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Veröffentlicht am 09.11.2025

Weil immer was passieren kann

Lebensversicherung
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Die Protagonistin in Kathrin Bachs Debütroman „Lebensversicherung“ leidet unter einer Angststörung:
„Ich habe Angst, seitdem ich drei bin. Ich habe meine Angst und die Angst meiner Mutter. Ich habe die ...

Die Protagonistin in Kathrin Bachs Debütroman „Lebensversicherung“ leidet unter einer Angststörung:
„Ich habe Angst, seitdem ich drei bin. Ich habe meine Angst und die Angst meiner Mutter. Ich habe die Angst meines Vaters. Die Angst von Oma F und Opa F. Die Angst von Oma G und Opa O.
Ich habe die Angst unseres Dorfes und die Angst des Neubaugebiets. Ich habe Angst, weil immer was passieren kann.“

Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in der westdeutschen Provinz, Ende der 90er Jahre. Die Eltern führen das Versicherungsunternehmen der Großeltern weiter. Das Geschäft läuft gut, bewirkt aber bei der Ich-Erzählerin, dass von klein auf immer drohende Gefahren und Ängste ihr Leben beeinflussen.
„Ich bin drei Jahre alt und habe Angst.
Ich bin drei Jahre alt und am meisten Angst habe ich davor, dass alle sterben. Ich bin neun Jahre alt und am meisten Angst habe ich davor, dass alle sterben. Ich bin achtzehn Jahre alt und am meisten Angst habe ich davor, dass alle sterben. Ich bin vierunddreißig Jahre alt und am meisten Angst habe ich davor, dass alle sterben.
Weil immer was passieren kann.
Weil Opa F gestorben ist.
Weil Opa O gestorben ist.
Weil Oma F gestorben ist.
Weil Oma G gestorben ist.
Weil mein Onkel gestorben ist.
Und weil alle anderen sterben werden.
Weil wir alle sterben werden.
Weil immer was passieren kann.
Weil ich weiß, dass es keine Versicherung gibt, die davor schützt.
Weil ich weiß, dass Zeit vielleicht Geld, aber Geld eben doch keine Zeit ist.“

Besonders das Leben im Dorf ihrer Kindheit fand ich sehr authentisch dargestellt:
„Was passiert,
wenn etwas in unserem Dorf passiert
[...]
Wenn jemand in unserem Dorf stirbt, läutet die Totenglocke. Sie ist leiser als die Glocken, die zur halben oder vollen Stunde läuten. Immer, wenn etwas Schlimmes passiert, wird meine Mutter von der Nachbarin angerufen. Zusammen kennen meine Mutter und die Nachbarin die Todesursache von schätzungsweise neunzig Prozent der Menschen aus dem Dorf.“

Auch als Erwachsene bleiben diese Ängste; als Corona kommt, teilt die Protagonistin diese immerhin mit vielen Menschen:
„März 2020.
[...]
Kurze Zeit später ist mein Onkel ein Risikopatient. Mein Vater ist auch ein Risikopatient. Ich bin keine Risikopatientin. Aber ich habe Angst. Fast alle haben Angst. Endlich haben fast alle Angst.“

Das Buch lässt mich etwas ratlos zurück. Es hatte durchaus seine guten Momente, der Schreibstil ist auf jeden Fall ungewöhnlich, was sicher auch ein (berechtigter) Grund war, dass das Buch für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert war.
Mich konnte der eher nüchterne, distanzierte Schreibstil jedoch leider nicht berühren.
Insgesamt ein interessantes Leseerlebnis zum Thema Ängste und dem Wunsch nach Absicherungen, dem ich 3/5 Sterne vergebe.

Vielen Dank an den Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 07.11.2025

Die eigenen Bedürfnisse dem Geld und den Kalorien unterordnen

Halbe Portion
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„Halbe Portion“ von Elisabeth Pape ist ein sehr intensives Romandebüt, das ich gar nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Auf zwei Zeitebenen erzählt die Protagonistin von ihrem Aufwachsen in Berlin mit ...

