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Veröffentlicht am 28.04.2024

Alles kommt ans Licht

Treibgut
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Ken und Abby Gardner standen einander als Kinder sehr nahe. Doch ihre Mutter war nach Abbys Geburt gestorben, als Ken drei Jahre alt war, und er hat der Schwester immer die Schuld gegeben. Der Vater Adam, ...


Ken und Abby Gardner standen einander als Kinder sehr nahe. Doch ihre Mutter war nach Abbys Geburt gestorben, als Ken drei Jahre alt war, und er hat der Schwester immer die Schuld gegeben. Der Vater Adam, ein bekannter Meeresbiologe, der sich auf Buckelwale spezialisiert hat, zieht seine Kinder allein auf, interessiert sich im Zweifelsfall aber mehr für seine Forschungen als für seine Kinder und hat nicht mitbekommen, dass sich Abby und Ken – inzwischen etwa 38 und 41 Jahre alt – voneinander entfernt haben. Ein Geheimnis aus der Kindheit hat Abby ihr Leben lang gequält. Ken ist ein erfolgreicher Immobilienhändler mit politischen Ambitionen geworden, Abby eine bisher noch nicht besonders erfolgreiche Künstlerin. Sie waren immer schon Rivalen um die Liebe und Aufmerksamkeit des Vaters und später um sichtbaren Erfolg. In Kens Ehe mit Abbys ehemals bester Freundin Jenny kriselt es. Die zwölfjährigen Zwillinge Tessa und Frannie kommen in ein schwieriges Alter und sehen den Vater inzwischen kritisch. Dann hat sich eine bisher unbekannte junge Frau namens Steph mit ihrem kleinen Sohn und ihrer Partnerin Toni in das Leben der Familie gedrängt. Auch hier gibt es etwas Verschwiegenes in der Vergangenheit. Adam Gardner will noch vor seinem bevorstehenden 70. Geburtstag und dem Ausscheiden aus dem Berufsleben zur Krönung seines Lebenswerks das eine große Forschungsergebnis erzielen: die Entschlüsselung der Sprache der Buckelwale. Dabei geht der lebenslang an einer bipolaren Störung leidende Wissenschaftler ein großes Risiko ein. Die Gardners wollen zum 70. Geburtstag des Vaters ein großes Fest geben. Hier kommt es erwartungsgemäß zum großen Showdown, bei dem alle Geheimnisse enthüllt werden.
Adrienne Brodeur erzählt die Geschichte einer nur nach außen mehr oder weniger intakten Familie aus fünf verschiedenen Perspektiven, so dass der Leser schon lange vor den Betroffenen weiß, was an schmerzlichen Erfahrungen und Geheimnissen so lange verschwiegen wurde. Die Autorin entwickelt das inzwischen gängige Thema der dysfunktionalen Familie geschickt und facettenreich. Die Flora und artenreiche Fauna der Küste bei Cape Cod spielen eine besondere Rolle, vor allem Buckelwale, Gardners mit dem Jahr 2016 auch die entscheidende Phase vor der Präsidentschaftswahl, die Amerika grundlegend veränderte. Ein gut lesbarer Roman, der mich dazu veranlasst, jetzt auch “Wild Game“, Brodeurs autofiktionalen Vorgänger aus dem Jahr 2019 zu lesen.

Veröffentlicht am 28.04.2024

Mit Lügen die Wahrheit ans Licht bringen

Das Waldhaus
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Die 37jährige Hannah Davidson kehrt in ihr Elternhaus in London zurück, und sich nach seinem Krankenhausaufenthalt um ihren dementen Vater zu kümmern. 23 Jahre zuvor war ihre wunderschöne Mutter ...


