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Veröffentlicht am 25.05.2026

Wenn der Traum vom Ruhm zur Besessenheit wird

She’s a Star!
3

Jessamyn St. Germain möchte unbedingt auf die Bühne. Sie ist überzeugt, dass sie bald im Rampenlicht stehen wird.

„Also ich will von der Branche entdeckt werden. Von Leuten, die Ahnung haben. Nicht von ...

Jessamyn St. Germain möchte unbedingt auf die Bühne. Sie ist überzeugt, dass sie bald im Rampenlicht stehen wird.

„Also ich will von der Branche entdeckt werden. Von Leuten, die Ahnung haben. Nicht von fanatischen, zuckersüchtigen Teenagern aus dem Mittleren Westen. Sondern von Profis. Ich will es schaffen durch mein Können, durch reines Talent. Ich will nicht erfolgreich sein, weil ein paar zwölfjährige Mädchen in Iowa meine miesen Rihanna-Cover im Internet gelikt haben. Ich will Rihanna sein. Ist doch klar. Warum ist das eigentlich so schwer zu verstehen?
Ich will entdeckt werden. Und das werde ich auch. Heute.“

Bisher arbeitet sie nur als Platzanweiserin im Theater, während sie nebenher teuren Gesangsunterricht nimmt und Castings für Werbespots absolviert. Doch endlich scheint ihr Traum, die Hauptrolle im Musical „The Sound of Music“ zu ergattern, zum Greifen nah zu sein – so denkt sie jedenfalls.

„Es wird nie einfacher werden, wenn ich nicht etwas Großes tue. Etwas Bedeutendes.
Ich muss aufhören, auf das Universum zu warten, und der Muse beweisen – oder Gott, oder wer auch immer da zusieht und mich leiden lässt –, dass das Leiden jetzt vorbei ist. Dass meine Zeit gekommen ist. Dass ich so fest an mich glaube, dass ich niemandem erlaube, sich mir in den Weg zu stellen. Ich werde kein Nein mehr akzeptieren.
Jetzt bin ich dran. Ich. Meine Zeit ist gekommen.“

Stattdessen wird sie nur als Betreuerin für die Kinderdarsteller*innen eingestellt, die Hauptrolle geht an ihre Konkurrentin Samantha. Das kann nur ein Irrtum sein! Jessamyn ist überzeugt: ihre große Chance wird noch kommen. Während sie in ihren Visionen längst der Star der Show ist, nimmt ihre Besessenheit gefährliche Züge an ...

Jessamyn ist nicht gerade eine Sympathieträgerin, kommt aber sehr authentisch rüber.
Ihre Obsession, auch ihren Wunsch, ihrem Vater zu imponieren, konnte man gut nachempfinden. Wobei ich mir während des Lesens hauptsächlich die Frage gestellt habe: Wie wird jemand so? Was ist die Ursache? Woher kommt dieser überzogene Ehrgeiz? Wie kann man sich selbst so stark überschätzen?

„... wie sehr ich das will, wie sehr ich es brauche und verdiene. Denn so ist es. Ich verdiene es. Ich habe dafür gearbeitet. Es muss klappen. Es muss einfach. Denn wenn nicht, dann war alles, was ich bisher durchgemacht habe, bedeutungslos. All die Grapscherei, die Belästigungen, Sex mit diesen ganzen Losern – für Aufmerksamkeit, für Geld, für Selbstwertgefühl. Und wozu? Wozu? Was soll ich jetzt tun? Aufgeben? Alles vergessen und etwas anderes versuchen?
Wer bin ich ohne all das?
Es muss einen Sinn haben. Alles geschieht aus einem Grund, und mir ist so viel passiert, dass es dafür einen Grund geben muss. Es kann nicht alles einfach nur Zufall gewesen sein. Es muss mehr sein als das hier. So viele Momente, in denen ich dazu verdammt war, mich klein zu fühlen, als würde ich gar nicht existieren, als wäre ich eine Idiotin, weil ich das will. Weil ich mehr sein will, als ich bin. Ich bedeute etwas. Ich bedeute etwas. Ich bin wichtig. Ich muss wichtig sein. Wenn nicht – was bleibt dann noch? Welchen Sinn hätte dann das Leben?“

„She’s a star“ ist eine tiefschwarze Tragödie, die vor Sarkasmus und Zynismus nur so trieft. Ein wirklich ungewöhnlicher Roman, der sicher polarisiert. Absolut kein Wohlfühlroman, die Stimmung ist von Anfang an fiebrig und angespannt. Alles wirkt bewusst überzogen, passt aber perfekt ins Gesamtbild. Im zweiten Teil spitzt sich die Lage zu bis hin zum Showdown.

