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Veröffentlicht am 19.08.2024

Zwischen Themse und Tigris

Am Himmel die Flüsse
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Es gibt Schriftsteller, die bleiben bei einem sicheren Erfolgsrezept und alle ihre Romane scheinen einander ein bißchen zu ähneln. Und es gibt andere, bei denen jedes neue Buch eine Überraschung ist: Wohin ...

Es gibt Schriftsteller, die bleiben bei einem sicheren Erfolgsrezept und alle ihre Romane scheinen einander ein bißchen zu ähneln. Und es gibt andere, bei denen jedes neue Buch eine Überraschung ist: Wohin werden die Leser*innen als nächstes geführt? Elif Shafak, türkische Autorin im englischen Exil, gehört zu meinen Lieblingsautorinnen, seit ich sie mit "Unerhörte Stimmen" für mich entdeckt habe. Ihr neues Buch, "Am Himmel die Flüsse" bestätigt mich darin wieder.

Wenn es einen roten Faden gibt, der sich durch Shafaks Bücher zieht, dann ist es nicht ein bestimmtes Sujet, sondern die poetische, bildhafte Sprache, ihre Positionierung für Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen oder anders sind als die in ihrer Umgebung. Ihr neues Buch spielt zwischen Themse und Tigris, verbindet die Liebe zu Dichtung und Geschichte mit Schicksalen zwischen 19. Jahrhundert und Gegenwart und lässt auch ein bißchen das alte Mesopotamien einfließen.

Es sind Keilschriftzeichen, Zitate aus dem Gilgamesch-Epos, Flüsse und eine blaue Tafel aus Lapislazuli, die ganz unterschiedliche Menschen in diesem Roman letztlich über Raum und Zeit verbinden: Die von einem Kindheitstrauma geprägte Zaleekha, Wissenschaftlerin und Hydrologin im London des Jahres 2018, die neunjährige Narin, die 2014 in einem Ezidendorf aufwächst und nichts von den nahenden Gefahren durch den IS ahnt und Arthur, der 1840 im Schlamm der Themse geboren wird und dank seiner Intelligenz und einigen glücklichen Wendungen einer Kindheit in größter Armut entkommen kann und als autodidaktischer Wissenschaftler im britischen Museum das Gilgamesch-Epos entziffert.

Trauma, Verlust, aber auch Liebe erfahren diese drei Protagonisten, die von ihrer Persönlichkeit her ganz unterschiedlich, aber alle sensibel und voller Nähe geschildert werden. Shafak verbindet einen historischen Roman, der auf wahren Gegebenheiten beruht, mit Herausforderungen der Gegenwart durch Wasserverschmutzung, Umweltzerstörung und Klimawandel sowie den Massakern - man kann durchaus auch von Völkermord sprechen - an den Eziden über Jahrhunderte hinweg.

"Am Himmel die Flüsse" ist offensichtlich akribisch recherchiert, ohne "trocken" zu wirken, Wissenswertes wird in die Geschichte verwoben, in der immer wieder Zeit und Perspektive der jeweiligen Protagonisten wechseln. Elif Shafak zeigt sich hier einmal wieder als großartige Geschichtenerzählerin voller Tiefe und Lebendigkeit. Unbedingte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 19.08.2024

Wiener Klüngel

Freunderlwirtschaft
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"Freunderlwirtschaft", das klingt im Österreichischen so viel charmanter als "Klüngel", aber es geht um das gleiche Prinzip in Petra Hartliebs gleichnamigen Wien-Krimi, eigentlich Politkrimi. Gleich der ...

"Freunderlwirtschaft", das klingt im Österreichischen so viel charmanter als "Klüngel", aber es geht um das gleiche Prinzip in Petra Hartliebs gleichnamigen Wien-Krimi, eigentlich Politkrimi. Gleich der ersten Fall der neu ernannten Leiterin der Wiener Mordkommission, Alma Oberkofler, hat es in sich. Es ist nicht die übliche aus den Fugen geratene Streiterei im Milieu oder Beziehungstat, nein, der junge, gutaussehende Landwirtschafts- und Tourismusminister wird tot in seiner schicken Penthousewohnung gefunden.

Ein Unfall, ein eskalierter Streit, eine geplante Tat? Fragen könnte vielleicht die Verlobte des Toten beantworten, als Pressesprecherin der Wirtschaftsministerin selbst Profi im Politikbetrieb. Doch die ist verschwunden und offenbar bewusst abgetaucht, nachdem sie erst das Maximum an Bargeld von einem Geldautomaten abgehoben, ihr Handy zerstört und ihren Wagen auf dem Parklplatz eines Einkaufszentrums stehen gelassen hat.

