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Veröffentlicht am 08.08.2020

Eine moderne saudische Frau und ihre Rache

Saras Stunde
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«Saras Stunde» ist die Geschichte einer Rache, vor allem aber die Geschichte einer modernen saudischen Frau, die sich weder als Opfer noch als Objekt sehen will. Das Buch von Najem Wali ist Anklage, Gesellschaftsporträt ...

«Saras Stunde» ist die Geschichte einer Rache, vor allem aber die Geschichte einer modernen saudischen Frau, die sich weder als Opfer noch als Objekt sehen will. Das Buch von Najem Wali ist Anklage, Gesellschaftsporträt und ungewöhnliche Liebesgeschichte zugleich.


Sie ist eine selbstbewusste Frau, keine die schweigt und den Blick niederschlägt. Doch im vielleicht entscheidensten Moment ihres Lebens verkleidet sich Sara, die Titelheldin des Romans «Saras Stunde» von Najem Wali, als Mann. Nur so kann sie den als Befreiungsschlag angesehenen Mord an dem Mann begehen, der so viele Leben ruiniert hat. Denn um in das Krankenhaus zu fahren, in dem ihr verhasster Onkel im Koma liegt, muss Sara Auto fahren - und das ist ihr als Frau in Saudi Arabien verboten.

Wali, der nach Ausbruch des Krieges zwischen Irak und Iran 1980 nach Deutschland flüchtete, stammt aus dem Irak, seine vorangegangenen Bücher befassten sich mit seiner Heimat. Nun wechselt er nicht nur die Szene seines Buches, sondern auch die Perspektive. «Saras Stunde» ist erzählt aus der Sicht einer Frau, die sich nicht fügen will in das Schicksal einer schweigenden, gehorsamen Frau unter dem Schleier.

Als jüngstes Kind und später Nachkömmling ist Sara so ganz anders als ihre Geschwister, hat schon als kleines Kind ihren eigenen Kopf. Die Mutter sieht es mit Sorge, der Vater, mit Aufträgen der US-Armee reich geworden, lässt der jüngsten Tochter Freiheiten, die er ihren älteren Schwestern nicht zugebilligt hätte. Sie darf sogar auf eine ko-edukative Grundschule gehen, in der auch Mädchen gemessen an den üblichen Verhältnissen des streng islamischen Landes mehr Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten haben. «Ich will nicht mehr die erste Schönheitskönigin des Königreiches werden, ich will die erste Psychiaterin in Saudi-Arabien werden», schreibt die zehnjährige Sara in einem Brief an ihre Freundin Alhanuf.

Die Geschichte Saras könnte sich zu einem arabischen Frauenfrühling entwickeln, zur Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau, die den Traditionen der Männergesellschaft entgegentritt. Doch es kommt anders. Sara, als zehnjährige mit dem ersten Irakkrieg konfrontiert, der ihren Vater nur noch reicher macht, missfällt mit ihrer selbstbewussten Art Scheich Jussuf-al-Ahmad, dem Chef der «Behörde für die Verbreitung von Tugendhaftigkeit und für die Verhinderung von Lastern». Er ist der Bruder von Saras Mutter, doch Sara ahnt schon früh - von diesem Onkel ist nichts gutes zu erwarten.

Der Mann, der selbst in der wahabitischen Gesellschaft als streng gilt, sieht mit Freude, dass fast alle seiner Söhne den Koran studieren und der Reihe nach dem Ruf ihres Landsmanns Osama bin Laden nach Afghanistan folgen. Nur sein Erstgeborener, Nassir, ist anders und flieht zum Studium ins gemäßigtere Nachbarland Bahrein, um dort zu studieren.

Die vom Onkel erzwungene arrangierte Ehe zwischen Nassir und Sara erweist sich als Ausweg für die beiden jungen Leute. Denn Nassir, der mittlerweile in Großbritannien studiert und davon träumt, ein Erfinder zu sein, ist homosexuell, auch wenn er sich selbst die Gefühle für seinen langjährigen Schulfreund zunächst nicht eingestehen will. Für Sara wiederum ist die Ehe, in der das Paar schon vor der Hochzeitsfeier beschließt, geschwisterlich zusammen zu leben, die Tür in eine Welt, in der sie den Hijab ablegen und das Leben einer westlichen Frau in London führen kann.