Insgesamt wurde ich gut unterhalten von dieser irren Geschichte über Selbstüberschätzung, Obsession und den Wunsch, berühmt zu sein.

„Die Wahrheit kann ich ihm nicht sagen. Er ist viel zu zynisch, um zu träumen. Er wurde schon einmal durch die Mangel genommen. Das Strahlen, das der Gedanke an all die Möglichkeiten mit sich bringen kann, ist bei ihm vollständig erloschen. Er versteht es nicht. Würde es nicht verstehen. Vielleicht hat er sogar recht. Vielleicht ist das der schönste Teil am Berühmtwerden: wenn man immer noch voller Hoffnung ist.“

Ich vergebe final 4 von 5 Sternen.

Vielen Dank an den pola Verlag, Lesejury.de und Lovelybooks.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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  • Thema
Veröffentlicht am 23.05.2026

Der Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Ungleichheit

Ungesunde Verhältnisse
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Betina Aumair und Brigitte Theißl haben in ihrem Buch „Ungesunde Verhältnisse: Wie Klasse unser Leben bestimmt“ Gesundheit als übergeordnetes Thema aller Kapitel definiert.
Die Autorinnen decken schonungslos ...

Betina Aumair und Brigitte Theißl haben in ihrem Buch „Ungesunde Verhältnisse: Wie Klasse unser Leben bestimmt“ Gesundheit als übergeordnetes Thema aller Kapitel definiert.
Die Autorinnen decken schonungslos auf, inwiefern Gesundheit von der sozialen Klassenzugehörigkeit/Herkunft/Status bestimmt wird. Hierfür verknüpfen sie wissenschaftliche Fakten mit über realen Erfahrungsberichten. Es wird aufgezeigt, welche Ursachen soziale Ungleichheit hat, z.B. Geschlecht, Migrationshintergrund, Behinderungen, Obdachlosigkeit oder schlechte Wohnverhältnisse, soziale Klasse und Armut. Auch der Zusammenhang zwischen körperlich harter, schlecht bezahlter Arbeit und Krankheit wird deutlich gemacht.
Die Autorinnen betonen dabei, dass Gesundheit mehr bedeutet als das Fehlen von Krankheit: Es geht auch um Lebenszufriedenheit, Selbstbestimmung und die Möglichkeit, das eigene Leben aktiv zu gestalten. Hierbei gehen sie auch auf die Aspekte Zeitarmut und Zeitwohlstand ein.

Der Mythos, dass jeder durch eigene Leistung und „Selbstoptimierung“ ein gesundes und langes Leben (Stichworte „Longevity“ und „Healthismus“) erreichen kann, wird hier eindrucksvoll demontiert.

„„Healthismus“, dieser Begriff umfasst die Überzeugung, der eigene Körper sei beliebig formbar und die Gesundheit eine Frage des individuellen Verhaltens. Dass diese neoli¬berale Ideologie einen rasanten Aufstieg erlebt, ist eng ver¬bunden mit der zunehmenden Ungleichheit und Prekari-tät westlicher Wohlfahrtsstaaten, analysiert der Soziologe Friedrich Schorb: „Umso weniger Einfluss Menschen auf globale politische, ökonomische und technische Entwick¬lungen haben, die für ihre Chancen auf den gesellschaftli¬chen Märkten entscheidend sind, umso stärker konzentrier-ten sie sich auf die Optimierung ihrer Körper als das letzte Refugium, von dem sie glauben, dass sie es noch eigenstän¬dig kontrollieren können.“ Das Prinzip Eigenverantwortung befeuert längst eine ganze Industrie: Fitnessstudios und Wellnessangebote aller Art boomen, immer mehr Menschen greifen zu Nahrungs¬ergänzungsmitteln.“

„Das neoliberale Konzept der Eigenverantwortung sieht auch die Tiroler Politikwissenschaftlerin Alexandra Weiss in der Frage von Gesundheit und Krankheit besonders dras¬tisch realisiert. „Ernährst du dich gut und biologisch voll¬wertig? Machst du Sport? Baust du Meditationseinheiten ein, um den Stress abzubauen? Wir sind selbst dafür verant¬wortlich, unsere Gesundheit zu managen, unseren Arbeits¬platz zu erhalten und unsere ‚Beschäftigungsfähigkeit‘. Dass es sich dabei um eine Klassenfrage handelt, dass Ressourcen ganz unterschiedlich verteilt sind, das interessiert nicht“, bringt es Weiss auf den Punkt.“

Das Buch bezieht sich auf die Verhältnisse in Österreich, lässt sich meiner Meinung nach aber mehr oder weniger 1:1 auch auf Deutschland (und andere Länder) übertragen.

