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Veröffentlicht am 10.10.2021

Back to the 80s

Glitterschnitter
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Sven Regeners neues Buch „Glitterschnitter“ hat, was ein unterhaltsamer Roman braucht: Urige Personen, Konflikte, eigenwillige Orte und ein wenig Handlung.

„Glitterschnitter“ spielt im West-Berlin der ...

Sven Regeners neues Buch „Glitterschnitter“ hat, was ein unterhaltsamer Roman braucht: Urige Personen, Konflikte, eigenwillige Orte und ein wenig Handlung.

„Glitterschnitter“ spielt im West-Berlin der 1980er Jahre. Eine Zeit, in der alles möglich zu sein scheint (und man irgendwoher schon das Geld dafür bekommt). Eine Zeit, in der man ein Haus kauft und im Hinterhaus Punks wohnen lässt, um das Image der Hausbesetzer-Szene aufrecht zu erhalten. Eine Zeit, in der man sich keine Sorgen macht, sondern Pläne schmiedet und experimentiert.

Die Musik- und Kunstszene sind in dem Werk omnipräsent. Allen voran in der Band „Glitterschnitter“, die titelgebend war. Das Leben ist ein Spiel, man probiert aus – die Bohrmaschine als Musikinstrument zum Beispiel. Vielleicht kommt man damit ja auf die „Wall City Noise“? Oder etwa ob man sich als Kaffeehaus-Betreiber eignet. Nur Frank Lehmann ist mit Sicherheit am Schluss des Buches klüger, weiß er doch nun, wie man den perfekten Milchkaffee zubereitet.

Es gibt viel zu lachen in Sven Regeners neuem Buch. Über den Österreich-Fimmel der Figuren, die Entstehung des Milchschaums, eine IKEA-Musterwohnung als Kunstobjekt und zu guter Letzt das Bremer Wort „opstanatsch“.

Allerdings müssen einem auch als Leser nicht nur die Shakespeare-Battles, sondern auch Dialoge wie der gefallen: „Wörter sind auch Taten“, sagte Karl. „Hoho“, sagte Ferdi. „Da hat aber mal einer seinen Hegel gelesen!“ Und ja, zwischen den Figuren wird viel palavert. Für mich gab es zwischenzeitlich deutlich zu viel an belanglosen Dialogen. Zwischenzeitlich hatte ich den Eindruck, die Personen müssten um die 40 sein, dabei sind sie in den End-20ern. Zu viel Besserwissertum mag der Grund dafür sein.

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Veröffentlicht am 22.09.2021

Unzuverlässiger Erzähler

Das Archiv der Gefühle
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„Mein ganzes Leben kommt mir plötzlich elend vor, es scheint mir, als hätte ich gar nie wirklich gelebt, als hätte ich immer nur anderen beim Leben zugeschaut“ – das sagt die Hauptfigur in Peter Stamms ...

„Mein ganzes Leben kommt mir plötzlich elend vor, es scheint mir, als hätte ich gar nie wirklich gelebt, als hätte ich immer nur anderen beim Leben zugeschaut“ – das sagt die Hauptfigur in Peter Stamms neuem Roman „Das Archiv der Gefühle„.

Der namenlose Ich-Erzähler ist von Beruf Archivar. Er will in der Welt Ordnung schaffen. Als er entlassen wird, nimmt er das Zeitungsarchiv, in dem er gearbeitet hat, mit. In seinem Keller arbeitet er nun weiter, archiviert was in der Welt geschieht. Das Archiv als Abbild der Welt, als „eine Welt für sich“ gibt dem Ich-Erzähler Halt und hält ihn zugleich davon ab, sich in die Welt zu begeben.

Immer öfter stellt sich der Erzähler vor, seine alte Klassenkameradin Franziska zu sehen, er imaginiert sie immer häufiger, spricht mit ihr als sei sie anwesend, schließlich verliert seine Welt der Ordnung an Gewicht. Es dauert, bis sich der Archivar überwinden kann, Kontakt zu Franziska, die inzwischen eine erfolgreiche Sängerin ist, aufzunehmen. Es entwickelt sich zu einem Eiertanz sondergleichen, da der Erzähler immer wieder imaginiert, eine Beziehung mit Franziska zu führen, Angst davor hat, dass die Realität anders als seine Träume ist.

Der Protagonist erweist sich dabei als unzuverlässiger Erzähler, man traut ihm nicht mehr über den Weg: Ist es denn wirklich so, dass der Kontakt mit Franziska stattgefunden hat? Oder ist auch das nur eine weitere Fiktion bzw. Vision? Das Opfer ist in Wahrheit der Täter, heißt es an einer Stelle des Buches. Das muss hellhörig machen in Blick darauf, was man dem Erzähler alles zutrauen muss. Fast schon Schadenfreude empfindet man als Leser, wenn der Erzähler sich schließlich jammernd darüber beschwert, dass er es nicht mag, wenn andere Leute über ihn nachdenken.

