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Veröffentlicht am 03.08.2025

Viel Potenzial, schlecht erzählt

Immortal Longings
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Immortal Longings … Innerhalb kurzer Zeit ist dieses wieder ein Buch, mit dem ich nicht richtig warm geworden bin. Ich hatte mich nach dem Lesen des Klappentextes gefreut ein neues Buch mit Hunger-Games-Feeling ...

Immortal Longings … Innerhalb kurzer Zeit ist dieses wieder ein Buch, mit dem ich nicht richtig warm geworden bin. Ich hatte mich nach dem Lesen des Klappentextes gefreut ein neues Buch mit Hunger-Games-Feeling zu lesen, was hier mit chinesischen Elementen verknüpft werden sollte. Dazu eine Liebesgeschichte, die scheinbar sogar den Tod überlisten würde – das Buch heißt ja wohl nicht umsonst Immortal Longings: meine Erwartungen waren groß.

Meine Enttäuschung war es leider auch. Denn ich habe über die ersten 30 Prozent des Buches hinweg kaum verstanden, was vor sich geht. Es gab viele ausschweifende Beschreibungen der Städte, des Königshauses und der Qi-Magie, die aber doch keine Magie, sondern Geburtsrecht ist, und nichts davon kam emotional irgendwie an mich heran. Wir starten mit dem Kronprinzen August und wechseln immer wieder die Perspektiven zwischen ihm, der Hauptfigur Calla (für mich ist sie die Hauptfigur, weil wir in ihrem Kopf am meisten Zeit verbringen) und Anton, einer weiteren wichtigen Person für die Handlung und Callas Love Interest.

Dabei erfahren wir nur von Calla genug, um mit der Zeit Nähe und ein gewisses Verständnis für sie herzustellen. Die beiden Männer bleiben fremd und beinahe anonym. Zwischendurch gibt es auch kurze Abstecher in andere Blickwinkel, deren Sinn sich für mich weder beim Lesen noch jetzt beim Schreiben der Rezension erschließt: Ja, die Personen haben Namen und spielen eine gewisse Rolle, aber ist es so wichtig, eine halbe Seite aus ihrem Blickwinkel zu lesen, dass ich dafür den Handlungsfluss meiner Hauptfigur unterbreche?

Und obwohl Calla nicht ganz so undurchsichtig ist wie die Männer, bleibt sie für mich sehr oberflächlich. Sie hat nur zwei wirkliche Bezugspersonen, die ihr aber nicht wirklich ebenbürtig sind und es deshalb infrage gestellt werden kann, wie familiär die Beziehung wirklich ist; sie lässt sich scheinbar ausschließlich von dem unerklärten Drang leiten, etwas Gutes für ihr Königreich zu erreichen, wobei ihr alle Mittel (und Morde) recht sind; sie hat einfach keinerlei Tiefgang.

Es gibt kurz vor Ende von Immortal Longings eine rückblickend erzählte Szene aus ihrer Kindheit, die ihre Motivation zu begründen versucht, aber das reicht für mich nicht aus, um ihr Verhalten zu erklären oder ihr als Charakter irgendwie mehr Facetten zu verleihen. Erst recht nicht so spät in der Geschichte.



Die Spiele selbst sind so, wie ich sie erwartet hatte: brutal, teilweise unnötig detailliert beschrieben und vom Kapitalismus gesteuert: entweder, weil die Kämpfenden keine andere Möglichkeit als die Teilnahme haben, um Schulden oder andere finanzielle Probleme zu lösen, oder weil sie gierig auf Macht und Reichtum sind. Die genauen Beschreibungen haben mich meistens gestört, weil sie schlicht zu lang wurden und die eigentlich atemberaubend schnellen Kampfszenen zu langsam und zäh machten; gleichzeitig haben sie mir ein stabiles Kopfkino verpasst. Hierin hat mich Immortal Longings manchmal an den Film 300 erinnert, mit seinen comichaft in Zeitlupe durchs Bild fliegenden Blutspritzern.