„Halbe Portion“ von Elisabeth Pape ist ein sehr intensives Romandebüt, das ich gar nicht mehr aus der Hand legen konnte.
Auf zwei Zeitebenen erzählt die Protagonistin von ihrem Aufwachsen in Berlin mit ihrer alleinerziehenden, zwanghaft dünnen Mutter, die aus der Ukraine nach Berlin emigrierte. Immer war das Geld knapp, nie gab es coole Klamotten, Spielzeug - oder ausreichend zu essen. Die Mutter kontrollierte die Nahrungsaufnahme und die Figur der Tochter streng:

„Du sagst, dass ich mich vor dir ausziehen soll, damit du sehen kannst, wie ich nackt aussehe. Ich möchte mich nicht vor dir ausziehen. Du sagst, dass ich mich nackt vor dir ausziehen muss, damit du sehen kannst, wie dick ich bin.
Ich möchte mich nicht vor dir ausziehen.
Du sagst, dass ich einen Euro bekomme, wenn ich mich nackt vor dir ausziehe und mich auf die Waage stelle.“

Irgendwann fängt sie an, weniger zu essen und Sport zu machen; verliert immer mehr Gewicht.

„Du fragst mich, wie viel ich denn jetzt eigentlich wiegen würde. Ich verkünde dir stolz die Zahl, mittlerweile wiege ich sogar drei Kilo weniger als du. Du sagst, dass es doch jetzt auch mal reicht. Dass ich doch jetzt schön dünn sei.
Deine Tochter schafft es endlich, dünn zu werden, schafft es endlich, die Version zu werden, die du dir so lange gewünscht hast.
Hier ist sie, deine Traum-Tochter.
Deine Traum-Tochter ist jetzt dünn.
Aber es reicht nicht, es geht doch noch dünner???!!!“

Jetzt, mit Mitte 20, hat sie ihr Leben meistens unter Kontrolle. Zwar zählt sie noch immer Kalorien, aber immerhin führt sie ihrem Körper einigermaßen regelmäßig Energie zu.
„Am Ende ist es immer die Angst, die mich aufhält. Die Angst wovor?
Und dann lässt es sich trotzdem nicht vermeiden, meinem Körper irgendwann, irgendwie Energie zuzuführen.“
Wobei sie auch hier auf jeden Cent achtet; teilweise lässt sie Lebensmittel mitgehen oder kauft nur die günstigsten Angebote.

„Ich möchte ihm sagen, dass ich meine Bedürfnisse dem Geld und den Kalorien unterordne. Wenn es nach meinem Bedürfnis gegangen wäre, hätte ich vermutlich zuerst einen Kaffee getrunken und anschließend eine Schorle bestellt, eine Kirsch-Schorle. Wobei ich nicht verstehe, warum Schorlen in Cafés oft das Drei- oder Vierfache kosten wie im Supermarkt, ich deshalb nie eine Schorle bestelle.
Ich schaue zum Nachbartisch, zwei Personen haben jeweils eine Süßspeise vor sich stehen, eine Person, die nicht dem gängigen Schlankheitsideal entspricht, isst einen Apfel-Käsekuchen mit Vanillesauce und gerösteten Nüssen. Fasziniert von der Lebensfreude, die die Person ausstrahlt, bin ich neidisch, dass sie sich für 7,50 Euro einen Kuchen gönnt und scheinbar andere Prioritäten hat, als in eine 36 oder 38 zu passen.“

„Ich sage, dass ich nicht verstehe, warum ich mich immer noch ins Essen, Nicht-Essen flüchte, warum ich den Alltag so schwer finde.
Jetzt drohe mir ja niemand mehr, mir tue niemand weh, mir verwehre niemand Essen, mich erniedrige niemand mehr. Warum ist es dann trotzdem so schwer?“

Es passiert nur noch selten, dass sie maßlos isst und sich dann übergibt. Auch ihre Psychoanlayse wurde endlich bewilligt, sie plant eine berufliche Neuorientierung – und sie verliebt sich. Besteht nun Hoffnung, endgültig aus dem alten Muster auszubrechen und das Kindheitstrauma hinter sich zu lassen?