„Das Archiv der Gefühle“ bietet dem Leser viele Anlässe, über die Hauptfigur und ihre Welt nachzudenken. Das ist nicht das Schlechteste. Nicht überzeugt hat mich dabei, wie sehr sich der Erzähler vor der Kontaktaufnahme mit Franziska hineinsteigert, ebenso empfand ich die Bibelbezüge (Franziska: Ich bin die ich bin) als äußerst platt.

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Veröffentlicht am 21.09.2021

Ein Roman voller Witz und Humor

Ástas Geschichte
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„Ástas Geschichte“ ist ein Roman, der mich trotz seiner verschachtelten Erzählweise immer wieder in seinen Bann gezogen hat. Denn Jón Kalman Stefánsson ist ein Meister darin, seine Leser zu unterhalten.

Schon ...

„Ástas Geschichte“ ist ein Roman, der mich trotz seiner verschachtelten Erzählweise immer wieder in seinen Bann gezogen hat. Denn Jón Kalman Stefánsson ist ein Meister darin, seine Leser zu unterhalten.

Schon die Überschriften der Kapitel verraten, dass da jemand am Werk ist, der Spaß am Fabulieren hat: „Ein ramponierter Geländewagen, eine nette Kotztüte, und zuweilen ist nicht oft, sondern bloß ab und zu“, „Schlechter Wein schlägt einem meist böse auf den Magen“ oder „Ist es in Ordnung, eine Atombombe auf Reykjavík zu werfen?“.

Dass zu Beginn des Romans der Erzähler einen begrüßt und ausführt, was er zunächst zu erzählen gedenkt, darf einen nicht dazu verleiten, den Roman zu unterschätzen. Ganz unterschiedliche Perspektiven wechseln sich vielmehr im Folgenden ab. Da ist zunächst einmal Ásta, die als Erziehungsmaßnahme auf einen einsamen Bauernhof zur Arbeit muss, dann gibt es noch ihren Vater Sigvaldi, der über sein Leben sinniert, als er von einer Leiter fällt, den Erzähler und schließlich Ástas Briefe, die sie in gesetzterem Alter geschrieben hat (auch wenn man es ihrem Inhalt kaum anmerkt).

Mit viel Witz holt Stefánsson seine Leser immer wieder in die Handlung zurück. Sei es, dass er sich über die Landmenschen von Island mokiert, sei es, dass er die Hauptstädter schlecht wegkommen lässt, über den Hang der Isländer zur Literatur spricht oder oder oder… Stefánsson hat die Gabe, über seine Figuren ironisch-distanziert zu schreiben, ohne dass sie ihren Charme verlieren. Das liegt vielleicht auch daran, dass in dem Roman Stefánssons die Menschen zumeist ein hartes Los haben. Allen voran Ásta, die bei einer Ziehmutter aufwächst, als ihre Mutter heillos überfordert ist. Àsta geht ihren Weg, lässt ihr Kind bei ihren Großeltern zurück, um in Österreich Theaterwissenschaften zu studieren. Gegen Ende des Romans erfährt man, dass sie schließlich selbst Vorlesungen hält.

Mit Männern hat Àsta wenig Glück. Jósef, die große Liebe, verliert sie aus den Augen, dem berühmten Schriftsteller Guðjón gibt sie den Laufpass. So stellt sich in dem Roman immer wieder die Frage, ob man die Liebe festhalten kann. Oder genauer: wehmütig wird erkannt, dass man sie eben nicht halten kann.

Es sind die komischen Stellen, die dem Roman seinen Unterhaltungswert geben. Wenn in der isländische Bauer, bei dem Ásta untergebracht ist, seine Mutter einfach draußen anbindet, weil sie jeden Morgen in einer ganz anderen Zeit aufwacht. Wenn die Wortkargheit der Isländer zelebriert wird. Wenn der Dichter sich für Kost und Logis darauf einlässt, dass Touristen seine Wohnung besichtigen dürfen.

In dem bunten Chor der Stimmen, die „Ástas Geschichte“ erzählen, gibt es keine einzige, die nicht irgendwie auch liebenswert ist. Entstanden ist ein opulentes Werk, ausladend in seinem Figurenkarussel und der Erzählstruktur, einladend in seinem überbordenden Witz und Humor.

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Veröffentlicht am 18.09.2021

Zu viele eigenständige Nebenhandlungen

Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García
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Moritz Rinkes Roman „Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García“ handelt von eben jenem Pedro, dessen Leben durch die Trennung von seiner Freundin gewaltig durcheinander gerät.

Pedro ist Postbote ...

Moritz Rinkes Roman „Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García“ handelt von eben jenem Pedro, dessen Leben durch die Trennung von seiner Freundin gewaltig durcheinander gerät.

