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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.08.2019

Fortsetzung von Kleine Stadt der großen Träume

Wir gegen euch
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Nach dem ersten Band „Kleine Stadt der großen Träume“ wird nunmehr auf die folgenden Monate eingegangen. Maya, Vergewaltigungsopfer im ersten Band, versucht, die schlimmste Zeit ihres Lebens hinter sich ...

Nach dem ersten Band „Kleine Stadt der großen Träume“ wird nunmehr auf die folgenden Monate eingegangen. Maya, Vergewaltigungsopfer im ersten Band, versucht, die schlimmste Zeit ihres Lebens hinter sich zu bringen; der für den Ort Björnstadt so wichtige Eishockey-Club steht vor der Insolvenz; ein Geheimnis eines begnadeten Spielers wird gelüftet und die Bewohner so gezwungen zu zeigen, wofür sie stehen. Und natürlich steht auch die Rivalität zwischen Björnstadt und dem Nachbarort Hed wieder im Vordergrund, die zu einem Kampf um Geld und Macht führt.
Backman ist es erneut gelungen, eine komplexe, zum Nachdenken anregende Geschichte über Verantwortung, zusammenbrechende Beziehungen, Hass und Verzweiflung zu schreiben. Er hat lebendige Charaktere geschaffen. Jede Romanfigur berührt auf irgendeine Weise. Einige Beschreibungen sind besonders gelungen, wie z.B. die der Ehe der Anderssons, die Risse bekommt. Hier stellt Backman kleine Worte und Gesten gekonnt in den Vordergrund. Ebenso wird alles rund um den Eishockeysport sehr lebendig geschrieben und kann sich der Leser so selber als Teil der ausgetragenen Spiele sehen. Der Sport bildet aber nur den Rahmen, so dass nicht nur Sportfans angesprochen werden. Der dem Autor eigene Stil ist beeindruckend, etwa seine Andeutungen, was in Zukunft mit den Charakteren passieren wird.
Ich fand auch diesen Band wieder sehr lesenswert.

Veröffentlicht am 14.08.2019

Über den Zweiten Weltkrieg in Polen

Hannah und ihre Brüder
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Dieser fiktive Roman schockiert von Beginn an. In Chicago im Jahr 2004 beschuldigt der Holocaust-Überlebende Ben Solomon den angesehenen Geschäftsmann Elliot Rosenzweig, in Wahrheit der ehemalige SS-Offizier ...

Dieser fiktive Roman schockiert von Beginn an. In Chicago im Jahr 2004 beschuldigt der Holocaust-Überlebende Ben Solomon den angesehenen Geschäftsmann Elliot Rosenzweig, in Wahrheit der ehemalige SS-Offizier Otto Piontek zu sein, der als „Schlächter von Zamosc“ galt und unter dem er selbst und seine Familie leiden, mussten, ja sogar verraten wurden. Rosenzweig streitet ab und tut den Vorwurf als Verwechslung eines alten kranken Mannes ab. Um seinen guten Ruf nicht zu verlieren, lässt er sogar nach Otto Piontek suchen. Ben jedoch ist sich sicher und engagiert die Rechtsanwältin Catherine Lockhart, um Otto wegen seiner Vergangenheit vor Gericht zu bringen. Diese ist zunächst widerwillig, ändert aber ihre Ansicht, je mehr sie von Ben über die Vergangenheit hört.
Wer historische, im Dritten Reich angesiedelte Romane mag, sollte unbedingt zu diesem Buch greifen. Gut recherchiert und sehr realistisch stellt der Autor die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Polen dar, und zwar anhand der fiktiven Familie Solomon und ihres Ziehsohnes Otto. Ergebnis ist eine sehr berührende Lebensgeschichte eines den Holocaust Überlebenden, der alle Schrecken der damaligen Zeit durchlebt hat und die dafür Verantwortlichen bestraft wissen will. Das Buch ist ein guter Beitrag, um die Erinnerung an das furchtbarste Kapitel deutscher Geschichte wachzuhalten. Interessant ist auch der juristische Nebenschauplatz, dem anzumerken ist, dass der Autor von Haus aus Rechtsanwalt ist. Erst gegen Ende wird natürlich die Frage beantwortet, ob Ben mit seiner Anschuldigung richtig liegt.

Veröffentlicht am 14.08.2019

Tolle Familienchronik

Die Leben der Elena Silber
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Ein sehr beeindruckendes Buch, sowohl nach Umfang als auch nach Inhalt.
In der Gegenwart im Jahr 2017 betreibt der auf Selbstfindung bedachte Filmemacher Konstantin Stein auf Drängen seiner Mutter Maria ...

