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Veröffentlicht am 08.09.2019

Danach ist nichts mehr wie vorher

Der Sprung
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In Simone Lapperts Roman “Der Sprung“ steht die junge Manu alias Manuela Kühne auf dem Dach eines Hauses im kleinen Thalbach an der Schweizer Grenze und will anscheinend in den Tod springen. Mehr als 20 ...

In Simone Lapperts Roman “Der Sprung“ steht die junge Manu alias Manuela Kühne auf dem Dach eines Hauses im kleinen Thalbach an der Schweizer Grenze und will anscheinend in den Tod springen. Mehr als 20 Stunden hält sie die Bewohner des Ortes, die Polizei und Feuerwehr in Atem. Vor der Absperrung sammelt sich eine Menschenmenge, die den Todessprung nicht verpassen und mit dem Handy festhalten will. Neben der Aufforderung, doch endlich zu springen oder Äußerungen zur Verschwendung von Steuergeldern gibt es auch mitfühlende Bemerkungen, Menschen, die den Mut der Frau bewundern oder Mitleid mit ihr haben.
Lange tappt der Leser im Dunkeln und erfährt nicht, wie es zu dieser Extremsituation kam. Kapitelweise kommt eine Vielzahl von Personen zu Wort, die der Frau auf dem Dach nahestehen oder sie flüchtig kennen. Manche lernt der Leser genauer kennen und erlebt mit, was diese Krisensituation mit ihnen macht, denn alle werden durch dieses Ereignis verändert und kommen an einen Wendepunkt ihres eigenen Lebens. Der Polizist Felix kann zum ersten Mal über ein Kindheitstrauma sprechen, das sein ganzes bisheriges Leben überschattet hat. Eine übergewichtige Schülerin, die in der Schule gnadenlos gemobbt wird, hat endlich die Kraft, sich gegen ihre Peiniger zu wehren und findet vielleicht zum ersten Mal eine Freundin. Ein altes Ehepaar mit seinem fast bankrotten Laden an der Ecke macht wegen des Menschenandrangs an dem entscheidenden Tag einen Riesenumsatz und kann das Glück längst vergangener Tage noch einmal beleben. Frauen befreien sich endlich aus unglücklichen Beziehungen usw. Der Autorin gelingen überzeugende Porträts der Menschen dieser Kleinstadt, allen voran Roswitha, die Wirtin des Cafés, die mehr Empathie aufbringt als alle anderen zusammen. Sehr überzeugend ist auch die Charakterisierung der Hauptfigur. Manu ist unkonventionell, um nicht zu sagen exzentrisch. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Pflanzen aus engen Gefäßen oder ungeeigneten Beeten zu befreien und in einem geheimen Garten im Wald einzupflanzen. Auch sie leidet offensichtlich unter Traumata, an die niemand rühren darf und war in der Vergangenheit wegen psychischer Probleme in der Klinik.
Trotz der Personenvielfalt ist “Der Sprung“ ein sehr schöner, gut lesbarer Roman. Sehr empfehlenswert.

Veröffentlicht am 07.09.2019

Drei Frauen

Drei
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Orna Esran ist von ihrem Mann verlassen worden und lebt allein mit ihrem Sohn Eran. Über ein Dating-Portal lernt sie Gil kennen. Gil ist sympathisch, bedrängt sie nicht, lässt der Beziehung Zeit, sich ...

Orna Esran ist von ihrem Mann verlassen worden und lebt allein mit ihrem Sohn Eran. Über ein Dating-Portal lernt sie Gil kennen. Gil ist sympathisch, bedrängt sie nicht, lässt der Beziehung Zeit, sich zu entwickeln. Gil ist aber auch geheimnisvoll und gibt wenig von sich preis. Beruflich ist er immer wieder in Bukarest und Warschau, hat irgendetwas mit der Beschaffung von Pässen zu tun. Es entwickelt sich eine Art Beziehung zwischen Orna und Gil. Jedoch begreift sie irgendwann, dass er ihr nicht die Wahrheit sagt. Auch die lettische Pflegekraft Emilia lernt später Gil kennen. Sie ist durch eine Personalvermittlungsfirma nach Israel gekommen und hat Gils Vater Nachum zwei Jahre bis zu seinem Tod gepflegt. Danach wird es für sie schwierig, da sie nur eine schlecht bezahlte Teilzeitstelle in einem Heim bekommt. Gil ist ihr behilflich. Sie kommen sich näher. Auch eine dritte Frau macht Gils Bekanntschaft. Ist sie auch an einer Liebesbeziehung interessiert?
Dror Mishanis Buch “Drei“ ist ein raffiniert konstruierter Roman mit Krimielementen, dessen überraschende Auflösung der Leser nicht errät. Mir hat das spannende Buch sehr gut gefallen – mindestens so gut wie Mishanis Krimi “Vermisst“.