„Am Anfang jeder sozialen Frage steht eine grundlegendere:
Welchen Wert hat ein Mensch in unserer Gesellschaft? Ist dieser Wert bedingungslos oder wird er daran gemessen, wie leistungsfähig, angepasst und ökonomisch verwertbar jemand erscheint? Soziale Ungerechtigkeit beginnt nicht erst bei offenem Ausschluss, sondern dort, wo Gesellschaft bestimmten Menschen systematisch weniger Würde, weni¬ger Sicherheit und weniger Zukunft zugesteht.“

”Ungesunde Verhältnisse“ ist ein wirklich wichtiges, augenöffnendes Buch, das aufzeigt, dass soziale Gerechtigkeit nötig ist, um ein gesundes Leben für ALLE möglich zu machen.

Vielen Dank an den Haymon Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 22.05.2026

Alltag frisst Liebe - 3,5⭐️

Wir in zehn Jahren
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Coralie und Adam lernen sich 2013 in London kennen. Politjournalist Adam hat eine vierjährige Tochter aus seiner früheren Beziehung. Australierin Coralie ist noch neu in London, arbeitet in einer PR-Agentur, ...

Coralie und Adam lernen sich 2013 in London kennen. Politjournalist Adam hat eine vierjährige Tochter aus seiner früheren Beziehung. Australierin Coralie ist noch neu in London, arbeitet in einer PR-Agentur, hat aber hat den Traum, es als Schriftstellerin zu schaffen. Die beiden verlieben sich, teilen bald ihr Leben und ihren Alltag, bekommen zwei gemeinsame Kinder. Doch wie bei vielen anderen ist es auch hier so: „Alltag frisst Liebe“. Während Adam Karriere macht, kämpft Coralie mit Überforderung und zu vielen Rollen:
„Irgendwas stimmte nicht mit ihr, da war etwas, dass sie von anderen unterschied - sie ertrug es nicht, jemanden zu lieben, aber ohne Liebe konnte sie auch nicht sein. Wenn sie nicht liebte, was ihr nur ein halber Mensch. Aber wenn sie liebte, fühlte sie sich nie ganz. Mutter, Schriftstellerin, Angestellte, Schwester, Freundin, Bürgerin, Tochter, (Quasi-)Ehefrau. Wenn sie nur eins davon wäre, käme sie vielleicht klar. Wenn sie versuchte, alles auf einmal zu sein, war sie, wie sie feststellte, nichts davon.“

Der Klappentext von „Wir in zehn Jahren“ hatte mich neugierig gemacht, weil er die Story NACH dem Happy End verspricht. Für mein Empfinden wurde dieses Versprechen jedoch nur bedingt eingelöst.
Den Anfang des Romans fand ich recht stark, vom Schreibstil her und inhaltlich. Danach wurde die Story für mein Empfinden leider etwas überladen und langatmig.
Patchworkfamilie, ein schwuler Bruder, Mutterschaft, mentale Belastungen, Überforderung, politische Krisen und Brexit, Corona-Pandemie - sehr viele Themen wurden eingebracht. Durchaus interessant, aber irgendwie las sich das auch nicht viel anders als andere Geschichten, hat man alles schonmal gelesen: Mann macht Karriere, Frau bleibt mit Kindern im Alltagsstress allein zuhause und auf ihren Träumen sitzen.

„Was denkst du, wann du nach Hause kommst?, schrieb sie Adam.
Hallo, meine Schöne, auf jeden Fall vor Mitternacht, antwortete er. Ich liebe dich. BDAG.
Betrachte dich als geküsst. Wenn sie glücklich war, kam ihr dieser Satz so romantisch vor. Wenn sie seelisch kaputt war, empfand sie ihn als Schlag ins Gesicht.“

Insgesamt war die Geschichte nicht schlecht, es gab durchaus für mich als Frau und Mutter einiges an Wiedererkennungspotential - aber so richtig abgeholt hat mich das Buch leider auch nicht. Erst das Ende fand ich dann wieder etwas überzeugender.
Insgesamt konnten meine Erwartungen an diesen Roman leider nicht ganz verfüllt werden, daher vergebe ich 3,5 von 5 Sternen.

