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Veröffentlicht am 20.05.2026

Jeder hat seine eigene Angst

Wir gehen mal los
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Ich hatte zuletzt die Romane „Dieses ganze Leben“ und „Die Sterne ordnen“ von Raffaella Romagnolo sehr gemocht und mich daher sehr über ihre Neuveröffentlichung „Wir gehen mal los“ gefreut. Dies ist zwar ...

Ich hatte zuletzt die Romane „Dieses ganze Leben“ und „Die Sterne ordnen“ von Raffaella Romagnolo sehr gemocht und mich daher sehr über ihre Neuveröffentlichung „Wir gehen mal los“ gefreut. Dies ist zwar ein kurzer, aber sehr intensiver Roman.

Erzählt wird die Geschichte von Amedeo. Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter schwänzt er die Schule, flüchtet sich in Musik und Videospiele. Seinem Vater geht er aus dem Weg. In der Hoffnung, seinem Sohn wieder näherzukommen, brechen die beiden zu einer Zweitageswanderung auf die Punta Liberté auf. Doch Amedeo möchte nicht mit seinem Vater wandern:

„Wie lange sind wir schon unterwegs?, fragt sich Amedeo, aber stumm, nie würde er die Frage laut stellen. Niemals Schwäche zeigen! Nie ihm diese Genugtuung verschaffen.
[...]
Ohne Musik, in den Ohren nur das dumpfe Pochen seines rasenden Herzens und das Geschwafel seines Vaters, erscheinen ihm die vor ihm liegenden zweidreiviertel Stunden beängstigend wie ein aufgewühlter Ozean. Diese Folter geht nie zu Ende! Zu Ende geht es hier höchstens mit ihm selbst: Auf diesem steinigen Pfad wird er zusammenbrechen, hinsinken am Fuße einer Lärche, auf dem Bett ihrer welken Nadeln.
Unterdessen steigt der Ingenieur weiter bergan. Er steigt und erklärt, erklärt und steigt. Amedeo bemüht sich, nicht hinzuhören, lässt die Worte in der Luft verpuffen, Latschenkiefer, Fichte, Zirbel, Wacholder, Rhododendron, und versucht sich abzulenken, indem er seine Schritte zählt. Aber der Verstand lässt sich nicht bezwingen, gehässige Gedanken überrumpeln ihn, und prompt hat er sich verzählt. Also konzentriert er sich auf die Spitzkehren, eins, zwei, drei, und versucht sogar, sich die Markierungen zu merken, aber all diese Zählerei führt nur dazu, dass ihn eine unterschwellige, bissige Beklemmung erfasst, ein bitterer Ärger, der in seinen Augen brennt und ihm die Kehle zuschnürt. Genug! Genug! Genug!
Auf keinen Fall heulen, befiehlt er sich und wischt mit dem Handrücken eine Träne weg, die sich im rechten Augenwinkel gebildet hat.“

Doch am zweiten Tag passiert etwas – und Amedeo ist plötzlich gezwungen, sich in der abgeschiedenen, rauen Bergwelt seinen Ängsten zustellen und die Verantwortung zu übernehmen ...

„Noch mehr Dinge, die er Lucilla Colombo sagen möchte, wenn sie sich wiedersehen:
[...]
Dass jeder seine eigene Angst hat. Dunkelheit. Leere. Einsamkeit. Das Urteil der anderen. Dass es einfacher ist, durch die Angst zu gehen, wenn man sich bei der Hand hält. Dass er dazu bereit ist.“

Raffaella Romagnolo vermittelt auf wenigen Seiten meisterhaft die Ohnmacht des Vaters und Amedeos Schmerz über den Verlust der Mutter.
Am Ende ihrer Wanderung sind Vater und Sohn beide innerlich gereift - und erfüllt von Zuversicht und Dankbarkeit: „Es ist eine Art Urlaub. ‚Ein Feiertag‘, sagt Papa.
Wir feiern, dass wir am Leben sind.“

„Wir gehen mal los“ ist ein berührender, intensiver Roman über Verlust, Ängste, Mut und Hoffnung.

Vielen Dank an den Diogenes Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 19.05.2026

Starke Protagonistin, heftige Geschichte

Waisenkind
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"Waisenkind" von Galit Dahan Carlibach erzählt die Geschichte der zwanzigjährigen Avital. Ihre Kindheit und Jugend waren hart. Ohne Mutter wuchs sie in prekären Verhältnissen bei ihren alkoholabhängigen ...