„Zu Hause ziehe ich mich bis auf die Unterhose aus, schaue mir meinen Körper im Spiegel an, weiß nicht, ob ich mich nackt gerade eigentlich wohlfühle, mich unter seinem Blick nackt wohlfühlen würde, und frage mich, was mich an meinem Körper gerade stört. Eigentlich, dass ich überhaupt einen Körper habe, ihn nicht so modellieren kann, wie ich möchte. Dass ich nicht essen kann, was ich möchte, ohne mit den Konsequenzen leben zu müssen – warum will ich dünn sein? Was gibt mir das Dünn-Sein? Was habe ich längerfristig davon? Und warum zur Hölle bin ich nicht langsam gelangweilt davon, mich immer wieder und immer wieder für zu viel Essen zu maßregeln?
Ich stelle mir vor, wie ich sterbe und mich Menschen auf der Beerdigung betrauern. Sie werden wohl kaum darüber sprechen, dass ich es immer geschafft habe, so schön dünn zu sein. Trotzdem halte ich an einem bestimmten Körperideal fest. Dabei finde ich es selbst nicht einmal schön, wenn Frauen besonders skinny sind. Eigentlich ist es schon längst an der Zeit, mich mit meinem Körper zu arrangieren, das Skelett zu akzeptieren, das mich durch den Tag trägt, den Körper zu mögen, in dem ich mich befinde. Ich bin ja auch mein Körper.“

Diese Geschichte über Essstörungen, Klassismus und Armut sowie dysfunktionale Familienverhältnisse hat mich sehr aufgewühlt und berührt. Keine einfachen Themen, aber ein großartiger Roman, den ich auch zu meinen diesjährigen Lese-Highlichts zähle!

Vielen Dank an den Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 06.11.2025

Feminismus für Einsteiger*innen: Female Rage, Schwesterlichkeit und Solidarität - 3,5⭐️

NEMESIS' TÖCHTER
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In ihrem neusten Buch „Nemesis‘ Töchter“ schreibt Tara-Louise Wittwer über weibliche Wut oder „female rage“ und die Frage, warum sie so lange versteckt wurde; erst in jüngster Zeit machen Frauen „Lärm“ ...

In ihrem neusten Buch „Nemesis‘ Töchter“ schreibt Tara-Louise Wittwer über weibliche Wut oder „female rage“ und die Frage, warum sie so lange versteckt wurde; erst in jüngster Zeit machen Frauen „Lärm“ und zeigen ihre Wut offen.
Die Autorin sucht nach den Ursprüngen der weiblichen Wut, anhand der Geschichte der letzten 3000 Jahre: von den Sagen der Antike über Hexenverfolgungen bis hin zum 21. Jahrhundert. Sie zeigt die Wirkungsweise von Misogynie, alten Machtstrukturen und Religion auf.
Es ist aber nicht nur ein Buch über Wut, sondern auch über Zusammenhalt unter Frauen bzw. die Gründe, warum dieser so oft fehlt oder gewollt unterbunden wurde.

Das Buch enthält viele wichtige und starke Aussagen:

„Auch Religion spielt hier natürlich eine große Rolle. In einer tiefchristlichen Zeit wurden Dinge verdammt, die nicht christlich waren. Hexen, Jüdinnen, alle haben sie einen Pakt mit dem Teufel und wollen die reinen, echten, wichtigen Menschen, die ein echter und schützenswerter Teil der Gemeinschaft sind, in Gefahr bringen. Die Hexe mit Hakennase war nicht einfach nur ein Märchen, sie ist bis heute nicht einfach nur ein Kostüm, sie war ein Code und ein Werkzeug, um möglichst viele Menschen gleichzeitig zu diffamieren.
Die Verteufelung und das Nach-unten-Treten hat sich bis heute nicht verändert in faschistischen Narrativen. Auch die AfD bedient sich solchen Erzählungen.“