Vielen Dank an den Dumont Verlag und an Lovelybooks.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 21.05.2026

Hinter den Kulissen der „perfekten Ehe“ 3,5⭐️

Seven Rules For A Perfect Marriage
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„Seven Rules For A Perfect Marriage“ von Rebecca Reid hatte mich vom Plot her sehr angesprochen, das klang nach einer spannenden Ausgangssituation: Wie sieht es wirklich hinter der Fassade der perfekten ...

„Seven Rules For A Perfect Marriage“ von Rebecca Reid hatte mich vom Plot her sehr angesprochen, das klang nach einer spannenden Ausgangssituation: Wie sieht es wirklich hinter der Fassade der perfekten Influencer-Ehe aus?

Das langjährige Ehepaar Jessica und Jack ist sehr erfolgreich auf Social Media: Hier zeigen sie sich als glückliches, ja „perfektes“ Ehepaar. Dann wurde ihr Ratgeber „Seven Rules For A Perfect Marriage“ quasi über nacht zum Bestseller. Sie sind gefragt wie nie, werden zu Buchvorstellungen und Talkshows eingeladen und von ihrem Agenten intensiv vermarktet.
Doch hinter den Kulissen sieht es ganz anders aus: Seit Jahren versuchen die beiden erfolglos, ein Kind zu bekommen; besonders Jessica leidet darunter. hr Agent drängt sie dazu, im Zuge ihres nächsten Buchprojekts öffentlich Stellung zu beziehen, ob sie kinderlos bleiben oder Eltern werden. Das ist besonders für Jessica eine emotionale Belastung. Während Jack sich nach einer längeren Auszeit sehnt, um in Ruhe an seinem eigenen Roman zu arbeiten, will Jessica die lukrative Social-Media-Präsenz weiter ausbauen, um ihre finanzielle Unabhängigkeit zu sichern. Doch um ihre kriselnde Ehe zu retten, beschließen die beiden, an einem „Seven Rules“-Ehe-Retreat teilzunehmen und nach langem wieder ihren eigenen Regeln zu folgen. Doch ist eine glückliche Ehe wirklich nur mit ein paar Regeln machbar?

Die Kapitel sind im Wechsel aus der Sicht von Jessica bzw. Jack geschrieben, mit Rückblicken aus der Vergangenheit der beiden. Hier wurde besonders gut der Kontrast zwischen dem perfekten Social Media Image und der Realität dargestellt.

Insgesamt fällt mein Urteil zu dem Roman gemischt aus. Der lockere, leichte Schreibstil konnte mich überzeugen, ebenso die originelle Strukturierung anhand der „Sieben Regeln für die perfekte Ehe“. Leider konnte mich die Geschichte emotional nicht ganz abholen. Die Charaktere blieben mir etwas zu distanziert, und auch das sensible Thema des unerfüllten Kinderwunsches wurde mir zu oberflächlich behandelt.
Einige Passagen haben mich durchaus zum Schmunzeln gebracht und hatten ein gewisses Wiedererkennungspotenzial, insgesamt konnte das Buch meine Erwartungen jedoch leider nicht ganz erfüllen.
Ich vergebe daher final 3,5 von 5 Sternen.

Vielen Dank an den Lübbe Verlag und an Lovelybooks.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 20.05.2026

Que(e)rbeet für alle: Für mehr Vielfalt beim Lesen

Und jetzt queer!
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„Und jetzt queer!“ von Bianca-Maria Braunshofer, Marlon Brand und Tobi Schiller ist ein umfassendes und schön (mit farbenfrohen Illustrationen von Jasmina El Bouamraoui) gestaltetes Sachbuch über queere ...

