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Veröffentlicht am 29.01.2018

Zehnter Januar Zweitausendsechzehn

Der Tag an dem David Bowie starb
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Ein namenloser Hauptcharakter, der durch sein Leben irrt. Namen sind nicht wichtig, weder sein eigener noch die anderer Charakter. Vielmehr geht es um die Darstellung und Entwicklung des Protagonisten, ...

Ein namenloser Hauptcharakter, der durch sein Leben irrt. Namen sind nicht wichtig, weder sein eigener noch die anderer Charakter. Vielmehr geht es um die Darstellung und Entwicklung des Protagonisten, der die Geschichte konsequent aus der Ich-Perspektive erzählt. Keine Liebesgeschichte und kein Sittenbild junger Menschen, ist „Der Tag an dem David Bowie starb“ eher eine (Eigen-)Charakterstudie oder auch eine Biografie des Scheiterns.

Die oftmals nüchterne Sicht des Ich-Erzählers äußert sich in parataktischen Sätzen, wodurch zusätzlich eine gewisse Distanz zwischen Ereignissen und Lesern entsteht. Der Erzähler lässt niemanden an sich heran, mit ein Grund warum Annäherungen von anderen scheitern. Manche Ereignisse werden durch Montagetechnik parallel erzählt, was für den Eindruck von Gedankensprüngen erweckt, aber auch für den Protagonisten zusammenhängende Ereignisse deutlich macht. Zusammen mit der Ich-Perspektive wird der innere Monolog besonders deutlich.
Der Erzählstil des Romans erinnert damit an Romane wie „Ulysses“ von James Joyce oder Arthur Schnitzlers „Leutnant Gustl“.

Zwischendurch finden sich Zitate aus Songs von David Bowie, die sich nicht nur inhaltlich nahtlos in die Geschichte einfügen, sondern deren Titel ebenso gut als Überschrift für die jeweilige Szene gelten können. Leider lässt sich letzteres erst nach einer Eigenrecherche herausfinden, auf die Zitate finden sich hinten im Buch leider keine Verweise. Hinzu kommen verschiedene textliche Fehler, die den Lesefluss ein wenig dämpfen. Inhaltlich ist der Text allerdings sehr stimmig.
Der Roman braucht etwas Anlaufzeit um sich zu entwickeln. Das äußert sich vor allem darin, dass beim Lesen das Gefühl entsteht, der Protagonist müsste dem Leser gegenüber erst „auftauen“, bevor tiefere Einblicke in das Selbst offenbart werden können. Nach dem der Ich-Erzähler dem Leser allerdings erst einmal geöffnet hat, entwickelt sich die Geschichte fast von selbst.

Veröffentlicht am 18.01.2018

Was hätte sein können

All die Jahre
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Eigentlich fängt alles damit an, dass Nora und ihre jüngere Schwester Theresa Ende der 1950er Jahre von Irland nach Amerika auswandern. Nora, um ihren Verlobten Charlie zu heiraten und Theresa, um eine ...

Eigentlich fängt alles damit an, dass Nora und ihre jüngere Schwester Theresa Ende der 1950er Jahre von Irland nach Amerika auswandern. Nora, um ihren Verlobten Charlie zu heiraten und Theresa, um eine Ausbildung als Lehrerin zu beginnen. Der Roman selbst beginnt allerdings 2009, als Noras ältester Sohn Patrick bei einem Autounfall stirbt. Der Verlust des Sohnes veranlasst Nora zurückzublicken, auf das, was ist und auf das, was war bzw. was hätte sein können.

Die Ereignisse aus Gegenwart und Zukunft wechseln ab, sodass sich zwei Handlungsstränge ergeben. In der Gegenwart kann man dabei eine nachdenkliche Nora erleben, in der Vergangenheit eher eine schüchterne, zurückhaltende. Während des Lesens entsteht allerdings nie der Eindruck eines Rückblicks, beide Handlungsstränge sind für sich gegenwärtig, wodurch der Eindruck einer Nacherzählung vermieden wird. Zusätzlich entsteht so eine gewisse Nähe zwischen dem Leser und Nora, da die in der Vergangenheit stattfindende Handlung direkt erzählt wird und nicht über einen Rückblick innerhalb der Geschichte.
J. Courtney Sullivan verknüpft die Ereignisse aus Gegenwart und Vergangenheit dabei so geschickt, dass der Leser Noras Handlungen der Gegenwart anhand der Ereignisse der Vergangenheit nachvollziehen kann und sich aus der Kombination der Handlungsstränge ein ganzes Bild ergibt. Nora ist kein einfacher Charakter, sie ist weder besonders sympathisch, noch besonders unsympathisch. Dennoch entsteht beim Lesen eine gewisse Nähe zu ihr, nicht nur weil sie die Protagonistin ist, sondern auch, weil ihre Handlungen menschlich und nachvollziehbar sind. Das macht auch den Roman stellenweise etwas trocken, eine Schwäche, die der Schreibstil der Autorin und die Konstruktion des Textes allerdings wieder gut zu machen wissen.