"Waisenkind" von Galit Dahan Carlibach erzählt die Geschichte der zwanzigjährigen Avital. Ihre Kindheit und Jugend waren hart. Ohne Mutter wuchs sie in prekären Verhältnissen bei ihren alkoholabhängigen Großeltern am Rande von Jerusalem auf. Irgendwann hält sie es nicht mehr aus, sie haut ab, doch sie gerät von einem Unglück ins nächste. Ihr größter Traum: Ihr unbekannter Vater, den sie sehnsüchtig "König Lear" nennt, kommt und rettet sie - genau wie in den Waisenkindergeschichten, die sie so gerne liest.
Als irgendwann der ehemalige Mossad-Agent Achituv Porat auftaucht und sich um sie kümmert, scheint Avitals Leben sich endlich zum Positiven zu wenden.

„Ich wohnte jetzt in einem Palast, wollte dort aber nicht bleiben. Ich wusste, wer sich nicht bewegt, droht unterzugehen. Es ist zwar besser, in Sahne zu ertrinken als im Schlamm, so viel ist klar, aber man muss aufs Weiterziehen gefasst sein, immer.“

Aber war Avitals Begegnung mit Achituv wirklich so zufällig?
Achituv weiß mehr über Avitals Familie, als sie ahnt …

Ich gebe zu, ich habe eine Weile gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden.
Galit Dahan Carlibachs Schreibstil ist ungewöhnlich, aber auch fordernd. Ebenso die Geschichte an sich:
Obdachlosigkeit, Gewalt, Alkoholismus, Missbrauch - das Buch ist wahrlich keine leichte Kost.
Im weiteren Verlauf zog mich die Geschichte jedoch immer mehr in ihren Bann; gerade zum Schluss hin zeigte das Buch seine wahre Stärke.
Avital als Protagonistin fand ich sehr stark und authentisch: Kein Opfer, trotz all ihrer unschönen Erlebnisse, sondern eine Kämpferin.
Ungewöhnlich und interessant ist auch die Perspektive: Avital wendet sich direkt an den Richter bzw. Sozialarbeiter, was für eine eindringliche Wirkung sorgt.

„Jetzt, während ich an euch schreibe, kommt mir ein interessanter Gedanke: Hat der Ort, an dem ihr sitzt, Herr Richter und werte Sozialarbeiter, einen Geruch? Wie riecht überhaupt die Gerechtigkeit? Denn erst jetzt, nach allem, was ich durchgemacht habe, wird mir klar, dass unwirkliche Orte geruchlos sind.“

„Waisenkind“ ist ein sehr intensiver, aber auch fordernder Roman mit einer sehr starken Protagonistin, für den ich 4 von 5 Sternen vergebe.

Vielen Dank an den Kein & Aber Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 18.05.2026

Seinen Platz in der Welt finden: Kinderbuch für Vielfalt und Akzeptanz

Theo liebt es bunt
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„Theo liebt es bunt“ von Samuel Langley-Swain hatte mich sofort vom Cover her angesprochen, aber auch inhaltlich:

Im Wald führen alle Wiesel ein unauffälliges Leben, alle sehen gleich aus. Nur nicht Theo! ...

„Theo liebt es bunt“ von Samuel Langley-Swain hatte mich sofort vom Cover her angesprochen, aber auch inhaltlich:

Im Wald führen alle Wiesel ein unauffälliges Leben, alle sehen gleich aus. Nur nicht Theo! Er liebt es nämlich, bunte und knallige Kleidung zu tragen und benimmt sich so gar nicht, wie es sich für ein Wiesel gehört. Doch er hatte nicht erwartet, dass die anderen Wiesel das so verärgern könnte. Die finden, er muss sich anpassen und so sein wie sie alle. Sie stellen sich ihm mit Protestschildern in den Weg. Theo geht traurig nach Hause und räumt seine bunten Outfits weg. Doch sein Vater macht ihm Mut, zu sich selbst zu stehen und sich nicht unterkriegen zu lassen.
Doch erst dank der Hilfe durch vorbeikommende Hermeline schafft Theo es, seinen Platz in der Welt zu finden.
Die anderen Wiesel erweisen sich überraschend auch noch als lernfähig, denn am Ende sehen sie ein: Jede*r darf so sein, wie sie/er will - Unterschiede machen das Leben sogar schöner, lustiger, besser.