„Wut wird zur moralischen Schuldfrage und so wird eine Mutter schneller zur Rabenmutter, als ein Mann gelobt wird, sein eigenes Kind mal für dreißig Minuten auf den Spielplatz zu begleiten, »damit die Mama mal durchatmen kann«. Mutterschaft wird immer als persönliche Entscheidung geframed, genauso wie Wut eine persönliche Emotion ist, aber beides ist nicht wahr, denn beides ist politisch. Sowohl Mutterschaft als auch weibliche Wut als Reaktion auf gesellschaftliche Zustände oder vielmehr Missstände und ökonomische Zwänge sind politisch: wegen fehlender Unterstützung, zu hoher Erwartungen an einen einzelnen Menschen, durch das Ausradieren der eigenen Persönlichkeit. Bedingungslose Mutterschaft gilt als Notwendigkeit, Selbstaufgabe als ultimativer Liebesbeweis.“

„Jene Propaganda, die zeigen wollte, dass der Feminismus Frauen und Familien mehr schadet, als zu helfen, war nicht nur populistisch, sondern einfach auch faktisch falsch. Es wurden falsche Informationen verstreut, falsche Narrative erzeugt, einfach um Frauen wieder in die Rolle der untergebenen Frau zu drängen, damit sie wieder den Mann und die Familie priorisiert – und nicht sich.
Auch heute können wir diesen Backlash auf der ganzen Welt beobachten. Frauen werden nach und nach ihrer Rechte beraubt, für die sie jahrhundertelang gekämpft haben, ein verurteilter Sexualverbrecher ist zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten und während Elon Musk vierzehn Kinder von verschiedenen Frauen hat und den Hitler-, äh, römischen Gruß praktiziert, sagt ein rechter Typ, der Trump nicht rechts genug findet, mit einem Grinsen in die Kamera, dass Männer jetzt wieder die Körper von Frauen kontrollieren werden, haha, hihi.“

Dennoch hatte das Buch für mein Empfinden zwischendurch einige Längen (und Wiederholungen), was aber auch dran liegen kann, dass ich mich mit dem Thema schon sehr stark beschäftigt habe. Daher würde ich es eher für Neulinge der feministischen Theorien empfehlen; für mich war nicht so viel Neues dabei. Auch die Autorin bezeichnet sich selbst als „Einstiegsfeministin“: „Ich reiche die Hand, die in den Feminismus führt, die Systeme und Mechaniken aufzeigt - ohne große Vorkenntnisse zu erwarten, ohne mit Fachbegriffen um mich zu werfen.“ Damit ist das Buch leicht zugänglich für alle, bleibt aber insgesamt eher an der Oberfläche des Themas.

Dennoch ist „Nemesis‘ Töchter“ ein wichtiges Manifest über „female rage“, Solidarität unter Frauen und die Auswirkungen des Patriarchats.

Sehr gut gefallen haben mir auch diese Stellen:

„Ihre emotionale Rede beendet sie (Demi Moore) mit folgenden Worten:
‚In den Momenten, in denen wir denken, dass wir nicht klug genug oder hübsch genug oder dünn genug oder erfolgreich genug oder einfach nicht genug sind, sagte eine Frau zu mir: Du musst wissen, dass du nie genug sein wirst. Aber du kannst deinen Wert erkennen, wenn du einfach die Messlatte weglegst.‘“ – Also, legt bitte alle die Messlatte weg! 😉

Und zum Abschluss noch ein im Buch enthaltenes Zitat aus "Prima Facie" von Suzie Miller (ganz dringhende Leseempfehlung an alle!!!):
„Once you see, you cannot unsee. (Sobald du es erkannt hast, kannst du nichts anderes mehr sehen.)“

Vielen Dank an den Knaur-Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 05.11.2025

Rad-Abenteuer zweier Schwestern - für einen guten Zweck

rette rette Fahrradkette
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„rette rette Fahrradkette“ fällt einem schon durch das farbenfrohe und künstlerisch gestaltete Cover auf – was daran liegt, dass die Autorinnen Ana und Ida Lutzenberger Künstlerinnen sind. Gemeinsam haben ...

„rette rette Fahrradkette“ fällt einem schon durch das farbenfrohe und künstlerisch gestaltete Cover auf – was daran liegt, dass die Autorinnen Ana und Ida Lutzenberger Künstlerinnen sind. Gemeinsam haben sie 16 Länder bereist, 15.000 km sind sie mit ihren Rädern „Shauny“ und „Eddie“ gestrampelt.
Und das nicht nur aus Abenteuerlust – sie sammelten dabei mit jedem gefahrenen Kilometer Spenden für Sea-Watch (hierzu hätte ich mir etwas mehr Infos im Buch gewünscht, aber man kann es auf Social Media mehr erfahren).