Veröffentlicht am 18.08.2019

Alles Gute hat sein Ende

Letzte Rettung: Paris
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In Patrick deWitts neuem Roman “Letzte Rettung: Paris“ geht es um eine sehr ungewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung. Frances Price, seit etwa 20 Jahren verwitwet und mit 65 noch immer eine sehr attraktive ...

In Patrick deWitts neuem Roman “Letzte Rettung: Paris“ geht es um eine sehr ungewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung. Frances Price, seit etwa 20 Jahren verwitwet und mit 65 noch immer eine sehr attraktive Frau, hat lange gebraucht, bis sie ihrem Sohn Malcolm, Anfang 30, eine Mutter sein konnte. Jetzt bindet sie ihn an sich, lässt ihn nicht erwachsen werden und duldet keine andere Frau in seiner Nähe. So hat sie auch seine reizende Verlobte Susan vertrieben. Nach seiner Vorgeschichte ist Malcolm ohnehin zu keiner normalen Beziehung zu seinen Mitmenschen fähig. Frances hat ihr gesellschaftliches Ansehen seit langem verspielt, seit sie ihren toten Mann in der Wohnung liegen ließ, ohne Ärzte oder Behörden zu verständigen und zu einem Skiwochenende aufbrach. Inzwischen hat sie auch das geerbte Vermögen verschleudert und alles verloren. Mit dem Geld aus Verkäufen von Wertgegenständen aus der letzten Wohnung ziehen Mutter und Sohn in das Apartment von Frances´ Freundin Joan in Paris. Sie nehmen den Kater Kleiner Frank mit, die Inkarnation des verstorbenen Gatten.
In Paris sammelt Frances allerhand Exzentriker um sich: einen Privatdetektiv, der das Medium Madeleine wiederfindet, mit dem Malcolm auf der Überfahrt eine kurze Affaire hatte, einen Weinhändler, einen Arzt. Das Medium stellt den Kontakt zu dem Toten her.
Der Roman ist teilweise Gesellschaftskomödie, Satire auf das inhaltsleere Leben der Superreichen, aber zum Teil auch eine Reihung von absurden Begebenheiten und skurrilen Figuren. Nicht immer ist das witzig, weil der Tod als Thema eine wichtige Rolle spielt und immer präsent bleibt. Der deutsche Titel suggeriert, dass es eine Rettung gibt. Tatsächlich bedeutet der Originaltitel "French Exit“ jedoch, dass jemand abrupt Kontakt und Kommunikation abbricht und wie ein Geist aus dem Leben anderer Menschen verschwindet. Mir hat das Buch in der zweiten Hälfte nicht mehr so gut gefallen. Die Frage, was uns der Autor mit dieser Geschichte sagen will, wüsste ich nicht zu beantworten.

Veröffentlicht am 18.08.2019

Eine ganz besondere Familiengeschichte

Otto
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Otto ist ein pensionierter Ingenieur, inzwischen sehr krank und pflegebedürftig. Er muss mehrfach ins Krankenhaus. Als er überlebt und nach Hause entlassen wird, stellen seine Töchter Timna und Babi eine ...

Otto ist ein pensionierter Ingenieur, inzwischen sehr krank und pflegebedürftig. Er muss mehrfach ins Krankenhaus. Als er überlebt und nach Hause entlassen wird, stellen seine Töchter Timna und Babi eine ungarische Haushaltshilfe ein, die – wenn sie vorübergehend in ihre Heimat zurückfährt von Ottla aus Siebenbürgen vertreten wird. Ansonsten sind seine Töchter für den alten Mann zuständig, und zwar Tag und Nacht. So gehört sich das in einer jüdischen Familie. Otto stammt aus Kronstadt in Siebenbürgen und spricht ein sehr gewöhnungsbedürftiges Deutsch. Er war ein reicher Mann, bis er im Krieg alles verlor und vom rumänischen Staat nie entschädigt wurde. Später ging er nach Haifa und in den 70er Jahren nach Deutschland. Inzwischen lebt er seit langem in München. Da seine Mutter – Omama – in Haifa lebte, fuhr die Familie dort jedes Jahr hin.
Otto ist eine sehr dominante Persönlichkeit und fordert ein, was ihm – wie er meint – zusteht. Allerdings finde ich nicht, dass er ein so unsympathisches Ekel ist, wie im Klappentext beschrieben. Auch wenn er noch so schwierig ist, wird er von Timna und Babi geliebt, nicht gehasst. Der größte Teil des Romans besteht nicht aus dem täglichen Umgang mit den Töchtern und dem Personal, sondern aus Geschichten über die Familie, die nicht chronologisch berichtet werden. Otto hat nämlich an Timna, seine Lieblingstochter mit einer „schönen Bitte“ den Wunsch herangetragen, ein Buch über die Familie zu schreiben. Ottos schönen Bitten widersetzt man sich tunlichst nicht, und so sammelt die Tochter Anekdoten, die sie zum Teil schon oft gehört hat, teilweise aber noch nicht kennt. Es geht um Ottos Eltern und Großeltern, sein Überleben des Holocaust, seine Ehe mit Elisabeth und Ursula – Mutter von Timna und Babi –, Kontakte zu alten Freunden aus Siebenbürgen. Das wird zum Teil sehr witzig erzählt, einmal wegen Ottos sehr eigenwilliger Handhabung der deutschen Sprache, teils weil die typischen Klischees bedient werden, z.B. Ottos extreme Sparsamkeit und Fixierung auf Geld. Zu den witzigen Begebenheiten gehört auch die Tatsache, dass er an seinen Arbeitsplatz technische Geräte und sogar Vorhänge stiehlt und sich bei seiner Pensionierung noch einmal richtig eindeckt.
Nachdem ich mich an Sprache und Romanstruktur gewöhnt hatte, hat mir der Roman über Ottos ereignisreiches Leben gut gefallen. Dana von Suffrins Buch entführt den Leser in eine andere Welt.

