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Veröffentlicht am 29.04.2017

Von Bienen und Menschen

Die Geschichte der Bienen
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Maja Lunde hat mit “Die Geschichte der Bienen“ zum ersten Mal einen Roman für Erwachsene geschrieben. Der Titel lässt den Leser an ein Sachbuch denken. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen fiktionalen ...

Maja Lunde hat mit “Die Geschichte der Bienen“ zum ersten Mal einen Roman für Erwachsene geschrieben. Der Titel lässt den Leser an ein Sachbuch denken. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen fiktionalen Text, bestehend aus drei Erzählsträngen mit drei Protagonisten und ihren Familien. Die Autorin erzählt ihre Familiengeschichten aus der Perspektive von William, George und Tao und ordnet ihnen drei Kontinente und drei verschiedene Epochen zu. William lebt in England. Er ist gescheiterter Wissenschaftler, inzwischen Samenhändler und durchlebt 1852 eine akute Krise, die ihn ans Bett fesselt. Er hat seine Forschungen aufgeben müssen, um seine 10köpfige Familie zu ernähren und muss sich von Rahm, seinem ehemaligen Mentor, deshalb verspotten lassen. Er schöpft neue Hoffnung, als er einen neuartigen Bienenstock entwickelt, bis Rahm ihm mitteilt, dass es so etwas längst gibt. George lebt 2007 in Ohio mit Ehefrau Emma und Sohn Tom. Sein Hof samt Imkerei bringt nicht viel ein. Sein Sohn soll den Hof übernehmen, hat aber eigene Pläne. Dann passiert das Unfassbare: wie in anderen Regionen weiter südlich verschwinden auch in Ohio eines Tages die Bienen, und George verliert die Mehrzahl seiner Bienenvölker. Die Geschichte von Tao spielt in China im Jahr 2098. Bienen sind inzwischen ausgestorben. Riesige Obstplantagen werden von Arbeitern von Hand bestäubt. Es ist Schwerstarbeit, für die ein Schulbesuch bis zum achten Lebensjahr ausreicht. Die Bevölkerung ist drastisch geschrumpft, Armut und Hunger bestimmen den Alltag, die Städte verfallen. Die Katastrophe bricht über Tao und ihren Mann herein, als ihr kleiner Sohn Wei-Wen eines Tages bei einem Ausflug ins Koma fällt und an einen unbekannten Ort gebracht wird.
Die Autorin zeigt, wie das Leben dieser Menschen mit den Bienen zusammenhängt, wie eine Krise die familiären Bindungen und die Partnerbeziehung zerstört. Vor allem die Ehepartner entfernen sich voneinander und können nicht über die Dinge sprechen, die sie belasten. Lunde erzählt ihre Geschichte in sehr kurzen Kapiteln und führt die drei Erzählstränge am Ende zusammen. Sie macht deutlich, dass menschliches Leben, so wie wir es kennen, vom Wohlergehen der Bienen abhängt, dass die katastrophale Entwicklung, die sie aufzeigt, schon angefangen hat, denn die Ursachen – der Einsatz von Pestiziden, Monokulturen und Klimawandel mit extremen Wetterlagen – vernichten bereits heute Bienenvölker in aller Welt. Nur ein anderer, vernünftiger Umgang mit der Natur kann uns vielleicht noch retten.
Lundes zweites großes Thema ist das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, von Müttern zu Söhnen, im Fall von William und George auch von Vätern zu ihren Söhnen. Überzogene Erwartungen und fehlende Kommunikation sorgen für gewaltige Probleme in diesen Familien.
Lundes Roman liest sich trotz einiger Längen gut und regt zum Nachdenken an, weil er Zusammenhänge aufzeigt, die so vielleicht nicht jedem bewusst sind. Eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

Veröffentlicht am 21.04.2017

Die Lebenden und die Toten

Der Freund der Toten
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Jess Kidds Debütroman “Der Freund der Toten“ (“Himself“) spielt im fiktiven Ort Mulderrig in der Grafschaft Mayo im Westen der Republik Irland. Der Roman beginnt im Jahr 1950 mit dem grausamen Mord an ...