„Für alle, die ihre Heimat verlassen müssen aber nicht wollen, und alle, die ihre Heimat verlassen wollen, aber nicht können.“

Das Buch ist ein gelungener Mix aus Reisebericht und Tagebuch. Der Schreibstil ist sehr blumig und kreativ, die Fotos zur Reise wirklich beeindruckend. Die Schönheit der Natur und die Vielfalt der Menschen, das konnte ich mir gar nicht oft genug ansehen.

„Wenn man länger weit weg ist, erfährt man nicht nur zum ersten Mal, wie schön die Welt der anderen ist, sondern auch wie schön die eigene ist.“

Gemeinsam mit den beiden Schwestern lernt man neue Kulturen und Menschen kennen. Von der Türkei bis in die sowohl schönen als auch herausfordernden Gegenden in Asien, man sieht die Wüsten in Iran und das Hochgebirge in Kirgistan, man lernt Usbekistan und Kirgistan kennen.

"Sicherlich hängt die Wahrnehmung eines Landes immer auch davon ab, wer man ist und warum man sich dort aufhält - jeder Erfahrungsbericht wird aus unterschiedlichen Zutaten gekocht."

Sehr gut gefallen hat mir auch das vorletzte Kapitel "Radreisen als Frau":

„Erst dieses ‚obwohl‘ hatte uns den Widerspruch gezeigt, den viele andere zwischen dem selbständigen Fahrradreisen und dem Frausein sahen. Für sie schien es einen Grund zu geben, der dagegensprach, dass weibliche Füße freibestimmt in die Pedale drücken und in die Ferne strampeln sollten. Der Grund, den wir dafür gefunden haben, ist, dass die Vorstellungen in Bezug auf das, was man/frau tun ‚kann‘ und ‚sollte‘ vielerorts noch stark von patriarchalischen Strukturen beeinflusst sind. Diese Vorstellung besagen, dass das weibliche Geschlecht natürliche Einschränkungen mit sich bringt, beispielsweise in den Bereichen Stärke oder Mut.“

„Nach unserer Reise würden wir sagen, dass man als Frau genau dorthin Gurken sollte, wo man hin möchte, und dafür genau das Fortbewegungsmittel wählen sollte, dass man am liebsten mag.
Nicht nur um patriarchatsverstaubten Köpfen, die meinen, Frauen seien hilflos ohne Männer, das Gegenteil zu beweisen, sondern auch um andere Mädchen und Frauen zu einem selbstbestimmten, unabhängigen Lebensstil zu ermutigen. Und besonders denjenigen, denen tendenziell ständig Schwäche eingeredet wird, zu zeigen, dass sie stark sind. Dass sie alles schaffen können. Die schönsten Momente auf unserer Reise erlebten wie immer dann, wenn wir nicht nur unsere Räder, sondern auch das Selbstvertrauen einer Frau oder eines Mädchens ein Stück vorangebracht hatten.“

Genauso wie die Schwestern hat auch mich die unglaubliche Gastfreundinnenschaft berührt und begeistert, die sie auf ihrer Reise erleben durften:
„Wir waren erstaunt, was für intensive, schöne Momente wir dadurch sammeln konnten, dass wir aus unserer Komfortzone hinausgeradelt sind, und wie viel Wertschätzung wir nicht nur für das eigene Leben gewonnen haben, sondern auch für das der anderen, der Unbekannten und Fremden.
Durch die unzähligen Begegnungen mit neuen Kulturen, Religionen und Menschen haben wir neue Lebensweisen nicht nur kennen- sondern auch verstehen gelernt. Die unglaubliche Gastfreund
innenschaft, die uns entgegengebracht wurde, hat uns einen unverblümten Einblick ins Leben der Menschen gegeben, der uns dazu gebracht hat, Vorurteile abzubauen und das Fremde nicht zu verurteilen.“

Insgesamt ein wirklich inspirierendes und künstlerisch gestaltetes Buch, das mir sehr gut gefallen hat.