Interessant war das Springen zwischen Körpern mithilfe des eigenen Qi, der Lebensessenz, wodurch man oft nicht wusste, wer da eigentlich vor einem steht. Das war das einzige Element, das für mich wirklich Spannung erzeugt hat und einzigartig für diese Geschichte ist.

Mich hätte interessiert, wie die Pläne der unterschiedlichen Rebell:innen konkret aussehen, welche die nächsten Schritte nach „der König ist tot“ sein sollen. Während offenbar viele verschiedene Parteien mit dem aktuellen System und vor allem dem regierenden König so unzufrieden sind, dass sie jeweils ihre eigenen Putschversuche planen und umzusetzen beginnen, wird die angestrebte Zukunft nicht ein einziges Mal deutlich geplant. An Callas Stelle – und an der von jeder anderen beteiligten Person – würde ich zumindest wissen wollen, was mein Ziel ist; worauf ich hinarbeite und wen ich unterstütze. Aber Calla ist geblendet von der Aussicht, den König endlich tot zu sehen, und hinterfragt überhaupt nichts, während die anderen Figuren nicht durchblicken lassen, was sie eigentlich erreichen wollen.

Das war beim Lesen sehr frustrierend. Irgendwann hatte ich mir ein grobes Bild davon gemacht, wie gedrängt, dreckig und düster die Stadt ist, wie sehr sie sich von den Randprovinzen des Reiches unterscheidet und wie das Herrschaftssystem ungefähr aussehen müsste, und dann wurde ein neues Element beschrieben, das nicht in dieses Bild passen wollte. Die Autorin hat so viel Zeit damit verbracht, die Umgebung und die Kämpfe zu beschreiben, dass meiner Meinung nach das Erklären der Zusammenhänge in den Hintergrund rückte.

Zugegeben: Ich habe zwischen einzelnen Kapiteln das Lesen von Immortal Longings oft wochenlang pausiert, weil mich die Geschichte einfach nicht packen konnte und es mich, ganz direkt gesagt, auch nicht interessierte, wie es weiterging. Meine Verständnisschwierigkeiten hängen also bestimmt auch zum Teil damit zusammen, dass mir der Schreibstil nicht zusagte. Ich hing nicht an den Charakteren. Besonders schlimm war der Einstieg und erst nach etwa der Hälfte des Buches (als verschiedene Hintergründe angedeutet und zum Teil erklärt wurden) wurde ich wieder so neugierig wie beim Lesen des Klappentextes. Diese Spannung ging aber leider oft und schnell wegen des ausschweifenden Schreibstils wieder verloren.

Die Liebesgeschichte kam für mich sehr überraschend. Es fühlte sich an, als hätte ich etwas nicht mitbekommen; als hätte ich etwas überlesen in dem Versuch, die Zusammenhänge der verschiedenen Komplotte zu verstehen, oder als hätte ich in einer der langen Lesepausen ein Detail aus einem früheren Kapitel vergessen, und plötzlich wurde aus einem Funken der Anziehung ein erster Kuss und dann innerhalb kürzester Zeit ein Liebesgeständnis. Die im Klappentext von Immortal Longings als „leidenschaftliche, alles verzehrende Verbindung“ beschriebene Beziehung wirkte auf mich sehr körperlich, kurz und substanzlos.

Ich hätte es vorgezogen, wenn man auf diese romantische Liebe verzichtet und stattdessen eine platonische Freundschaft gewählt hätte. Calla sehnte sich nach Verbundenheit und Verständnis; Anton hat eigentlich schon jemanden, den er lieben kann. Für Callas finalen Konflikt – Liebe oder Königreich – verstehe ich, warum sich die Autorin für diesen Weg entschieden hat. Es wäre aber nicht weniger dramatisch oder bedeutsam gewesen, dafür in meinen Augen aber logischer, wenn Calla zwischen Königreich und der einen Person, die sie wirklich versteht und als den Menschen mag, der sie ist, entscheiden müsste.