Jess Kidds Debütroman “Der Freund der Toten“ (“Himself“) spielt im fiktiven Ort Mulderrig in der Grafschaft Mayo im Westen der Republik Irland. Der Roman beginnt im Jahr 1950 mit dem grausamen Mord an einer jungen ledigen Mutter. Ihr Sohn Mahony alias Francis Sweeney fährt 26 Jahre später nach Mulderrig, um herauszufinden, was damals mit seiner Mutter Orla geschah. Er kann nicht länger glauben, was man ihm im Heim in Dublin erzählt hat: dass seine Mutter eine Hure war, die kein Interesse an ihm hatte. Er hat einen Brief erhalten, der einen ganz anderen Hintergrund andeutet. Mahony ist ein sehr attraktiver, charmanter, aber sehr ungepflegt wirkender junger Mann, der mit seinem Charme jeden, vor allem Frauen, für sich einnimmt. Er ist jedoch keineswegs bei allen willkommen. Der Fremde soll die Vergangenheit ruhen lassen, vor allem keinen Mörder entlarven. In seiner Unterkunft Rathmore House findet er Verbündete: Shauna, die das Haus leitet, vor allem aber die exzentrische alte Schauspielerin Merle Cauley. Mrs Cauley bringt jedes Jahr im Gemeindesaal ein Stück zur Aufführung. Mahony soll die Hauptrolle in J.M Synges Playboy der westlichen Welt übernehmen. Beim Vorsprechen fragen sie die Dorfbewohner nach Orla und ihrem rätselhaften Verschwinden aus. Aber nicht nur die Lebenden liefern Informationen und Puzzleteilchen zu den damaligen Ereignissen. Auch die Toten sind eine wichtige Informationsquelle. Wie sich nämlich herausstellt, hat Mahoney von seiner Mutter übersinnliche Fähigkeiten geerbt und kann – genauso wie Mrs Cauley – die Toten sehen und sogar mit ihnen kommunizieren. Das ermordete Kind Ida führt ihn zu wichtigen Erkenntnissen und Orten. Für Mahony ist es ein langer und gefährlicher Weg.
Jess Kidds Roman ist ein merkwürdiger Genre-Mix aus Kriminalroman und magischem Realismus. Das ist eine problematische Mischung, die zwar sehr poetische und atmosphärisch dichte Beschreibungen erlaubt, aber auch die Spannung mindert, zumal der Leser auf der ersten Seite über den Mord informiert wird und den Täter lange vor dem Ende errät. Mich stört, dass auf nahezu jeder Seite etwas Paranormales passiert, dass die Toten ständig durch Wände und andere feste Hindernisse gleiten, dass es Invasionen von allen möglichen Tieren, z.B. Ratten, Spinnen, Fledermäusen, Maulwürfen, Dachsen usw. gibt, Unmengen von Ruß in die Häuser dringt, im Pfarrhaus plötzlich eine heilige Quelle sprudelt, schwere Stürme den Ort heimsuchen usw. Das ist des Guten zu viel und geht zu Lasten einer schlüssigen Handlung und von Sorgfalt bei der Charakterisierung. Es ist ein ungeheuer düsterer Roman mit vielen Toten bis hin zum Showdown, den auch der Protagonist nur knapp überlebt. Die detailliert beschriebene Brutalität gegenüber Mensch und Tier wäre unerträglich, gäbe es nicht auch viele Episoden von grotesker Komik. “Der Freund der Toten“ ist ganz unterhaltsam, aber für mich nicht frei von deutlichen Mängeln.

Veröffentlicht am 18.04.2017

Original und Fälschung

Das letzte Bild der Sara de Vos
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Der Roman “Das letzte Bild der Sara de Vos“ (“The Last Painting of Sara de Vos“) spielt auf drei Zeitebenen – 1637, 1957 und 2000) und an drei Schauplätzen – Amsterdam. Manhattan und Sidney . Dem reichen ...

