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Veröffentlicht am 15.01.2022

Melancholie der Rastlosen

Der letzte Sommer in der Stadt
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Gianfranco Calligarichs atmosphärischer Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ erschien schon 1973, war recht erfolgreich und verschwand dann plötzlich aus dem Buchhandel. Doch schnell avancierte das Buch ...

Gianfranco Calligarichs atmosphärischer Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ erschien schon 1973, war recht erfolgreich und verschwand dann plötzlich aus dem Buchhandel. Doch schnell avancierte das Buch zum Kult und erscheint nun glücklicherweise erstmals auf Deutsch.

Ich-Erzähler und Protagonist des Romans ist Leo Gazzarra: Im Rom der 1970er-Jahre verkehrt der junge Journalist in der Bohème der italienischen Hauptstadt – es wird gefeiert, geraucht, getrunken, diskutiert oder am Piazza Navona getroffen. Doch bei aller Lust an der Kultur und am Feiern, durchzieht eine leise Melancholie und Selbstzerstörung den Roman, denn Leo wird bald arbeitslos und zieht ziellos im Dunst des Alkohols zwischen Hotels, Bars und den Wohnungen seiner intellektuellen Freunde umher. Als er die fragile und verführerische Arianna kennenlernt, beginnt eine stürmische Liebe zwischen zwei Rastlosen, die nicht wirklich lieben können und sich gegenseitig verletzen. Mit Leos maroden Alfa Romeo fahren sie durch die Nacht nach Ostia ans Meer und philosophieren über Literatur und das Leben. Die Ewige Stadt ist im heißen August wie leergefegt, ein Gefühl der Verlorenheit, des Unwohlseins und der Dekadenz macht sich breit – auf den Straßen und in den Seelen der Protagonisten, denen kein glückliches Ende zu drohen scheint.

Calligarich sind sehr szenische, elegante und metaphorische Beschreibungen der Ewigen Stadt gelungen, in denen sich emotional auch die ambivalenten Gefühle der Charaktere spiegeln. „Wie ein wildes Raubtier“ scheint sie die Menschen teilweise zu verschlingen und ihnen doch eine große Lebensqualität zu liefern. Orte und Szenen der Stadt sind so präzise bildhaft und poetisch hervorgehoben, als stehe man direkt daneben – eine gelungene Hommage, die auch die Schattenseiten hervorzuheben weiß. Ein kleiner Schwachpunkt des Romans ist die Tiefenschärfe der Charaktere und ihre psychologische Entwicklung, die etwas oberflächlich komponiert ist. Und trotzdem folgt man dem selbstbezogen und somnambul wirkenden Gazzarra leichtfüßig und soghaft durch Rom, die unglückliche Liebe und durch seine unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Eine erfreuliche Wiederentdeckung und zeitlos in ihrer feinsinnigen Erzählversiertheit, obwohl der Roman schon vor 50 Jahren geschrieben wurde.

„ … denn Rom birgt einen besonderen Rausch in sich, der die Erinnerungen verbrennt. Mehr noch als eine Stadt ist Rom ein geheimer Teil von euch, ein verstecktes Raubtier. Mit ihm gibt es keine halben Sachen, entweder die große Liebe, oder ihr müsst da weg, denn das fordert das sanfte Raubtier.“ S. 16

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Veröffentlicht am 12.01.2022

Choreografie des Sinns

Auto
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„Manchmal ist die Zeit ein kalter Hauch.“ – Busch hat jetzt viel Zeit in seinem selbst auferlegten Stillstand, die Zeit und sich selbst sowie das Außenherum detailliert zu beobachten. Er ist aus dem Hamsterrad ...

„Manchmal ist die Zeit ein kalter Hauch.“ – Busch hat jetzt viel Zeit in seinem selbst auferlegten Stillstand, die Zeit und sich selbst sowie das Außenherum detailliert zu beobachten. Er ist aus dem Hamsterrad ausgestiegen – früher war er Vertreter für die Verlagsbranche, kilometerweit ist er mit seinem Mercedes gefahren, bis er beschlossen hat, zu entschleunigen. Erst ist er auf den Zug umgestiegen, bis er ganz ausgestiegen ist. Misstrauisch beäugt von den Nachbarn wohnt er jetzt im stillgelegten Mercedes im Hof – nur zum Essen und Duschen kommt er noch in seine Wohnung, in der seine disziplinierte Frau Susanne und sein Sohn Matti wohnen. Ansonsten ist nun der Hinterhof sein eigener Mikrokosmos geworden, in dem jede Veränderung in der Langsamkeit wahrgenommen wird.

