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Veröffentlicht am 24.02.2026

Leider nicht wirklich abgeliefert

Liefern
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„Liefern“, der neue, meiner Meinung nach eher Episoden-Roman von Tomer Gardi, erschienen 2026 bei Tropen/Klett-Cotta, vom Verlag beworben als weltumspannendes Gegenwarts-Epos, hat mich leider nie so richtig ...

„Liefern“, der neue, meiner Meinung nach eher Episoden-Roman von Tomer Gardi, erschienen 2026 bei Tropen/Klett-Cotta, vom Verlag beworben als weltumspannendes Gegenwarts-Epos, hat mich leider nie so richtig reingezogen und berührt, auch wenn das Thema sehr gut gesetzt ist und der Autor sprachlich durchaus überzeugt sowie eine clevere Konstruktionsarbeit betreibt. Dennoch hat es mich einfach nicht gepackt, was unter anderem daran liegt, dass eine sehr lange Vorbereitungsarbeit betrieben wird – und das Finale dann eher versackt.

„Liefern“ beschäftigt sich in sechs Episoden mit den Menschen, die wir alle täglich sehen, die wir aber beim Sehen nie sehen, die Lieferant:innen, die uns Wege und Erledigungen abnehmen und dabei durchgehend ausgebeutet werden. Weltweit haben sich Menschen daran gewöhnt, alles immer verfügbar zu haben. Dieser Dauerkonsum wird von Gardi in seiner Ausprägung zurecht kritisiert. Gardi fordert schon mit der ersten Episode einen Perspektivwechsel ein und liefert diesen auch. Dennoch kommen einem die Menschen in seinen Geschichten nicht nahe, vielleicht, weil er sie realistisch nicht nur als Sympathen schreibt, vielleicht aber auch, weil er doch nicht genug in die Tiefe arbeitet und sich zwischendurch in seinem eigenen Buch verliert.

Die längste Episode des Buches, „Mimesis“, die auch eine Episode ist, die der Autor auf Hebräisch geschrieben hat, formt das Zentrum des Buches und könnte eventuell schon länger in der Schublade gewartet haben, zumindest hatte ich den Eindruck, dass der Roman um diese Episode drumherum geschrieben wurde.

In der ersten Episode, „Indie-Go“ lernen wir Filmon aus Eritrea kennen, der zur Coronazeit in
Zeit Tel Aviv gestrandet ist, seine Frau Daniat und seine Tochter Israel sind schon in Berlin, er will hinterher, und das ganze Elend der Flucht wird gut gerahmt, Thema Familienzusammenführung, Thema schlecht bezahlte Jobs, Geld schicken müssen, versorgen, alle verdienen am Elend, der Vermieter, die Jobbörse, der Lieferdienst, in Berlin die Familie, die Daniat hilft. Viel Last. Wenig Leben. Eine Beziehung, die nur noch im facetime besteht.
Der ungesicherte Status, nie Fehler machen dürfen. Das alles wird präsent, aber bleibt skizzenhaft.

Die zweite Episode, „A new passage to India“, vollführt einen Ortswechsel nach Indien, die Verbindung zur ersten Geschichte ist die Sprachkursdozentin Nina von Daniat und Israel in Berlin, die nun nach Delhi reist für ein Projekt. Wir werfen hier einen Blick auf die Upper Class und auf Kulturarroganz, auf ein hierarchisches System, auf Privilegien und mangelnde Integration, auf die Benachteiligung von Frauen und erneut auf ein Liefersystem. In dieser Episode bleiben viele Fragen offen, was sich durchziehen wird, in kleinen Teilen tauchen viel später Antworten auf, einiges bleibt für immer unbeantwortet.

