerer Kampf. Ist in Harlem für einen Afroamerikaner ein sozialer Aufstieg ohne Kriminalität überhaupt möglich?

Scharf beobachtend, detailliert, lakonisch und sehr atmosphärisch lässt Colson Whitehead New Yorks berühmtestes Viertel Harlem wiederauferstehen – in den 60er-Jahren, der Zeit der Bürgerrechtsbewegung und der Kennedy-Ära. Die Sozial- und Milieustudie ist brillant und geht mit der spitzbübisch-kühnen Ganovengeschichte eine fesselnde Symbiose ein. In drei Teilen der Jahre 1959 bis 1964 tauchen allerhand eigenwillige und bunte Charaktere auf, eingetaucht in geschichtliche Details, literarische Bezüge und ein kunstvoll dicht komponiertes Harlem der 60er-Jahre, das sich erst in optimistischer Aufbruchsstimmung wähnt und dann in Unruhen versinkt.

Es wäre nicht verwunderlich, wenn Whitehead mit dieser hochwertigen und pointierten Gesellschaftsstudie über Rasse, Abhängigkeit und Macht sowie der Hommage an Harlem wieder renommierte Preise gewinnt!

„Vor ihm erstreckten sich keine neuen Ufer, endlos und üppig – das war etwas für Weiße – aber dieses neue Land war zumindest ein paar Blocks groß, und in Harlem waren ein paar Blocks alles. Ein paar Blocks waren der Unterschied zwischen Strebern und Gaunern, zwischen Gelegenheit und Herumgekrebse.“ S. 146

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Veröffentlicht am 15.08.2021

In ständiger Seelenqual

Sag mir, wer ich bin
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Als Teenager überlebt Sally nur knapp eine versuchte Vergewaltigung und gewaltvolle Entführung samt Körperverletzung in Paris. Da sie keine Hilfe bekommt und ihre Eltern nicht nur mit Verschwiegenheit, ...

Als Teenager überlebt Sally nur knapp eine versuchte Vergewaltigung und gewaltvolle Entführung samt Körperverletzung in Paris. Da sie keine Hilfe bekommt und ihre Eltern nicht nur mit Verschwiegenheit, sondern wiederum mit Gewalt reagieren, wenn Sally von ihren Qualen spricht, versucht sie so gut wie es ihr möglich ist, das Trauma zu verdrängen. Doch das gelingt ihr ohne professionelle Therapie verständlicherweise nicht und so schleppt sie ihre inneren, seelischen Verletzungen sowie Ängste ein Leben oder ein Roman lang in „Sag mir, wer ich bin“ mit sich. Später wird sie ihren Patenonkel Carson heiraten, der ihr längere Zeit den Hof macht und unbedingt mit ihr schlafen möchte. Eingebettet in besseren Kreisen denkt Sally auf einer Feier, ihrem früheren Peiniger begegnet zu sein – Philippe. Jetzt beginnt das angekündigte „ Katz-und-Maus-Spiel“ , das die Autorin Felicity Ward so konstruiert, dass Sally angeblich die düster-gewaltvollen Elemente von Philippe provoziert. Sie gehen eine Sado-Maso-Beziehung ein, die in unerträglicher Gewalt und tödliche Gefahr umschlägt, solange Sally nicht die Wahrheit sagt. Dabei geht sie abermals seelisch zugrunde, scheint aber augenscheinlich ihre Sexualität zu befreien.

Nicht nur das konfuse Vorwort über Spaltungen zwischen englisch- und französischstämmigen Kanadiern in Montreal sowie über nicht verständliche Bezüge zwischen #MeToo, Völkermord und Opfer-Täter-Mentalität sind verwirrend und zweifelhaft – der gesamte Roman sowie die fragwürdigen Ansichten der Protagonisten sind es. Schlecht konstruiert in jede Menge nichtssagender Dialoge (teils auf Französisch), verliert sich die Handlung so wie Sally sich selbst. Dabei war der Beginn und Sallys Kampf nach dem Trauma um ein selbstständiges Leben trotz Ängsten, Panik sowie der zurückgewonnen Erinnerungen noch recht vielversprechend.

