Geballte Fäuste für die Freiheit
Die MarschallinDie Slowenin Zora del Buono, geborene Ostan, ist die gleichnamige Großmutter der Autorin, die ihr mit "Die Marschallin" eine literarische Erinnerung geschaffen hat. Sie ist schlau, scharf analysierend, ...
Die Slowenin Zora del Buono, geborene Ostan, ist die gleichnamige Großmutter der Autorin, die ihr mit "Die Marschallin" eine literarische Erinnerung geschaffen hat. Sie ist schlau, scharf analysierend, temperamentvoll, strenge Majorin über ihren von Männern dominierten Familienclan und - glühende Kommunistin.
Zora entführt uns in die Zeitspanne von 1919 bis zu ihrem triumphalen Resümee im Jahre 1980. Kriege beuteln und verändern ihr Land immer wieder schwer aufs Neue. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lernt sie ihren Mann, den angesehenen Radiologen Pietro del Buono kennen, mit dem sie drei Söhne bekommen und in einer von ihr entworfenen, noblen Villa in Bari wohnen und viele feudale Gäste empfangen wird. Gemeinsam stehen sie ideologisch gegen den Faschismus von Mussolini und für Tito. Zora ist im Herzen Trotzkistin, hat sich zwar mit ihrer Mutterschaft "abgefunden", doch würde lieber für die Freiheit als Partisanin an der Front kämpfen - als Macherin oder Majorin Dinge umwälzen, Gesellschaften verändern, Neues fließen lassen.
Geografisch und zeitlich in der Überschrift des jeweiligen Kapitels verortet, stellt uns die Autorin eine multiperspektivische Biografie mit (vermutlich) teils fiktiven und stets realen historischen Begebenheiten in Italien und dem ehemaligen Jugoslawien vor. Die Gewalt der Kriege und des Faschismus, die eigenen Ideologien und Lebenswünsche, aber vor allem auch viele bildgewaltige zwischenmenschliche Geschehnisse wie Familie, Liebe, Träume und Dramen machen den Roman aus und lesenswert. Del Buono schreibt sehr flüssig, gut recherchiert und kein Wort ist zu viel - der Lesefluss ist nie gestört. Fasziniert hat mich die fulminante Abschlussrede der alten Zora im Altersheim, immer noch unnachgiebig, aber auch trauernd um ihre vielen schicksalshaft verstorbenen Lieben. Die harte Schale immer noch fest, doch auch dankbar für ihre lange Ehe - und immer noch geballte Fäuste für ihre Art zu Denken und zu Herrschen. Ein größtenteils sehr poetischer, menschlicher, dynamischer und magischer Roman, der den Leser bildgewaltig in wichtige historische Ereignisse, aber auch in ein ganz persönliches Leben voller Schicksale und Sehnsüchte eintauchen lässt!