Profilbild von clematis

clematis

Lesejury Star
offline

clematis ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit clematis über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.06.2024

Mystisches Inselleben

Bretonische Sehnsucht
0

Bei seinem bereits dreizehnten Fall ermittelt Kommissar Georges Dupin auf der rauen Atlantikinsel Ouessant, etwa zwanzig Kilometer westlich des französischen Finistère. Ein junger Mann wird an den Strand ...

Bei seinem bereits dreizehnten Fall ermittelt Kommissar Georges Dupin auf der rauen Atlantikinsel Ouessant, etwa zwanzig Kilometer westlich des französischen Finistère. Ein junger Mann wird an den Strand der Insel geschwemmt, wobei unklar ist, ob es sich um einen Unfall oder um Mord handelt. Begleitet von Mythen und Mysterien rund um das Eiland stochert Dupin lange im Dunklen und muss sich mit augenscheinlichen Nebensächlichkeiten, wie dem Unterschied zwischen Meerjungfrauen, Nixen und Sirenen, beschäftigen.

Die malerische Kulisse der wildschönen Insel begleitet den Leser quer durch den Krimi, immer wieder erwähnt Jean-Luc Bannalec die Besonderheit der Natur- und Tierwelt, holt aus zu geschichtlichen Informationen und lässt gerne das wandelnde Lexikon namens Kommissar Riwal zu Wort kommen, wenn es um Mythen, Riten und Brauchtum geht. Insbesondere die Musik und landestypische Instrumente spielen eine Rolle, aber auch Zeremonien rund um den Tod werden Dupin und den Lesern nahegebracht. Bisweilen schweift dadurch der Text weit von der Handlung ab, die eigentlichen Ermittlungen rücken häufig in den Hintergrund. Es dauert also eine ganze Weile, bis es irgendeine Idee zur Todesursache des Angeschwemmten gibt. Unterhaltsam ist der Krimi trotzdem, denn anders als gewohnt, steht Dupin auf der Insel kein Dienstwagen zur Verfügung, als Ersatz hat Riwal Fahrräder organisiert – ebikes, mit denen der leitende Kommissar sich erst anfreunden muss. Außerdem unternimmt er aufgrund fehlender Beweise auch noch einen waghalsigen Alleingang, der ihm nicht gut bekommt.

Der flüssige Schreibstil vermag den Leser auch diesmal mitzunehmen, die ungewöhnlichen Hintergründe hätten gerne etwas kürzer ausfallen können. Dennoch bietet das mystische Inselleben gute Unterhaltung, auf die man sich gerne einlassen kann.

Veröffentlicht am 20.06.2024

Schwestern

Eifelfrauen: Der Ruf der Nachtigall
0

Tochter Klara und Adoptivtochter Mia wachsen bei ihrer Mutter Johanna im beschaulichen Altenburg in der Eifel auf. Entbehrungen während der Kriegsjahre und auch danach können den beiden Mädchen aber nichts ...

Tochter Klara und Adoptivtochter Mia wachsen bei ihrer Mutter Johanna im beschaulichen Altenburg in der Eifel auf. Entbehrungen während der Kriegsjahre und auch danach können den beiden Mädchen aber nichts anhaben, sie sind stark, wie ihre (weiblichen) Vorfahren der Familie Fuchs. Während Klara besonders musikalisch begabt ist und eine sehr schöne Singstimme hat, liegen Mias Fähigkeiten mehr im mathematisch-organisatorischen Bereich. So unterschiedlich die beiden Schwestern sind, so innig ist ihre Liebe zueinander – bis eines Tages der Schauspieler Pavel im Dorf ankommt.