Manches kommt Alma in diesem Fall, in dem ihr sofort der Staatsschutz zur Seite gestellt wird, merkwürdig vor, angefangen bei den Wohnverhältnissen des Paares, die doch einige Fragen aufwerfen. Dass Jessica als Verlobte des Toten in den Focus gerät, ist zwar nicht merkwürdig, wohl aber, dass jeder gewillt scheint, andere Optionen schnell auszuschließen.

Hartlieb splittet ihren Roman in zwei Handlungsstränge - einmal die aktuellen Ermittlungen in Wien, anderererseits Jessicas Flucht und eigene Recherchen, mit Rückblicken in die Vergangenheit, die die Beziehung zwischen ihr und dem toten Minister einzuordnen helfen. Und wo der Tote der beste Freund des jungen Kanzlers war, wächst auch ganz schnell der Druck auf die Ermittler.

Schnell muss Alma feststellen, dass sie von einer gut vernetzten Journalistin mehr über die Hintergründe des Wiener Politikbetriebs erfährt als auf dem Amtsweg. Dann gibt es einen weiteren Todesfall, der so schnell zum Unfall erklärt und abgeschlossen wird, dass Alma misstrauisch wird. Doch je tiefer sie gräbt, desto größer wird der politische Druck. Um zur Wahrheit vorzudringen, braucht sie Hilfe von ungewöhnlicher Seite.

"Freunderlwirtschaft" ist spannend und unterhaltsam geschrieben und angesichts früherer Skandale um mächtige Männerbünde und ihre Interessen in der Alpenrepublik durchaus glaubwürdig und konsequent. Ein Alleinstellungsmerkmal Österreichs sind solche Zustände allerdings nicht. Mit Alma Oberkofler und ihrem Team wurde eine sympathische, unbestechliche und aufrechte Protagonistin in den Mittelpunkt gestellt. Wer einen Kriminalroman mit einem guten Plot zu schätzen weiß, ist hier gut aufgehoben.

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Veröffentlicht am 18.08.2024

Clicks, Populismus und ein verschwundenes Mädchen

VIEWS
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Mit seinem Thriller "Views" sorgt Marc-Uwe Kling für Spannung mit aktuellen Bezügen. BKA-Ermittlerin Yasira Saad leitet die Ermittlungen im Fall einer verschwundenen 16-Jährigen. Was zunächst nicht zu ...

Mit seinem Thriller "Views" sorgt Marc-Uwe Kling für Spannung mit aktuellen Bezügen. BKA-Ermittlerin Yasira Saad leitet die Ermittlungen im Fall einer verschwundenen 16-Jährigen. Was zunächst nicht zu alarmierend gesehen wird - es kommt schließlich immer wieder vor, dass rebellierende Teenager nach einem Streit zuhause für ein paar Tage verschwinden - bekommt Brisanz, als ein verstörendes Video auftaucht, dass eine brutale Gruppenvergewaltigung der jungen Frau durch mehrere dunkelhäutige Männer zeigt. Das Video geht viral, schnell kocht die populistische Volksseele, eine Gruppe namens Aktiver Heimatschutz bildet sich und will die Täter, oder gleich Afrikaner überhaupt jagen. Die Initialen kommen nicht von ungefähr.

Und mit der libanesischstämmigen Ermittlerin wollen auch die Innenministerin und die Behördenleitung ein Gesicht vorweisen können, das eben kein alter weißer Mann ist. Yasira und ihr Team geraten immer mehr unter Druck, je mehr populistische Strömungen die Tat aufgreifen und für ihren Hass gegen Ausländer und Asylbewerber nutzen. Demonstrationen und Gegendemonstrationen heizen zunehmende Gewaltbereitschaft auf, längst hat der Vermisstenfall eine politische Dimension erreicht.

Es ist längst keine Zukunftsvision, die Kling hier aufzeigt. Die Reaktionen auf die in Kandel von einem Asylbewerber ermordete 15-Jährige, auf den Mord an der 15-Jährigen Susanne aus Mainz vor einigen Jahren haben gezeigt, wie schnell rechtsextreme Gruppen solche Taten ausnutzen, um gegen Geflüchtete zu hetzen. Die Demonstration in Chemnitz, der Sturm auf den Reichstag, Reichsbürger und ihre Verschwörungstheorien - das ist alles keine Phantasie eines Autors. Insofern viel Gegenwartsbezüge mit einem Focus auf die Rolle der Polizei, die zwischen den Fronten aufgerieben zu werden droht und sich nach rechtsextremen Vorgängen in den eigenen Reihen um ein besseres Image bemühen muss.