Die 37jährige Hannah Davidson kehrt in ihr Elternhaus in London zurück, und sich nach seinem Krankenhausaufenthalt um ihren dementen Vater zu kümmern. 23 Jahre zuvor war ihre wunderschöne Mutter Jen, eine Fotografin, im Wald ermordet aufgefunden worden. Der Täter wurde nie gefasst. Die Familie wurde durch dieses Verbrechen zerstört. Hannahs Bruder Reece, ein erfolgreicher Medienstar, hält den Vater für den Täter und hasst ihn. Er hat den Kontakt zum Vater und zu seiner Schwester vor vielen Jahren abgebrochen. Hannah will endlich herausfinden, was damals wirklich geschah. Auch den damaligen Ermittler Chris Manning lässt der ungelöste Fall nicht los. Hannah nimmt Kontakt zu ihm auf. Er warnt sie, vorsichtig zu sein. Da Hannah ihrer Mutter immer ähnlicher geworden ist, spricht der Vater sie mit „Jen“ an und sagt mehrfach, dass es ihm leidtut. Was hat das zu bedeuten? Hannah macht sich diese Ähnlichkeit zunutze, u.a., indem sie die Kleidung ihrer Mutter trägt und sich schminkt wie sie und bringt sich dadurch in Lebensgefahr. Sie stößt auf immer mehr Ungereimtheiten und Informationen, die wichtig sein könnten. Zu den Verdächtigen gehören schließlich neben ihrem Vater und Bruder auch der Nachbar Mr. Roberts und sein Sohn Marcus, ehemals ein Freund ihres Bruders, zu dem sie sich damals und auch jetzt wieder hingezogen fühlt.
Der spannende Roman mit zahlreichen überraschenden Wendungen liest sich gut. Die Charakterisierung der Figuren ist sehr gelungen, vor allem die Protagonistin Hannah, deren verpfuschtes Leben – sie wurde drogenabhängig, Alkoholikerin und kriminell – zeigt, wie sich eine solche familiäre Katastrophe auf die Betroffenen auswirkt. “Das Waldhaus“ ist eine weitere Geschichte einer dysfunktionalen Familie, aber eine wirklich lohnende.

Veröffentlicht am 28.04.2024

Staub des Lebens

Wo die Asche blüht
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In Ngueyn Phan Que Mais Roman “Wo die Asche blüht“ geht es um den Vietnamkrieg und seine Folgen für die Überlebenden in Vietnam und die amerikanischen Veteranen. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen: 1969 ...


In Ngueyn Phan Que Mais Roman “Wo die Asche blüht“ geht es um den Vietnamkrieg und seine Folgen für die Überlebenden in Vietnam und die amerikanischen Veteranen. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen: 1969 und 2016 mit einem Epilog im Jahr 2019. Zwei Schwestern, - 18 und 16 Jahre alt - leben in äußerster Armut in einem Dorf. Betrüger haben die Familie um ihre gesamten Ersparnisse gebracht. Sie haben außerdem fast alles verloren, weil sie ihre Schulden an Geldverleiher nicht zurückzahlen können. Die Schwestern lassen sich von einer Freundin überreden, mit ihr nach Saigon zu gehen und dort als Barmädchen zu arbeiten. Sie begreifen erst später, dass von ihnen erwartet wird, dass sie sich für ein paar Dollar prostituieren, wovon vor allem ihre Chefin profitiert. Die ältere Schwester lässt sich auf eine Beziehung mit dem Soldaten Dan ein, der sie schwängert und im Stich lässt. Dan leidet auch Jahrzehnte später noch unter PTBS und lässt ich von seiner Frau Linda überreden, nach Vietnam zurückzukehren und seine Probleme endlich aufzuarbeiten. Er hat ihr allerdings nie von seiner Beziehung zu Kim alias Trang und dem Kind erzählt. In einem zweiten Handlungsstrang sucht der Amerasier Phong nach seinem unbekannten Vater, einem farbigen GI. Er wurde vor einem Waisenhaus ausgesetzt und hat nur wenige glückliche Jahre mit einer katholischen Nonne erlebt. Dann kamen die Vietcong und damit Umerziehungslager, Gewalt und Hass. Aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe wurden diese Menschen als Staub des Lebens bezeichnet.
Die Autorin verdeutlicht in ihrem exzellent recherchierten Roman, dass aus den Beziehungen zwischen amerikanischen Soldaten und Vietnamesinnen Zehntausende von Kindern hervorgingen, die später Ausgrenzung und Hass ausgesetzt waren, vor allem, wenn sie eine andere Hautfarbe hatten, und nie eine Chance auf ein normales Leben bekamen. Dieser grausame Krieg hat niemand genützt, sondern viele Opfer gefordert und Traumatisierte auf beiden Seiten hinterlassen. Der Roman informiert nicht nur über weniger bekannte Seiten dieses Krieges, er überzeugt vor allem durch seine geschickt fiktionalisierte Form der Informationen und persönlichen Erfahrungen der Autorin. Allerdings wirkt die Zusammenführung der verschiedenen Handlungsstränge mit ihrem jeweiligen Personal zum Schluss hin etwas unwahrscheinlich. Dennoch ist dies ein sehr lesenswertes Buch, das ich gern empfehle.

Veröffentlicht am 23.04.2024

Mordermittlung in Zeiten des Lockdown

Die Gabe der Lüge
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Im neuesten Roman von Val McDermid ermittelt Karen Pirie aus der Abteilung für Cold Cases in Edinburgh in einem ungeklärten Vermisstenfall, nachdem eine Bibliothekarin im Nachlass des kürzlich verstorbenen ...


