Überleben
Dieses Buch sollte von uns gelesen werden – von all jenen, die in westlichen, wirtschaftsstarken Ländern aufgewachsen sind. Tomer Gardi gelingt es, die Leser aus den eigenen, oft bequemen Perspektive herauszuholen ...
Dieses Buch sollte von uns gelesen werden – von all jenen, die in westlichen, wirtschaftsstarken Ländern aufgewachsen sind. Tomer Gardi gelingt es, die Leser aus den eigenen, oft bequemen Perspektive herauszuholen und fremde Schicksale wirklich zu begreifen. Er zeigt Menschen, die uns in Westeuropa täglich mit ihrer Arbeit dienen, als das, was sie sind: Menschen mit Gefühlen, Beziehungen und vor allem mit existenziellen Problemen. Probleme, die nicht selten durch uns „Reiche“ mitverursacht werden.
Der Gegenwartsroman erzählt von verschiedenen Personen, die weltweit für Lieferdienste arbeiten. Für sie ist diese Arbeit keine Wahl, sondern die einzige Möglichkeit zu überleben. Besonders berührend finde ich die Geschichte von Filmon. Er flieht aus der Diktatur in Eritrea nach Israel, während seine Frau mit dem gemeinsamen Kind – das Filmon aufgrund seiner Flucht noch nie im Arm halten konnte – nach Berlin gelangt. Von dort aus versucht sie, ihn nachzuholen. Filmon arbeitet in Tel Aviv für einen Lieferdienst, um Geld für seine Familie zu verdienen. Gezeichnet von Bürokratie, Arbeitslosigkeit und unüberwindbar scheinenden Hindernissen kämpfen beide unermüdlich darum, wieder als Familie zusammenleben zu können.
Die dargestellten Schicksale wirken erschreckend realistisch und authentisch. Man fühlt sich den Figuren schnell verbunden und leidet mit ihnen. Dieses Buch öffnet die Augen – und lässt einen die eigene Rolle in dieser globalen Realität nicht mehr ausblenden.