Fazit

Kurzgefasst verschwimmt Immortal Longings für mich zu einer Masse aus detaillierten Kampfbeschreibungen, zu ausführlichen Stadtbeschreibungen, nicht ganz ausgereiften Intrigenbeschreibungen und viel zu wenig Charakter- und Motivationsbeschreibung. Ich konnte keine Nähe zu den Hauptfiguren aufbauen, sodass mir der eine oder andere schwere Schlag für unsere Held:innen total egal war. Es fiel mir schwer, am Ball zu bleiben und überhaupt über das erste Viertel des Buches hinauszukommen. Am Ende wurde ich vom Cliffhanger überrascht: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es eine Fortsetzung geben würde, und werde sie wohl auch nicht lesen. Trotz alledem sehe ich großes Potenzial in der Geschichte von Immortal Longings selbst – nur die Art und Weise, wie sie erzählt wird, sagt mir so gar nicht zu.

Veröffentlicht am 03.08.2025

Viel zu wenig plot

The Stars are Dying
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Ich kann nicht genau benennen, was mich anfangs neugierig auf The Stars are Dying gemacht hat – die Kombination aus Spielen á la Hunger Games oder Gameshow und Vampiren? Die Tropes Star Crossed Lovers ...

Ich kann nicht genau benennen, was mich anfangs neugierig auf The Stars are Dying gemacht hat – die Kombination aus Spielen á la Hunger Games oder Gameshow und Vampiren? Die Tropes Star Crossed Lovers und Villain Gets The Girl? Vielleicht die Tatsache, dass überhaupt die Tropes vom Verlag konkret benannt wurden? Was auch immer ausschlaggebend war, meine Neugier war geweckt.

Und dann war der Anfang einfach viel zu lang! Natürlich müssen diese einzigartige Welt erst einmal erklärt und die Figuren vorgestellt werden. Für mich war diese Einführung in The Stars are Dying leider viel zu lang, bis wirklich etwas passierte. Und im Grunde geht es mit Gewalt gegen Frauen – gegen unsere Hauptfigur – los. Sie ist als solche benannt und wird nicht romantisiert, aber es gibt viele Momente, in denen Astraea rückblickend zu zweifeln beginnt: Hat er mich vielleicht doch geliebt? Es war doch wirklich alles nur zu meinem Schutz!

Einerseits ging mir das wegen der ständigen Wiederholungen irgendwann ziemlich auf die Nerven, weil ich mir mehr Charakterentwicklung wünschte, andererseits bildet das wohl die Realität vieler Frauen ab, die sich aus einer mindestens schwierigen Beziehung retten konnten.

Diese Rettung befördert Astraea allerdings direkt in ein neues Abhängigkeitsverhältnis. In keinem Moment von The Stars are Dying ist sie nicht irgendwie gefangen in Machtspielchen oder Manipulationsversuchen anderer. Es sind immer Männer, versteht sich. Und das fieseste ist, dass sie sich dessen nicht immer bewusst ist. So erleben wir Lesenden oft durch Astraeas inneren Monolog, wie sie eine neue Manipulation aufdeckt oder ein neues vor ihr verheimlichtes Puzzlestück bemerkt.

Im Kontext der Geschichte ergibt es Sinn, dass sie vieles nicht oder viel zu spät realisiert, schließlich hat sie kaum Erinnerungen an überhaupt irgendetwas und wurde stark von der Welt abgeschirmt. Trotzdem ist es zunehmend frustrierend zu lesen, wie sie quasi mit Scheuklappen durch ein ihr fremdes Umfeld stolpert und dabei Die Auserwählte™ sein soll, ohne dass sie viel dazulernt.