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Veröffentlicht am 03.11.2025

Geld kommt zu den Leuten, die es mögen

Bis zum Mond
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„Bis zum Mond“ von Jang Ryujin hatte mich aufgrund des Klappentextes sehr angesprochen.
Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars über NetGalley.

Erzählt wird die Geschichte ...

„Bis zum Mond“ von Jang Ryujin hatte mich aufgrund des Klappentextes sehr angesprochen.
Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars über NetGalley.

Erzählt wird die Geschichte dreier junger Frauen, Da-hae, Eun-sang und Ji-song, die alle für einen großen Snack-Hersteller in Korea arbeiten. Sie werden schlecht bezahlt, sie hassen ihren Job und wünschen sich sehnlich größere Wohnungen und ein besseres Leben, sprich: mehr Geld.
Als eine der Freundinnen in Kryptowährung investiert und damit sehr schnell Erfolg hat, steigen auch die beiden anderen Frauen ein, in der Hoffnung, den verhassen Bürojob hinter sich lassen zu können.

„Ich war nie der Typ gewesen, der seine Arbeit besonders leidenschaftlich verfolgt hätte, aber in den letzten beiden Monaten, in denen ich jeden Tag stundenlang auf steigende und fallende Kurven gestarrt hatte, war meine Arbeit immer mehr zur Nebensache geworden. Vielleicht war das der Grund, warum ich anfing, Dinge zu tun, von denen ich normalerweise die Finger gelassen hätte.

Während eines gemeinsamen Urlaubs wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt, und auch die fallenden Kurse der Kryptowährung macht ihnen Sorgen.

„Seltsamerweise wurde ich, je mehr Geld ich verdiente, gleichzeitig glücklicher und wütender. Ich war wütend auf mich selbst, weil ich am Anfang nicht mutiger gewesen war. Ich hatte nun mein ganzes Geld in Ethereum investiert, ärgerte mich aber unwahrscheinlich darüber, dies nicht schon früher getan zu haben. [...] Zwar hatte ich schon einen ansehnlichen Gewinn erzielt, dachte aber selten an das Geld, das ich bereits verdient hatte. Sondern nur daran, was ich hätte verdienen können, wenn ich mehr und früher investiert hätte.“

„Ich war wütend. Es war so ungerecht. Gleichzeitig fragte ich mich, wie ich so habgierig sein konnte. Aber es ließ sich nicht ändern. Die Gier des Menschen war immer unverschämt und grenzenlos.“

Aus dieser Geschichte über Freundschaft, soziale Klassen und Selbstbestimmung hätte man meiner Meinung nach viel mehr machen können. Das Buch hatte in Südkorea wohl einen wahren Hype ausgelöst, aber mir fehlte hier leider der Tiefgang. Die Geschichte plätschert so vor sich hin, bleibt mir insgesamt zu vorhersehbar und oberflächlich. Die wichtigen Fragen, ob Reichtum nun wirklich frei und glücklich macht, werden nur angedeutet, aber nicht ausreichend vertieft.

Gleichzeitig aber fühlte ich mich bei diesem Anblick ein wenig unwohl und ahnte auch, weshalb. Je mehr ich von diesem erst vor Kurzem errichteten Siebensternehotel angetan war, je zufriedenstellender mir hier alles vorkam, desto mulmiger wurde mir dabei. Ich fühlte mich so ähnlich wie ein Baum, der seine Wurzeln umso tiefer in den Erdboden grub, je mehr er in die Höhe wuchs.
Wer einmal in einem Siebensternehotel untergekommen ist, würde nie wieder in ein Ein- oder Zweisternehotel zurückkehren können. Und ich war schließlich nur Eun-sang und ihrem Geld hierher gefolgt, konnte es mir selbst aber gar nicht leisten, auf eigene Faust hierherzukommen. Doch ich war bereits süchtig nach diesem Komfort und diesem Luxus. Wie sollte das bloß weitergehen?“

Insgesamt ein unterhaltsamer und leicht lesbarer Roman, der mir aber nicht nachhaltig im Gedächtnis bleiben wird. Ich vergebe 3/5 Sterne.

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