Innerhalb der Familie wird nicht viel über seinen Ausstieg gesprochen, es scheint eine Engelsgeduld zu herrschen, doch das täuscht. Nicht nur sein Psychologe, mit dem Busch wöchentlich telefoniert, möchte ihn zurück auf die 'richtige Spur' schicken, doch er verfolgt einen ganz eigenen Stillstand-Plan mit selbst erteilten Regeln (Regel 2: Alle Eigenbewegung auf das Nötigste und Wichtigste reduzieren. Regel 8: Warten und dankbar sein. Und dankbar fürs Warten sein.) und dem präzisen Beobachten des Himmels und der Ameisenkolonie im Hof – die Tiere folgen ohne Pause oder Hinterfragen ihrer Schwarmintelligenz, jede Ameise hat ihre Aufgabe, innere Ordnung und ihren Sinn: „Ameisen funktionieren in Formation. Da schert keine aus. Und das ist stets sinnvoll und nützlich für sie. Das ist die Choreografie des Sinns schlechthin.“ S. 31

In assoziativen Rückblenden wirft die Autorin Christina Walker kleine, liebevolle Schlaglichter auf den gutmütigen Protagonisten und seine Vergangenheit im Berufs- und Eheleben – sie zeichnet kein vollständig interpretierbares Bild seiner Beweggründe und trotzdem ist ihr eine berührende und tiefgründige Parabel auf unsere Hochleistungs-Gesellschaft mit ihren festgelegten Normen gelungen. Was wird als krankhaft oder normal angesehen? Wie reagiert das unmittelbare Umfeld auf einen Übergang in einem Menschenleben, das beschließt, sich teilweise der Gesellschaft abzuwenden?

Mit subtilem Humor und einer Brise Lakonie sowie einer philosophisch angehauchten Poesie folgt der Leser berührt den teils obskuren und doch so feinsinnigen Gedankengängen von Busch, wenn er nicht nur seinen Körper und seine Befindlichkeiten, sondern auch die Tiere und Menschen aus seinem Rückzugsort Mercedes ins kleinste Detail beobachtet oder wenige abgezählte Schritte zum Supermarkt wagt. Dabei stand sein Auto mal für Schnelligkeit und Mobilität – alles Dinge, denen sich Busch nun entzieht, um vielleicht durchlässig und unsichtbar zu werden. Er betrachtet sein Leben nun aus einem anderen Blickwinkel und tariert das Da-Sein aus. Die einzigen Konstanten in seinem Tagesablauf sind der tägliche Apfel und die Wettervorsage sowie das Beobachten der Ameisen sowie der Schrullen der Nachbarn.

Mit knappen, präzisen und wohlkomponierten Sätzen entwirft Christina Walker eine tragikomische, bewegende und mehrdeutige Geschichte über das Aussteigen und einer Sinnkrise, die zum Nachdenken und Reflektieren einlädt. Und der ruhige Roman sollte entschleunigt gelesen werden, da es so viele subtil-zarte Beobachtungen und lebenskluge Metaphern zu entdecken gibt. Ein feines, weises und lesenswertes Debüt, das sich auf verschiedene Arten interpretieren lässt und so schnell gedanklich nicht loslässt.

„Und er glaubt an die Liebe und daran, dass sie einem Bahnhof gleicht. Hin und her, empfänglich für Zugluft und Hoffnung gleichermaßen. Und manchmal so unsterblich wie ein Ameisenvolk.“ S. 155

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Veröffentlicht am 08.12.2021

Zerbrochene Tulpen und Ehen

Oh, William!
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Auch in ihrem neuen Roman „Oh William“ beweist die preisgekrönte Autorin Elizabeth Strout ein feinfühliges, bewegendes und lebenskluges Fingerspitzengefühl für menschliche Emotionen und quälende Geister ...

