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Veröffentlicht am 07.03.2026

Tödliche Beziehungskrisen

The Exes
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In Liebesdingen hatte Natalie, die Protagonistin in Leodora Darlingtons Psychothriller "The Exes" bisher wenig Glück. Alle ihre bisherigen Freunde erwiesen sich als ausgesprochen toxisch. Doch dann lernt ...

In Liebesdingen hatte Natalie, die Protagonistin in Leodora Darlingtons Psychothriller "The Exes" bisher wenig Glück. Alle ihre bisherigen Freunde erwiesen sich als ausgesprochen toxisch. Doch dann lernt sie James kennen: Freundlich, zuvorkommend, sanftmütig - ein bißchen kompliziert ist, dass er auch ihr Chef ist. Doch nach einem nicht ganz so zufälligem Treffen im Pub führt eins zum anderen und schließlich zur Hochzeit.

Wenn das schon alles wäre, wäre "The Exes" ein langweiliger Gefühlsroman. Ist er aber ganz und gar nicht, denn nach und nach entblättert Darlington Natalies Vergangenheit in Form von Briefen, die sie an ihre Ex-Freunde schrieb. Briefe, die niemanden mehr erreichen können - die drei sind nämlich allesamt tot. Eine merkwürdige, aber immerhin mögliche Häufung von Zufällen? Natalie stand zum jeweiligen Todeszeitpunkt unter Drogen- oder Alkoholeinfluss und kann sich an nichts erinnern. Aber so richtig traut sie sich selbst nicht. Kein Wunder, dass sie schon seit längerem die Hilfe einer Psychotherapeutin sucht.

Und nicht genug mit den Schatten der Vergangenheit - auch die Ehe mit James ist plötzlich nicht mehr so rosarot-traumhaft, wie es anfangs schien. Könnte mit James´älterem Bruder zusammenhängen, der nicht gerade der netteste Zeitgenosse ist und auch vor Erpressung nicht zurückschreckt.

Fast scheint klar, dass Natalie zur Rettung ihrer Ehe zu ziemlich drastischen Maßnahmen schreiten muss - doch dann ist doch wieder alles ganz anders. Natalie erkennt, dass James ebenfalls ein paar Geheimnisse hat, die ihn zu einem deutlich weniger vollkommenen Ehemann machen. Schlimmer noch, er hat selbst ein paar Leichen im Beziehungskeller. Macht das dieses Ehepaar zu Traumpartners a la Mr und Mrs Smith? Oder wird diese Ehe für einen von ihnen zur Todesfalle?

Darlington schafft es, mit immer neuen Wendungen sicher geglaubtes in Frage zu stellen und ganz neue Perspektiven einer Paardynamik aufzuwerfen, die sich in das Gegenteil des romantischen Anfangs verkehrt. Doch das ist nicht der einzige Überraschungseffekt, für die die Autorin in diesem spannenden Roman sorgt. Am Ende kommt bei einigen neuen Entwicklungen durchaus Schnappatmung auf.

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Veröffentlicht am 03.03.2026

Surferkrimi in Tropenparadies

Heaven's Gate
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Bei Asia Noir habe ich bisher immer an koreanische oder japanische Krimis gedacht. Daniel Fassbender rückt mit "Heaven´s Gate" aber auch ein tropisches Inselparadies auf den Philippinen in düstere Stimmung. ...

Bei Asia Noir habe ich bisher immer an koreanische oder japanische Krimis gedacht. Daniel Fassbender rückt mit "Heaven´s Gate" aber auch ein tropisches Inselparadies auf den Philippinen in düstere Stimmung. Sein Protagonist Caruso, ehemaliger Profisurfer und als Privatdetektiv bislang eher mit Kleinigkeiten wie gestohlenen Mopeds beschäftigt, rückt ebenfalls zunehmend in die Nähe der hard boiled Detektive der klassischen Noir-Serie, die von schönen Frauen betrogen werden und reichlich Prügel kassieren. Das vermeintliche Paradies entpuppt sich als ein Sumpf von Drogen und Korruption, dass auch noch ein Taifun aufzieht, scheint da nur konsequent.

Eine schöne, reiche Spanierin heuert Caruso an, der bisher zwischen Surfen und viel Alkohol ein recht entspanntes Leben hatte. Ihr Sohn ist verschwunden und hat sich mit seinem Plan, groß ins Drogengeschäft einzusteigen, offensichtlich übernommen. Caruso stößt bei seinen Ermittlungen nicht nur auf Gegenwind, sondern auch auf Gefahren. Mit dem Vermisstenfall ist er auf ein Hornissennest gestoßen und weiß bald nicht mehr, wem er eigentlich noch trauen kann. Unerwartete Hilfe gibt es von einem ehemaligen Hamburger Zuhälter und Ex-Drogenhändler, der eigentlich entschlossen war, nun ein halbwegs sauberes Leben zu führen, aber in dem Fall persönliche Motive hat.