In einer Szene hören Yasira und ihr Kollege Michael im Auto eine Queen-CD, Bohemian Rhapsody:"Is this the real life? Is this just phantasy?" Während die Suche nach Tätern und Tatorten zu keinerlei Erkenntnissen führt, wird das für Yasira ein Leitmotiv. Was, wenn alles ganz anders ist? Wenn der Fakt einer verschwundenen 16-jährigen, deren Instagram-Profil Bilder liefert, für einen deep Fake ausgenutzt wird? Ist das überhaupt möglich?

Gleichzeitig wird Yasira zunehmend zur Zielscheibe von Hassfantasien selbsternannter Rächer deutscher Frauen und Mädchen - auch mit dem Hass im Netz, gerade in der frauenverachtenden und gewaltverherrlichenden Variante, ist Klings Buch sehr aktuell.

Über weite Strecken habe ich das Buch sehr gerne gelesen, am Ende allerdings hatte ich das Gefühl, dass Gewalt des drastischen Effekts willen geschildert wird, dass die Wahrscheinlichkeit des Szenarios abnimmt und das Ganze an Glaubwürdigkeit verliert, während gleichzeitig der Vermisstenfall immer mehr in den Hintergrund rückt.

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Veröffentlicht am 17.08.2024

Langer Abschied

Alte Eltern
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Schon der Titel "Alte Eltern" verrät, dass Volker Kitz einerseits ein sehr persönliches Buch geschrieben hat und andererseits eines über die Erfahrung, die viele Menschen ab einem bestimmten Alter machen: ...

Schon der Titel "Alte Eltern" verrät, dass Volker Kitz einerseits ein sehr persönliches Buch geschrieben hat und andererseits eines über die Erfahrung, die viele Menschen ab einem bestimmten Alter machen: Plötzlich sind die Eltern nicht nur älter, sie sind alt. Sie werden langsamer, sie werden müder. Krankheiten treten auf - einige machen sie körperlich schwächer, andere greifen den Geist an, wie bei Kitz´s Vater, der an Demenz erkrankt.

Kitz ist sehr ehrlich, wenn er den Prozess, auch die eigene Reaktion beschreibt: Erst die Verleugnung und Verdrängung, bis die Symptome nicht zu übersehen sind. Die Rat- und Hilflosigkeit der beiden Söhne, die sich eingestehen müssen, dass der Vater nicht mehr alleine im Elternhaus auf dem Dorf leben kann, die Suche nach der besten Lösung, die dem Endsiebziger gerecht wird, denn beide leben schon lange nicht mehr in der Nähe der alten Heimat.

Kitz drückt sich nicht vor der Verantwortung, er findet eine Seniorenresidenz in Berlin, nahe der eigenen Wohnung. Ein Heim, das ein bißchen wie ein Hotel aussieht. Gelingt es, dass der Vater sich einlebt? Findet er, der wie viele Männer seiner Generation den Aufbau sozialer Kontakte seiner Frau überlassen hat, überhaupt Anschluss oder wird er vereinsamen? Alle paar Tage ist der Sohn für mehrere Stunden zu Besuch, zu oft, mahnt eine Pflegerin, denn dadurch ist der Vater ganz auf den Sohn focussiert. Der wiederum will so auch verhindern, dass der Vater ihn irgendwann nicht mehr erkennt.

Als Autor von Sachbüchern geht Kitz das Thema zugleich analytisch an, recherchiert zu Gedächtnis, Erinnerung, Demenz. Doch wie gelingt ein sachlicher Zugang zu einem Thema, das ihn ganz persönlich betrifft? Es gibt die guten Tage, die Hoffnung machen, dass es vielleicht gar nicht so schnell so schlimm ist - und die, an denen Geduld zur harten Aufgabe wird, an denen das Erschrecken überwiegt über selbstverständliche Dinge, die plötzlich "weg" sind im Skillset des Vaters - wie eine Türklinke funktioniert zum Beispiel.