Während im ersten Band der Eifelfrauen Johanna im Mittelpunkt steht, geht es nun um ihre beiden Töchter Klara und Mia. Eifrig helfen sie mit am kleinen Bauernhof, füttern Ziegen, ernten Obst. Die Bilder, welche Brigitte Riebe mit Leichtigkeit entwirft, hat man schnell in bunten Farben vor Augen, sogar die Melodien auf Klaras Lippen vermeint man zu hören - die abgesetzten Texte dazu passen sehr gut ins Geschehen. Mit viel Liebe zum Detail wird eine fahrende Oper auf die Beine gestellt, andernorts über den Absatz von Zigaretten diskutiert. Das Weltgeschehen zwischen 1945 und 1954 fließt als Hintergrund mit ein und erklärt unter anderem, warum ein Mitglied der Großfamilie nach Amerika ausgewandert ist oder ein anderes sich den Nazis angeschlossen hat. Das Fuchs-Imperium umfasst ja eine recht vielfältige Mischung an Charakteren, die der Journalist unter ihnen sogar in einem sehr persönlichen Buch abbildet. Immer wieder werden kurz auch Personen erwähnt, welche kaum mit Klara und Mia Kontakt halten, was mich im Ablauf der Erzählung weniger interessiert, sondern eher vom roten Faden abgelenkt hat. Auch sonst fließen sehr viele Einzelheiten mit ins Geschehen ein (Mirabellenprinzessin, Gründgens,…), welche durchaus interessant, aber schon ziemlich weit entfernt sind vom Kern des Geschehens. (Was für mich bisweilen schon ein wenig zu viel ist, gefällt anderen Lesern aber gerade besonders gut!) Der Anknüpfungspunkt zu Teil Eins über die Füchse im Garten hingegen passt wieder wunderbar zu allen anderen Blicken in die Natur.

Der Ruf der Nachtigall ist eine würdige Fortsetzung der „Eifelfrauen“ mit Klara und Mia, den zwei ebenso unterschiedlichen wie liebenswerten Schwestern, die schlussendlich beide ihren Weg finden. Der ruhige Schreibstil Brigitte Riebes führt unaufgeregt durch eine schöne Handlung, welche sorgfältig recherchierte Details bereithält und den Leser somit sehr realistisch in die damalige Zeit versetzt.

Veröffentlicht am 18.06.2024

Was zusammengehört

Helle Sommer
0

Billie ist sieben, sie lebt mit ihrem Großvater als Mini-Familie und muss vieles entbehren, weil einfach nie genug Geld da ist. Als in den Sommerferien Maxime bei seiner Tante urlaubt, freunden sich die ...

Billie ist sieben, sie lebt mit ihrem Großvater als Mini-Familie und muss vieles entbehren, weil einfach nie genug Geld da ist. Als in den Sommerferien Maxime bei seiner Tante urlaubt, freunden sich die beiden sehr ungleichen Kinder an: Maxime aus reichem Hause und Billie, die nichts hat, nicht einmal mehr Eltern. Dafür besitzt sie Mut und Ausdauer, was sie ihr Leben meistern lässt. Trotz ihrer eklatanten Verschiedenheit spüren beide Kinder, dass sie irgendetwas verbindet, aber sie verlieren einander immer wieder aus den Augen, treffen einander nur alle paar Sommer wieder.

Im Mittelpunkt dieses ansprechenden Romans steht Billie, ein vergnügtes Mädchen, das sich trotz ihres Waisenstatus und trotz ihrer Armut durchzusetzen lernt. Das Leben ist hart zu ihr, aber sie verliert selten ihren Mut und findet immer einen Weg. Billie erzählt ihre Geschichte in der Ich-Form, was die Handlung sehr nah an den Leser heranträgt und für die nötige Authentizität sorgt. Ab dem Sommer 1998 gibt es einzelne Episoden, Ausschnitte aus Billies Leben, die ihren Großvater, ihre Schulzeit und auch ihre berufliche Laufbahn beleuchten. Zeitraffer (gut erkennbar in den Kapitelüberschriften) beschleunigen den Ablauf, sodass sich keine Langeweile einschleicht. Das Gefühl, dass die beiden Seelen irgendetwas verbindet, verblasst zuweilen, gänzlich verschwindet es aber nie. So sind Billie und Maxime immer wieder auf der Suche nach dem anderen. Es gibt verpasste Chancen und Wiedersehen, differierende Lebensziele und unerwartete Kreuzungen. Was zusammengehört, wird das Schicksal zusammenführen, außer der Mensch will das verhindern.

Ein gefühlvoller Roman ohne Kitsch und Romantik, der für schöne Lesestunden sorgt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.06.2024

Grönlandeis

Eiskeim
0

Nachdem im Jahre 1967 Forschungsarbeiten im Camp Century Hals über Kopf abgebrochen worden sind, aber keine genaueren Informationen an die Öffentlichkeit gelangt sind, arbeitet Nora Grimm heute mit einem ...

