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Veröffentlicht am 26.02.2018

Poetisches Erwachsenwerden

Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen
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„Und ich […]
nehme Anlauf, springe
und lasse los.“ (S. 153)

Der junge Harry führt ein verlustreiches Leben in einer Kleinstadt. Für all die Dinge, die einen Teenager beschäftigen – ob Familie, Freunde, ...

„Und ich […]
nehme Anlauf, springe
und lasse los.“ (S. 153)

Der junge Harry führt ein verlustreiches Leben in einer Kleinstadt. Für all die Dinge, die einen Teenager beschäftigen – ob Familie, Freunde, Liebe oder Sex – werden in „Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen“ Worte gefunden.

Ein Blick auf das Cover hat gereicht, um mein Interesse an diesem Buch zu wecken, so sehr sticht es zwischen den vielen bunten Jugendbüchern hervor. Noch bevor ich auch nur einen Blick auf den Klappentext geworfen hatte, war ich überzeugt, dass mich das Buch ebenso berühren würde wie das schlichte Bild vorn, und damit lag ich gar nicht so falsch.

„Wie kann er Stimmen hören
bei all diesem Lärm?“ (S. 96)

Man darf das Buch nicht unterschätzen. Auch wenn in Seiten gemessen nicht besonders umfangreich ist, steckt zwischen den Zeilen unheimlich viel Inhalt. Das ist es, was mich am meisten beeindruckt hat.
Herrick benötigt nicht viele Worte, um das auszudrücken, was schwer in Worte zu fassen ist, und trotzdem (oder gerade deswegen?) weiß man, worum es geht.
Naturgemäß sind die einzelnen Charaktere nicht in der Ausführlichkeit ausgearbeitet, wie das vielleicht üblich ist, doch das Gesamtkonzept ist stimmig.

Ein kleines bisschen hatte ich das Gefühl, dass der Text in der Übersetzung etwas verloren hat. Vermutlich geht das gar nicht anders, ich wage mal ernsthaft zu bezweifeln, dass Poesie in irgendeiner anderen Sprache ebenso gut funktioniert wie in der ursprünglichen, und es ist im Großen und Ganzen auch ganz gut gelungen, aber nicht überwältigend.

„Meine Stadt
erzählt mir ihre Geheimnisse,
während ich
still dasitze,
zehn Meter oben
im Himmel.“ (S. 52)

Insgesamt bietet „Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen“ einen poetischen Einblick in das Erwachsenwerden eines Vierzehnjährigen, in dem mehr angedeutet als ausgesprochen wird.
Aus sprachlichen Gründen würde ich allerdings die originalsprachliche Version eher empfehlen als die deutsche.

Veröffentlicht am 26.02.2018

Auswirkungen eines Krieges

Ein mögliches Leben
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„Und was Franz gelernt hat über die Angst, ist, dass sie schnell kommt und sich einrichtet, aber nur sehr langsam wieder geht, dass sie Stollen gräbt in ihm, die tief gehen, sich verzweigen, dass sie wächst ...

„Und was Franz gelernt hat über die Angst, ist, dass sie schnell kommt und sich einrichtet, aber nur sehr langsam wieder geht, dass sie Stollen gräbt in ihm, die tief gehen, sich verzweigen, dass sie wächst nur aus sich selbst und sie befeuert, dass sie nur kleine Anlässe braucht, nur das nächtliche Klappen einer Tür, Stimmen am Fenster der Baracke, nur den Blick eines Kameraden, den er nicht deuten kann.“ (S. 110)

Hannes Köhlers „Ein mögliches Leben“ erzählt eine Geschichte aus dem Krieg mit den Auswirkungen, die die Geschehnisse nicht bloß auf diejenigen haben, die direkt beteiligt sind, sondern über Generationen hinweg auf ganze Familien.

Dabei hat mich schon das Bild auf dem Cover in seinen Bann geschlagen, auch wenn man davon bei einem E-Book ja leider nicht so viel hat und ich deswegen wahrscheinlich weniger Wert darauf legen sollte. Und was zwischen den Deckeln dieses Romans steckt, das hat es auch echt in sich.

