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Veröffentlicht am 18.08.2021

Glaube und Wissenschaft - ein Zusammenspiel

Ein erhabenes Königreich
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Yaa Gyasi legt mit ihrem aktuellen Roman ein breites Spektrum an Gesellschaftsfragen vor. Die aus Gahna eingewanderte Familie um die Hauptfigur Gifty ist Mitglied in einer hauptsächlich weißen Gemeinde. ...

Yaa Gyasi legt mit ihrem aktuellen Roman ein breites Spektrum an Gesellschaftsfragen vor. Die aus Gahna eingewanderte Familie um die Hauptfigur Gifty ist Mitglied in einer hauptsächlich weißen Gemeinde. Solange Gifty‘s Bruder Nana nur mit sportlichen Leistungen glänzt, sind sie akzeptiert. Als er mit Drogen in Berührung kommt, gewinnt leider der Alltagsrassismus. Der Roman handelt ebenso von elterlicher Trennung, von der Armut einer alleinerziehenden Mutter und ihrer Kinder. In ihrer Not, den Lebensunterhalt irgendwie aufrecht zu erhalten, bleibt der Mutter nur wenig Zeit, sich wirklich um ihre Kinder zu kümmern.

Trotzdem schafft es Gifty in die Forschung der Neurowissenschaften. Sie ist nur noch einen minimalen Schritt von ihrer Promotion entfernt. Mit ihrer Forschung will sie aber nicht nur den nächsten Karriereschritt machen, sondern vielmehr ergründen, ob es möglich ist, Süchte und Depression, die beiden Katastrophen, die ihre Familie heimsuchten, zu heilen. Als Kind, tief gläubig, betend für ein besseres Leben, versucht Gifty nun mittels Wissenschaft „ihre“ Probleme zu lösen. Hat sie ihren Glauben ganz verloren? Kann die Wissenschaft allein alle Probleme lösen? Gifty versucht einen Balanceakt zwischen Beidem.

Ich muss sagen, ich mag Gifty. Ich kann mich gut mit ihren Gedanken identifizieren, mit ihren Zweifeln. Ich finde es bewundernswert, dass sie nicht aufgibt. Ich liebe ihre linkische Art, wenn sie mit kecken Bemerkungen ihrem Kollegen Han die Röte in die Ohren treibt. Das beste an ihrem Charakter ist die Loyalität zur Familie. Obwohl die eigene Mutter sie als Kind oft nur wie Zweite Wahl behandelt hat, nimmt Gifty sie, an Depression leidend, bei sich auf und pflegt sie.

Die Geschichte wird in zwei zeitlichen Eben erzählt, eine beschäftigt sich mit Gifty‘s Forschung, die zweite mit ihren Erinnerungen an die Kindheit. In den Prosatext sind immer wieder Gifty‘s kindliche Gebete eingestreut, wodurch der ihr innewohnende Glaube richtig schön herausgearbeitet wird. Gern gelesen habe ich auch die Sätze auf Twi, eine Akan-Sprache, die in Ghana gesprochen wird. Dadurch entstehen für mich trotz wahrscheinlich falscher Aussprache meinerseits zusätzliche Schwingungen, die dem Roman noch mehr Authentizität geben. Da jeder dieser Sätze sofort übersetzt wird, fühlte ich mich direkt mitgenommen in Gifty‘s Welt.

Ich habe hier einen ganz tollen Roman gelesen, der leise, aber auch unverblümt entscheidende Gesellschaftsprobleme anspricht. Da Gifty’s Forschung auf Tierversuchen basiert, sollte man hierfür eine gewisse Toleranz mitbringen. Sonst lässt sich der Roman nicht genießen. Darüber hinaus spreche ich gern meine Leseempfehlung aus.

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Veröffentlicht am 15.08.2021

Cornwall mal etwas anders

Die Leuchtturmwärter
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Die Maiden ist ein Leuchtturm draußen auf dem Meer vor der Küste Cornwalls. Wenn ich normalerweise an Cornwall denke, kommt Urlaubsfeeling auf, erscheinen schöne Landschaften und etwas seichtere Romantik ...