Im letzten Teil blitzt ein wenig Spannung auf, die schnell beim Lesen in Ärger umschlägt, da die Autorin am Ende das Opfer als Täterin dastehen lässt. Dieser Roman ist nicht empfehlenswert und ist so wie Sallys Innenleben eine Qual – ohne wichtige Kernaussage, im Gegenteil. Von der Autorin Felicity Ward ist nichts im Internet zu recherchieren – sie lässt die Leser mit ihrem fraglichen Roman verwirrt zurück.

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Veröffentlicht am 15.08.2021

Das mystische Geheimnis der Maiden

Die Leuchtturmwärter
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Emma Stonex spinnt angelehnt an die wahre mysteriöse Geschichte der verschwundenen drei Leuchtturmwärter der Eilean Mòr von 1900 eine fiktive, düstere Psycho-Thriller-Geschichte, die sich puzzleartig und ...

Emma Stonex spinnt angelehnt an die wahre mysteriöse Geschichte der verschwundenen drei Leuchtturmwärter der Eilean Mòr von 1900 eine fiktive, düstere Psycho-Thriller-Geschichte, die sich puzzleartig und subtil stückchenweise entfaltet. In gewaltiger Atmosphäre, die die Unberechenbarkeit und Stärke des Meeres miteinfängt, rollt Stonex abwechselnd in den Zeiten 1972 und 1992 facettenreiche Einblicke in das Seelenleben der Protagonisten auf. 1972 sprechen jeweils die Männer auf dem Leuchtturm, der Maiden Rock – Arthur, Bill und Vince haben alle ihr Päckchen aus der Vergangenheit zu tragen: Geheimnisse, Traumata, Verbrechen, Eifersucht und Verlust. Dazu macht sie das wochenlange klaustrophobische und monotone Arbeiten auf einem engen Turm mitten im gewaltigen Meer teils psychisch zu schaffen – je weiter die Kapitel schreiten, desto mehr gesellen sich wahnsinnige und mystische Elemente sowie imaginäre Gespenster in das Erzählen von Stonex. Nach und nach bahnen sich tief liegende, starke Emotionen der Männer an die tosende Oberfläche und führen zu Spannungen – die verschwiegene Vergangenheit holt sie ein.

1992 kommen die Frauen der Wärter zu Wort: Helen, Jenny und Michelle – ein Schriftsteller nimmt sich dem mysteriösen Verschwinden der Männer nochmal an und interviewt die zurückgelassenen Frauen. Die zahlreichen Möglichkeiten, Theorien und geheimnisvollen Indizien des Verschwindens wie eine verschlossene Tür, ein für zwei Personen gedeckter Tisch und angehaltene Uhren sowie das Schweigen des Leuchtturmkonzerns Trident und Vince’ Gefängnisaufenthalt fließen subtil und galant in die Geschichte mitein – und bieten umfassend Anlass für Spekulationen und Grübeleien. Auch hier versteht es Stonex ohne wörtliche Dialoge eine düster-nachdenkliche und spannende, rätselhafte Szenerie mit den Gedanken der Frauen zu kreieren, bei der auch poetische Sätze hineingewoben werden.

„Helens Erinnerungen an ihren Mann waren nur Bruchstücke, vedorrte Schuppen, die sie umwehten wie Laub, das durch die Küchentür getrieben wurde. Manchmal bekam sie eine zu fassen und konnte sie genauer betrachten, aber meist sah sie nur, wie diese Blätter um ihre Knöchel wehten, und fragte sich, wie in aller Welt sie die Energie aufbringen sollte, sie zusammenzukehren.“ S. 38

Was ist damals wirklich passiert? Wie laufen die Fäden der verschiedenen und teils tragischen Biografien ineinander? Bis zum Schluss spielt Stonex mit verschiedenen Andeutungen, Hinweisen und tückischen Geheimnissen, die sich immer wieder überwerfen und wie ein wankendes Schiff auf stürmischer See in neue Richtungen hinauslaufen, bevor am Ende zwar etwas konstruiert alle Schichten abgedeckt und die menschliche Katastrophe offenbaren. Versiert gibt sie jedem Protagonisten seinen eigenen, präzisen Anstrich in Sprache, Gedanken und Lebenslauf, während das Meer tost und weiße, mystische Vögel ihre Kreise darüber ziehen.