Mit den Terroranschlägen vom 11. September geht auch das Leben in London in Trümmer. Als Saudi, der im Keller seines Hauses immer wieder mit seinen Experimenten Explosionen auslöst, gerät Nassir unter Terrorverdacht. Sara muss zurück nach Saudi Arabien, in eine Gesellschaft, in die sie nie zurück kehren wollte. Nun will sie Rache, auch für alle diejenigen, deren Leben durch den religiösen Fanatismus des Scheich zerstört wurde.

Mit großer Sympathie für die junge Generation, die gegen alte Werte aufbegehrt, schildert Wali das Schicksal Saras und ihrer Familie, kritisiert Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit der selbst ernannten Religions- und Sittenhüter. Mit Sara hat er eine Titelheldin geschaffen, mit der sich nicht nur muslimische junge Frauen identifizieren können, sondern alle, die gegen vorgezeichnete Rollen aufbegehren.

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Veröffentlicht am 08.08.2020

Das Trauma der Überlebenden

Gezeichnete
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Manchmal ist auch das Überleben tödlich. Die Erzählsammlung der israelischen Schriftstellerin Irit Amiel gibt eine Ahnung vom Trauma der Holocaust-Überlebenden, das bis in die Gegenwart andauert.


Sie ...

Manchmal ist auch das Überleben tödlich. Die Erzählsammlung der israelischen Schriftstellerin Irit Amiel gibt eine Ahnung vom Trauma der Holocaust-Überlebenden, das bis in die Gegenwart andauert.


Sie haben überlebt, aber sie blieben gezeichnet, auch
70 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager. Sie verließen
Europa, suchten eine Zukunft im jüdischen Staat – und fühlten sich
auch dort allein, unverstanden, zum Schweigen verdammt. Die
israelische Schriftstellering Irit Amiel erzählt in ihrer
Kurzgeschichtensammlung «Gezeichnete» Geschichten vom Leben nach dem
Holocaust, Geschichten, die deutlich machen, dass Überleben alleine
kein happy end bedeutet.

Was ist hier Fiktion, und wo werden Nachbarn, Freunde, Bekannte
skizziert? Immer wieder beschreibt Amiel Orte und Straßen, die sie
selbst kennt, das Ghetto von Tschenstochau, in dem sie als Kind
lebte, damals, als sie noch Irena Librowicz hieß. Die Menschen, die
sie beschreibt, sind ihre Altersgenossen aus Polen, aus Litauen, aus
der Ukraine, für die mit dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen
Besatzung die Kindheit endete und der Kampf ums Überleben begann.

In ihrem Buch setzt Amiel den Toten wie den Überlebenden ein Denkmal,
lässt ahnen, wie hoch der Preis Überlebens ist, wenn von Freunden,
Familie, Klassenkameraden nur die Erinnerung bleibt und das wissen,
alleine übrig zu sein, als letzter Zeuge, dass sie je gelebt haben.
«Nur ich blieb übrig, eine Gezeichnete, um sich zu erinnern und zu
erinnern, zu weinen und bis zum letzten Atemzug darüber zu
schreiben», heißt es in einer der Erzählungen. Das könnte auch ein
autobiographischer Satz von Amiel sein.

Die Einsamkeit der Opfer in den Ghettos und Todeslagern, den
Hunger, die unmenschlichen Lebensbedingungen, die Angst vor
Entdeckung und Verrat bei denjenigen, die im Untergrund mit falschen
Papieren überlebten – das ist nur ein Teil der Geschichte von Rafael
und Klara, Bruria und Elkana und all der anderen, die Amiel auf
wenigen Seiten porträtiert. Manches davon ist aus der
Erinnerungsliteratur bekannt, aus Gedenkstättenbesuchen.

Amiels Geschichten enden jedoch nicht 1945, sie beschreiben auch den
Neuanfang, die Lager für Displaced Persons, für das menschliche
Strandgut aus ganz Europa. Sie schildern das Leben in Israel, wo die
traumatisierten europäische Juden auf Zionisten stießen, vor denen
sie sich für ihr Schicksal geradezu rechtfertigen mussten und von
denen sie, so empfanden sie es jedenfalls, irgendwie verachtet
wurden.