Die Maiden ist ein Leuchtturm draußen auf dem Meer vor der Küste Cornwalls. Wenn ich normalerweise an Cornwall denke, kommt Urlaubsfeeling auf, erscheinen schöne Landschaften und etwas seichtere Romantik vor meinem inneren Auge. All diese Dinge bringt das Debüt von Emma Stonex nicht mit, sondern vielmehr eine raue, düstere, bedrückende Atmosphäre, in der die Protagonisten lieben, leben und schließlich auch trauern müssen.

Der Roman bewegt sich in zwei Zeitebenen auf das Verschwinden der drei Dienst habenden Leuchtturmwärter zu. Eine Ebene beschäftigt sich mit den Erinnerungen der Ehefrauen zwanzig Jahre nach dem Schicksalsschlag. Hier versucht ein geheimnisvoller Autor unter Pseudonym, die Geschichte um das Verschwinden zu rekonstruieren und literarisch aufzubereiten. Die zweite Ebene ist live dabei und begleitet die Leuchtturmwärter während ihrer letzen Tage auf ihrem Leuchtturm, der Maiden.

Die drei Männer auf dem Leuchtturm sind Arthur, Bill und Vincent. Alle drei haben ihre Vergangenheit und auch ohne die Enge und Abgeschiedenheit der Maiden ihr Päckchen zu tragen. Sie sind keine Männer vieler Worte, machen fast Alles mit sich selbst aus. So konnte ich in ihre jeweilige Gedankenwelt eintauchen und sie samt ihrer dunkelsten Geheimnisse kennenlernen. Interessant waren für mich darüber hinaus die zeitintensiven Hobbys, mit denen Arthur, Bill und Vincent die freie Zeit im Turm verbringen. Etwas überraschend empfand ich ihr Engagement in Sachen Reinlichkeit. Auf dem Festland sehnen sich die Ehefrauen nach ihren Leuchtturmwärtern. Sie wohnen in Cottages, die den Familien der Wärter zur Verfügung gestellt werden. So leben die Wärterfamilien in einem Mikrokosmos aus langen Trennungsphasen, unerfüllter Sehnsucht und Eifersucht. Gehemmte Kommunikation treibt ein Fremdwerden voran, führt zu Hirngespinsten.

Die Autorin schafft eine bedrohliche Stimmung, die sich immer weiter zuspitzt bis zum alles entscheidenden Ereignis. Ihre literarische Mystik wurde zunehmend unglaublicher, so dass ich zwischendurch schon etwas Übernatürliches im Sinn hatte. So wird letztlich transparent, wozu der menschliche Verstand fähig ist, wie Einbildung zur Wahrheit mutieren kann. Besonders gefallen haben mir die verschieden Erzähl-Perspektiven, die jeweils die Sichtweise der Protagonisten einnehmen. Erst durch die Summe an Blickwinkeln wird die problematische Situation der Leuchtturmfamilien übergreifend sichtbar. Bereichernd habe ich auch das gelegentliche Abweichen vom reinen Prosatext mittels Gedichten oder Interviewaufzeichnungen empfunden.

Insgesamt hat mir der Geheimnis umworbene Roman mit seinen vielen Puzzleteilen gut gefallen. Vielleicht hätte ich mir eine etwas frühere und intensivere Aufklärung des Sachverhalts gewünscht, wobei die späte Auflösung hier auch ihren Reiz hatte. Die Anspannung und Neugier beim Lesen schwillt maximal an, weil man endlich wissen möchte, wie genau es nun zu dem Verschwinden gekommen ist.

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Veröffentlicht am 09.08.2021

Stabiles Mitmachbuch

Meine Schiebebahn-Pappe: Fahr mit auf der Baustelle
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„Fahr mit! Auf der Baustelle“ ist ein schönes buntes Bilderbuch mit einfachen kurzen Texten zum Vorlesen. Inhaltlich wird der Bau eines Hauses für die Kleinsten aufbereitet. Dadurch lernen die Kinder die ...

