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Veröffentlicht am 12.03.2024

Wahrheit oder Verrat?

Code Name Verity
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Die jüdisch stämmige Schottin Maddie und die junge adelige Schottin Lady Julia Beaufort- begegnen sich im Norden Englands, als sie bei der Arbeit der Frauencorps der britischen Luftwaffe Schutz vor einem ...

Die jüdisch stämmige Schottin Maddie und die junge adelige Schottin Lady Julia Beaufort- begegnen sich im Norden Englands, als sie bei der Arbeit der Frauencorps der britischen Luftwaffe Schutz vor einem Bombenangriff suchen. Maddie, die junge Pilotin und Schrauberin ist sofort verzaubert von der ebenso schönen, wie gebildeten und charismatischen, aber eben auch völlig orientierungslosen Julie. Sie scheinen so gegensätzlich wir Tag und Nacht und dennoch werden sie auf Anhieb beste Freundinnen, fasziniert von der jeweiligen Verrücktheit der anderen. Entsprechend ihrer Fähigkeiten werden sie für verdeckte Einsätze zugunsten der Truppe geschult und keine von ihnen wäre je auf die Idee gekommen, dass sie eines Tages gemeinsam über den Ärmelkanal zu einem Einsatz fliegen würden. Doch die kleine Maschine fängt Feuer, besorgt um Julies Leben lässt Maddie diese mit einem Fallschirm abspringen und bringt die Maschine bei einer Bruchlandung zu Boden, ohne die gefährliche Ladung – Plastiksprengstoff zu beschädigen. Alle sind beeindruckt, nur Maddie ist verzweifelt, sie hat keine Ahnung wo Julie steckt und ob es ihr gelungen ist, ihren Geheimauftrag zu erfüllen. Da ihr Flugzeug zerstört ist und das Wetter unbeständig und gefährlich, muss auch Maddie, die Pilotin deutlich länger in der Normandie bleiben, als geplant. Dabei war ihr Einsatz im Untergrund nie auch nur angedacht. Sie beherrscht die Technik und verliert nie die Orientierung, aber wie soll sie sich in Frankreich ohne Deutsch und Französisch durchschlagen? Julie, oder besser die Agentin „Verity“ gerät in Gestapo-Gefangenschaft, die Planlose hat beim Überqueren der Straße in die falsche Richtung geschaut und sich damit verraten. Kann sie in den Verhören dicht halten und wenigstens Maddie dadurch retten? Kann Maddie mit Widerstandskämpfern „Verity“ befreien?

Die Geschichte einer Freundschaft, die so eng ist, dass bei ihrer unfreiwilligen Trennung jede sich die Schuld für die Gefahr gibt, in der die jeweils andere schwebt...

Dieser Roman besteht aus zwei fiktiven Berichten. Agentin „Verity“ soll ihre Geschichte zu Papier bringen und dabei natürlich möglichst viele Kriegsgeheimnisse und Codes preisgeben. Solange sie schreibt, bleibt sie am Leben, hat sie nichts mehr zu sagen, droht ihr die Überführung ins KZ. Also schreibt Verity, die ehemalige Literaturstudentin um das Leben ihrer Freundinnen zu retten. Sie holt weit aus, mit ihrem Kennenlernen und ihrer jeweiligen Ausbildung. Papier ist Mangelware und so musst sie gleichzeitig so tun, als würde sie sich kurz fassen, um Papier zu sparen und sich auf das Wesentliche zu beschränken, andererseits möglichst nicht aufhören zu schreiben und einfallsreich sein, um den Prozess in die Länge zu ziehen, ehe sie für ihre Peiniger wertlos wird. Dabei spart sie auch nicht mit unverschämten Kommentaren und Gedanken über ihre Folterknechte. Das wäre vergnüglich, wäre es nicht so furchteinflößend. Während des Schreibens wird ihre Verzweiflung immer größer und man fragt sich zunehmend: wird sie es schaffen zu überleben?