„Eine Sprache ist nie eine Flause, sondern immer eine Möglichkeit.“ (S. 148)

Hannes Köhler bedient sich in diesem Buch einer Sprache, die mich zum einen sehr begeistert hat, und die er zum anderen auch sehr gut an die verschiedenen Charaktere, denen in den entsprechenden Abschnitten Platz eingeräumt wird, anpassen kann. Dabei werden die Orte, die vorkommen, lebendig und zwischendurch kommt beinahe ein Gefühl von Dabeisein auf, obwohl die Handlung sowohl zeitlich als auch räumlich so weit entfernt ist.
Zwischendurch hatte ich Schwierigkeiten, dem Handlungsverlauf zu folgen, weil plötzliche perspektivische oder zeitliche Sprünge passierten. Das war vermutlich beabsichtigt und ein stilistisches Mittel, es hat mir an sich auch ganz gut gefallen, doch es riss mich auch aus dem Lesefluss. An einer Stelle blätterte ich zurück, weil ich den Eindruck hatte, dass die Seiten in falscher Reihenfolge hintereinander kamen, und das ist doch ein Punkt, der nicht gerade für ein stilistisches Mittel spricht.

„Und Franz nickt, obwohl er nicht begreift, er würde zu allem nicken, er staunt, kann die Augen nicht abwenden, sein Blick ist hungrig, hat einen Appetit, den Franz nicht gekannt hat bisher, der mehr will, nicht satt zu kriegen ist.“ (S. 40)

„Ein Gefühl der Wärme geht aus von den dreien, eine Wärme, die durch ihre Worte und Gesten in ihn eindringt, die sich in seinen Magen setzt und dort einen Klumpen Ruhe formt, einen warmen, glatten Stein.“ (S. 90)

„Ich fühle mich unglaublich müde, ich fühle mich alt, wir sind alle alt hier, auf eine gewisse Art und Weise.“ (S. 215)

Die Sprache, die mich sowieso schon von sich überzeugt hatte, setzte noch einen drauf, indem sie mich mit den Charakteren (allen voran mit dem Großvater Franz) so fabelhaft mitfühlen ließ. Er lässt sich in Metaphern aus, die auf mich nie „zu viel“ wirkten, weil sie genau das richtige Mittel waren, um die krassen Situationen und menschliche Reaktionen darauf einzufangen. Ich musste nicht lesen, was eine Figur gerade empfand, ich konnte es fühlen. Und das ist einer der größten Pluspunkte dieses Romans.

„Ein mögliches Leben“ ist ein beeindruckender Roman, der geschichtliche Perspektiven aufzeigt, die mir bis dahin fremd waren. Es ist ein Roman über Menschen und das, was sie beeinflusst in ihrem Leben, und all das in wirklich schöner Sprache. Dass mir das letzte Fünkchen zur Begeisterung fehlt, hängt vermutlich nur mit der oben erwähnten Irritation beim Lesen zusammen, die mir von Zeit zu Zeit den Flow nahm.

Veröffentlicht am 10.02.2018

Spannende Geschichte ausbaufähig erzählt

Das schweigende Klassenzimmer
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„Es ist schlimm für einen Staat, wenn er von politischen Hohlköpfen regiert wird.“ (S. 135)

Ein erschütternder Bericht mitten aus den relativen Anfängen der DDR ist es, der mit „Das schweigende Klassenzimmer“ ...

„Es ist schlimm für einen Staat, wenn er von politischen Hohlköpfen regiert wird.“ (S. 135)

Ein erschütternder Bericht mitten aus den relativen Anfängen der DDR ist es, der mit „Das schweigende Klassenzimmer“ vorliegt. Diese Geschichte um eine Schulklasse, die mit einer Kleinigkeit die Obrigkeiten derart aus dem Konzept bringt, dass sich die Angelegenheit immer weiter hochschaukelt und beinahe zur Staatsaffäre wird, bietet ungewohnt tiefe Einblicke in die Funktionsweise eines dysfunktionalen Staats.