„Fahr mit! Auf der Baustelle“ ist ein schönes buntes Bilderbuch mit einfachen kurzen Texten zum Vorlesen. Inhaltlich wird der Bau eines Hauses für die Kleinsten aufbereitet. Dadurch lernen die Kinder die beteiligten Handwerker kennen und auch eine grobe Reihenfolge der durchzuführenden Schritte. Damit das Zuhören nicht zu lange dauert, gibt es für die kleinen Hände auf jeder Seite etwas zu tun. Mal muss dem Bagger die Baugrube ausgehoben werden, dann kommt der Betonmischer und so weiter. Insgesamt können sechs Fahrzeuge bedient werden.

Neben der schönen Illustration gefällt mir die Machart der beweglichen Teile sehr. Bei ähnlichen Büchern, wo etwas geschoben, gezogen oder aufgeklappt werden kann, ist die Gefahr des Einreißens doch recht hoch. Hier fahren die Autos als Scheibe in einer Schiene. Die Scheiben bewegen sich leichtgängig. Trotzdem werden sie von ihrer Schiene so gut umschlossen, dass sie drin bleiben und nicht verloren gehen können.

Über das Geschehen auf der Baustelle hinaus gibt es viele weitere Details, die es zu entdecken gibt, wie Kühe auf der Wiese oder Kinder, die Fußball spielen. So kann das Buch immer wieder angesehen und studiert werden, ohne dass es langweilig wird.

Die Stabilität begeistert mich, weswegen ich gern eine Mitmach-Empfehlung ausspreche.

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Veröffentlicht am 28.07.2021

Ein Kind ohne Vater? Schwere Entscheidung

Auszeit
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Henriette ist festgefahren, kommt nicht mehr klar, hat Mühe einen ganzen Tag zu überstehen, also einen Tag, den andere so leben mit Aufstehen, Frühstücken, Arbeiten, Einkaufen und so weiter. Manchmal schafft ...

Henriette ist festgefahren, kommt nicht mehr klar, hat Mühe einen ganzen Tag zu überstehen, also einen Tag, den andere so leben mit Aufstehen, Frühstücken, Arbeiten, Einkaufen und so weiter. Manchmal schafft sie einen halben Tag, manchmal bleibt sie im Bett. Sie ist äußerst antriebslos. Dabei müsste Henriette eigentlich ihre Doktorarbeit zu Ende bringen. Nachdem sie in unserer an Möglichkeiten überfüllten Welt eine gravierende Entscheidung getroffen hat, kann sie sich gar keine Meinung mehr bilden. Henriette weiß einfach nicht mehr, was sie will.

Hannah Lühmann hat die Entscheidungsschwierigkeiten von jungen Leuten gut beobachtet und legt sie in ihrem Debüt dar. Es gibt Unmengen an attraktiven Produkten oder Aktivitäten, aber man kann längst nicht alles kaufen bzw. machen. Man muss sich festlegen und damit den weiteren Entscheidungsspielraum einschränken. Daraus ergeben sich Herausforderungen, die für Ältere, die möglicherweise noch den Hunger der Nachkriegszeit oder Mangelwirtschaft kennen gelernt haben, nicht nachvollziehbar sind.

Die Autorin legt ihren Themenschwerpunkt in die Hände von Henriette, die nach einer Abtreibung die Richtung für ihr Leben verloren hat. Henriette ist eine kluge Frau, allerdings ist sie auch ganz schön verkopft. Sie analysiert jeden Sachverhalt, zerlegt ihn bis auf Elementarebene, verliert sich in ihren Gedanken. Henriette malt sich zu jeder Entscheidung Worst-Case-Szenarien aus, so dass nichts mehr attraktiv erscheint. Ich hatte ein bisschen Schwierigkeiten, ihrer Gedankenwelt zu folgen. Zwar analysiere ich auch gern Situationen, wäge pro und contra ab, doch ich komme am Ende zu einem Ergebnis. Wenn ich mich geirrt habe, kann ich ebenfalls damit leben und meine Richtung auch wieder ändern. Bisher hatte ich aber auch das Glück, bei gravierenden Entscheidungen nach meinem Empfinden richtig gelegen zu haben.