Pedro ist Postbote auf Lanzarote. Weil niemand mehr Briefe geschweige denn Postkarten schreibt, ist das Leben Pedros sehr gemütlich. Auf seiner Post-Tour kann er mühelos einen längeren Stop im Café einplanen, bevor er mit dem Moped vor allem Werbesendungen austeilt.

Auch wenn seine Freundin ihn dazu drängt, einen anderen Beruf zu finden: Moritz hat sich in seinem Leben eingerichtet. Umso schmerzlicher trifft es ihn, dass seine Freundin ihn zusammen mit Sohn Miguel verlässt und nach Barcelona zieht. Während Pedro noch lethargisch jammert, drängen ihn seine Freunde immer mehr, um Miguel zu kämpfen.

Stringent wird diese Geschichte jedoch nicht erzählt. Ein Reigen anderer Geschichten ist eingeflochten, sodass man sich wundern muss, was alles plötzlich in den Vordergrund des Erzählers rückt. Die Vater-Sohn-Geschichte, die Beziehungs-Geschichte, die Künstler-Geschichte um den auf Lanzarote lebenden José Saramago, die Geschichten der Freunde, die Geschichte um die Verwebungen von Pedros Großvater mit den Nazis, die Geschichte des Flüchtlings Amado. Und natürlich darf auch Franco nicht fehlen.

Sicherlich: ohne all diese anderen Geschichten wäre Rinkes Roman ziemlich schnulzig dahergekommen, mit einem äußerst platten happy end. Als Gesellschafts- oder Familienroman taugt er aber nicht. Es ist zuallervörderst eine Beziehungsgeschichte. Alles andere beugt sich dem unter. Nur leider ist es doch zu viel, was hier noch ans Tageslicht dringt.

Vermisst habe ich an manchen Stellen eine ironische Brechung – immer wieder steht der Roman kurz davor schnulzig zu wirken, bevor es am Schluss dann wirklich wird. Da kann auch der Sprecher des Hörbuchs, Hans Löw, mit seiner sanften Stimme nichts mehr rausreißen.

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Veröffentlicht am 23.08.2021

Spannendes Thema, komplexe Erzähltechnik

Die vier Ohnmachten des Chaim Birkner
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In seinem Roman „Die vier Ohnmachten des Chaim Birkner“ fordert Omer Meir Wellber seine Leser stark heraus. Auf unterschiedlichen, ineinander verwobenen Erzählebenen wird das Leben des Chaim Birkner entfaltet.

Mit ...

In seinem Roman „Die vier Ohnmachten des Chaim Birkner“ fordert Omer Meir Wellber seine Leser stark heraus. Auf unterschiedlichen, ineinander verwobenen Erzählebenen wird das Leben des Chaim Birkner entfaltet.

Mit 108 Jahren ist Birkner der älteste Einwohner Israels. Und er ist so etwas wie ein Anti-Held. Er ist einer, auf den man – um es mit Bertolt Brecht zu sagen – nicht bauen kann. Unzuverlässig, unsicher, unbeständig: all das trifft auf Chaim Birkner zu. Er könnte sich ein Leben aufbauen, aber er nimmt eine andere Identität an; er könnte eine Beziehung aufbauen, verlässt aber das Kibbuz; er könnte…

Was den Leser stark herausfordert, sind die ineinander verwobenen Erzählebenen. Innerhalb eines Satzes kann plötzlich ein Zeitsprung auf ein anderes ähnlich gelagertes Ereignis erfolgen, kann plötzlich zu einer anderen Figur des Romans gewechselt werden. Von der Kindheit in Budapest zum Kibbuz in Israel und umgekehrt.

Der Roman beginnt in Budapest, 11 Jahre ist Chaim da alt. Er spielt mit seiner Freundin, kauft Kaugummi, während eingeschoben erzählt wird, wie Chaim zusammen mit seinem Vater zwei Tora-Rollen aus der Synagoge rettete. Die Schnitte zwischen den Ebenen können dabei ziemlich hart sein. Auf das ernste Gespräch der Eltern über die Zukunft folgt die Verabredung zum Spielen:

„Was wird in einer Woche sein? Das ist die Frage. Das Morgen ist zu ertragen, das Übermorgen auch, aber wie soll das alles enden?“
„Treffen wir uns dann am Baum?“, fragte ich Leon lässig, als wäre es mir nicht so wichtig.“

Wenn man so will, verweist diese Erzähltechnik auf das Leben aus der Erinnerung heraus. Umso erstaunlicher ist es, dass der 108-jährige Chaim Birkner eher spontan entscheidet, Israel wieder zu verlassen und mit 108 Jahren wieder nach Ungarn zu ziehen, zurück in das alte Haus, das nie verkauft werden konnte. Und so ist „Die vier Ohnmachten des Chaim Birkner“ auch so etwas wie eine Dystopie. Im Jahr 2038 ist das Israel, in das Chaim Birkner 1944 flüchtete, keine Heimat mehr für ihn.

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