Maddie ist hingegen gestrandet auf einem Bauernhof, dessen Hoferbe ein Collaborateur ist, die beste Tarnung für den Rest der Familie, die ohne das Wissen des ältesten Sohnes im Widerstand kämpft und Maddie versteckt. Es ist gar nicht so einfach eine junge Schottin zu verstecken, die weder Französisch noch Deutsch spricht. Aber auch wenn sie in Sprachen nicht so talentiert ist, lernt sie nach und nach doch etwas Französisch und freundet sich mit den Töchtern den Hofs an, stets bemüht bei der Befreiung der örtlichen Gefangenen der Gestapo zu helfen. Gegen das Vergessen und um bei Sinnen zu bleiben schreibt Maddie ihre Erlebnisse auf kostbar knappen Papier in möglichst knapper Form auf. Da Papier nicht mehr so knapp ist, enthält das Hörbuch ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen, Condenamen und Charakteren, was wirklich hilfreich ist.

Als der Krieg vorbei ist werden diese Berichte wohlbehalten nach Schottland gebracht und einige Briefe zeugen von dieser unzerbrüchlichen Freundschaft und der Gabe der Vergebung.

Aus Papierknappheit halten sich die beiden Heldinnen kurz und Nina Gummich und Rosa Thormeyer verdeutlichen dies, in dem sie den Agentinnen Verity und Kitty Hawk ihre jungen Stimmen leihen, in denen neben Besorgnis auch oft der Schalk und Übermut klingen. Ohne diese wäre ihr Himmelfahrtskommando wohl nie möglich gewesen. Sie verleihen den Berichten in ihrer ungewöhnlichen Erzählweise Emotionen. Erst gegen Ende machen viele lose Enden Sinn und es wird klar, warum sie sich in Details verlieren und man sich anfangs fragt, wo hin das ganze führen soll und wieso dies eine Agentengeschichte sei und nicht eher eine Frage der Gleichberechtigung. Es lohnt sich, der Geschichte trotz eventueller Längen bis zum Ende zu folgen, dann wird es höchst emotional und richtig stark!

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Veröffentlicht am 08.03.2024

Mut zu Leben und zu Lieben

Fräulein Liebe und das Glück der Bücher
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Berlin 1944: Die junge Eva Liebe lebt trotz des seit Jahren tobenden Krieges ein glückliches Leben, da die Berliner Außenbezirke bisher von Bombeneinschlägen weitgehend verschont blieben. In einem Anflug ...

Berlin 1944: Die junge Eva Liebe lebt trotz des seit Jahren tobenden Krieges ein glückliches Leben, da die Berliner Außenbezirke bisher von Bombeneinschlägen weitgehend verschont blieben. In einem Anflug jugendlichen Unsterblichkeitshybris meldet sich ihr Verlobter Alfred freiwillig für den Einsatz im Volkssturm an der Front. Kurz darauf fällt eine Bombe auf das Wohnhaus ihrer Eltern, während sie auf dem Weg vom Bäcker nach Hause ist. Als auch noch Alfred kurz darauf fällt, ist sie minderjährig und alleine. Sie macht sich auf den langen und gefährlichen Weg ins Rheinland, wo in Andernach ihre einzigen ihr bekannten Verwandten die Rheinbuchhandlung betreiben. Doch auch dort wird sie nicht mit offenen Armen empfangen. Ihr Onkel ist schon seit einiger Zeit verschollen und ihre Tante Maria schlägt sich mit den kleinen Töchtern Inge und Gisela beschwerlich durch. Sie rechnet jedoch nicht mit Evas Entschlossenheit dazuzugehören. Schnell arbeitet sie sich ein, nimmt Maria Arbeiten ab und beginnt sogar zu lesen. Als sie den beiden gleichaltrigen Verkäuferinnen im Gemischtwarenladen die Meinung sagt, weil sie über Margot ihrer Mutter wegen herziehen, gewinnt sie nicht nur eine Freundin, sondern auch den Respekt ihrer Tante. Denn diese leitet einen streng geheimen Lesekreis, in dem nicht nur über verbotene Literatur gesprochen wird, sondern an dem auch ein untergetauchtes jüdisches Paar teilnimmt. Doch auch Evas Herz beginnt langsam wieder Salti zu schlagen...