Die zweite Hälfte von The Stars are Dying gefiel mir deutlich besser: der Rahmen ist gesteckt, die Figurenkonstellationen überwiegend klar, ein oder zwei große Ziele erkennbar. Die Wendungen und besonders die Elemente des Weltenbaus waren insbesondere im letzten Drittel wirklich stark und machten es sehr spannend.

Die wichtigste Zutat für The Stars are Dying ist wohl die Beziehung zwischen Astraea und Nyte. Für sehr, sehr lange Zeit gibt es zwischen den beiden nur Sehnsucht und Wunschdenken, das sehr schnell explizit sexuell wird. Gleichzeitig schwingt für Astraea immer der Wunsch nach Zugehörigkeit und emotionaler Nähe mit. Als sie diesen Wünschen dann irgendwann nachgeben, ist es wahrlich explosiv.

Auf viele Aspekte dieser Beziehung kann ich nicht genauer eingehen, ohne zu spoilern. Aber die Unterstützung, die Astraea durch Nyte erfährt, und sei sie stellenweise auch nur moralisch, umfasst so viel mehr als nur Lust oder körperliche Anziehung. Streckenweise konnte ich kaum das Augenrollen vermeiden, wenn wieder einmal die ach so verzehrende Sehnsucht beschrieben wurde (ohne dass Astraea überhaupt wusste, wonach sie sich sehnte), aber es bildet irgendwie auch das Fundament der gesamten Handlung und treibt die Figuren an.

Fazit
Die Chemie zwischen den Hauptfiguren stimmte, die Welt ist einzigartig und macht neugierig auf mehr, aber es gab so viele Durchhänger und gerade der lange Anfangsteil war so gar nicht spannend, was das Dranbleiben wirklich schwer machte. Deshalb habe ich keine Lust, den Rest der Trilogie zu lesen.

Veröffentlicht am 03.08.2025

Spannend, aber mir fehlten historische Details

Grave Mercy - Die Novizin des Todes
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Trotz dem etwas klobigen Einstieg hatte ich Grave Mercy nach einer Woche durchgelesen. Es ging schnell voran. Die Handlung blieb insgesamt recht schlicht, wird aber zunehmend besser. Die Folgebände von ...

Trotz dem etwas klobigen Einstieg hatte ich Grave Mercy nach einer Woche durchgelesen. Es ging schnell voran. Die Handlung blieb insgesamt recht schlicht, wird aber zunehmend besser. Die Folgebände von Grave Mercy sind keine Fortsetzung aus derselben Perspektive, sondern nehmen die Blickwinkel der anderen Novizinnen ein. Ich bin mir auch unsicher, ob die Handlung direkt fortgesetzt wird.

An den beiden Protagonist:innen habe ich meinen Gefallen gefunden, wenn auch einiges gewöhnungsbedürftig war. Ihre Geschichte würde ich gern weiter verfolgen. Das Ende wirkt jedoch so, als sei sie mit diesem Buch abgeschlossen. Dass es Teil 1 einer Reihe ist, habe ich erst im Nachhinein herausgefunden.

Der historische Kontext hat mich durchgehend etwas verwirrt, vielleicht hätte ich das schon direkt am Anfang nachforschen sollen. Allerdings gehört für mich in einem historisch angelegten Roman auch dazu, die Hintergründe zumindest in Ansätzen zu erklären. Das habe ich hier vermisst. Trotzdem hat mich Grave Mercy recht gut unterhalten.

Veröffentlicht am 03.08.2025

Enttäuschte Erwartungen: unfassbar langweilig

Joli Rouge
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Ich hatte mich sehr auf Joli Rouge gefreut – endlich eine selbstständige junge Piratin als Hauptfigur! Letztendlich war das Buch aber so langweilig, dass ich oft ganze Kapitel übersprungen habe und doch ...