Ich-Erzähler Caruso ist ähnlich lakonisch und mit einem unsentimentalem, ironischen Blick auf sich selbst und seine halb gescheiterte Existenz wie die Helden der "schwarzen Serie". Ein wenig erfährt man dazu noch über Wellen, Surferszene und den Rausch des Ozeans. Ein spannender Krimi nicht nur für Strandurlaub.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Aus der Parallelgesellschaft der Superreichen

Yacht oder nicht Yacht
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In seinem Buch "Yacht oder nicht Yacht" schildert Evan Osnos Alltag und Problemchen aus einer Parallelgesellschaft, zu der die Leser*innen höchstwahrscheinlich keinen Zugang haben und auch niemals haben ...

In seinem Buch "Yacht oder nicht Yacht" schildert Evan Osnos Alltag und Problemchen aus einer Parallelgesellschaft, zu der die Leser*innen höchstwahrscheinlich keinen Zugang haben und auch niemals haben werden. Das Buch ist eine Zusammenstellung von Artikeln, die der Autor in den vergangenen Jahren für den "New Yorker" geschrieben hat und handelt von der Welt der Superreichen, die nicht einfach nur Millionäre, sondern Mehrfachmilliardäre sind.

Die wachsende politische Bedeutung und Einflussmöglichkeiten der Tech-Milliardäre und Oligarchen in den USA werden hier eher gestreift, die einzelnen Kapitel ermöglichen eher den Blick in das Innenleben und die Denkweise der Menschen mit altem und neuem Geld, die immer noch nicht genug haben.

Bei den titelgebenden Yachten handelt es sich natürlich nicht um schnöde Segelboote, sondern um Super- und Megayachten. Osnos schreibt über Privatkonzerte, bei denen ein Hip Hop Star mal eben eine Gruppe 13-jähriger auf einer Bar Mitzwah bespielt, er zeigt ultrareiche Prepper und die Suche nach exklusiven Rückzugsräumen etwa auf Neuseeland, um Sicherheit vor den Folgen von Klimawandel und politischen Spannungen zu bekommen. Faszinierend auch das Kapitel über eine Selbsthilfegruppe von Wirtschaftskriminellen aus der Welt der Wall Street und der Hedgefonds, die bei Insiderhandel oder Anlagebetrug kein schlechteres Gewissen haben als Normalbürger beim Schwarzfahren oder Falschparken - nach dem Motto: Wenn es alle machen, kann es ja nicht so schlimm sein.

Dass Osnos überhaupt Zugang zu seinen Gesprächspartner erhielt, mag auch an dem richtigen Stallgeruch liegen - er wuchs in Greenwich auf, der immer wieder zitierten "Hedgefond Capital" im südlichen Connecticut und stammt mütterlicherseits aus einer WASP-Familie mit altem Geld. Das dürfte bei Interviewanfragen geholfen haben. Noch erhellender ist der Blick in die Welt der Superreichen allerdings durch die Gespräche mit den Menschen aus dem Dienstleistungssektor, der sich um sie herum gebildet hat: Immobilienmakler und Bau-Developer für die Menschen, die schon alles Haben, Musikagenten und Yacht-Personal, Menschen, die viel Geld damit verdienen, den ganz besonderen Service zu bieten, den ihr Klientel rund um die Uhr erwartet. Trotz mancher Verschwiegenheitsklausel ist das eine recht erhellende Lektüre.

Osnos schreibt unterhaltsam, ohne sich den Porträtierten anzubiedern. Er zeigt auch, wie sich der Umgang mit dem Ultrareichtum verändert hat und welche Einflussmöglichkeiten für die Superreichen bestehen, aber auch, wie die Wohlstandsschere und die Diskrepanzen im Einkommen von CEOs und Mitarbeitern immer weiter auseinanderklaffen.

Veröffentlicht am 22.02.2026

Toxische Männer und Frauen voller Geheimnisse

Zuflucht
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Lügen, Stehlen, Betrügen - das hat Grace, die früher mal Anita hieß, von früher Jugend an gelernt. In Pflegefamilien aufgewachsen, hat ein korrupter Polizist sie zur Meisterdiebin gegroomt - und sie von ...

Lügen, Stehlen, Betrügen - das hat Grace, die früher mal Anita hieß, von früher Jugend an gelernt. In Pflegefamilien aufgewachsen, hat ein korrupter Polizist sie zur Meisterdiebin gegroomt - und sie von ihren früheren Pflegebruder Adam entfremdet. Der hat mittlerweile eine Rechnung mit ihr offen. Kein Wunder also, dass Graces Fluchtinstinkt schlagartig einsetzt, als sie bei einem neuen geplanten Beutezug auf ihn trifft und das macht, was sie in solchen Krisen stets macht - schleunigster Orts- und Identitätswechsel.