Denn sie waren nicht die Avantgarde, die ihr Schicksal mit der
Auswanderung nach Palästina in den 20-er oder 30-er Jahren in die
Hand genommen hatten, sondern die Schwachen, die Opfer, die aus einem
vom Krieg verwüsteten Kontinent kamen und sich schon wieder in einem
Land unter fortwährender Bedrohung fanden.

Die Protagonisten in Amiels Geschichten schwiegen, wie viele
Überlebende, Jahrzehnte lang. Doch die Vergangenheit ruhte nur, wurde
mit zunehmendem Alter immer lebendiger. Manche der «Gezeichneten»
finden als alte Menschen doch noch Frieden mit ihrer Vergangenheit,
andere scheitern endgültig an ihrem Lebenstrauma. Es sind knappe,
leise Geschichten ohne Pathos, aber mit viel Traurigkeit und einem
bißchen Hoffnung.

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Veröffentlicht am 07.08.2020

Kriegsroman und Kriegswirklichkeit

Propaganda
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Als einen "Hans im Glück" kann man den Romanhelden John Glueck wohl nicht bezeichnen. Der Ich-Erzähler aus Steffen Kopetzkys Roman "Propaganda" hat zwar im Zweiten Weltkrieg eine der für die amerikanischen ...

Als einen "Hans im Glück" kann man den Romanhelden John Glueck wohl nicht bezeichnen. Der Ich-Erzähler aus Steffen Kopetzkys Roman "Propaganda" hat zwar im Zweiten Weltkrieg eine der für die amerikanischen Truppen blutigsten Schlachten im Hürtgenwald in der Eifel überlebt, doch ein Einsatz 30 Jahre später in Vietnam hat ihm eine üble Hautkrankheit eingebracht. Er sei zu lange einem Entlaubungsmittel ausgesetzt gewesen, verrät Glueck, der zu Beginn des Romans in einer Gefängniszelle sitzt.

Doch in dieser schuppigen, eiternden, sich schälenden Haut, die er selbst nicht mehr als die eigene erkennt, fühlt er sich ohnehin wie lebendig eingemauert. Was für einen Unterschied macht da schon ein Gefängnis in Missisippi, zumal der liberale Gefängnisdirektor in seinem rätselhaften Gefangenen den verhinderten Schriftsteller erkennt und ihm Papier und Schreibzeug zur Verfügung stellt.

Denn Glueck, als Kind einer deutsch-amerikanischen Familie an der Lower East Side aufgewachsen, voller romantischer Vorstellungen über dads alte Herkunftsland seiner Familie, wollte eigentlich ein Autor werden. Doch es kam anders: Der literarisch ambitionierte Schöngeist wird durch den Zweiten Weltkrieg zum Offizier für psychologische Kriegsführung, sprich, für Propaganda. So leistet Glueck, der als Jugendlicher einen Sommer lang für die begeisterte Nationalsozialistin Grete schwärmte, deren Vater als deutscher Manager in New Yort stationiert war, seinen Beitrag zur Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. Vom Krieg bekommt er wenig mit - er kämpft mit Worten, von seinem Londoner Schreibtisch aus.

Das ändert sich erst, als Glueck für eine Reportage in der letzten Kriegsphase nach Frankreich kommt. Er soll sich auf die Suche nach Ernest Hemingway machen, Paris steht vor der Befreiung, und Glueck erhofft sich von dem Kontakt mit dem berühmten Schriftsteller auch einen Kick für das Buch, das er nach dem Krieg endlich zu schreiben hofft. Als angeblicher Kumpel von Hemingways Sohn wird Glueck von "Papa" Hemingway mit offenen Armen aufgenommen. Der Marsch auf Paris verschwimmt im exzessiven Alkoholnebel, Hemingway entpuppt sich als Mensch mit großem Herzen und noch größeren Ängsten und Zweifeln, Den großen Kriegsroman muss dann wohl John Glueck schreiben.