In der dritten, schon angesprochenen Episode „Mimesis“ geht es in die Türkei, es geht um Schönheitschirurgie-Tourismus und Haartransplantation, geliefert werden hier auch Menschen und Träume, die Themen werden größer, was ist Identität? Die Symbolik der Haartransplantation ist augenfällig, hier geht es an die Wurzeln. Die Situation der Lieferfahrenden wird erneut ausführlich beleuchtet, und langsam stellt sich Redundanz ein, ohne viel neue Erkenntnis. Immerhin kommt es zu Organisation und Widerstand – der Ausgang? Bleibt erneut offen. Diese Episode nimmt fast ein Drittel des Buches ein und auch insgesamt sind wir nun schon bei zwei Dritteln – mit noch immer nur loser Verknüpfung.

In der vierten Episode „Der Tausch“ finden die Geschichten endlich zusammen
und dadurch kommt nach diesem sehr langen Aufbau das Buch in Schwung. Mit einer noch einmal neuen Figur, Pavan, der Filmon, inzwischen in Deutschland in Berlin angekommen, im Deutschkurs kennenlernt, geplant war Nina als Lehrerin, wird das Lieferthema noch einmal potenziert: Beide arbeiten bei Lieferdiensten, beide neiden dem anderen den Job (Indie-Go, RatzFatz), denn ja: Auch bei solchen Jobs gibt es noch eine Hierarchie. Also wird der Job getauscht, mit fatalen Folgen. Gut herausgearbeitet hier vom Autor: Die Absurdität nach der Flucht nach Berlin wieder im gleichen Job zu landen. Und die Scham, in Richtung der alten Heimat, dass man jetzt gar nicht wirklich besser lebt, dass man noch immer arm ist, schlechte Jobs hat.

Bleiben noch die Episoden „Das blaue Handy“ – die einfach überkonstruiert und nicht glaubwürdig ist in ihrer Radikalität – und zuletzt noch „Rosen“, die wirklich nur noch sehr lose im Zusammenhang steht über die allgegenwärtigen Rosenverkäufer – und ein feministisch betrachtet doch sehr merkwürdiges Fazit zieht.
Die Konstruktion ist über- und durchschaubar, sie wirkte auf mich leider immer wieder etwas bemüht. Mit der Hälfte der Seiten als klarer Erzählband wäre hier meiner Meinung nach eine für das Buch gute Entscheidung getroffen worden. Vielleicht ist mir vieles thematisch auch zu vertraut, vielleicht habe ich auch nur zuvor zwei wirklich sehr starke Bücher gelesen, so dass Liefern mich nicht gekriegt hat – bei interessanten Einzelgeschichten und immer wieder auch sprachlich sehr schönen Momenten. Es wirkt auch so, als ob der Autor seine eigenen Ideen nicht wichtig nimmt – ein Beispiel dafür die Titel der Episoden, die am Anfang noch einen Bedeutungsraum öffnen, dann aber einfach nur noch 1:1 sind – so etwas finde ich sehr schade.
Indie-Go ist klar der Lieferdienst, aber eben auch die Farbe Indigo, was eines der ältesten Pigmente ist und massiv für das Färben von Jeans eingesetzt wurde, unter ganz schlimmen Bedingungen für die Menschen, die in den Färbereien gearbeitet haben, das war zumindest direkt meine Assoziation.
A New Passage To India ist eine sehr klare Referenz auf A Passage To India von E. M. Forster und nimmt dadurch Bezug auf den Kolonialismus, der sich in seiner Struktur in diesem Kapitel auch immernoch zeigt im 21. Jahrhundert, so z.B. direkt am Anfang, als kurz die Debatte über das „imaginierte, vermittelte Indien“ versus das „wirkliche Indien“ aufkommt – und natürlich hat der Autor da einen Punkt.
Mimesis ist für mich der am weitesten aufgeladene Titel, in der Tierwelt ist Mimesis die Tarnung, die Fähigkeit, sich der Umgebung in einer Art anzupassen, dass man für den Fressfeind uninteressant oder unsichtbar wird oder auch genau die Tarnung, mit der man sich an die Beute anschleicht, bei Aristoteles, kleiner hatten wir es nicht, ist es das Prinzip der Nachahmung. Beides passt für mich supergut auf die Episode, die Männer, die sich einem Männlichkeitsbild wieder anpassen wollen, die sich auch in Deutschland in das Bild hineinstrecken, aber auch die Figur Resul, der „Agent“, der sich tarnt bis zum großen Paukenschlag.
Der Tausch funktioniert in dem System auch gerade noch so, da der Titel immerhin mit dem Tausch der Deutschkurse, bei Nina vielleicht auch dem Tausch der Welten spielt und dem dann später realen Tausch der Jobs. Da gibt es zumindest ein Spiel mit der Erwartungshaltung.
Aber dann? Das blaue Handy beschreibt einfach nur das Handy, um das es geht und den blauen Punkt auf der digitalen Roadmap. Und am Ende dann „Rosen“. In dem Kapitel geht es um: Rosen.
So etwas verstimmt mich. Das wirkt so lustlos, so „hatte da mal ne Idee aber war dann auch nicht mehr weiter wichtig“.