Die letzten Tage des Krieges, der im Rheinland fast 2 Monate früher endete als in Berlin sind selten Thema in Büchern, noch seltener die Reglementierungen des Buchhandels im 3. Reich. Ja, die Bücherverbrennung und dass es nicht nur entartete Kunst, sondern auch verbotene Bücher gab ist bekannt, aber wer bitte weiß denn schon, dass die Liste aller auf dem Index stehenden Werke und Autoren nicht öffentlich zugänglich waren, noch nicht einmal für die Buchhändler? Dass diese nicht einfach Waren bestellen konnten, sondern Lieferungen zugeteilt bekamen? Dies und andere Details fand ich als Buchliebhaberin unglaublich interessant. Allerdings ist da ja nur die Rahmenhandlung und der der Schwerpunkt, der auf der erstaunlichen Entwicklung des ursprünglich so behüteten und scheinbar so hilflosen Fräulein Liebes zu einer selbstbewussten und selbstständigen jungen Frau liegt. Diese hat mittlerweile begriffen, wie kurz und wertvoll das Leben ist, zu kurz für Halbherzigkeiten.

Susanne Esser beschreibt anschaulich die Schwierigkeiten in den alltäglichsten Dingen, mit denen die Bevölkerung in den letzten Tagen des Krieges klar kommen musste. Nicht nur die Lebensmittel wurden rationiert und nur altbackenes Brot wurde verkauft, es herrschte auch ein allgemeines Misstrauen, da es unter den Nazis keine Meinungsfreiheit gab. Ein falschen Wort gegenüber den falschen Ohren, konnte den sicheren Tod bedeuten. Trotz der Widrigkeiten ist aber auch immer Zeit für Hoffnung, durch Menschlichkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Das menschliche Herz gibt auch nicht so leicht auf und so ist es auch kein Wunder, dass Eva, als sie völlig entkräftet in Andernach strandet, eine Schwäche für den Mann entwickelt der ihr als erstes die Hand reicht. Auch wenn sie so völlig verdreckt und zerlumpt eigentlich gar nicht als junges Mädchen zu erkennen ist, reicht ihr der kriegsversehrte Georg aus Freundlichkeit ein Stück Brot...

Neben dem diskreten Widerstand gegen ein Regime, dass die Gedanken reglementieren will und die Kunst einengt, haben mir besonders gut die zwischenmenschlichen Beziehungen in Zeiten des Misstrauens, aber auch die Einblicke in die Geschichte meiner Heimat fasziniert. Wie schnell man damals Brücken bauen konnte?! (nein, das war damals so, unabhängig von den Nazis, denn auch direkt nach dem Krieg ging es viel schneller als heute!). Ganz besonders gut, gefällt mir aber auch die Darstellung der rheinischen Lebensfreude, die das Beste aus dem macht, was gerade da ist. Selbst in den letzten Kriegstagen wurde Rosenmontag gefeiert, als Zeichen der Hoffnung und zum Trotz gegen die Trostlosigkeit. Emotional und interessant. Ich freue mich auf die Fortsetzung!

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Veröffentlicht am 07.03.2024

Abenteuerlich, magisch, appetitlich!

Billy und der geheimnisvolle Riese (Teil 1)
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Rahmenhandlung: Jamie Oliver liest abends seinen Zwillingen vor, bzw. sie lesen mit. Doch seine Tochter Keira mag nicht, denn das Lesen fällt ihr schwer, wie ihr Vater hat sie eine LRS und die Wörter tanzen ...