Als Glueck sich einer amerikanischen Divison anschließt, bekommt der Schreibtischoffizier mehr vom Krieg mit, als er sich hätte träumen lassen - Im unwegsamen Waldgelände, zwischen Minenfeldern wird die Eroberung des kleines Dorfes Schmidt zum Symbol für die Sinnlosigkeit des Massensterbens, dem "Nichtsmehrsagen.Dem Niewiederetwassagen.Dem Ewigschweigen."

Es sind die Schilderungen von Zusammenhalt und von Angst, von der wilden Tapferkeit des Sergeant Sencea, eines Irokesen, der die getöteten Feinde skalpiert, die unerwartete Menschlichkeit eines deutschen Arztes, der eine kurze Waffenpause erreicht, um Verletzte beider Seiten zu behandeln, die ungemein dicht und plastisch sind. Der Hürtgenwald wird zum Symbol für Mut wie auch für sinnlose Vernichtung von Menschenleben, Für den idealistischen Glueck sind die Erlebnisse auch desillusionierend, angefangen vom Alltagsrassismus auch in der Armee bis hin zu den Ergebnissen schlechter Kommunikation der Militärführung mit dramatischen Auswirkungen für die kämpfenden amerikansichen Soldaten.

Doch "Propaganda" ist weit mehr als ein Kriegsroman, Es geht um die Tragweite individueller Entscheidungen, um Verantwortung, um Postionen und natürlich um Literatur. Ähnlich wie einst "Forest Gump" kreuzt auch Glueck die Wege bekannter Persönlichkeiten - angefangen von einem Universitätskurs für kreatives Schreiben, als unter seinen Mitstudenten ein gewisser Bukowski und ein Nachwuchsautor namens Salinger sind. Anders als der reine Tor Forest Gump ist Glueck allerdings ein Berufsmilitär, der sich als kritischer Geist erfolgreich der Hexenjagd McCarthys entziehen konnte und als Deutschlandexperte Präsident John F. Kennedy vor dessen Berlin-Besuch einen deutschen Satz in Lautschrift aufschreibt, der zu einem der ikonischen Zitate der Ära des Kalten Krieges wird, Selbst in der Auseinandersetzung um die Rechte der freien Presse im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der "Pentagon Papers" ist Glueck eine Randfigur.

Glueck, der Mann, dessen Job die Propaganda war, kämpft gegen Lügen in Kriegs- wie in Friedenszeiten. Wobei die Wahrheit wohl immer eine persönliche ist. Kopetzky hat mit "Propaganda" einen Roman voll spannender Wucht, mit mancher Überraschung und voll erzählerischer Farbe geschrieben,

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Veröffentlicht am 07.08.2020

Kalter Krieg in Afrika und eine einsame Kämpferin

American Spy
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Im Klappentext zu "American Spy" wird Autorin Lauren Wilkinson gleich in ihrem Debütroman mit John Le Carré verglichen. Das ist eine Steilvorlage - und wird beiden nur teilweise gerecht, denn sie liegen ...

Im Klappentext zu "American Spy" wird Autorin Lauren Wilkinson gleich in ihrem Debütroman mit John Le Carré verglichen. Das ist eine Steilvorlage - und wird beiden nur teilweise gerecht, denn sie liegen Generationen auseinander mit ganz verschiedenen Lebenserfahrungen und Perspektiven. Gewiss, auch "American Spy" ist ein Agententhriller und es geht um die Auseinandersetzungen im Kalten Krieg - doch da enden auch schon die Parallelen.

Denn wo sich George Smiley und Co meist zwischen Berlin und Prag, Budapest und Moskau und natürlich Moskau belauerten und betrogen, ist Ich-Erzählerin Marie Mitchell eine schwarze Amerikanerin in der Reagan-Ära. Anders als die Protagonisten im "Circus", die meist schon während ihrer Jugendzeit an einer der Eliteuniversitäten vom einem oder anderen Geheimdienst angeworben wurden, , stößt Marie immer wieder auf Widerstände in ihrer Karrierre beim FBI. Sie ist eine Frau und sie ist schwarz - das sind zwei Gründe für ihren Boss, die intelligente und ehrgeizige Polizistentochter von allen wichtigen Aufgaben fern zu halten. Bis die CIA Marie genau wegen dieser beiden Eigenschaften einen Job anbietet.