Wer sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat, wird hier vielleicht wirklich den gewünschten Perspektivwechsel erleben und unter dem Aspekt ist es bestimmt ein lesenswertes Buch. Ich hätte mir mehr Stringenz und Sog gewünscht und deutlich weniger Redundanz.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Zeit im Keller

Ich, die ich Männer nicht kannte
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„Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist eine Wiederentdeckung, die das Lesen unbedingt los. Die Originalausgabe erschien schon 1995 – doch das Buch ...

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist eine Wiederentdeckung, die das Lesen unbedingt los. Die Originalausgabe erschien schon 1995 – doch das Buch ist mit seiner beklemmend misogyn-dystopischen Atmosphäre leider nur zu passend platziert in unserer Zeit, in der fast alle Staaten wieder rückwärts schreiten, wenn es um Frauenrechte, FLINTA-Rechte, Menschenrechte und Freiheit geht.

Die schon 1929 geborene belgische Schriftstellerin nimmt uns mit auf eine Reise in den Untergrund, ganz wortwörtlich. In einem Keller im Nirgendwo leben sie, 40 Frauen, eingesperrt in einem engen Käfig, bewacht von drei wechselnden männlichen Wächtern. Und keine weiß, wie sie dort hingekommen sind, was genau in ihrem Leben geschehen ist, was der Auslöser war. Sie heißen Thea, Dorothee, Annabelle, Emma, Marie, Bernadette usw., es sind altertümliche Namen für Frauen, die sich schon in der Mitte des Lebens befinden – auch wenn keine ihr konkretes Alter benennen kann, denn das Zeitgefühl ist verloren gegangen im Keller, in dem es nur künstliches Licht und zwei Mahlzeiten am Tag als Struktur gibt. Nur die Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans ist deutlich jünger und bleibt namenlos – kam sie doch schon als Kind in den Keller und erinnert sich kaum noch an das davor. Der Keller hat sie zu einem zutiefst isolierten Menschen gemacht, nicht nur setzt ihre Pubertät nie richtig ein, sie hat vor allem kaum Zugang zu Emotionen, kann Nähe nicht ertragen und ihr fehlt es an Wissen über viele Dinge der alten Welt.

Die Frauen leben in einem merkwürdigen Vakuum. Komplett von der Außenwelt abgeschottet, vegetieren sie vor sich hin, leben von Mahlzeit zu Mahlzeit, von Tag zu Nacht, ihren Bewachern ausgesetzt, die willkürliche Regeln festgesetzt haben. Niemand weiß, was der Hintergrund ist. Die Frauen haben aufgehört zu spekulieren. Anders die Protagonistin, die im Heranwachsen immer mehr Fragen stellt. Sie hinterfragt dabei nicht nur das Leben im Keller, sondern, ohne echten Kontakt zu Männern aufgewachsen, Konzepte wie Liebe und Romantik, Beziehungen, Hierarchien, letztlich jegliche Interaktion. Und langsam zeigen ihre Fragen Wirkung, zumal sie die Einzige ist, die versucht, ein Zeitsystem zu etablieren, anhand dessen die Frauen zunehmend feststellen, dass sie nicht entlang eines normalen Tag-/Nacht-Rhythmus leben. Was nur ist der Sinn hinter dieser Inhaftierung? Sämtliche Analysen scheitern, bis eines Tages etwas Unvorhergesehenes geschieht und der Begriff von Freiheit noch einmal eine ganz neue Dimension bekommt. Was in der Folge geschieht, war nicht erwartbar und entwickelt zunächst einen starken Sog – läuft allerdings irgendwann auch etwas ins Leere.