Ich hatte mich sehr auf Joli Rouge gefreut – endlich eine selbstständige junge Piratin als Hauptfigur! Letztendlich war das Buch aber so langweilig, dass ich oft ganze Kapitel übersprungen habe und doch nicht das Gefühl bekam, etwas verpasst zu haben.

Es wird aus mehreren Perspektiven erzählt, viele Figuren stehen im Mittelpunkt. Während der Klappentext eine heroische Coming-of-Age-Geschichte einer taffen jungen Frau verspricht, liegt der Fokus für meinen Geschmack viel zu sehr auf Politik und den Machenschaften der Männer. Zusätzlich ist die „Roquette“ (auf Deutsch „Rakete“) keine angenehme Person für mich als Leserin: sie ist weder interessant noch bemerkenswert. Erst, als sich eine Beziehung zum Totenkopf anbahnte wurde es wirklich spannend – und dann gab es einen Zeitsprung, der viel von dem ausließ, was ich doch nun über die beiden wissen wollte.

Dass sie einen Mann an ihrer Seite brauchte, um als Figur interessant zu werden, gefällt mir so gar nicht. Besonders, da dieses Buch doch eigentlich eine ganz andere Geschichte erzählen wollte. Joli Rouge war mein erstes Buch aus dem Drachenmond Verlag. Ich hoffe, das Programm hat sich seit Erscheinen dieses Buches (das war 2016) weiterentwickelt und verbessert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.08.2025

Bitte lest dieses Buch!

The Wilderness of Girls
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Ich habe gerade erst The Wilderness of Girls beendet und möchte schon ganz dringend mit viel zu großen Worten um mich werfen, um es zu beschreiben. Seit Monaten habe ich kein Buch so schnell gelesen wie ...

Ich habe gerade erst The Wilderness of Girls beendet und möchte schon ganz dringend mit viel zu großen Worten um mich werfen, um es zu beschreiben. Seit Monaten habe ich kein Buch so schnell gelesen wie dieses: Die 430 Seiten des eBooks waren trotz Unterbrechung innerhalb eines Nachmittags verschlungen. Franklin schafft es unfassbar gut, mit einfachen Worten eine beeindruckende Welt zu malen.
Wenn Verlage in Klappentext und Werbung Begriffe wie „atemberaubend“ nutzen, lese ich das immer als erstes nur als Werbefloskeln. Hier habe ich seit langer Zeit einmal wieder das Gefühl, dass diese Beschreibung passt!

Ich erinnere mich nicht mehr an die Details davon, was ich vor dem Lesen von The Wilderness of Girls erwartet hatte. Auf jeden Fall feministische Grundzüge, Kritik am Patriarchat und jede Menge Selbstbestimmung und Wut. Genau das habe ich auch bekommen, allerdings wesentlich weniger oberlehrerhaft als befürchtet. Es werden viele Themen angeschnitten und zu keinem Augenblick hatte ich den Eindruck, dass zu viel gewollt, zu viel vermischt wird. Es ist alles stimmig. Bedrückend stellenweise, auch mal angsteinflößend und doch so realistisch und einfach WAHR, dass mir insbesondere gegen Ende mehrfach die Tränen in die Augen stiegen.

Die titelgebenden Mädchen sind nicht nur die jungen Frauen, die ihre Kindheit in der Wildnis des Waldes verbracht haben, sondern auch diejenigen, die in der Wildnis der von Männern geprägten Gesellschaft Amerikas zurechtkommen mussten (es wird nicht genauer spezifiziert, ob es die USA sind, aber ich gehe aufgrund der Beschreibungen und der Herkunft der Autorin davon aus). Während die Mädchen, die sich scheinbar ungepflegt und ohne Tischmanieren plötzlich an die moderne, technikbegeisterte Gemeinschaft anpassen sollen, unschwer als wild zu erkennen sind, ist die Wildheit derer, die unter machtgierigen Männern mit schlechter Impulskontrolle und einem Hang zu Gewalt zu überleben lernten, nicht sofort zu sehen.