Der Roman “Das letzte Bild der Sara de Vos“ (“The Last Painting of Sara de Vos“) spielt auf drei Zeitebenen – 1637, 1957 und 2000) und an drei Schauplätzen – Amsterdam. Manhattan und Sidney . Dem reichen Patentanwalt Marty de Groot wird während einer Wohltätigkeitsveranstaltung in seinem Loft das Gemälde “Am Saum eines Waldes“ aus dem Schlafzimmer gestohlen. Das Bild befand sich seit drei Jahrhunderten im Besitz der Familie de Groot. Als Marty nach einigen Monaten den Diebstahl bemerkt, weil der Rahmen der nahezu perfekten Fälschung anders aussieht, empfindet er zunächst Erleichterung, war er doch über all die Jahre davon überzeugt, dass auf dem Bild ein Fluch liegt. Generationen von de Groots wurden von diversen schweren Krankheiten geplagt, und keiner wurde älter als 60. Später wird er jedoch sehr wütend, weil man ihm etwas so Wertvolles weggenommen hat und engagiert einen Privatdetektiv. Der findet bei seinen Recherchen bald einen dubiosen Kunsthändler und die Kunststudentin Ellie Shipley, die für ihn Bilder restauriert. Sie wurde unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dafür engagiert, dass Bild zu kopieren und begreift erst viel später, dass sie sich mit der Anfertigung einer Fälschung strafbar gemacht hat. Marty nimmt unter falschem Namen Kontakt zu ihr auf und lässt sich bei Auktionen von ihr beraten. Ellie Shipleys Spezialgebiet sind die holländischen Malerinnen des 17. Jahrhunderts, speziell Sara de Vos, von der zunächst nur das eine Gemälde bekannt ist. Mehr als 40 Jahre später werden sich die Beiden in Sidney wiedersehen, wo Shipley Kuratorin einer Ausstellung mit Gemälden des holländischen Goldenen Zeitalters ist. “Am Saum eines Waldes“ wird zweimal vertreten sein, als Original und als Fälschung. Marty de Groot reist mit seinem Bild dorthin, und ein Museum in Leiden schickt zwei Leihgaben, u.a. ein bisher unbekanntes Gemälde von Sara de Vos. Ellie Shipley wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Ihr ganzes Leben war überschattet von der einen schlimmen Tat. Reue und Schuldgefühle haben sie nie verlassen. Das hat sie mit Marty gemeinsam, der ebenfalls zutiefst bereut, was er ihr vierzig Jahre zuvor angetan hat. Er ist inzwischen 82 Jahre alt, Ellie in den 60ern. Es ist Zeit, die alte Geschichte zum Abschluss zu bringen.
In seinem kunstvoll komponierten Roman erzählt Smith eine Geschichte von Liebe und Verlust, von Schuld und Reue und von den Veränderungen, die große Kunst beim Betrachter bewirkt. Er beweist viel Sachkenntnis, wenn er den Leser in die Malerei des 17. Jahrhunderts einführt, wenn er detailliert beschreibt, wie Leinwände vorbereitet, Farben hergestellt und aufgetragen werden, wie schichtweise ein Wunder aus Farben und Licht entsteht. Er zeigt aber auch, wie der Wert einzigartiger Kunst Begehrlichkeiten weckt und Kriminelle anzieht. Besonders berührt hat mich die Geschichte der fiktiven Malerin Sara de Vos, für die der Autor die Biografien mehrerer Malerinnen aus der Zeit ausgewertet hat. An ihrem Beispiel zeigt er, wie schwierig es war, in die berühmte Gilde aufgenommen zu werden und von der Kunst zu leben. Saras geliebte Tochter Kathrijn stirbt innerhalb von vier Tagen an der Pest. Darauf folgt der finanzielle Ruin und das Zerbrechen ihrer Ehe mit dem hochverschuldeten Ehemann Barent. Mit dem ebenfalls fiktiven Gemälde “Am Saum eines Waldes“ erschafft die Künstlerin überwältigende Schönheit aus tiefstem Schmerz. Auch sprachlich-stilistisch ist der Roman sehr gut gelungen und fesselt den Leser trotz oder gerade wegen der detaillierten Ausführungen zu Malerei und Zeitgeschichte. Ich fand den Roman außerordentlich faszinierend.