Es gilt, den charismatischen Präsidenten von Burkina Faso, Thomas Sankara, zu kompromittieren. Der "Che Guevara" Afrikas kommt zu einem Besuch zu den Vereinten Nationen nach New York - und auch die stramm antikommunistische Marie ist beeindruckt von dem Mann, auf den sie als "Honigfalle" angesetzt ist.

Wilkinson greift zu einem in Agententhrillern eher ungewöhnlichen Mittel, um den Plot zu entfalten. Die Geschichte wird nicht linear, sondern überwiegend im Rückblick erzählt. Zu diesem Zeitpunkt führt Marie mit ihren kleinen Söhnen ein zurückgezogenes und unauffälliges Leben in einer Kleinstadt an der Ostküste. Als ein Unbekannter in ihr Haus eindringt und sie ihn in Notwehr tötet, flieht sie auf die Karibikinsel Martinique. In Tagebüchern an ihrer Söhne beschreibt sie, wie es so weit kam - für den Fall, dass sie von ihrer letzten, selbst gesteckten Mission nicht zurückkommt. Zugleich ist ihr Bericht eine Schilderung schwarzer Emanzipation, von Rassismuserfahrungen, von selbstgesteckten Grenzen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft.

Es geht auch um die Bewegungen innerhalb des schwarzen Amerikas der 60-er und 70-er Jahre, die Black Panther etwa und die Solidarisierung mit den Befreiungsbewegungen in Afrika, wo viele Staaten erst seit wenigen Jahren in die Unabhängigkeit entlassen worden waren oder sie von den alten Kolonialmächten ertrotzt hatten. Dabei war der Kontinent bereits zu einem Spielfeld des Kalten Krieges geworden, wo so mancher heiße Stellvertreterkrieg ausgefochten wurde und die Gier auf die reichen Bodenschätze und Rohstoffvorkommen etwa im Kongo (der damals noch Zaire hieß) geweckt wurde.

Wer einen actionreichen Spionageroman erhofft hat, wird möglicherweise von "American Spy" enttäuscht sein. Statt dessen steckt sehr viel Reflektion und Beobachtung auf den gut 360 Seiten - und hier ist der Vergleich mit dem ja auch eher nachdenklichen John le Carré und seinen düster-intelligenten Spionageromanen dann wieder durchaus angemessen. Dabei geht es auch um schwarzes Selbstverständnis und Identität, um die Konfrontation mit dem "Mutterkontinent", bei der Wilkinson erfrischend frei ist von romantischer Verklärung. Anders als viele schwarze Amerikaner, die ich in Afrika traf und die oft ganz überrascht waren, wie unmittelbar sie als Amerikaner erkannt und wahrgenommen wurden und nicht etwa mit der dortigen Gesellschaft verschmelzen, versucht Marie bei ihrer Mission in Burkina Faso gar nicht erst die eigene Afrikanisierung - dazu sind ihr fließendes Wasser und westliche Toiletten viel zu wichtig. Lieber hält sie sich an die Expat-Szene, gleich welcher Hautfarbe.

Vor allem aber geht es immer auch um den Zustand der USA , die ein entscheidender Grund dafür sind, dass Marie vor ihrem Aufbruch versucht, ihre Söhne mit Geld, Macht und Handlungsfähigkeit auszustatten, denn "für euch, für schwarze amerikanische Jungs, bedeutet ein Leben in der Mittelschicht noch lange keine Sicherheit". Bei diesem Satz kann man ja gar nicht anders, als an George Floyd zu denken, an Trayvon Martin, Michael Brown oder Eric Garner. Da könnte Marie eigentlich desillusioniert oder pessimistisch sein, doch in ihrem Schreiben an ihre Söhne hofft sie, dass diese zu "Akteuren des Wandels" werden, die sich gegen Ungerechtigkeit zur Wehr setzen und eine bessere Welt schaffen. Eine Aufgabe, die klar größer und schwieriger ist, als mal eben gegnerische Agenten zu eliminieren.

In den derzeitigen Rassismusdebatten gibt es viele selbstgerechte und moralinsaure Töne, die die wichige und richige Auseinandersetzung trüben. Lauren Wilkinson schafft es ganz ohne erhobenen Zeigefinger viele dieser Fragen und Erfahrungen anzusprechen und dabei einen spannenden, intelligenten Thriller zu schreiben, der neugierig auf das macht, was diese Autorin in Zukunft in Angriff nimmt.