Auch in ihrem neuen Roman „Oh William“ beweist die preisgekrönte Autorin Elizabeth Strout ein feinfühliges, bewegendes und lebenskluges Fingerspitzengefühl für menschliche Emotionen und quälende Geister der Vergangenheit – als Protagonistin taucht die alte Bekannte Lucy Barton auf.
Die Schriftstellerin Lucy Barton war lange mit William verheiratet, zusammen haben sie zwei Töchter großgezogen – William hatte Affären und Lucy hat sich getrennt, doch eine innige und ehrliche Freundschaft ist geblieben. Danach war Lucy mit dem Musiker David verheiratet, eine harmonische Beziehung, bei der beide aus eher traurigen, abgeschiedenen Kindheiten stammten – doch David ist an Krebs gestorben. Nun steht William vor Veränderungen: seine jüngere dritte Ehefrau hat sich getrennt und über ein Ahnungsforschungsportal hat er eine bis dato unbekannte Halbschwester entdeckt. Auch plagen ihn Albträume über Konzentrationslager – sein Vater war deutscher Soldat. Immer wenn sich im Leben der beiden etwas Existenzielles ereignet, stehen sie sich in Krisenzeiten zur Seite und so wird Lucy William nach Maine in seine Vergangenheitsbewältigung begleiten, während sie selbst immer wieder gedanklich zurückblickt in die Stufen und Treppen ihres Lebens, ihrer schwierigen, bitterarmen Kindheit und tief in ihre Ängste, Unsicherheiten und Einsamkeit, ihrem Gefühl, trotz schriftstellerischer Erfolge unsichtbar zu sein. Was bewegt uns im Inneren, was sagt unsere Herkunft über uns aus und was versuchen wir zu verbergen?

„Oh William“ ist dabei ein Seufzer von Lucy, wenn sie ihren langen Lebensbegleiter beobachtet und über seine Eigenarten sinniert, aber es ist auch ein emotionaler Ausdruck über schmerzhafte Selbsterkenntnisse und vermeintliche Wahrheiten. Elizabeth Strout lässt Lucy assoziativ und in persönlichem Plauderton in Erinnerungen schwelgen und wichtige Stationen berührend und tiefsinnig resümieren, ohne dass es kitschig oder rührselig wird.

Es ist ein unheimlich sensibler, weiser und komplexer Roman über emotionale Wellen von Panik und Verlassenheit, über Traumata in der Kindheit, die weitergegeben wurden, über Familienangehörige, die nicht das waren, was sie vorgegeben haben und eine seelentiefe Geschichte über die Liebe, den Verlust und die Wiederannäherung. Strout geht dabei sehr klar und präzise im Schreibstil vor und verwebt alltägliche Beobachtungen mit zutiefst Menschlichem und kleinen Lebenslügen – das Erzählte trifft unheimlich psychologisch scharf die menschliche Suche nach Glück und Sinn, entlarvt geschickt Makel, aber auch den Wunsch nach Nähe und Zugehörigkeit.

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Veröffentlicht am 19.11.2021

Verblüffende Einblicke

Der Stoff, aus dem Gefühle sind
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Der renommierte Psychiater, Neurobiologe und Bioingenieur Karl Deisseroth verknüpft in seinem einfühlsamen Werk „Der Stoff, aus dem Gefühle sind“ sein jahrelanges Wissen als Notfall-Psychiater mit den ...

Der renommierte Psychiater, Neurobiologe und Bioingenieur Karl Deisseroth verknüpft in seinem einfühlsamen Werk „Der Stoff, aus dem Gefühle sind“ sein jahrelanges Wissen als Notfall-Psychiater mit den neuesten Erkenntnissen aus der Wissenschaft und liefert verblüffende, aber auch sehr empathische Einblicke in den menschlichen Geist. Anhand von gezielten Patienten-Beispielen liefert Deisseroth bewegende, erschütternde und persönliche Fallbeispiele für die Krankheiten Depression, Demenz, Schizophrenie, Psychose, Border-Line oder Essstörung und wendet die Perspektive so gekonnt, dass der Leser eine tiefe Einsicht in den „Ausnahme“-Zustand, die Neuronenwelt und den Gefühlen des anderen erlangt. Anhand der Optogenetik entschlüsselt die Wissenschaft die Funktion der einzelnen Neuronen im Gesamtkonstrukt Gehirn – ein wichtiges Forschungsgebiet von Deisseroth und doch rückt der Professor an der Stanford University neben dieser wissenschaftlichen Entschlüsselung den Menschen und seine Kämpfe sowie sein alltägliches Leiden mit der Krankheit ins Licht und gibt ihnen eine Ausdrucksmöglichkeit.

