Wenn der Traum vom Ruhm zur Besessenheit wird
She’s a Star!Jessamyn St. Germain möchte unbedingt auf die Bühne. Sie ist überzeugt, dass sie bald im Rampenlicht stehen wird.
„Also ich will von der Branche entdeckt werden. Von Leuten, die Ahnung haben. Nicht von ...
Jessamyn St. Germain möchte unbedingt auf die Bühne. Sie ist überzeugt, dass sie bald im Rampenlicht stehen wird.
„Also ich will von der Branche entdeckt werden. Von Leuten, die Ahnung haben. Nicht von fanatischen, zuckersüchtigen Teenagern aus dem Mittleren Westen. Sondern von Profis. Ich will es schaffen durch mein Können, durch reines Talent. Ich will nicht erfolgreich sein, weil ein paar zwölfjährige Mädchen in Iowa meine miesen Rihanna-Cover im Internet gelikt haben. Ich will Rihanna sein. Ist doch klar. Warum ist das eigentlich so schwer zu verstehen?
Ich will entdeckt werden. Und das werde ich auch. Heute.“
Bisher arbeitet sie nur als Platzanweiserin im Theater, während sie nebenher teuren Gesangsunterricht nimmt und Castings für Werbespots absolviert. Doch endlich scheint ihr Traum, die Hauptrolle im Musical „The Sound of Music“ zu ergattern, zum Greifen nah zu sein – so denkt sie jedenfalls.
„Es wird nie einfacher werden, wenn ich nicht etwas Großes tue. Etwas Bedeutendes.
Ich muss aufhören, auf das Universum zu warten, und der Muse beweisen – oder Gott, oder wer auch immer da zusieht und mich leiden lässt –, dass das Leiden jetzt vorbei ist. Dass meine Zeit gekommen ist. Dass ich so fest an mich glaube, dass ich niemandem erlaube, sich mir in den Weg zu stellen. Ich werde kein Nein mehr akzeptieren.
Jetzt bin ich dran. Ich. Meine Zeit ist gekommen.“
Stattdessen wird sie nur als Betreuerin für die Kinderdarsteller*innen eingestellt, die Hauptrolle geht an ihre Konkurrentin Samantha. Das kann nur ein Irrtum sein! Jessamyn ist überzeugt: ihre große Chance wird noch kommen. Während sie in ihren Visionen längst der Star der Show ist, nimmt ihre Besessenheit gefährliche Züge an ...
Jessamyn ist nicht gerade eine Sympathieträgerin, kommt aber sehr authentisch rüber.
Ihre Obsession, auch ihren Wunsch, ihrem Vater zu imponieren, konnte man gut nachempfinden. Wobei ich mir während des Lesens hauptsächlich die Frage gestellt habe: Wie wird jemand so? Was ist die Ursache? Woher kommt dieser überzogene Ehrgeiz? Wie kann man sich selbst so stark überschätzen?
„... wie sehr ich das will, wie sehr ich es brauche und verdiene. Denn so ist es. Ich verdiene es. Ich habe dafür gearbeitet. Es muss klappen. Es muss einfach. Denn wenn nicht, dann war alles, was ich bisher durchgemacht habe, bedeutungslos. All die Grapscherei, die Belästigungen, Sex mit diesen ganzen Losern – für Aufmerksamkeit, für Geld, für Selbstwertgefühl. Und wozu? Wozu? Was soll ich jetzt tun? Aufgeben? Alles vergessen und etwas anderes versuchen?
Wer bin ich ohne all das?
Es muss einen Sinn haben. Alles geschieht aus einem Grund, und mir ist so viel passiert, dass es dafür einen Grund geben muss. Es kann nicht alles einfach nur Zufall gewesen sein. Es muss mehr sein als das hier. So viele Momente, in denen ich dazu verdammt war, mich klein zu fühlen, als würde ich gar nicht existieren, als wäre ich eine Idiotin, weil ich das will. Weil ich mehr sein will, als ich bin. Ich bedeute etwas. Ich bedeute etwas. Ich bin wichtig. Ich muss wichtig sein. Wenn nicht – was bleibt dann noch? Welchen Sinn hätte dann das Leben?“
„She’s a star“ ist eine tiefschwarze Tragödie, die vor Sarkasmus und Zynismus nur so trieft. Ein wirklich ungewöhnlicher Roman, der sicher polarisiert. Absolut kein Wohlfühlroman, die Stimmung ist von Anfang an fiebrig und angespannt. Alles wirkt bewusst überzogen, passt aber perfekt ins Gesamtbild. Im zweiten Teil spitzt sich die Lage zu bis hin zum Showdown.
Insgesamt wurde ich gut unterhalten von dieser irren Geschichte über Selbstüberschätzung, Obsession und den Wunsch, berühmt zu sein.
„Die Wahrheit kann ich ihm nicht sagen. Er ist viel zu zynisch, um zu träumen. Er wurde schon einmal durch die Mangel genommen. Das Strahlen, das der Gedanke an all die Möglichkeiten mit sich bringen kann, ist bei ihm vollständig erloschen. Er versteht es nicht. Würde es nicht verstehen. Vielleicht hat er sogar recht. Vielleicht ist das der schönste Teil am Berühmtwerden: wenn man immer noch voller Hoffnung ist.“
Ich vergebe final 4 von 5 Sternen.
Vielen Dank an den pola Verlag, Lesejury.de und Lovelybooks.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