Rahmenhandlung: Jamie Oliver liest abends seinen Zwillingen vor, bzw. sie lesen mit. Doch seine Tochter Keira mag nicht, denn das Lesen fällt ihr schwer, wie ihr Vater hat sie eine LRS und die Wörter tanzen vor ihren Augen. Um sie zu ermutigen erzählt er die aufregende Geschichte von Billy und seinen Freunden: Billy (12) wächst bei seinen Eltern in einer ländlichen Gegend auf. Er liebt gutes Essen und wird im elterlichen Pub bestens versorgt. Im Garten hat er mit seinen Freunden Anna, Jimmy und Andy ihre geheime Einsatzzentrale gebaut. Billy ist kreativ, hat jede Menge aufregender Einfälle, aber die Schule kann er nicht leiden. Zum einen weil seine Lehrer über seine vielen Fehler schimpfen und er so schlecht lesen kann, zum anderen wegen dem Schul-Bully Billy Brace, der sämtliche Schüler schickaniert. Zu dumm, dass sein Schulweg an seinem Haus vorbeiführt... Nach einem Unwetter entdeckt Anna einen Weg in den verbotenen Wald, der bislang unzugänglich war. Ihr Vorschlag diesen nun endlich zu erkunden, kommt bei Naturliebhaber Jimmy bestens an und auch Billy lässt sich gerne davon überzeugen, dass sie nicht auf Andys Rückkehr aus Amerika warten müssen. Was sie hinter der hohen Mauer, inmitten des verwilderten Waldes entdecken macht sie sprachlos: das schwirren ganz viele Feen herum! Nein, tatsächlich sind es Elfen, denn Feen gibt es natürlich nicht. Sie sind fassungslos, die Kinder zu sehen, denn bislang dachten sie auch, dass es Menschen nicht gäbe! Sie berichten davon, das in der Natur alles aus dem Gleichgewicht geraten ist und sie dringend Hilfe benötigen. Das machen die Kinder doch gerne und zum Dank haben Sie einen Wunsch frei und bekommen Elfensteine, die sie um den Hals tragen können, um im Kontakt zu bleiben

Uff, ganz schön viele Themen um die es hier geht: LRS, Mobbing, das natürliche Gleichgewicht, die eigenen Stärken kennen, gesunde Ernährung und dabei brauchen die Elfen auch noch Hilfe! Da die vier aber so gute Freunde sind, bekommen sie es tatsächlich hin, ohne dass es völlig überladen wirkt! Jedes der vier Kinder hat besondere Interessen, Gaben und wird dafür geschätzt. Dass Billy nicht gut Lesen und Schreiben kann, ist hier außerhalb der Schule völlig egal, denn er ist ein prima Erfinder, steckt voller Ideen und ist vor allem ein prima Freund (der immer leckeres Futter hat!). Auf seine unnachahmliche Billy-Art geht er die Dinge an und hat damit oft einen verblüffenden Erfolg! Jimmy als Naturforscher hat natürlich einen Blick für die Not der Natur im und um den verbotenen Wald herum und die unerschrockene Anna motiviert die Freunde auch wenn es echt brenzlig wird! Andy hingegen ist nach seiner Rückkehr eine echte Geheimwaffe, die sicherlich viele Kinder zum Lachen bringen wird, obwohl es ja gerade so spannend ist. Und der Riese? Den gibt es natürlich auch! Einfach selbst lesen/hören!

Natürlich legt Jamie Oliver auch bei diesem Fantasyabenteuer Wert darauf, dass seine jungen Helden gut und lecker essen! Im Pub „Zum grünen Riesen“ werden die leckersten Speisen frisch zubereitet mit frischen Kräutern und mit dem QR-Code im Cover gelangt man zu 3 leckeren Rezepten auf der Seite des Audio Verlages. Dabei animiert er auch dazu frische Kräuter zu probieren und selbst auf der Fensterbank anzubauen und natürlich überhaupt mal Dinge zu testen, die man noch nie gegessen hat!

Steffen Groth legt sich stimmlich richtig ins Zeug, egal ob als zarte Elfe, fieser Mobber Bruce, tieftönender Riese Bilfried oder eben als einer der vier jungen Abenteurern. Dabei wird er nicht nur von Musik begleitet, sondern bisweilen auch von Geräuschen, wie den Walkie-Talkies, die sie zur Kommunikation untereinander verwenden. Das macht dieses Abenteuer noch einmal extra lebendig!

Abenteuerlich, magisch und appetitlich, ab 8 Jahren!