Der Roman ist dicht und atmosphärisch geschrieben und verfolgt durchaus schriftstellerischen Witz – so startet er mit einer literaturästhetischen Diskussion über das Schreiben von Vorworten beim: Schreiben eines Vorwortes. Die Frauen bekommen wenig Kontur, Harpman scheint es um etwas Größeres zu gehen als die Einzelperson – mit Ausnahme der Protagonistin. An vielen Stellen musste ich an den Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer aus dem Jahr 1963 denken – vielleicht durchaus eine Inspiration. Auch hier bleibt das System bis zum Ende rätselhaft.

Wie wenig wir unsere Möglichkeiten und Freiheiten alltäglich schätzen, macht Harpman plastisch. Wie schnell ein System kippen kann und dass SINN entscheidend ist, um Dasein und Vegetieren zu Leben zu machen, wie unsinnig es ist zu überleben, wenn der Sinn sich nicht finden lässt, das ist sehr eindrücklich zu spüren. Leise Spuren feministischen Denkens weben sich durch den schmalen Band und doch wird auch deutlich, dass die reine Anwesenheit von Frauen noch nicht zu Feminismus führt.

Es ist eine spannende Lesereise, die jedoch viel offenlässt, sehr viel, für mich am Ende zu viel. Worauf auch immer der Roman sich sicherlich parabelhaft bezieht, ist nicht unbedingt zu identifizieren. Und so bleibt er bei sich, in sich – wie die Hauptfigur. Dennoch ein starkes Stück Literatur, das ich auf jeden Fall empfehle.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Das Fliegen nicht verlernen

Der letzte Sommer der Tauben
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In „Der letzte Sommer der Tauben“, dem neuen Roman von Abbas Khider, erschienen 2026 im Carl Hanser Verlag, beschreibt der Autor überraschend sanft, wie die Welt sich verändert, wenn das Kalifat den Menschen ...

In „Der letzte Sommer der Tauben“, dem neuen Roman von Abbas Khider, erschienen 2026 im Carl Hanser Verlag, beschreibt der Autor überraschend sanft, wie die Welt sich verändert, wenn das Kalifat den Menschen die Flügel stutzt. Auf etwas über 200 Seiten, in kurzen Kapiteln, sehen die Lesenden hilflos dabei zu, wie sich die Schlinge immer enger zieht und eine strenge Religionsauslegung zu immer mehr Absurditäten führt – bis die Religion, die den Menschen doch heben und schützen sollte, ihn immer mehr in ein enges Regelwerk einsperrt und begrenzt.

Wir folgen dem jungen Noah, der, 14 Jahre alt, eigentlich gerade im besten Alter für Blödsinn und Schelmenstreiche ist, der sich selbst gern hungrig ins Leben stürzen würde, aber stattdessen Erfahrungen machen muss, die man niemandem wünscht. Khider findet klare und eindrückliche Bilder, direkt am Anfang des Buches, wenn Noah mit seinem Vater gemeinsam im von der Familie betriebenen Bekleidungsgeschäft sämtliche Abbildungen auf Verpackungen schwärzen muss, damit keine weibliche Haut, keine Haare mehr zu sehen sind. Mit einem schwarzen Stift bemalt Noah schwarze Haare, formt Individualität in ein Schema. Ein Sinnbild für viele weitere Maßnahmen, die im Verlauf des Buches das Leben erdrücken und sogar die Träume nur noch düster machen.