Vom Charakter her näher war mir Paula, die ihre Freundin Henriette raus aus der Stadt, raus aus ihrem festgefahrenen Leben in eine Hütte im Wald lockt, damit sie ihren Kopf frei bekommt. Ihre lockere, entspannte Art mochte ich gern. Obwohl auch in ihrem Leben nicht alles perfekt ist, hat sie Methoden, um sich eine positive Haltung im Leben zu bewahren.

Der Schreibstil des Romans ist recht tragend, vielleicht ein bisschen langatmig. Aus meiner Sicht wird dies durch die zahlreichen Gedankengänge von Henriette verursacht. Obwohl mich das sonst etwas stört, passte es hier gut zur Grundstimmung im Roman. Gefallen hat mir zudem die Erzählweise in zwei Zeitsträngen. So erfahren wir ausschnittweise, was in Henriette‘s Vergangenheit passiert ist, wodurch im Verlauf ein Gesamtbild entsteht. Das Ende kommt dann recht überraschend daher. Es erscheint zwar logisch, wirkt mir persönlich allerdings zu abrupt. Aus meiner Sicht hätte es noch zwanzig bis fünfzig Seiten gebraucht, um es im tragenden Stil des Gesamtwerks auszuführen.

Insgesamt hat mir der Roman gut gefallen. Ich kann ihn durchaus empfehlen.

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Veröffentlicht am 25.07.2021

Höre ihm gern zu

Mein Sternzeichen ist der Regenbogen
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Ja, ganz genau. Als ich die Geschichten von Rafik Schami las, kam es mir so vor, als würde ich gerade in einer Lesung sitzen oder aber mit ihm an einer großen Tafel in einem Restaurant. Vor meinem inneren ...

Ja, ganz genau. Als ich die Geschichten von Rafik Schami las, kam es mir so vor, als würde ich gerade in einer Lesung sitzen oder aber mit ihm an einer großen Tafel in einem Restaurant. Vor meinem inneren Auge erschien Schami‘s Gesicht und ich lauschte seinen Geschichten. Unabhängig von den Themen schafft der Autor eine Atmosphäre, die zum Verweilen einlädt, der man gern bewohnt. Meine Zugewandtheit nahm auch nicht bei den bedrückenden Geschichten ab. Aus jeder Erzählung konnte ich einen Gewinn ziehen, ganz oft konnte ich neue Perspektiven einnehmen, die mir normalerweise verborgen bleiben.

In seinen Kurzgeschichten behandelt Rafik Schami hauptsächlich Missverständnisse: zwischen Mann und Frau, zwischen Individuen und Staat, zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen sowie zwischen Gaumenschmaus und Massentierhaltung. Dabei ist er meistens mit einem Augenzwinkern unterwegs, nimmt sehr elegant die Unzulänglichkeiten seiner Charaktere auf die Schippe, aber niemals so, dass man es ihm übel nehmen möchte. Diesen Humor mag ich sehr gern. Einige Geschichten sind aber auch von ernstem Charakter. Schami zeigt auf, wie schnell in einer Diktatur ein geglaubter Freund zum Feind werden kann, wie schnell unbescholtene Leute ins Getriebe eines Staates geraten können.

Begeistern konnte mich der Autor sprachlich. Treffsicher setzt er Pointen, beschreibt manchmal messerscharf, findet immer wieder Worte zum Dahinschmelzen ganz ohne romantischen Hintergrund. Ohne Vorwurf spricht er aus, was zwischen den Menschen im Argen liegt. Wie auch schon in seinem letzten von mir gelesenen Roman „Die geheime Mission des Kardinals“ setzt Rafik Schami seine Gesellschaftskritik so auf, dass sofort einleuchtet, wo es Verbesserungspotential gibt. Dabei macht er Dinge transparent und belehrt nicht. Am besten haben mir die verschiedensten Perspektiven gefallen, die er uns einnehmen lässt. Der veränderte Blickwinkel regt zum Nach- und Überdenken an. So wirkt dieses Buch auch nach der Lektüre weiter.

Insgesamt hat mir dieser Geschichtenband sehr gut gefallen. Gern empfehle ich das Buch weiter.

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