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Veröffentlicht am 04.03.2024

Aufschrei gegen sexualisierte Gewalt

Prima Facie
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essa Ensler hat es geschafft! Das ehemalige Mädchen aus den sozialen Wohnblocks von Luton hat durch Grips, Ehrgeiz und Zielstrebigkeit nicht nur ein Stipendium für ein Jurastudium in Cambridge ergattert, ...

essa Ensler hat es geschafft! Das ehemalige Mädchen aus den sozialen Wohnblocks von Luton hat durch Grips, Ehrgeiz und Zielstrebigkeit nicht nur ein Stipendium für ein Jurastudium in Cambridge ergattert, sondern auch das Studium erfolgreich abgeschlossen, ebenso das Bar-Exam, das ihr die Zulassung als Barrister, also als Prozessanwältin in London gewährt. Nun ist sie Teil des Temple, des altehrwürdigen Justizbezirks in London, mit kleinen, geschichtsträchtigen Büros, inmitten von Kollegen und Kolleginnen, die meistens schon aus eingefleischten Juristendynastien stammen. Sie fügt sich nicht nur ein, sie ist so clever, dass sie sogar erfolgreich ist, in einem Gebiet, in dem Frauen eher die Ausnahme sind. Sie will, dass ihre Mandanten vor Gericht eine Chance haben, anders als ihr geliebter Bruder Johnny damals und oft sind es Pflichtverteidigungen in Sexualdelikten. Sie ist richtig gut, bis eine grausame Nacht ihr Leben ändert und sie beschließt sich nicht die Kontrolle entziehen zu lassen, sondern Anzeige zu erstatten.

Dies ist ein ebenso schnörkelloses wie erbarmungsloses Drama über Vergewaltigung, Spannend, schonungslos und auch ein flammendes Plädoyer, den Schutz der meist weiblichen Opfer durch die Rechtspflege zu reformieren. Zwar erlebt fast jede 3. Frau sexualisierte Gewalt, doch die Verurteilungsquoten sind extrem niedrig, was daran liegt, dass es sich zumeist um Aussage gegen Aussagesituationen handelt. Hier ist es ganz entscheidend, wem das erkennende Gericht glaubt, wer seine Version der Vorgänge nachvollziehbarer und glaubhafter schildert. In GB gilt es eine Jury zu überzeugen, in Deutschland meistens einen Berufsrichter und 2 Schöffen (Schöffengericht am Amtsgericht) oder eine Strafkammer (Landgericht), das hängt von der Schwere der Tat und vor allem von der Schwere der Vorstrafen des Angeklagten ab. Vorbestrafte Angeklagte werden eher verurteilt. Anders als in Vereinigten Königreich, werden in solchen Fällen in Deutschland oft Glaubwürdigkeitsgutachten durch Sachverständigen erstellt, Lügendetektortests sind bei uns, aus gutem Grund nicht zugelassen. Ob ein solches Gutachten in Auftrag gegeben wird, sollte im Vorfeld die Staatsanwaltschaft entscheiden, bisweilen auch die Ermittlungsrichterin, im Prozess, ist es eigentlich schon zu spät. Hier wird das britische System und dessen Begrifflichkeiten beschrieben, daher lässt es sich nicht genau 1 zu 1 übertragen und das nicht nur, weil wir keinen König haben. In derartigen Fällen können bei uns die Opfer beantragen, als Nebenkläger zugelassen zu werden, mit eigenem Anwalt, den Nebenklagevertretern, die auch in ihrer Abwesenheit im Saal, eigene Frage und Antragsrechte haben. Das Hörbuch beginnt mit einem Einstieg in Tessas Arbeitsalltag, mit ihren Prozessen und ihren Mandanten, aber auch mit Rückblicken in ihre Kindheit, Schulzeit und ihren Studienzeit als Stipendiatin in Cambridge. Das ist nötig, damit man das System auch versteht, dem sie sich nachher selbst stellen muss und deren Grausamkeit sie begreift, als es sich gegen sie selbst richtet.

Mir gefällt sehr gut, dass man Tessas Backround, also die soziale Schicht, ihre Herkunft aus den Sozialen Wohnblocks und dem staatlichen Schulsystem mit einem gewalttätigen, abgehauenen Vater, einem vorbestraften Bruder und einer alleinerziehenden, überforderten Mutter kennen lernt. Sie schafft es sich in er ihr von Geburt auf völlig fremden Welt nicht nur zu bestehen, sondern auch zu brillieren. Sie erregt Aufmerksamkeit und wird langsam von ihren Gegnern gefürchtet und von ihren Kollegen bewundert. Bis zu dem Tag, an dem ein Upperclass-Sproß, dem sie vertraute, den Boden unter den Füßen wegzieht.