Dabei grenzt das Kalifat spürbar vor allem die Frauen immer mehr ein, die ihre Freiheit komplett verlieren. Doch auch die Männer spüren starke Auswirkungen, Schulen werden geschlossen, Tätigkeiten verboten, Kunst, Kultur, Musik, all das nur noch Vergangenheit, das Misstrauen wohnt überall. Die starren Regeln zerstören Familien, auch durch Noahs Familie geht ein Riss, Freundschaften werden aufgelöst, Umerziehungslager verändern gerade junge Menschen komplett, vor allem steht aber über allem die andauernde Angst, etwas falsch zu machen. So wird auch Noah im Verlauf der Geschichte immer nervöser und traut sich kaum noch aus dem Haus.

Sinnbildlich schweben über allem die Tauben. Noah hat, wie viele in seinem Ort, eine Taubenzucht auf dem Dach. Täglich lässt er die Tauben aufsteigen und zurückkehren, betrachtet er vom Dach aus die Welt. Bis eines Tages auch die Taubenzucht auf dem Dach verboten wird und die Tauben die Schwungfedern gestutzt bekommen, um von nun an am Boden zu leben, im Hof, wie Hühner. Sie tragen so bildhafte Namen wie Regenbogen und Tänzer, Schneeweiß und Himmelblau, eine kaum zu ertragende Poesie, die hier zum Bodendasein verdammt wird. 24 Tauben sind es, vielleicht eine Anspielung auf die 24. Sure An-Nur, in der sich auch schon abbildet, wie harte Regeln und Licht nebeneinander stehen – es ist eine Frage der Lesart und der Auslegung, wie man auch das Kalifat nicht mit dem Islam verwechseln darf.

Khider schont seine Leser:innen nicht, zeigt Steinigung und Pranger, Zwangsheirat und Gefängnis und ehrlich schenkt er kein Happy End, nur eine Projektion von Hoffnung an den Himmel – doch wann dieser Himmel wirklich Erlösung bringen wird, bleibt offen. Ein starkes Buch, von dem ich mir gewünscht hätte, dass es den Frauen noch mehr Stimme verliehen hätte, die sich doch etwas sehr leise in ihr Schicksal fügen. Dennoch auf jeden Fall die Lesereise sehr wert.

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Veröffentlicht am 10.02.2026

Automatenmädchen

Die Routinen
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„Die Routinen“ von Son Lewandowski, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein starker Roman, den wir hoffentlich in diesem Jahr noch sehr oft besprochen und bepreist finden werden. Die Autorin nimmt uns ...

„Die Routinen“ von Son Lewandowski, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein starker Roman, den wir hoffentlich in diesem Jahr noch sehr oft besprochen und bepreist finden werden. Die Autorin nimmt uns darin mit in die Welt des weiblichen Turn-Leistungssport und offenbart Abgründe, die einen an der Menschheit zweifeln lassen. Dabei ist der Roman nur durch die Schilderung dieser Welt, die komplett auf Tatsachen beruht, zutiefst feministisch – ohne dafür je programmatisch werden zu müssen. Was Menschen ihren Kindern antun für ein bisschen Ruhm und Geld, und was Männer Kindern antun, nur um ein Gefühl von Macht zu haben, erzeugt schon beim nur Lesen einen Blick auf den Sport, den man nie wieder ablegen können wird. Dabei schreibt Lewandowski verblüffend poetisch und in extrem starken Bildern, so dass perfiderweise von einem literarischen Hochgenuss gesprochen werden muss, was zunächst so gar nicht zu dem Inhalt des Buches passen will.