Im neuesten Roman von Val McDermid ermittelt Karen Pirie aus der Abteilung für Cold Cases in Edinburgh in einem ungeklärten Vermisstenfall, nachdem eine Bibliothekarin im Nachlass des kürzlich verstorbenen Krimiautors Jake Stein ein unvollständiges Manuskript gefunden hat, das so eng an den Fall der verschwundenen Studentin Lara Hardie angelehnt ist, dass es wie die Vorlage für ein Verbrechen wirkt. Die fiktiven Krimiautoren Jamie Cobain und Rob Thomas entsprechen Jake Stein und seinem Rivalen und Schachpartner Ross McEwan, der ebenfalls eine Affaire mit der Frau des Kollegen hat. Während die Karriere des einst überaus erfolgreichen Autors Jake Stein nach einem öffentlichen Skandal bei einer Lesung beendet ist, geht es mit Rob Thomas steil aufwärts. Karen Pirie und ihr Team kommen erst nicht weiter mit den Ermittlungen, die durch den Lockdown 2020 entscheidend behindert werden, ist es doch eher unwahrscheinlich, dass Stein sich durch seinen Roman selbst belastet. Erst allmählich kommen weitere Details ans Licht und führen zu neuen Ermittlungsansätzen.
Neben der Mordermittlung spielen auch Karen Piries Beziehung zu dem Unternehmer Hamish Mackenzie nach dem Tod ihres geliebten Partners, das Schicksals des geflohenen Syrers Rafiq und vor allem die tiefgreifende Veränderung der Lebensumstände der Menschen durch die Corona-Pandemie und den Lockdown im April 2020 eine zentrale Rolle. Mir hat der umfangreiche, wenn auch trotz etlicher Handlungsumschwünge nicht durchgängig spannende Roman mit seiner sorgfältigen Charakterzeichnung und guten sprachlichen Qualität gefallen. Raffiniert ist die komplexe Handlungsstruktur mit dem Roman im Roman, in dem fiktive Figuren die in der Welt der „realen“ Geschichte existierenden spiegeln. Val McDermid bleibt für mich eine sehr empfehlenswerte Autorin.

Veröffentlicht am 07.04.2024

Bretonische Schicksale

Der Sommer, in dem alles begann
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In einem kleinen Dorf im Landesinneren lebt Hélène, 16 mit ihrer Familie. Sie ist in Yannick verliebt, der schon die gemeinsame Zukunft plant und sich aktiv für den Erhalt der bretonischen Sprache und ...


In einem kleinen Dorf im Landesinneren lebt Hélène, 16 mit ihrer Familie. Sie ist in Yannick verliebt, der schon die gemeinsame Zukunft plant und sich aktiv für den Erhalt der bretonischen Sprache und Kultur einsetzt. Dann zieht Marguerite mit ihrem Mann, einem erfolgreichen Schriftsteller, der aktuell an einer Schreibblockade leidet, von Paris in das Dorf. Sie übernimmt eine Vertretungsstelle als Lehrerin, und nichts ist mehr, wie es war. Die Dorfgemeinschaft will keine Veränderungen und lehnt die Neuankömmlinge schroff ab. Marguerite fördert die begabte Hélène und ermutigt sie, ein anderes Leben ins Auge zu fassen und nicht einfach dem vorgegebenen Weg zu folgen. Im Dorf machen bald schon Klatsch und Tratsch den beiden Familien das Leben schwer, und alles steuert auf einen tragischen Ausgang hin.
Die Geschichte erstreckt sich von 1944 bis zur Gegenwart und verbindet drei Generationen von Frauen, die von Hélènes Großmutter Alexine und der bösen alten Krämerwitwe Tanguy über Hélènes Mutter mit dem schwerkranken Ehemann bis zu Hélène und ihren Altersgenossen. Es wird gezeigt, dass die Zeit der deutschen Besetzung noch immer nachwirkt und es Geheimnisse gibt, an die nicht gerührt werden soll. Die Witwe Tanguy ging einst als Waisenmädchen nach Paris, wurde von ihrem Arbeitgeber vergewaltigt und bekam ihr neugeborenes Kind, das angeblich nach wenigen Stunden gestorben war, nie mehr zu sehen. Marguerite dagegen ist auf der Suche nach ihrer Mutter, die sie in der Bretagne vermutet.
Der Roman beginnt mit zwei Beerdigungen - von Hélènes Vater und von Marguerite. Wie es dazu kam und wie alles zusammenhängt, erfährt der Leser im Verlauf dieses interessanten, auch sprachlich sehr gelungenen Bildungsromans. Eine lohnende Entdeckung für mich.