Pegah Ferydoni ist eine erfahrene und bekannte Schauspielerin, deren Stimme aber leider selten in Hörbüchern zu hören ist. Hier zeigt sie was sie kann! Meistens schildert sie ganz sachlich ihre Prozesse, doch spürt man ihr den Triumph an, wenn es so richtig gut läuft, aber auch ihre Unsicherheit, gerade im Kontakt mit denen, die bereits mit goldenen Löffeln in ihrem Mund geboren wurden. Ihre warme Stimme lässt deutlich die widerstreitenden Gefühle und ihren Kampf um innere Kontrolle im Laufe des Prozesses ihres Lebens spüren.

Ich finde dieses Hörbuch hervorragend, absolut eindringlich, spannend und auch erschütternd. Ich kann es wirklich nur empfehlen, allerdings nicht Opfern sexualisierter Gewalt, sondern deren Umfeld. Es fällt Freunden und Verwandten oft sehr schwer zu verstehen, warum die Betroffenen nach einer Vergewaltigung so reagieren, wie sie reagieren, Ihr Verständnis und ihre Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, die leider oft genug nicht erfolgreich ist.

Ja, Tessa hat recht, als sie in einer flammenden Rede moniert, dass diese Verfahrensregeln, die diese meist weiblichen Opfer benachteiligt, von privilegierten, heterosexuellen weißen Männern aufgestellt wurden und dringend reformiert werden müssen. Ich weiß wovon ich rede, da ich oft genug Nebenklagevertreterin bin.

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Veröffentlicht am 03.03.2024

Farbgewaltiger Rausch der Fantasie

Safari durch die wilde Stadt
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Auch wenn Joe noch klein ist, liebt er Tiere, die Wildnis und das Abenteuer! Doch wächst er mitten in der Stadt in einem Mehrfamilienhaus auf, wie soll er da jemals Abenteuer in der Wildnis erleben? Vor ...

Auch wenn Joe noch klein ist, liebt er Tiere, die Wildnis und das Abenteuer! Doch wächst er mitten in der Stadt in einem Mehrfamilienhaus auf, wie soll er da jemals Abenteuer in der Wildnis erleben? Vor dem Einschlafen vertieft er sich noch in sein Tierbuch und schaut dann aus dem offenen Fenster nach draußen. Der Wind weht ein Blatt, Samen und ganz viel Wildnis herein! Staunend sieht Joe sich um, tatsächlich kann auch er nun jede Menge aufregende Wildnis draußen unter Hecken, in den Gehwegsritzen, in den Bäumen und überall in der Stadt entdecken. Je genauer er hinsieht, desto wilder wird es!

Abenteuer erleben nicht nur die Anderen, man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen und mit Fantasie wird alles möglich, auch für kleine Jungs! Ja, auch in der Stadt gibt es Tiere, wenn man genau hinsieht und -hört. Ganze Ameisenstraßen schlängelt sich über den Gehweg, Igel huschen durchs Gebüsch und die Elster lauert schon im Baum. Nicht spannend genug? Dann schau Dir mal die Graffitis an oder die Autos! Sieht dieser Bulli nicht aus wie ein Nilpferd oder die dunkelgrüne Bank wie ein Krokodil? Weil alles möglich ist und eine Bank zum Alligator wird, gefällt es mir besonders gut, dass hier kein weißes Kind im Mittelpunkt steht, denn jeder kann ein Held sein und Abenteuer erleben, wenn man nur genügend Fantasie hat und neugierig ist. Abenteuer sind für alles da, groß und klein, hell und dunkel, arm und reich!

Dieses Bilderbuch von Thomas Docherty ist absolut bild- und farbgewaltig. Es ist ein Rausch an Farben, und verschwimmenden, sich wandelnden Formen. Der Fantasie ist keine Grenze gesetzt!

Empfohlen wird dieses Bilderbuch ab 4 Jahren, wobei der Textanteil so gering und einfach ist, dass es sogar 2 Jährige verstehen, aber vielleicht verstehen sie noch nicht die Idee dahinter, das Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit, Wunsch und Fantasie. Es ist sehr gut geeignet, dass auch Geschwister ab der 1. Klasse es ihren kleinen Geschwistern vorlesen können.

Ein bildgewaltiges und fantasievolles Bilderbuch ab 4 Jahren!

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