Formal bewegen wir uns auf mehreren Zeit- und Erzählebenen. Die Ich-Erzählerin Amik, der wir primär durch das Buch folgen, ist schon über Dreißig und steht längst am Ende ihrer Turnkarriere. Ihre Zimmergenossin Izzy ist mit 16 Jahren auf ihrem Leistungshöhepunkt. Bei der Turn-Europameisterschaft in Antalya 2023 erleidet Izzy einen schweren Sturz und wird in der Folge im Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt. Während Amik, die den Wettkampf nur noch von der Tribüne aus verfolgen durfte und es nicht mehr in den Kader schaffte, an ihrem Bett wacht, taucht sie immer tiefer ein in die Reflektion ihrer Karriere und der gemeinsamen Vergangenheit.
Dabei blickt sie zeitlich zurück auf die vielen Härten und Grausamkeiten, die sie in ihrer Zeit im Leistungssport erlebt hat und auch auf den Missbrauch, dem sie und viele anderen jungen Mädchen ausgesetzt waren: die komplette Zerstörung der eigenen Körperwahrnehmung und die gezielte Anerziehung einer Essstörung, der permanente Drill und Leistungsdruck, die Schmerzen, die Objektifizierung, die beständigen Übergriffe, die soziale Isolation. Das Herauszögern der Pubertät, das möglichst lang Kind sein – rein körperlich gesprochen, denn wie die Kindheit im Sozialen den Mädchen vollkommen genommen wird, beschreibt das Buch eindrücklich. Und immer wieder: Die Routinen, die ewigen Übungen, die die Tage strukturieren, aber auch die Routinen in dem Sinn, dass keine Fragen mehr gestellt werden, die Dinge sind, wie sie sind und jedes Aufbegehren wird sofort sanktioniert. Wer die Stimme erhebt, wird aussortiert und ersetzt, vorbei der Traum vom Olympiasieg.

Eindrücklich schildert die Autorin eine eiskalte Welt, in der junge Mädchen ihres Lebens beraubt und für den Erfolg anderer instrumentalisiert werden. Was startet mit der harmlosen Frage „Wer kann ein Rad“ endet in einer gnadenlosen Maschinerie.

Diese zwei Räume des Jetzt im Krankenhaus und des Gestern in Amiks Reflektion werden begleitet von dokumentarischen Anteilen über berühmte Leistungsturnerinnen, die nicht fiktiv sind, sondern real – und somit überprüfbar und auch mit Bildmaterial unterfüttert, wenn die Lesenden Lust haben, sich in dieses Rabbithole zu begeben – mit der Lektüre des Buches im Hintergrund wird die Betrachtung jeder Turnkür zum schmerzhaften Albtraum.

Die Autorin findet durchweg zu starken und ungewöhnlichen Bildern, um sich die Turnwelt zu erschließen, ihre ungemein poetische Sprache öffnet einen vierten Raum, der einen enormen Nachhall erzeugt. Ich war von der ersten Seite an begeistert von diesem Buch. Auch wenn ich mich schon mit Leistungssport und auch insbesondere dem Turnsport beschäftigt habe: Den enormen Missbrauch, Druck und Drill und die schweren Folgen noch einmal so geballt zu lesen, war eindrücklich und das hat mich wirklich sehr berührt. Auch die formale Konstruktion durch die verschiedenen Zeiten und Wettbewerbe und die Zitatebenen/historischen Kontexte waren für mich einfach angenehm für die Lesereise, am Anfang kurz etwas verwirrend, aber ich konnte mich schnell reinfinden. Das war mal ein kurzes, kompaktes Buch, das es in sich hatte und das ich noch lange nicht vergessen werde. Unbedingte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 09.02.2026

Jedes Wort ein Symptom

Schleifen
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„Schleifen“, der neue Roman von Elias Hirschl, erschienen 2026 im Paul Zsolnay Verlag, ist ein Buch, für das ich ganz sicher nicht die richtigen Worte finden werde – und irgendwie ist das sehr passend. ...

„Schleifen“, der neue Roman von Elias Hirschl, erschienen 2026 im Paul Zsolnay Verlag, ist ein Buch, für das ich ganz sicher nicht die richtigen Worte finden werde – und irgendwie ist das sehr passend. Was für ein Autor! Wie konnte ich ihn bisher komplett übersehen? Ich muss jetzt unbedingt alles von ihm lesen. So viel sei direkt gesagt: „Schleifen“ ist kein Buch, dass man mal eben nebenher liest, hier liegt ein unglaublich intelligenter Roman vor, der mit jeder Seite noch intelligenter wird, ich würde schon sagen, es ist ein Intellektuellen-Roman, zumindest sollte die lesende Person sich darauf einlassen, eine ganz neue Liebe zur Linguistik zu entdecken – aber da Hirschl auch einen wirklich großartigen Humor hat, ist das Buch zu keinem Zeitpunkt anstrengend. Nur ohne Liebe zur Sprache und Bock auf Gedankenakrobatik geht es nicht.