Veröffentlicht am 09.04.2017

Sieg der Liebe

Mit jedem Jahr
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In seinem neuen Roman “Mit jedem Jahr“ erzählt Simon Van Booy die Geschichte eines kleinen Mädchens, das mit 6 Jahren seine Eltern durch einen Unfall verliert und nur noch einen lebenden Verwandten hat: ...

In seinem neuen Roman “Mit jedem Jahr“ erzählt Simon Van Booy die Geschichte eines kleinen Mädchens, das mit 6 Jahren seine Eltern durch einen Unfall verliert und nur noch einen lebenden Verwandten hat: seinen Onkel Jason. Jason hat jedoch zehn Jahre zuvor jeglichen Kontakt zu seiner Familie abgebrochen und scheint auf Grund seiner Vorgeschichte nicht gerade prädestiniert für eine Vormundschaft. Er hat eine Gefängnisstrafe verbüßt und neigt zu unkontrollierten Wutausbrüchen. Er lebt in einem heruntergekommenen Haus, hat wenig Geld und trägt seit einem Motorradunfall eine Beinprothese. Dennoch hört sich Sozialarbeiterin Wanda an, was Harvey über ihren Onkel zu erzählen weiß und beschließt, Jason mit seiner Nichte zusammenzubringen. Sie verlässt sich auf ihre Intuition und Menschenkenntnis und verstößt gegen alle Vorschriften. Am Ende kann Jason das Kind adoptieren.
Jasons und Harveys Geschichte wird nicht chronologisch erzählt. In zahlreichen Rückblenden erfährt der Leser, wie sich allmählich Zuneigung, dann Liebe zwischen den Beiden entwickelt, wie Jason lernt, seine impulsiven Handlungen zu beherrschen. Er bringt viele Opfer auch finanzieller Art. Harvey studiert erfolgreich an einer privaten Kunsthochschule. Jason besucht die 26jährige in Paris, wo sie bei einer Werbeagentur arbeitet. Zum Vatertag hat Harvey einen Geschenkkarton mit verschiedenen Gegenständen zusammengestellt, die jeweils an wichtige Ereignisse in ihrer Kindheit und Jugend erinnern. Jeden Tag ist ein Geschenk der Anlass, die dazugehörige Geschichte zu erzählen. Längst kennt der Leser auch Jasons Vergangenheit und empfindet Mitleid und tiefe Sympathie für einen Jungen, der seinen jüngeren Bruder Steve in der Schule vor Mitschülern und vor dem alkoholabhängigen brutalen Vater beschützte – wenn es sein musste, mit dem eigenen Körper und dessen schreckliche Kindheit der Grund war, warum sein eigenes Leben aus dem Ruder lief. Harvey hat ihm geholfen, sich seiner Vergangenheit zu stellen und als Erwachsener Wiedergutmachung zu leisten, um endlich Frieden zu finden.
Van Booy erzählt eine sehr berührende Geschichte und schafft dabei die Gratwanderung zwischen gefühlvoll und sentimental. Die Struktur des Romans ist nicht nur durch die fehlende Erzählkontinuität kompliziert, sondern auch dadurch, dass am Ende durch Harveys letztes Geschenk ein Geheimnis aufgedeckt wird, das nur der aufmerksame Leser in vollem Umfang versteht, nicht aber die Protagonisten. Dunkle Andeutungen in den ersten Kapiteln bereiten diese Enthüllung schlüssig vor, so dass es sich keineswegs um ein aufgesetztes, die Glaubwürdigkeit strapazierendes Ende handelt. Van Booy ist ein sehr schöner Roman über eine Vater-Tochter-Beziehung gelungen.

Veröffentlicht am 01.04.2017

Zerstörte Leben

Das zerstörte Leben des Wes Trench
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Tom Coopers Debütroman “Das zerstörte Leben des Wes Trench“ (Original: “The Marauders“) spielt in der fiktiven Stadt Jeanette in der Barataria in Louisiana. Wes Trench ist 17 Jahre alt und hat fünf Jahre ...