„Theo liebt es bunt“ ist ein wertvolles Kinderbuch rund um das Thema Akzeptanz, Diversität und Vielfalt, das mit schönen Illustrationen und einem kindgerechten Text gut gelungen ist.
Der Schluss hätte meiner Meinung nach noch etwas besser umgesetzt werden können, was aber bei der angestrebten Zielgruppe ab 4 Jahren wohl auch schwierig sein könnte.

Insgesamt finde ich das Buch gelungen, auch als Gesprächsbasis mit Kindern, nicht nur zum Thema Kleidung, sondern das geht viel tiefer: Wie darf ich sein, wie darf ich mich zeigen. Gut geeignet auch, um Gruppenzwang und Vorurteilen vorzubeugen und die Individualität und das Selbstbewusstsein von Kindern zu stärken.

Vielen Dank an den Knesebeck Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 18.05.2026

Gebrauchsanweisung für Empathie und Zusammenhalt

Wut und Wärme
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Die fünf Schwestern Tuna, Tülin, Tuğba, Tezcan und Düzen Tekkal stammen aus einer jesidisch-kurdischen Flüchtlingsfamilie. Sie sind Aktivistinnen und setzen sich weltweit für Frauen- und Menschenrechte ...

Die fünf Schwestern Tuna, Tülin, Tuğba, Tezcan und Düzen Tekkal stammen aus einer jesidisch-kurdischen Flüchtlingsfamilie. Sie sind Aktivistinnen und setzen sich weltweit für Frauen- und Menschenrechte ein. In ihrem gerade im Brandstätter-Verlag erschienenen Buch „Wut und Wärme: Wie wir mit Schwesternschaft Deutschland verändern“ gehen sie der Frage nach, was wir in Zeiten von Hass, Hetze und Polarisierung brauchen.

Neben der persönlichen Lebens- und Familiengeschichte der Tekkal-Schwestern, die alleine schon beeindruckend genug ist, hat mich ihr Buch mit vielen klugen Worten und vor allem den Taten dieser Frauen sehr beeindruckt und berührt.

„Widerstand ist Leben. Dabei hat Rebellion viele Gesichter. Sie kann laut sein oder leise, sie ist kein Selbstzweck. Alles umzuwerfen, nur um seine selbst willen, führt uns nicht weiter. Aber: es sind Situationen denkbar, in denen nur ein harter Bruch der Ausweg ist. Auch Flucht ist eine Rebellion.
Wir gehen von einer Situation aus, in der es Spielräume gibt. Was hier weiterführt: Regeln und Normen zu hinterfragen, sie auf ihren Sinn und ihre Gültigkeit zu überprüfen, gegen Ungerechtigkeit aufzustehen. Auch und gerade in den Systemen, den wir uns zugehörig fühlen und die wir beeinflussen können, unsere Familien, unsere Partnerschaften, Arbeitsumgebungen, den Wohnort.
Unseren Rebellionsmuskel trainieren wir nicht nur für uns selbst. Sondern auch, um andere stark zu machen. Aber dafür müssen wir unsere eigenen Bedürfnisse kennen, artikulieren können und unsere Argumente schärfen. Gewinnen darf nie, wer am lautesten schreit - sondern wer die Vernunft auf seiner Seite hat.“

Im Mittelpunkt des Buches steht die Schwesternschaft: nicht (nur) als Blutsverwandtschaft, sondern als Haltung. Und mit dieser Haltung kann jeder etwas bewirken, im privaten, im Beruf, überall.
„Unterschiede zulassen und trotzdem die Verbindung halten“ – „Es geht nicht um Nationalität, nicht um Religion.“

„Menschen wie uns, Frauen wie uns kommt hier eine wichtige Rolle zu: Weil wir unsere Identität so sehr als Mischung aus verschiedenen Einflüssen erleben, können wir Brücken bauen zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft.
Das ist eine Kraft, die oft zu wenig gesehen und geschätzt wird. Wir laden alle Menschen ein, diese Fähigkeit bei sich selbst zu kultivieren. Nur so entsteht Empathie, nur so ist Differenzierung möglich.“