„Die Leuchtturmwärter“ ist ein sprachgewaltiger, eindringlicher und packender Roman über die schwere, mittlerweile automatisierte Arbeit von Leuchtturmwärtern, aber auch über menschliche Tragödien, Ungesagtes und verdrängte Emotionen. Mit starkem Sog lässt diese düster-aufwühlende Geschichte so schnell nicht los, gräbt sich mit den Wahnsinn und der Mystik tief ins Unterbewusste. Einzig und allein die letzten Kapitel sind etwas schwächer komponiert, schmälern aber nur bedingt die Lesefreude dieser psychologisch clever konstruierten Mystery-Geschichte.

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Veröffentlicht am 05.08.2021

Loslassen und Neubeginn

Wir für uns
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Zwei unterschiedliche Frauen treffen in dem fiktiven hessischen Ort Solbach aufeinander, als sie sich am meisten brauchen – zum Loslassen, Umsortieren und für einen Neustart. Sozialarbeiterin Josie ist ...

Zwei unterschiedliche Frauen treffen in dem fiktiven hessischen Ort Solbach aufeinander, als sie sich am meisten brauchen – zum Loslassen, Umsortieren und für einen Neustart. Sozialarbeiterin Josie ist von Bengt schwanger – doch es gibt zwei Haken: Bengt ist verheiratet mit einer anderen Frau und Josie ist schon 41. Doch sie will es nicht mehr nur ihrem langjährigen „Freund“ Bengt recht machen, der für eine Abtreibung ist – Josie möchte das Kind haben. Was folgt ist eine schmerzhafte Trennung und viele ernsthafte und klug aufgefangene Gedanken über die Möglichkeit einer Chromosomenstörung wie Trisomie 21. An diesem wichtigen Punkt in ihrem Leben trifft Josie auf Kathi – diese ist schon wesentlich älter und hat auch mit schmerzhaften Gefühlen zu kämpfen: Ihr Mann ist verstorben und zu ihrem Sohn hat sie den Kontakt verloren.

Berührend, authentisch, nachdenklich, aber auch mit einer Brise Humor und vor allem Lebensmut hat Barbara Kunrath in ihrem fünfteiligen Roman „Wir für uns“ eine warmherzige, einfühlsame und mutmachende Geschichte aus dem Leben geschrieben. Aus der Ich-Perspektive von Josie taucht der Leser tief ein in die ehrlichen und wichtigen Gedanken einer Spätgebärenden und die gelernt hat, ihre Wünsche ab nun vorne anzustellen. Es sind die feinfühligen Reflektionen, in denen Josie über ihre eigene Kindheit sinniert, über das eher distanzierte Verhältnis zur Mutter sowie zum verstorbenen Vater und was sie besser machen möchte bei ihrer Erziehung, die sehr bewegen. Josie und ihre Mutter werden zudem ein Traumata der Familie wieder ans Licht bringen, während Kathi auch an ein altes Geheimnis ihres Mannes herankommt.

Die ehrliche Freundschaft zwischen den Frauen, die sich durch Zufall treffen und gemeinsam lernen, sich zu stützen, loszulassen und neu zu beginnen, ist von Kunrath berührend und sympathisch komponiert und changiert zwischen Schmerz, Optimismus und Mut, ohne rührselig zu werden. Kleine Alltagsbeobachtungen, auch zu Grünem Leben und Klimawandel, fließen in Josies Reflektionen zum anstehenden Muttersein und seine tiefgreifenden Veränderungen. Ein Neubeginn für zwei Frauen aus unterschiedlichen Generationen, der zum Wohlfühlen und eigenem Wunschträumen einlädt – leichtfüßig, warm und lebensnah.