Eine australische Kleinstadt und der neue Job als Aushilfe in einem Antiquitätenladen scheinen da vielversprechend. In Garry Dishers Kriminalroman "Zuflucht" ist Grace als entwurzelte junge Frau zwischen der Sehnsucht nach Normalität und der Suche nach Kick und dem nächsten Coup zu erleben. Ihre zurückgezogen lebende neue Chefin Erin stellt wenig Fragen und überlässt der neuen Mitarbeiterin zunehmend mehr Selbständigkeit. Die Leserinnen ahnen früh - auch Erin hat so ihre Geheimnisse.

"Zuflucht" ist actionreich und mit immer neuen Wendungen, denn ein Polizist kurz vor der Pensionierung, der noch seinen letzten Fall lösen will, und Beziehungen zu toxischen Männern sind ein Risiko für Graces neues Leben. Mal ganz abgesehen von der Versuchung, die der Gedanke an den letzten großen Bruch auslöst. Doch bietet der die materiellen Grundlagen für die ersehnte Stabilität in Graces Leben, oder muss sie erneut die Flucht antreten?

Rache, toxische Beziehungen und weibliche Solidarität sind hier zu einem spannenden und doppelbödigen Kriminalroman verbunden. Disher lässt seinen Leser
innen einige Informationen zukommen, die Schlussfolgerungen und Vermutungen zu den Geheimnissen von Grace und Erin ermöglichen, ohne dabei allzu viel zu verraten. Die Figur der Grace als Berufsbetrügerin nicht ganz ohne Gewissen ist mehrdimensional und bei aller krimineller Energie sympathisch.

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Ein eigenwilliges Ermittlungsteam und ein vertrackter Fall

Die Witwe
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Erst zögerte ich ein wenig, mit "Die Witwe" von M.W. Craven mitten in eine existierende Serie einzusteigen, ohne die Vorgängerbände zu kennen. Nun bin ich aber sehr froh, dass ich das Buch gelesen habe. ...

Erst zögerte ich ein wenig, mit "Die Witwe" von M.W. Craven mitten in eine existierende Serie einzusteigen, ohne die Vorgängerbände zu kennen. Nun bin ich aber sehr froh, dass ich das Buch gelesen habe. Der Kontext in die Vergangenheit wird immer wieder mal erklärt, ohne den Erzählfluss zu stören. Vor allem aber begeistert mich die Mischung aus Spannung, einem bissigen Humor und einem eigenwillig-exzentrischen Ermittlerteam, das ein bißchen an das literarische Personal von Mick Herron erinnert mit seiner Eigensinnigkeit, seinen Sprüchen und einem wunderbaren Individualismus. Ganz nebenbei machen die literarischen Anspielungen im Text einfach Spaß.

Tilly Bradshaw und Washington Poe sind jedenfalls ein Team, das ich mir merke: Die hochintelligente Tilly, die sich hinter so ziemlich jede Firewall hacken kann, einschließlich die des Geheimdienstes, deren soziale Intelligenz aber ein bißchen hinterherhinkt. Und Poe, der sich wie ein Terrier in einen Fall verbeißt, Anordnungen von Vorgesetzten konsequent ignoriert, wenn er sie für Quatsch hält und sich Autoritäten schlicht verweigert. Kein Teamspieler außerhalb des eigenen Teams, in dem freilich höchste Loyalität und enges Vertrauen herrschen.

Und doch wird dieses Duo ausgerechnet vom britischen Inlandsgeheimdienst angefordert, als es kurz vor einem hochrangigen Wirtschaftsgipfel einen Mord aufzuklären gibt. Ebenfalls mit dabei: Eine beobachtende FBI-Ermittlerin, die Poe und Tilly aus einem vergangenen Fall kennen und eine ehrgeizige MI5-Frau, der das Duo nicht traut - und die wiederum angesichts Poes despektierlicher Art rot sieht.

Ein Toter in einem illegalen Bordell, ein cold case um einen toten Einbrecher, ein tödlicher Vorfall in Afghanistan und die ganz besondere Klientel ehemaliger Berufssoldaten - all das verbindet sich in diesem Kriminalroman zu einem komplizierten Geflecht mit immer neuen Twists. Craven überrascht seine Leser:innen fast bis zur letzten Seite. Kaum etwas ist hier so, wie es auf den ersten Blick erscheint, und ähnlich wie bei einer russischen Matrjoschka-Puppe folgt auf jede freigelegte Informationsschicht ein neues Geheimnis. Intelligent, bei aller Spannung immer wieder auch mit bissigem Witz und sehr lesenswert.

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