„Und jetzt queer!“ von Bianca-Maria Braunshofer, Marlon Brand und Tobi Schiller ist ein umfassendes und schön (mit farbenfrohen Illustrationen von Jasmina El Bouamraoui) gestaltetes Sachbuch über queere Literatur. Thematisch werden hier sowohl die Definition als auch die Geschichte der queeren Literatur, die verschiedenen Genres, Autorinnen und Verlage abgedeckt. Die Autorinnen gehen der Frage nach, weshalb der klassische Literaturkanon nur einen Bruchteil der Weltliteratur abbildet, und sie zeigen auf, dass queeres Schreiben und queere Autorinnen schon immer fester Bestandteil der Literaturgeschichte waren.
Sehr interessant fand ich auch, dass das Buch einen starken Fokus auf die aktuelle politische Lage weltweit legt sowie auf „banned books“ sowie Diskriminierung damals und heute.

„Mehr als ein Comeback müssen wir Zensur als eine historische Konstante verstehen. Lange bevor der Buchdruck Wissen allmählich demokratisierte, entschieden wenige Machthaber darüber, was gelesen werden durfte. Die Katholische Kirche hat seit jeher versucht, bestimmte Sachverhalte oder Erzählungen nicht an die breite Bevölkerung durchdringen zu lassen.
Von Gelehrten oder Priestern – jene also, die Lesen und Schreiben erlernen durften – ging die Deutungshoheit aus. Und das bedeutete Macht. Bücher spielten eine entscheidende Rolle dabei, diese zu untergraben. Der Buchdruck sorgte dafür, dass wissenschaftliche Schriften von immer mehr Menschen gelesen werden konnten. Dadurch wurde die klerikale Weltordnung zunehmend infrage gestellt. Um sich nicht noch angreifbarer zu machen, begannen meist mächtige Männer bereits im 16. Jahrhundert Bücher zu verbieten.
Eines der folgenreichsten Verbote versammelte der Index Librorium Prohibitori kurz Index Romanus. Dieser listete all jene Werke, die nach Ansicht der Kirche ihre Macht zu schwächen drohten – und hielt sich bis 1965. Heute existiert dieser Index nicht mehr; die langen Listen verbotener Bücher tragen nun neue Namen. Die Logik bleibt dieselbe: Was nicht in das Weltbild der jeweiligen Regierungen und Mächtigen passt, muss verschwinden. Je autoritärer ein Staat, desto länger ist die Liste der verbotenen Bücher.“

Die vorgestellten queeren Genres trafen nicht alle meinen persönlichen Lesegeschmack; sehr positiv fand ich aber auf jeden Fall das Kapitel über queere Kinder- und Jugendliteratur. Gerade im Bereich der Schullektüren besteht hier ein großer Bedarf an moderneren, vielfältigeren Leselisten!

Abgerundet wird das Buch durch ein Glossar, eine ausführliche Literaturliste und hilfreiche Weblinks.

„Die Frage, warum nicht-queere Menschen queere Literatur lesen sollten, amüsiert und frustriert mich gleichermaßen. Die Antworten darauf sind offensichtlich und vielfältig. Andersherum gefragt: Welche Gründe könnte es geben, keine queere Literatur zu lesen? Wenn wir Queerness als ein Spektrum menschlicher Realität begreifen, wieso sollten wir uns ausgerechnet damit nicht beschäftigen wollen? Warum sollte unsere menschliche Neugierde hier ein Ende finden? Fürchten wir etwa, uns mit den Figuren nicht identifizieren zu können? Ich halte das für ein fadenscheiniges Argument. Immerhin können wir uns mit allen möglichen Fabelwesen oder Superheld
innen identifizieren, ebenso wie mit Normalsterblichen, die plötzlich Großes vollbringen. In der Regel haben unsere gewöhnlichen Leben wenig mit diesen Geschichten gemeinsam. Dank der Kraft der Fiktion und unserer Imagination können wir uns trotzdem in ihnen verlieren. Ich wiederhole: Weshalb sollten wir uns nicht auch mit queeren Menschen identifizieren können?“

„Und jetzt queer!“ ist ein Buch, das ich allen Lesenden empfehlen möchte – ein tolles Nachschlagewerk und eine Einladung an alle, die ganze Vielfalt der Literatur kennenzulernen!

„Wie in diesem Buch hoffentlich deutlich wird, ist queere Literatur mehr als ein bestimmtes Thema, nicht nur eine Perspektive oder ein Genre. Queerness ist eine offene Bewegung. Sie bedeutet ein Hinterfragen von Normen und die Suche nach Freiheiten, die unser Leben bereichern können. Und davon können wir alle profitieren – auch nicht-queere Menschen.“

Vielen Dank an den Leykam Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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