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Veröffentlicht am 30.07.2021

Verästelte Gedanken

Auszeit
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Henriette fühlt sich ihrem eigenen Leben nicht verbunden – die Mittdreißigerin hat schon immer mit Antriebsproblemen und Depressionen zu kämpfen, findet keinen für sie wünschenswerten Beruf und ihre Dissertation ...

Henriette fühlt sich ihrem eigenen Leben nicht verbunden – die Mittdreißigerin hat schon immer mit Antriebsproblemen und Depressionen zu kämpfen, findet keinen für sie wünschenswerten Beruf und ihre Dissertation über die Kulturgeschichte des Werwolfes stagniert. Eine Abtreibung hat ihr derzeit den Rest gegeben und sie weiß nicht, wohin ihr Leben verlaufen soll, während für sie alle anderen ein geordnetes Dasein führen. Ihre enge Freundin Paula überredet sie für eine Auszeit in einer Hütte im Bayerischen Wald – umgeben von der Natur und mit Yogaübungen sowie Massagen möchte sie die Traumata und Wunden Henriettes heilen. Und die Umgebung in der Nähe von Wolfsgehegen sei prädestiniert für die Weiterführung ihrer Doktorarbeit. Die Tage ziehen neben Paulas gedanklichen Reflexionen mit alltäglichen Dingen wie Kochen, Reden, Wein trinken und Spazierengehen dahin, bis Paulas On-Off-Freund Tom auftaucht und das Zweierteam aufmischt.

„Der Moment direkt vor dem Augenaufschlag ist eine Millisekunde im Negativbereich des Bewusstseins vor dem Beginn der Zeitrechnung des Tages. Alles ist schon in ihm angelegt: die Trauer oder die Freude des Kommenden.“ S. 16

Feinfühling, zart, direkt und poetisch taucht der Leser tief in Henriettes verästelte Gedanken und Selbstzweifel ein – geplagt von Grübelattacken sucht sie einen Sinn im Leben, beobachtet dabei ihre Umgebung und ihren bisherigen Lebensweg präzise und kreist immer um sich selbst. Sie denkt schmerzhaft über die Abtreibung und dem dazugehörigen One-Night-Stand nach und ordnet immer wieder ihre Wahrnehmung und ihr Befinden ein. Dabei fließen Bezüge zur Werwolfs-Transformation und seine verschiedenen Ausführungen ein.

„Die Deutung, dass es sich bei der Verwandlung in einen Wolf um einen Ausbruch des Bösen im Menschen handelte, ist falsch. Ich glaube, der Werwolf rennt durch die Nacht wie ein Wahnsinniger, der leben will.“ S. 65

Hannah Lühmann zeigt ein bewegendes und ruhiges Bild einer depressiven jungen Frau, das sehr authentisch und intim zugleich ist. Dabei steht nicht eine ganze 30er-Generation, die sich voller Möglichkeiten in der Entscheidungsfindung verliert, sondern Henriette und ihre düsteren Gedankenspiralen im Vordergrund. Der Roman entwickelt sich leise, vieles ist zwischen den Zeilen zu finden. Am Ende wartet eine überraschende, fast schon traumartige Wendung, die Paula aus ihrer depressiven Phase holen wird. Dieses fällt etwas unrealistisch aus und die Werwolf-Bezüge sind insgesamt schwierig einzuordnen.

Mit einer dichten, sensiblen sowie klaren Sprache zeichnet Lühmann in „Auszeit“ präzise und eindringlich das Seelenleben einer jungen Frau nach, die vom eigenen Leben überfordert ist und einfach nur voller Energie leben möchte – bei der inhaltlichen Komposition ist noch Luft nach oben und es bleibt spannend, was von der Autorin in Zukunft erscheint.

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