Toll
Blinde Geister„Egal, wo man liegt, über einem ist der Himmel. Das war damals so, und so ist es noch immer. Er muss ja nicht blau sein.“
Olivia wächst in einer Familie auf, bei der ständige Angst vor einem neuen Krieg ...
„Egal, wo man liegt, über einem ist der Himmel. Das war damals so, und so ist es noch immer. Er muss ja nicht blau sein.“
Olivia wächst in einer Familie auf, bei der ständige Angst vor einem neuen Krieg die Eltern beherrscht, etwa durch panisches Vorräteprüfen oder Kellerverstecke suchen. Diese lähmende Angst wird ein ständiger Begleiter von Olivia. Sie verliebt sich, bekommt eine Tochter. Erst da erkennt sie Parallelen zu den Eltern und zur Großmutter und beginnt ihre Angst aufzuarbeiten. Die Geschichte beginnt in den 50er Jahren und reicht bis zum Beginn des Krieges in der Ukraine 2022, als alte Ängste wieder real zu werden scheinen.
Ganz klar und bildhaft wird uns diese Geschichte erzählt. Das Grauen, das die Familie erlebt hat, ist stets greifbar und immer unterschwellig da. Die Familie hält zusammen aber oft steht das Unaussprechliche zwischen ihnen, gefangen im Schweigen und stiller Sehnsucht. Jeder leidet für sich. Der Krieg ist vorbei aber die Ängste sind geblieben. Es geht um Kriegstraumata, die direkt an die nächsten Generationen weitergegeben werden, Nähe und Entfremdung innerhalb der Familie. Olivia ist eine authentische Protagonistin, deren innere Konflikte sie zu zerbrechen drohen. Der Roman kommt ohne Kitsch und Klischees aus und hat doch eine unglaubliche emotionale Kraft und Tiefe.
Ein beeindruckendes Debüt über das Schweigen der Nachkriegsgeneration. Gesellschaftlich so wichtig und dazu noch so berührend geschrieben. Möchte ich euch wärmstens empfehlen.