Es kann so viel aus The Wilderness of Girls mitgenommen werden, aber wenn ich mich festlegen müsste, wäre die eine elementare Kernaussage: Überlebe, und wenn es nur aus Trotz und Gegenwehr ist! Gib ihnen nicht die Genugtuung, dich besiegt zu haben!

Die Triggerwarnung am Anfang des Buches ist absolut notwendig und gut formuliert. Themen wie Suizid, Missbrauch, Vergewaltigung, Misshandlung und PTBS sind mal offensichtlich, mal unterschwellig mehr oder weniger omnipräsent. An einer Stelle kommt Kannibalismus vor. Und ich finde es nicht nur für den Spannungsbogen der Handlung, sondern auch für die ganze Message des Buches gut und wichtig, dass die gefährlichsten Menschen in dieser Geschichte nicht aus der Wildnis kommen, sondern aus der ach so zivilisierten Gesellschaft und aus dem engsten Familienkreis.

Und trotz dieser wirklich schweren Themen, der traumatischen Erfahrungen, der emotionalen Schäden, der körperlichen Folgen, die diese Mädchen erleiden müssen – nein, das klingt zu passiv. Die diesen Mädchen BEIGEBRACHT werden, von nicht nur, aber meistens Männern in ihrem Umfeld, trotz alledem liest sich The Wilderness of Girls angenehm und flüssig.

Sowohl im Vor- als auch im Nachwort geht die Autorin kurz darauf ein, dass sie mit diesem Buch zwar nicht ihre eigene Geschichte nacherzählt, aber dass sie durchaus auch eigene Erfahrungen damit verarbeitet. Und meiner Meinung nach ist das deutlich spürbar. Darin, wie realitätsgetreu sie innere Monologe betroffener Personen erzählt. Darin, wie sie die Reaktionen des Umfelds auf schreckliche Offenbarungen beschreibt und was diese wiederum in den betroffenen Personen auslösen. Darin, wie sie eine Geschichte erzählt, die einem beim Lesen unter die Haut geht und zumindest aus meinem Kopf sehr lange nicht mehr verschwinden wird.

Es ist nicht nur Trotz. Es ist kein jugendlicher feministischer Widerstand wie in Moxie, kein weiblicher Zorn wie in Die Furien. The Wilderness of Girls lebt von Gefühlen und Verbundenheit. Von Verzweiflung, von der Suche nach Antworten, von Verwirrung und dem Sehnen nach einer einfachen Lösung, die es leider nicht gibt. Es ist komplex und grausam und vielleicht auch irgendwie wunderschön.

Und neben all diesen großen Bausteinen, ganz nebenbei, beinhaltet diese Geschichte eben auch wilde Mädchen, die aus dem Wald kommen. Die eine schlummernde Stärke in denjenigen in Erscheinung treten lassen, die nicht fernab von schädlichen Sozialstrukturen frei leben konnten. Diese Stärke drückt sich nicht immer durch Standfestigkeit, Kontrolle oder Macht aus, sondern viel häufiger durch Überlebenstechniken und Durchhaltevermögen.

Eine enorm wichtige Botschaft für viele junge Frauen, würde ich sagen – und für alle anderen, die endlich einmal anfangen könnten, die Verantwortung und Schuld nicht bei den Opfern zu suchen.

Fazit
The Wilderness of Girls ist ein Buch, das ich als eBook gelesen habe und mir nun als physisches Exemplar zulegen muss, damit ich es anderen Menschen zum Lesen in die Hand drücken kann. Es ist wichtig, schwerwiegend, beeindruckend, bedrückend, schrecklich, nachhallend und trotzdem irgendwie auch mutmachend und optimistisch. Ich wünschte, ich hätte es früher gelesen. Ich wünschte, ich hätte Geschichten wie diese gefunden, als ich Teenager war. Und ich wünschte, es würde viel mehr davon geben.

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