Ein Rückblick und ein tödlicher Unfall markieren den Beginn von "All die Jahre" und führen den Leser erst langsam und dann mit einem Knall an die Handlung heran. Durch die Nähe zur Protagonistin wird der Leser somit sofort auf der emotionalen Ebene angesprochen. Die Ansprache auf emotionale Ebener hält jedoch nicht lange an. Dafür wird jedoch bereits zu Beginn deutlich, dass sich das vollständige Bild erst im Laufe des Romans nach und nach zusammensetzt. „All die Jahre“ ist dabei allerdings kein Buch, dass man in einem Rutsch verschlingt, sondern eher ein langsamerer Text den man portionsweise liest. Das liegt nicht an einem etwaigen zähen Erzählstil, sondern vielmehr daran, dass sich die Ereignisse nach und nach entfalten und so an Tiefe gewinnen.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Kriegerin auf Friedensmission

Wonder Woman – Kriegerin der Amazonen
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Amazonenprinzessin Diana lebt auf Themyscira, einem Ort mit ganz eigenen Regeln. In der Gemeinschaft der Amazonen sind keine Männer erlaubt und Fremde dürfen die Insel nicht betreten. Genau das passiert ...

Amazonenprinzessin Diana lebt auf Themyscira, einem Ort mit ganz eigenen Regeln. In der Gemeinschaft der Amazonen sind keine Männer erlaubt und Fremde dürfen die Insel nicht betreten. Genau das passiert aber, als vor Themyscira ein Schiff sinkt und Diana die einzige Überlebende, Alia, aus dem Wasser zieht. Als nach und nach immer mehr Amazonen schwer erkranken, wird Diana klar, dass Alia die Insel so schnell wie möglich wieder verlassen muss. Das erweist sich allerdings als schwieriger als gedacht, denn Alia ist eine Kriegsbringerin und wird verfolgt …

„Man tritt nicht zu einem Wettlauf an, um zu verlieren.“ Der erste Satz von „Wonder Woman – Kriegerin der Amazonen“ gibt bereits das Motto vor. Für Diana, und für die Geschichte selbst, gibt es nur den Weg nach vorne. Aufgeben liegt der Amazonenprinzessin nicht und so ist es der Charakter der Protagonistin selbst, der die Geschichte voranbringt. Hinzu kommt Leigh Bardugos lockerer Erzählstil, der die 437 Seiten als gar nicht mal so viele erscheinen lässt.

Der Einstieg in die Geschichte ist relativ unvermittelt und die Anfangsereignisse folgen dicht aufeinander. Im Laufe der Handlung wird die Geschichte jedoch etwas langsamer, dabei aber nicht weniger spannend. Mit „Wonder Woman – Kriegerin der Amazonen“ hat Leigh Bardugo einen ausgewogenen Mix aus Mythologie und Popkultur geschaffen und einen würdigen Auftakt für die „DC Icons Series“. Wer allerdings erwartet, den Kinofilm in Buchform vorzufinden, wird enttäuscht, denn hier wird eine andere Geschichte erzählt. Was allerdings durchaus positiv zu bewerten ist, denn um Diana alias Wonder Woman gibt es deutlich mehr Geschichten zu erzählen. Und eine Geschichte um eine Frau, die Konflikten nicht aus dem Weg geht und männlichen Charakteren ab und zu ihre Grenzen aufzeigt, ist nun wirklich nichts Schlechtes.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Von Anfang an

Olga
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Als der Leser Olga kennenlernt, ist sie ein Jahr alt und liebt es einfach nur zu schauen. Auch als Olga älter wird, treibt ihre Neugier sie dazu alles genau zu beobachten.
Herbert ist genau anders. Er ...