Nachdem im Jahre 1967 Forschungsarbeiten im Camp Century Hals über Kopf abgebrochen worden sind, aber keine genaueren Informationen an die Öffentlichkeit gelangt sind, arbeitet Nora Grimm heute mit einem Stipendium in einer neuen Station auf Grönland. Sie möchte der Ökologie von vor 400.000 Jahren auf den Grund gehen, findet aber stattdessen eigenartige Kristalle, die Leben in sich zu tragen scheinen. Wie kann es anders sein, auch die US-Army und andere Organisationen sind interessiert an den Vorgängen im ewigen Eis.

Hinter dem wunderschönen Titelbild verbirgt sich ein spannender Wissenschaftsthriller. Mikael Lundt hat sorgfältig recherchiert und etliche naturwissenschaftliche Details in die Handlung einfließen lassen. Diese hält einiges an Überraschungen bereit und zieht den Leser schnell in den Bann. Allerdings verliert sich die Dramatik im Laufe der Zeit in immer weniger glaubwürdigen Einzelheiten, einerseits die Zuständigkeit der einzelnen Befehlshaber betreffend, andererseits die Forschungsergebnisse selbst angehend. Die Figuren werden ausreichend beleuchtet, insbesondere der alte Jansson beeindruckt mich, der Schreibstil passt ebenso sehr gut und führt flott voran. Dass die Geschichte aber schlussendlich in science-fiction-ähnliche Gefielde abdriftet, gefällt mir nicht besonders.

Spannende Themen rund um Forschungen im (gar nicht so?) ewigen Grönlandeis, politische und persönliche Intrigen und utopisch anmutende Elemente auf der Basis einer bis 1967 real existierenden Militäreinrichtung. Für mich insbesondere am Ende zu phantasiebehaftet, aber durchaus lesenswert.

Veröffentlicht am 16.06.2024

Ein Garten der Gemeinschaft

Forgotten Garden
0

Nach dem schweren und viel zu frühen Verlust ihres Mannes zieht sich Luisa in sich selbst zurück. Ihren Traum als Landschaftsgärtnerin vernachlässigt sie, von ihrer Chefin wird sie ausgenutzt. Nach etlichen ...

Nach dem schweren und viel zu frühen Verlust ihres Mannes zieht sich Luisa in sich selbst zurück. Ihren Traum als Landschaftsgärtnerin vernachlässigt sie, von ihrer Chefin wird sie ausgenutzt. Nach etlichen Jahren in einem unhaltbaren Zustand hält der Patenonkel ihres verstorbenen Mannes ein phantastisches Projekt für Luisa bereit: auf einem brachliegenden Grundstück könnte unter Luisas Leitung ein Gemeinschaftsgarten entstehen. Nach anfänglichem Zögern sagt Luisa zu, wird allerdings mit zahlreichen Problemen konfrontiert: insbesondere die Nachbarn des Grundstücks verhalten sich skeptisch, ja ablehnend.

Eine angenehme Sprachmelodie begleitet diesen außergewöhnlichen Roman, der sich mit unterschiedlichen tiefgreifenden Themen beschäftigt. Eine Witwe in ihrer Lebenskrise, ein engagierter Lehrer, der neben dem besagten Gartengrundstück eine Jugendgruppe organisiert und jungen Menschen am Rande der Gesellschaft Halt gibt, Drogen, Liebe, Vertrauen, Zusammenhalt. All das verknüpft Sharon Gosling zu einem wunderbaren Ganzen, das den Leser immer wieder stark berührt. Neben Luisa brillieren auch Cas, der Lehrer und Harper, eine eifrige, aber in widrigen Umständen lebende Schülerin, als wesentliche Figuren, welche die hervorragende Handlung tragen. Liebevoll ausgearbeitet sind aber nicht nur Goslings Personen, auch die Details zur Gestaltung des brachliegenden Areals und die zwischenmenschlichen Beziehungen sind hervorragend dargestellt. Mannigfaltige Emotionen beherrschen das Geschehen und übertragen sich auf den Leser, der anfangs ja gar nicht weiß, wohin die Reise mit Luise führen wird.

Auch wenn vielleicht nicht jede Kleinigkeit ganz realistisch ist, so überwältigt dieser Roman durch seine Zuversicht und Hoffnung. Ich bin sehr positiv überrascht von Sharon Goslings Erzählkunst und empfehle Forgotten Garden gerne weiter.