Poetisch und lyrisch stellt der Literatur-Liebhaber Deisseroth seinen Kapiteln, Erkenntnissen und Praxisbeispielen ausgewählte Zitate von Joyce, Milton oder Millay voran – überhaupt ist sein bewusstseinserweiternde und feinfühlige Ausflug in den menschlichen Geist und in die biologische Natur auch philosophisch mit vielen breitgefächerten Vermerken angehaucht, betrachtet immer wieder das Menschsein im Ganzen, das Streben nach Verbindung und Bedeutung, bevor er packend in Einzelschicksale und Emotionen eintaucht. Und auch persönliche Einsichten in seine wissenschaftliche Laufbahn, aber auch in sein Leben gewährt Deisseroth.

Karl Deisseroth ist eine erhellende, kraftvolle und ergreifende Kombination gelungen, in der er sein Wissen über die Optogenetik mit tiefem Verständnis für seine Patienten bündelt – nicht nur ein aufschlussreiches Muss für das Fachpublikum, sondern auch für jeden interessierten Leser, der anhand von psychischen Erkrankungen, aber auch anhand von viel Menschlichkeit und feinsinniger Beobachtungsgabe vielschichtig in die Geheimnisse unserer inneren Welten und Schaltkreise des Gehirns eintauchen möchte.

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Veröffentlicht am 10.11.2021

Zwischen Licht und Schatten

OMBRA
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Der erfolgreiche und renommierte Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist es gewohnt, mehrere Romane im Jahr zu schreiben und nebenher noch als Professor für Kreatives Schreiben an der Universität zu dozieren ...

Der erfolgreiche und renommierte Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist es gewohnt, mehrere Romane im Jahr zu schreiben und nebenher noch als Professor für Kreatives Schreiben an der Universität zu dozieren – bis ihn eine schwere Herzerkrankung, eine folgende Operation und ein Koma nur noch zum Schatten seines bisherigen Lebens und Schaffens machen. Alles muss danach neu erlernt und zusammengesetzt werden – auch das Schreiben und bisherige Leben, was für Ortheil untrennbar zusammenhängt.

Detailliert, scharfsinnig und mit einer Brise Lakonie berichtet Ortheil in seinem persönlichen Werk „Ombra“ von seinem langsamen Zurückfinden ins Leben, nachdem ihm die Krankheit und der Körper seinen Rhythmus diktieren. Körper- und Psychotherapien in der Reha-Klinik bestimmen seinen Tagesablauf, Begegnungen dort (er wird schnell als der Schriftsteller Ortheil erkannt und in zahlreiche Gespräche über die Literatur verwickelt) und auf den zaghaften Schritten zurück nach Draußen und zu seiner Literatur. Nach Köln-Nippes, den Bezirk seiner Kindheit, zum Wohnhaus der längst verstorbenen Eltern, die ihn in Gedanken stets begleiten – oft blickt Ortheil zurück zu den Eltern, spricht mit ihnen gedanklich, geht seinen Erinnerungen Stück für Stück nach und plant eine Ausstellung und Lesung mit zahlreichen alten, persönlichen Fotografien im Westerwald.

In der Psychotherapie geht Ortheil mit großer Neugier der Krankheitsgeschichte und dem Cut zwischen Davor und Danach intensiv nach, evaluiert, ob vielleicht sein letzter herzkranker Romanprotagonist mit Schuld trägt. Doch der Autor schildert auch offen, berührend und authentisch seine tiefe Verunsicherung sowie Ängste seit dem Koma und dem schnell schlagenden Herzen, das keine allzu starke Aufregung oder Alkohol verträgt und die Panik vor seiner bevorstehenden Lesung. Eine starke Freundschaft steht ihm zur Seite, aber auch seine Trias, seine Lebensretter und –begleiter. Auch die Nahtodeserfahrung, den Todestanz, verarbeitet er in der Therapie.

Der Roman besteht neben den vielen scharf-ironischen Beobachtungen aus der Reha-Klinik und den intimen Aufnahmen in sein Diktiergerät (das Schreiben fällt ihm noch schwer) aus vielen facettenreichen Reflexionen über Werke, Kindheit, Sigmund Freud und dem langsamen Zurückfinden in den Alltag, das mehr Ruhepausen für einen schnellen Geist fordert – ein lesenswerter, bewegender und unterhaltsamer Rekonvaleszenz-Roman und zart-berührende Gedanken darüber, wie verletzlich das Leben ist. Und da Ombra auf Italienisch neben Schatten auch das Gläschen Wein als Aperitif am Mittag sein kann, so changiert auch der ehemals rastlose Ortheil in „Ombra“ bei seinem Genesungsprozess zwischen Humor, Ernsthaftigkeit und den vielen Grautönen dazwischen.

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