Veröffentlicht am 02.08.2019

Überlebenskünstler

Auf Erden sind wir kurz grandios
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Ocean Vuong wurde in den USA durch die Veröffentlichung seiner Gedichte berühmt. “Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist sein Debütroman. Ein Little Dog genannter 28jähriger schreibt in einem an seine Mutter ...

Ocean Vuong wurde in den USA durch die Veröffentlichung seiner Gedichte berühmt. “Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist sein Debütroman. Ein Little Dog genannter 28jähriger schreibt in einem an seine Mutter gerichteten Brief die Geschichte seiner Familie und seines eigenen bisherigen Lebens auf. Seine Mutter wird ihn nie lesen können, denn sie ist Analphabetin. Großmutter Lan und ihre Töchter Rose und Mai kamen aus Vietnam in die USA, als Little Dog noch ein Kleinkind war. Beide Frauen sind durch Gewalterfahrungen aller Art und den furchtbaren Krieg schwer gezeichnet und leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Großmutter wird zunehmend verrückter. Lan war aus einer arrangierten Ehe geflohen und hatte den amerikanischen Soldaten Paul geheiratet. Tochter Rose wird von ihrem Mann verprügelt, bis dieser sie so verletzt, dass er dafür ins Gefängnis geht. Aber auch das Kind hat es nicht leicht. Er wird schon früh mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert, erfährt Ablehnung und Ausgrenzung und muss sich als pédé beschimpfen lassen (franz. pédéraste=Homosexueller), ein Begriff, der noch aus der Zeit stammt, als Vietnam Indochina hieß und französische Kolonie war. Liebe erlebt er stets als untrennbar von Gewalt: durch die Misshandlungen der eigenen Mutter und in seiner Beziehung zu dem weißen amerikanischen Jungen Trevor, Sohn eines Alkoholikers, der mit seinem Vater in einem Wohnwagen lebt und White Trailer Trash zuzuordnen ist – auch er chancenlos, weil er schon mit 15 Jahren drogenabhängig wird. Trevor will seine Homosexualität nicht wahrhaben. Auch in dieser Liebe gibt es viel Gewalt und Schmerz. Für Little Dog, der anfangs sprachlos war, weil er das Englische nicht beherrschte, wird Sprache zu dem Mittel, in der fremden Welt zu überleben, schließlich als Schriftsteller seine Berufung zu finden.
Der in einer teilweise sehr poetischen Sprache verfasste Roman nimmt im letzten Drittel immer mehr die Züge eines Gedichts an, wodurch Längen und Wiederholungen nicht ganz vermieden werde können, und enthält dennoch auch eine Menge Fakten: die Auswirkungen des Vietnamkriegs auf die Zivilbevölkerung, allgegenwärtiger Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in den USA, weitverbreitete Homophobie, die miserablen Arbeitsbedingungen in unterbezahlten Knochenjobs, wie es Mutter Rose in ihrem Nagelstudio und die beiden Halbwüchsigen auf der Tabakfarm erleben, Drogenabhängigkeit aufgrund des legalen Schmerzmittels Oxycontin, einem Opioid, sozusagen Heroin in Tablettenform. Der Roman ist nicht autobiographisch, enthält aber Elemente aus Vuongs eigenem Leben. Er zeigt, wie Menschen unter schwierigsten Bedingungen überleben und ist zugleich eine lange nachwirkende Meditation über Liebe und Verlust, eine coming-of-age Story, die aufgrund ihres fragmentarischen Charakters und der komplizierten Zeitstruktur nicht ganz einfach zu lesen ist, aber dennoch einen tiefen Eindruck hinterlässt.