Man muss dieses Buch vielleicht aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachten, mit zweierlei Maß messen: Zum einen die Geschichte, zum anderen die Art und Weise, wie sie erzählt ist.
Naturgemäß ist die Handlung wirklich spannend. Sie bietet Einblicke in die DDR, ihre Funktionsweisen und ihre Machtzentralen, die mir bis dahin ziemlich fremd gewesen sind. Sie machen die Unsicherheit greifbar, in der sich die handelnden Figuren befanden, in der sie lebten, und die für uns heute so unvorstellbar ist, und allein dadurch ist sie reizvoll.
Dazu kommt, dass bei allem, was man im Geschichtsunterricht über die DDR gehört hat, diese Geschichte nicht vorkam und ich nach der Lektüre ein wenig ungläubig recherchiert habe, um festzustellen: Das ist tatsächlich ganz wirklich so passiert.

Zum Glück, muss ich sagen, besitzt „Das schweigende Klassenzimmer“ dieses Feature der spannenden, wirklichen Geschichte, denn sprachlich und erzählerisch konnte es mich nicht so richtig überzeugen. Die Struktur irritierte mich immer wieder, die zeitliche Abfolge schien bisweilen nicht so richtig zu passen – jedenfalls nicht chronologisch – und immer mal wieder wurden Dinge erwähnt, die schon mehrfach vorher Erwähnung gefunden hatten.
Das macht „Das schweigende Klassenzimmer“ leider zu einem Buch, bei dem das Lesevergnügen dem intellektuellen Vergnügen im Wege steht.

„Die ängstliche Vorsicht wurden wir nicht los. Sie war die Besatzungsmacht in uns selbst.“ (S. 21)
„Die Wirklichkeit ereignete sich außerhalb der wahnhaften Verknüpfungen ihres ideologischen Spinnennetzes.“ (S. 153)

Ich kann das Buch trotzdem empfehlen, allerdings nur für Menschen, die schon Interesse für die Geschehnisse mitbringen und keinen mitreißend erzählten, romanähnlichen Erzählstrang erwarten. Das, was wir hier vorfinden, scheint ausführlich recherchiert zu sein, es ist umfassend und informativ, aber man braucht ein gewisses Durchhaltevermögen, um dabei zu bleiben.

Veröffentlicht am 10.02.2018

Erschütternde Flucht durch Deutschland

Der Reisende
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„Ja, die Erde bebt, aber nur unter uns.“ (S. 77-78)
Wohin flüchtet man, wenn das ganze Land ein Gefängnis zu sein scheint? Vor dieser Frage steht Boschwitz‘ Protagonist Otto Silbermann, ein Jude in der ...

„Ja, die Erde bebt, aber nur unter uns.“ (S. 77-78)
Wohin flüchtet man, wenn das ganze Land ein Gefängnis zu sein scheint? Vor dieser Frage steht Boschwitz‘ Protagonist Otto Silbermann, ein Jude in der Zeit der ersten großen Verhaftungswelle Ende der dreißiger Jahre. Auf seiner Flucht durch Deutschland werden erschütternde menschliche Abgründe deutlich.
Etwas schmerzhaft ist es immer, Romane aus der Zeit der Judenverfolgung zu lesen. Man weiß nicht, wie man sich selbst verhalten hätte, man weiß unter Umständen nicht, wie Familienmitglieder sich verhalten haben, aber vor allem sind die Geschehnisse von damals so unsagbar furchtbar. Jedes Mal, auch bei diesem Buch, schnürt sich mir die Kehle zu, wenn ich von den Ungerechtigkeiten lese, die unschuldigen Menschen widerfahren sind; wenn ich lese, wie „ganz normale“ Leute geredet haben; wie diese ganz normalen Leute plötzlich all ihre Hemmungen verloren haben und sich tatsächlich – wie unglaublich! – im Recht gesehen haben. Machen ja alle.
„Was ich tue, das tun andere auch.“ (S. 59)
Besonders beeindruckend und erschütternd fand ich die Selbsterkenntnis Silbermanns, dass auch er nicht besser ist: Ausgestattet mit dem Glück, zumindest optisch nicht gleich als Jude verdächtigt zu werden, ertappt er sich wiederholt dabei, die Gesellschaft anderer Juden zu meiden, um nicht selbst „kompromittiert“ zu werden. Das verdeutlicht vielleicht mehr als alles andere, wie verlockend es gewesen sein muss, sich unsichtbar zu machen und einfach der Mehrheit anzuschließen – aus welchen Gründen auch immer und so falsch das auch ist. Wer von uns weiß wirklich, was er getan hätte?
Die autobiografischen Einschläge, die dieser Roman sicherlich hat (immerhin ist Boschwitz selbst jüdischer Emigrant aus der Zeit gewesen), sind vermutlich erhebliche Faktoren, die zur Glaubwürdigkeit und zur Intensität beigetragen haben. In jedem Fall: Ziemlich erschütternd und ziemlich lesenswert.