„Wut und Wärme halten unsere Familie zusammen, unser Denken, uns als Schwestern. Unsere Vision: diese Familienformel zu übertragen. Die Kraft der Schwesternschaft als eine neue Form des Wir.
Denn das, was in einer Vierzimmerwohnung in Hannover-Linden funktioniert hat, und später in einem Haus in Berenbostel, passt auch in größere Zusammenhänge. Es geht überall um Aushandlungsprozesse, darum, dass die besseren Argumente sich durchsetzen. Wir sind überzeugt: Das könnte eine Gebrauchsanweisung sein für eine Einwanderungsgesellschaft in krisenhaften Zeiten. Für eine Politik der Menschlichkeit. Für Zusammenhalt statt Spaltung, aber genauso für ehrliche und respektvolle Debatten ohne Tabus und blinde Flecken.“


„Wut und Wärme“ ist ein Plädoyer für Zusammenhalt, Verantwortung und Empathie – und genau das brauchen wir aktuell mehr denn je!

„Wir können Hebammen dieser Neugeburt sein. Aber die Anstrengung müssen wir alle gemeinsam leisten. Am Ende wünschen wir uns nur eines: einen Ort der Liebe und der Verbindung. Einen Ort, an dem man den Schlüssel von außen stecken lassen kann, ohne Angst davor, wer zu Besuch kommt.“

Vielen Dank an diese tollen Schwestern und 5⭐️ für ihr Buch!
Und ganz herzlichen Dank an den Brandstätter-Verlag und Lovelybooks.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 18.05.2026

Fantasievolles, witziges Abenteuer mit Tante Polly

Tante Polly
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Theoretisch ist mein Kind schon aus dem Lesealter für dieses Buch raus ... eigentlich. Aber es ist nun mal so, dass wir bei Neuveröffentlichungen von Paul Maar einfach immer zugreifen müssen!

Auch „Tante ...

Theoretisch ist mein Kind schon aus dem Lesealter für dieses Buch raus ... eigentlich. Aber es ist nun mal so, dass wir bei Neuveröffentlichungen von Paul Maar einfach immer zugreifen müssen!

Auch „Tante Polly“ hat genau unseren Geschmack getroffen!

Hier darf der 10jährige Mirko in den Ferien für zwei Wochen seine Großtante Polly besuchen. Zum Geburtstag hatte sie ihm ein geheimnisvolles Buch geschenkt, das sie angeblich auf einer abenteuerlichen Amerika-Reise erworben hat. So ganz realistisch klingt die Geschichte nicht – aber das ist bei Tante Polly eigentlich normal. Mirkos Mutter ist nicht so begeistert davon, dass Tante Polly so viel flunktert und fantasiert:

„‘Tante Polly, ich habe eine große Bitte: Erzähl Mirko nicht ständig solche Fantasiegeschichten, sonst fängt er irgendwann auch damit an.’
‘Was hast du gegen Fantasie?’, fragte Tante Polly. ‘Ohne Fantasie gäbe es zum Beispiel keinen Nasenhaarschneider und keinen elektrischen Spaghetti-Dreher. Auch keine Zahnbürste. Die musste ja erst mal erfunden werden.’
‘Ich schätze, Mirko wäre manchmal froh, wenn man die nicht erfunden hätte’, sagte seine Mutter.“

Doch Mirko ist neugierig, was von Tante Pollys Geschichten stimmt und was nicht. Schließlich darf er doch zu ihr reisen in den Sommerferien. Er freundet nicht nur mit Monika, einem Mädchen aus dem Dorf, an, vor allem erlebt er mit Tante Polly so allerlei. Die lebt nämlich in einem alten Haus, ohne warmes Wasser, ohne Internet, dafür mit Brieftauben und zwei Hunden namens Zorro und Lizzy. Hier gibt es viel zu entdecken, und Mirko und Tante Polly fantasieren beide gerne.
Als dann noch ein seltsamer Mann in ständig anderen Verkleidungen durch Tante Pollys Haus schleicht und ihre Schränke durchwühlt, wird es immer geheimnisvoller. Was sucht der Mann denn?
Am Ende hat auch Tante Polly noch ein großes Geheimnis – aber das verrate ich natürlich nicht. Lest es bitte selbst!

Die lustigen Illustrationen von Nikolai Renger passen perfekt zu dieser Geschichte voller Fantasie und Wortwitz.

Wir können das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen!

Vielen Dank an den Oetinger Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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