Zum Inhalt – hahaha, nein, es tut mir leid, das ist wirklich nicht möglich, den Inhalt auch nur im Ansatz wiederzugeben, zu genial ist die Welt, die sich Elias Hirschl hier ausgedacht hat. Formal besteht das Buch aus drei Teilen, Schleifen (um die geht es viel), Wodot (oh ja, darum geht es auch viel) und Jim Blum (um diese Person geht es quasi unendlich viel). Innerhalb dieser Teile erleben wir wohl alle möglichen Textformen wie beispielsweise Brief, Essay, Vortrag, Reportage, Fußnoten, Roman – ja richtig gehört, natürlich schreibt Hirschl auch einen Roman im Roman, wie er auch eine kafkaeske Geschichte über Kafka schreibt, mit der er Kafka natürlich dekonstruiert, um ihn zeitgleich neu zu erschaffen, ach, ihr merkt schon.

Es geht um Sprache. Es geht um Mathematik. Es geht um die Frage, ob Sprache eigentlich mathematisch ist. Oder unendlich? Ist die Unendlichkeit endlich? Wenn wir sie doch nur mit Worten beschreiben können? Und was hat das alles mit einem Hamster zu tun?

Eigentlich geht es um Franziska Denk. Sie bekommt alle Krankheiten, mit denen sie sprachlich konfrontiert wird. Natürlich nicht wirklich, symptomatisch aber schon. Es geht um die Macht von Sprache und wie sie uns ermächtigt. Oder wie wir Macht über die Sprache erlangen können. Es geht um die Frage, wie sehr Sprache unsere Welt konturiert und gestaltet, während wir noch denken, dass sie nur das Abbild der Welt wäre. Es geht um Plansprachen, so ein spannendes Thema! Und ihre Unmöglichkeit. Es geht auch um die vielen großen Denker wie Gödel oder Wittgenstein, es geht um den Salon, es geht um Frauen in der Wissenschaft, es geht um Liebe und um Wahnsinn, immer wieder geht es um Babel, es geht irgendwie auch um die große Sehnsucht, mit der Sprache ein gemeinsames Wir zu formen auf der Welt, es geht um Identität. Es geht vielleicht ganz einfach um den Irrsinn, diese Welt begreifen und beschreiben zu wollen, auch wenn die Welt viel größer ist als der Mensch, weshalb der Versuch nur scheitern kann.

Das alles geschieht natürlich eingebettet in das Leben von Franziska Denk, die in Otto Mandl, dem Mathematiker, ihr scheinbares Gegenstück findet und eine Art Sekte gründet, die wie alle Sekten nichts Geringeres anstrebt als die Weltherrschaft – durch Sprache. Und es liest sich so unglaublich herrlich! Hirschl muss einen enormen Rechercheaufwand betrieben haben – oder er ist einfach einer dieser Menschen, die unfassbar viel wissen. Gekonnt mixt er durchweg historische mit fiktiven Persönlichkeiten und letztere stattet er so plausibel mit Vita aus, dass es kaum möglich ist, Fakten und Fiktion zu trennen. Dabei zieht auch sein Schreiben immer wildere Schleifen, die man einfach nicht mehr verlassen kann und selten habe ich bei einem Roman voller Wissenschaft so oft laut aufgelacht. Am Ende des Romans war ich mir nicht mehr sicher, ob ich jemals wieder einen Satz gerade rausbringen kann – aber sind wir nicht alle ein bisschen Jim Blum?

Ich gebe es jetzt auf, dieses Buch, das ein ganzer Kosmos ist, beschreiben zu wollen. IHR MÜSST DAS LESEN. An diesem Buch führt kein Weg vorbei. Möge es Preise regnen für Elias Hirschl.

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