Jeder hat seine eigene Angst
Wir gehen mal losIch hatte zuletzt die Romane „Dieses ganze Leben“ und „Die Sterne ordnen“ von Raffaella Romagnolo sehr gemocht und mich daher sehr über ihre Neuveröffentlichung „Wir gehen mal los“ gefreut. Dies ist zwar ...
Ich hatte zuletzt die Romane „Dieses ganze Leben“ und „Die Sterne ordnen“ von Raffaella Romagnolo sehr gemocht und mich daher sehr über ihre Neuveröffentlichung „Wir gehen mal los“ gefreut. Dies ist zwar ein kurzer, aber sehr intensiver Roman.
Erzählt wird die Geschichte von Amedeo. Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter schwänzt er die Schule, flüchtet sich in Musik und Videospiele. Seinem Vater geht er aus dem Weg. In der Hoffnung, seinem Sohn wieder näherzukommen, brechen die beiden zu einer Zweitageswanderung auf die Punta Liberté auf. Doch Amedeo möchte nicht mit seinem Vater wandern:
„Wie lange sind wir schon unterwegs?, fragt sich Amedeo, aber stumm, nie würde er die Frage laut stellen. Niemals Schwäche zeigen! Nie ihm diese Genugtuung verschaffen.
[...]
Ohne Musik, in den Ohren nur das dumpfe Pochen seines rasenden Herzens und das Geschwafel seines Vaters, erscheinen ihm die vor ihm liegenden zweidreiviertel Stunden beängstigend wie ein aufgewühlter Ozean. Diese Folter geht nie zu Ende! Zu Ende geht es hier höchstens mit ihm selbst: Auf diesem steinigen Pfad wird er zusammenbrechen, hinsinken am Fuße einer Lärche, auf dem Bett ihrer welken Nadeln.
Unterdessen steigt der Ingenieur weiter bergan. Er steigt und erklärt, erklärt und steigt. Amedeo bemüht sich, nicht hinzuhören, lässt die Worte in der Luft verpuffen, Latschenkiefer, Fichte, Zirbel, Wacholder, Rhododendron, und versucht sich abzulenken, indem er seine Schritte zählt. Aber der Verstand lässt sich nicht bezwingen, gehässige Gedanken überrumpeln ihn, und prompt hat er sich verzählt. Also konzentriert er sich auf die Spitzkehren, eins, zwei, drei, und versucht sogar, sich die Markierungen zu merken, aber all diese Zählerei führt nur dazu, dass ihn eine unterschwellige, bissige Beklemmung erfasst, ein bitterer Ärger, der in seinen Augen brennt und ihm die Kehle zuschnürt. Genug! Genug! Genug!
Auf keinen Fall heulen, befiehlt er sich und wischt mit dem Handrücken eine Träne weg, die sich im rechten Augenwinkel gebildet hat.“
Doch am zweiten Tag passiert etwas – und Amedeo ist plötzlich gezwungen, sich in der abgeschiedenen, rauen Bergwelt seinen Ängsten zustellen und die Verantwortung zu übernehmen ...
„Noch mehr Dinge, die er Lucilla Colombo sagen möchte, wenn sie sich wiedersehen:
[...]
Dass jeder seine eigene Angst hat. Dunkelheit. Leere. Einsamkeit. Das Urteil der anderen. Dass es einfacher ist, durch die Angst zu gehen, wenn man sich bei der Hand hält. Dass er dazu bereit ist.“
Raffaella Romagnolo vermittelt auf wenigen Seiten meisterhaft die Ohnmacht des Vaters und Amedeos Schmerz über den Verlust der Mutter.
Am Ende ihrer Wanderung sind Vater und Sohn beide innerlich gereift - und erfüllt von Zuversicht und Dankbarkeit: „Es ist eine Art Urlaub. ‚Ein Feiertag‘, sagt Papa.
Wir feiern, dass wir am Leben sind.“
„Wir gehen mal los“ ist ein berührender, intensiver Roman über Verlust, Ängste, Mut und Hoffnung.
Vielen Dank an den Diogenes Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