Es ist eine Geschichte von Bangen und Begleiten, von einem langen Abschied, von dem Punkt, wo der Sohn den unter einer Lungenentzündung leidenden Vater eigentlich gehen lassen sollte - und dennoch zögert, den Ärzten die vor Jahren erstellte Patientenverfügung zu geben. Es ist auch, weit über das Thema Demenz hinaus, eine Vater-Sohn-Geschichte, geprägt von Liebe und Wertschätzung. Ein Buch, in dem sich viele, die in ähnlichen Situationen standen, wieder erkennen werden und das auch diejenigen, deren Eltern noch nicht in der letzten Lebensphase sind, nachdenklich machen dürfte. Großer Respekt für dieses ehrliche Buch.

Veröffentlicht am 17.08.2024

Nonne jagt Feuerteufel

Verbrannte Gnade
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chwester Holiday, Mitglied eines kleinen Konvents von nur vier Nonnen in New Orleans und kurz vor ihrem "ewigen Gelübde", ist nicht gerade die typische Braut Christi. Zwar stammt sie aus einer streng katholischen ...

chwester Holiday, Mitglied eines kleinen Konvents von nur vier Nonnen in New Orleans und kurz vor ihrem "ewigen Gelübde", ist nicht gerade die typische Braut Christi. Zwar stammt sie aus einer streng katholischen Familie und ist tief gläubig, andererseits hat sie eine Vergangenheit als lesbische Punkrockerin, ist vom Hals abwärts ganzköpertätowiert und hat bei der Kombination Sex, Drugs & Rock nichts anbrennen lassen. Mit Schwester Holiday hat Margot Douaihy mit ihrem Kriminalroman "Verbrannte Gnade" eine ungewöhnliche Protagonistin geschaffen.

Die Entsagung von weltlichen Freuden, die sie bis dahin so lustvoll genossen hat, ist für Holiday auch ein Stück Wiedergutmachung für eine vergangene schwere Schuld und der Versuch, innere Heilung zu finden. Statt barbusig auf der Bühne zu stehen, ist sie nun - der Tattoos wegen - im schwülheißen New Orleans verhüllt mit Halstuch und Handschuhen, unterrichtet Musik an einer katholischen Privatschule und versucht, sich in die ganz neue Lebenswelt des Klosters einzufinden.

Dass der Altersunterschied zwischen Holiday und den anderen Nonnen mindestens vier Jahrzehnte ausmacht, erleichtert das nicht gerade. Vor allem nicht im Umgang mit Schwester Honor, die Holiday ständig angiftet und keinen Hehl daraus macht, dass sie sie am falschen Platz sieht. Immerhin ist Schwester T, ex-Hippie, eine liebenswürdige Seele und Schwester Augustine, die Oberin, eine strenge aber gerechte Mentorin.

Das beschauliche Leben im Konvent findet ein jähes Ende, als ein Flügel der Klosterschule in Flammen aufgeht und Holiday während einer heimlichen Zigarettenpause entsetzt mit ansehen muss, wie Hausmeister Jack aus einem Fenster des brennenden Gebäudes stürzt. Beherzt rennt sie in das brennende Gebäude, findet dort zwei verletzte Oberstufenschüler und kann einen von ihnen nach draußen schleppen, ehe sie mit verrauchter Lunge zusammenbricht.

Holiday hat das Gefühl, dass die Polizei in ihr eine Tatverdächtige sieht, vor allem als eine ihrer Blusen erst verschwindet und dann mit angesengtem Ärmel wieder auftaucht. Versucht der eigentliche Feuerteufel, ihr die Schuld in die Schuhe zu schieben? Es bleibt nicht bei dem einen Feuer und während sich in der katholischen Community von New Orleans Panik ausbreitet und sogar die Existenz der Schule bedroht sein könnte.

"Verbrannte Gnade" ist nicht so ganz der klassische Krimi, denn neben der Suche nach der für die Brände verantwortlichen Person geht es eben auch um Sinnsuche, um queere Identität, Feminismus und die Vereinbarkeit von all dem mit dem Glauben. Es gibt Verweise auf Mystikerinnen und feministische Vorreiterinnen, die in Klöstern innere Freiheit gefunden hatten, aber auch die Auseinandersetzung mit der machtbewussten männlichen Kirchenhierarchie, hier verkörpert durch den Bischof und seine beiden Vikare, die als rechte Unsympathen rüberkommen.

Diese Vielschichtigkeit geht ein wenig auf Kosten einer schnellen Auflösung, hat für mich aber den Reiz dieses ungewöhnlichen Kriminalromans ausgemacht.

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