Tom Coopers Debütroman “Das zerstörte Leben des Wes Trench“ (Original: “The Marauders“) spielt in der fiktiven Stadt Jeanette in der Barataria in Louisiana. Wes Trench ist 17 Jahre alt und hat fünf Jahre zuvor durch den Hurrikan Katrina seine Mutter verloren, weil sein Vater Bob halsstarrig die wegen der höchsten Alarmstufe dringend notwendige Evakuierung ablehnte. Durch dieses Ereignis entfremden sich Vater und Sohn, bis ein Zusammenleben nicht mehr möglich ist. Wes will wie sein Vater und Generationen vor ihm Shrimper werden, obwohl die Aussichten, mit der Krabbenfischerei seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, nicht gerade rosig sind. Hatten die Stürme die Region schon schwer geschädigt, gibt ihr die Explosion der Bohrplattform Deepwater Horizon im Jahr 2010 den Rest. Durch den Austritt von Hunderten von Millionen Litern Rohöl wurde das Wasser der Bucht verseucht und Menschen und Tieren schwerer Schaden zugefügt. Die Fischer können von ihrer Arbeit nicht mehr leben.
Kapitelweise wechselnd erzählt der Roman jedoch nicht nur die Geschichte von Wes Trench und seiner Familie, sondern auch von weiteren Personen aus dem Ort. Da ist der alte einarmige Fischer Gus Lindquist, der seit Jahrzehnten den Goldschatz des französischen Piraten Jean Lafitte sucht., außerdem die gefährlichen Toup-Zwillinge, die auf einer Insel eine Marihuana-Plantage betreiben und jeden töten, der ihre Geschäfte stört. Die Kleinkriminellen Hanson und Cosgrave rauben das Haus einer Witwe aus und stehlen säckeweise Gras von der Plantage. Brady Grimes arbeitet für BP. Sein Job ist es, den Leuten Unterschriften unter Verträge aufzuschwatzen, in denen sie nach Zahlung einer lächerlich geringen Summe auf weitere Forderungen verzichten.
Coopers Romanerstling liest sich sehr gut und besticht durch die atmosphärische Dichte und das gelungene Lokalkolorit: die lähmende Hitze, die einmalige Sumpflandschaft mit ihrer typischen Pflanzen- und Tierwelt inklusive Schlangen und riesigen Alligatoren. Er zeichnet das Bild einer Region, die durch Naturkatastrophen, aber auch durch die Hand des Menschen schwer geschädigt wurde. Der deutsche Titel ist hier insofern irreführend, als das Leben aller Menschen am Ort zerstört wird – am wenigsten das des jungen Wes, für den es noch Hoffnung gibt. Der Originaltitel “Marauders“ (Plünderer) scheint nur auf den ersten Blick unpassend, ist doch die wesentliche Antriebskraft vieler Figuren im Roman die Gier – nach Geld und Gold, nach Besitztümern und einem besseren Leben, nach Drogen und Öl. Dabei ist die Ölfirma BP, die durch Schlamperei und bewusst in Kauf genommene Sicherheitslücken die Existenzgrundlage einer ganzen Region vernichtet, der schlimmste Plünderer von allen.
Coopers Roman gehört innerhalb der amerikanischen Gegenwartsliteratur zum relativ neuen Genre des Country Noir, vertreten durch Autoren wie Joe R. Lansdale, Daniel Woodrell, Donald Ray Pollock, Madison Smartt Bell und andere. Sie beschreiben ein zurückgebliebenes, meist ländliches Amerika, in dem die Menschen in Armut und Verzweiflung leben, ohne Zukunftsperspektive, von der Realisierung des amerikanischen Traums ausgeschlossen. Der Ort Jeanette und die Figuren des Romans mögen fiktiv sein, die beschriebenen Katastrophen und ihre Auswirkungen sind es nicht. Vieles in diesem Roman ist so düster, dass der Leser sich gern bei einigen grotesken oder komischen Szenen erholt (“comic relief“), z.B. Linquists schalen Scherzen oder einem Alligator im Schlafzimmer. Mir hat dieses Buch sehr gefallen und ich hoffe auf weitere Romane des Autors.