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Veröffentlicht am 06.08.2020

Viel mehr als nur ein Krimi

Darktown (Darktown 1)
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Eine junge Frau wird tot, ermordet, auf einem vermüllten Grundstück gesehen, Die Polizisten, die zum Tatort gerufen werden, erkennen die Tote - erst kurz zuvor hatten sie sie, offensichtlich misshandelt, ...

Eine junge Frau wird tot, ermordet, auf einem vermüllten Grundstück gesehen, Die Polizisten, die zum Tatort gerufen werden, erkennen die Tote - erst kurz zuvor hatten sie sie, offensichtlich misshandelt, im Wagen eines Mannes sitzen sehen, den sie bei einem Umfall kontrollierten. So weit klingt vieles nach einem ganz normalen Detektivroman, in dem nun die Ermittlungen ihren Anfang nehmen müssen und der Leser zur zusätzlichen Spannung auf ein paar falsche Spuren geführt wird.

Doch "Darktown" von Thomas Mullen spielt im Atlanta des Jahres 1948, und die Polizisten gehören der kleinen, erst vor kuzem gegründeten Gruppe der sogenenannten "Negro Polizisten" an, die in den von Schwarzen bewohnten Stadtvierteln, eben in Darktown, Dienst tun - unter der Führung eines weißen Offiziers. Segregation ist noch höchst lebendig und Rassismus ist Alltag. Die acht schwarzen Polizisten wissen - auf ihnen ruhen die Augen der gesamten Community, teils argwöhnisch, teils voller Hoffnung. Und auch innerhalb des Polizeipräsidiums - das die schwarzen Polizisten nicht betreten dürfen - hoffen viele, dass das Experiment scheitert. Einige Beamte versuchen, die ungeliebten schwarzen Kollegen in Diskredit zu bringen, ganz besonders der korrupte Polizist Dunlow.

Lucius Boggs, einer der "Negro Cops" und Sohn eines Geistlichen, ist sicher, dass Dunlow den Mann kennt und deckt, in dessen Auto die später ermordete Frau saß. Dieser Mann, so findet er heraus, war selbst einmal Polizist, der nach einem Skandal gefeuert wurde. Auch Dunlows Partner Rake, der nach seinem Militärdienst zur Polizei gekommen ist und dem der Schmiergeld kassierende Kollege ein Dorn im Auge ist, stößt auf einige Merkwürdigkeiten. Rake und Boggs, der gar keine Detektivaufgaben wahrnehmen darf, ermitteln heimlich und auf eigene Faust - erst jeder für sich, dann im Rahmen einer zunächst von Misstrauen und Skepsis bestimmten Zusammenarbeit.

Ein wenig erinnert "Darktown" an das Genre Noir, mit hartgesottenen Polizisten, die auch mal kräftig zuschlagen und Dienstvorschriften eher lax auslegen. Gleichzeitig ist dies ein historischer Roman, der in den Zeiten von #Blacklifesmatter nichts an Brisanz eingebüßt hat. Ja, es gibt ein paar Klischees von der schwüle des Südens, den Predigern und den Damen der Gesellschaft, aber Jahre vor der Bürgerrechtsbewegung (ein gewisser Referend King gehört übrigens zu den Geistlichen, mit denen Boggs über seinen Vater bekannt ist) bestimmt die Hautfarbe , wo Menschen wohnen und welche Chancen sie haben - und schwarz zu sein, kann sich unter bestimmten Voraussetzungen als tödlich erweisen.

Thomas Mullen hat ein atmosphärisch dichtes und spannendes Buch geschrieben und greift dabei auf ein Vokabular zurück, dass heute nicht mehr als politisch korrekt gelten würde - das N-Wort zum Beispiel! Im historischen Kontext und um den damaligen Zeitgeist zu spiegeln dürfte das allerdings unumgänglich sein - und vielleicht trägt es bei manchem Leser ja auch dazu bei, mehr Sensibilität im Umgang zur Sprache zu entwickeln.

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