Als der Leser Olga kennenlernt, ist sie ein Jahr alt und liebt es einfach nur zu schauen. Auch als Olga älter wird, treibt ihre Neugier sie dazu alles genau zu beobachten.
Herbert ist genau anders. Er will am liebsten laufen. Ganz egal wohin oder wie schnell. Aber auch sonst stehen Olga und Herbert an unterschiedlichen Enden der Gesellschaft. Olga ist arm, während Herberts Vater Gutsbesitzer und seine Familie die Vermögendste seines Dorfes ist. Anfang des 20. Jahrhunderts trennen die beiden folglich Welten. So unterschiedlich die beiden aber auch sein mögen, werden sie dennoch Freunde.

"Olga" wirkt zu Beginn wie eine Biografie, entwickelt sich im Laufe der Handlung aber zu deutlich mehr. Bernhard Schlink erzählt Olgas Geschichte dabei von Anfang an, sodass Geschichte und Hintergrundinformation gemeinsam wachsen. Dabei nimmt der Erzählstil den Leser mit und bringt einem die Charaktere nahe. Die Thematik eines möglichen Scheiterns dieser ist allerdings von Anfang an im Subtext enthalten, was zum Weiterlesen animiert. Der Leser begleitet so die Lebenswege der beiden Charaktere. Dabei wird die Geschichte zunächst von einer Erzählerstimme, dann von Ferdinand, für den Olga wie eine Großmutter ist, und schließlich in Briefen erzählt.

Bernhard Schlink versteht es den Leser zu fesseln, indem er ihn als Beobachter bzw. als Ansprechpartner der Handlung mit in die Geschichte einbezieht. Die Dreiteilung ermöglicht es bedeutende Ereignisse hervorzuheben und durch einen Sprecherwechsel, diese nicht nur zu betonen, sondern auch die Konsequenzen daraus deutlich zu machen. Durch die Nähe zu den Charakteren wird das Leseerlebnis intensiviert, sodass man das Buch nur schwer beiseitelegen kann.

Veröffentlicht am 18.12.2017

Dunkle Zeiten

Alles Licht, das wir nicht sehen
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Marie-Laure und Werner kommen aus unterschiedlichen Welten. Marie-Laure lebt in Paris. Das Mädchen ist blind und wächst als Halbwaise bei ihrem Vaters auf, der nach Möglichkeiten versucht, ihr den Alltag ...

Marie-Laure und Werner kommen aus unterschiedlichen Welten. Marie-Laure lebt in Paris. Das Mädchen ist blind und wächst als Halbwaise bei ihrem Vaters auf, der nach Möglichkeiten versucht, ihr den Alltag zu erleichtern, sie aber ebenso fördert. Werner lebt mit seiner Schwester Jutta in einem Waisenhaus in Essen. Beiden gemein ist die Liebe zum Radio und die Tendenz, Dinge zu hinterfragen. Als 1939 der zweite Weltkrieg ausbricht, ändert sich alles für die beiden.

Das Radio wird hier zum roten Faden der Erzählung. In Anbetracht der Zeit, in der die Geschichte spielt, ist das wenig verwunderlich, denn zur Zeit der Weimarer Republik und des zweiten Weltkriegs war das Radio, oder der so vielfach bezeichnete Volksempfänger, das Hauptmedium für Information und leider auch Indoktrination.

Anthony Doerr erzählt die Geschichten seiner Protagonisten sehr differenziert, was es dem Leser ermöglicht, die Beweggründe sowohl von Marie als auch von Werner nachzuvollziehen, auch wenn man sich manchmal wünscht, sie würden anders handeln. Dadurch, dass Doerr seine Charaktere aber wie Menschen handeln lässt und nicht wie Romanfiguren wird die Geschichte aber stimmig. Ebenso werden die Schrecken der damaligen Zeit nicht ausgelassen. Gerade, weil nichts beschönigt wird, ist das Leseerlebnis aber umso intensiver. Trotzdem gibt es sie in der Geschichte, die hellen Momente, die durch das Dunkel von Gewalt durchscheinen und so trägt „Alles Licht, das wir nicht sehen“ seinen Titel völlig zurecht.