Veröffentlicht am 31.01.2018

Eine Familie im Nachkriegsberlin

Das Sonnenkind
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„In seinem Kopf gibt es keinen Frieden, wochenlang herrscht Waffenstillstand, aber dann brechen die Kämpfe eines Nachts wieder auf, und Scholze stürzt in seine Erinnerungen.“ (S. 47)

Kindheit in einer ...

„In seinem Kopf gibt es keinen Frieden, wochenlang herrscht Waffenstillstand, aber dann brechen die Kämpfe eines Nachts wieder auf, und Scholze stürzt in seine Erinnerungen.“ (S. 47)

Kindheit in einer Familie aus drei Generationen im Nachkriegsdeutschland: Detlev Meyer lässt den Leser hautnah miterleben, wie es ist, in dieser Zeit in Berlin aufzuwachsen, ohne dabei jedoch den Fokus von der Kindheit, vom Aufwachsen selbst und von den Menschen abzulenken.

Der kleine Carsten wird im Truseweg in Berlin Neukölln groß und an seiner Seite erleben wir die Familie, die Nachbarn und seine ganze Welt (die so viel mehr als den Truseweg nicht zu umfassen scheint). Die Handlung scheint leicht zu sein, doch davon darf man sich nicht täuschen lassen: Wir blicken schnell tiefer als die Fassaden es eigentlich zulassen möchten, und sehen Wesenszüge an den Figuren, die diese gern verborgen hätten.

Die Vermutung liegt nahe, dass die biografische Nähe seines kleinen Helden zu Detlev Meyer selbst der Grund dafür ist, dass das ganze Buch sich so glaubwürdig und echt liest. Dem Leser wird nichts auf die Nase gebunden, beinahe kommt das Gefühl auf, man entdecke die Welt zusammen mit dem kleinen Carsten, und manchmal möchte man ihn knuddeln, manchmal für das dem Kind eigene leicht übersteigerte Selbstbewusstsein schütteln. Und dann sind da noch die vielen anderen: Der große Bruder, der sich im Spannungsfeld zwischen Kindheit und Erwachsensein aufhält; die Mutter, die auch nicht nur tugendhaft ist; der Vater, der ein bisschen vom Krieg im Kopf mitgebracht hat; die Oma, die aus der Zeit der Kaiser und Grafen noch nicht über die Weltkriege mitgekommen ist; und schließlich der Opa, der über einige Aspekte seiner Vergangenheit lieber den Mantel des Schweigens breitet.
Viele kleine Figuren sind es, die dort aufeinandertreffen, und die im Zusammenspiel ziemlich facettenreich agieren.

Insgesamt bietet „Das Sonnenkind“ spannende Einblicke in eine Zeit vor unserer, es hebt den Vorhang vor den gutbürgerlichen Fünfzigern und lässt immer wieder tief blicken.
Sehr zu empfehlen ist übrigens auch das Nachwort von Matthias Frings, in dem er den Roman in das Leben seines Schriftstellers einordnet.