Ein sehr beeindruckendes Buch, sowohl nach Umfang als auch nach Inhalt.
In der Gegenwart im Jahr 2017 betreibt der auf Selbstfindung bedachte Filmemacher Konstantin Stein auf Drängen seiner Mutter Maria Familienforschung, um ein ihrer Meinung nach adäquates Thema zu haben. Diese führt zurück ins Jahr 1905 in Russland, wo Marias Großvater als Revolutionär gegen den Zaren erschlagen wird und seine zweieinhalbjährige Tochter Elena – die Patriarchin und Protagonistin der Geschichte – mit Mutter und Bruder flüchten muss. Elenas Werdegang ist von weiteren Fluchten/Ortswechseln und Freiheitsstreben geprägt – an andere Orte in Russland und später im Zweiten Weltkrieg in Schlesien, woher die Familie ihres deutschen Ehemannes Robert Silber stammt, ein Ingenieur, den sie noch in Russland geheiratet hat. In den Nachkriegswirren landet Elena mit ihren vier Töchtern schließlich im späteren Ostberlin. Der Verbleib von Robert bleibt rätselhaft, Elena erklärt ihn und auch andere Vorkommnisse innerhalb der Familie mit wechselnden Geschichten. Auf seiner Spurensuche begibt sich Konstantin an verschiedene Schauplätze und sucht Gespräche mit seinen noch lebenden Angehörigen.
Nachdem ich den rückwärtigen Bucheinband aufgeschlagen habe, wo der Familienstammbaum dargestellt wird, war ich zunächst erschlagen von der Vielzahl an Personen, die mich in der Geschichte erwarten würden. Das erwies sich aber schnell als grundlos. Den roten Faden betreffend die Romanfiguren wie auch die regionalen Schauplätze und zeitlichen Etappen habe ich nie verloren. Alle Romanfiguren haben spezielle Charakterzüge und zum Teil skurrile Eigenheiten, sind deshalb sehr interessant zu studieren (z.B. das Hobby von Konstantins dementem Vater und ihm selbst, sich Filmquizfragen zu stellen oder die zu Quacksalbertum neigende Tante Vera). Als Leser erfährt man im Zuge der Nachforschungen von Konstantin so viel Wissenswertes über die russische und ostdeutsche Geschichte. Spannend bleibt die Frage, ob sich das Schicksal von Robert Silber tatsächlich wird aufklären lassen.
Eine schöne Familiengeschichte, die sich flugs lesen lässt.

Veröffentlicht am 11.08.2019

Konnte mich nicht packen

Letzte Rettung: Paris
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Aufgrund der Buchbeschreibung war meine Erwartung, einen satirischen Roman, angefüllt mit absurden Situationen und sarkastischen Elementen zu lesen. Das hat sich leider nicht erfüllt.
Zunächst: Worum ...

Aufgrund der Buchbeschreibung war meine Erwartung, einen satirischen Roman, angefüllt mit absurden Situationen und sarkastischen Elementen zu lesen. Das hat sich leider nicht erfüllt.
Zunächst: Worum geht es? Protagonisten sind Mutter Frances und Sohn Malcolm. Sie ist in New York bekannt für ihre Schönheit, ihren Snobismus und aufgrund von Skandalen. Er wird völlig von seiner Mutter dominiert. Nachdem das reiche Erbe des Vaters verprasst ist, flieht Frances vor dem befürchteten Klatsch nach Paris mit Sohn und Kater Kleiner Frank, der für sie die Inkarnation ihres verstorbenen Mannes ist. In Paris verschwindet das Tier und beide begegnen auf seiner Suche einer Reihe skurriler, exzentrischer Personen.
Die Absicht des Autors geht wohl dahin, die High Society anzuprangern und zu zeigen, dass sich mit Geld nicht alles kaufen lässt, insbesondere nicht Manieren und Liebe. Leider plätschert die gesamte Geschichte ohne viel Handlung dahin; es läuft kein roter Faden durch sie. Die geführten Dialoge sind realitätsfremd, ohne Witz und Originalität. Überraschend war lediglich, dass am Ende emotionale Elemente zwischen Mutter und Sohn eingeführt werden, obwohl sie bis dahin sehr distanziert zueinander waren.
Leider hat das Buch nicht meinen Lesegeschmack getroffen.

Veröffentlicht am 11.08.2019

Fortsetzung der Familiensaga rund um eine jüdische Familie

Zeit aus Glas
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Dies ist nach „Jahre aus Seide“ der zweite Band der Trilogie rund um die Geschichte der jüdischen Familie Meyer aus Krefeld, die zum Teil auf fiktiven, zum Teil auf wahren Begebenheiten beruht. Während ...

Dies ist nach „Jahre aus Seide“ der zweite Band der Trilogie rund um die Geschichte der jüdischen Familie Meyer aus Krefeld, die zum Teil auf fiktiven, zum Teil auf wahren Begebenheiten beruht. Während im ersten Band auf die Jahre 1926 bis zur Reichspogromnacht im November 1938 eingegangen wird, geht es jetzt um einige wenige Monate ab der Pogromnacht bis zum Juni 1939. Auch wer den ersten Band nicht kennt, findet sich gut zurecht, da wichtige vergangene Ereignisse erneut angesprochen werden. Den Meyers haben „die Braunen“ in der Pogromnacht arg zugesetzt, später wird auch noch der Vater wegen Schmuggels inhaftiert und muss seine Deportation nach Dachau befürchten. Eine Auswanderung erweist sich als fast unmöglich. Nur Ruth hat die Möglichkeit, als Hausmädchen eine Stellung in England anzutreten. Doch soll sie ohne ihre Familie in die Fremde? Und wird sie von dort ihre Angehörigen nachholen können?
Der Roman ist erneut sehr lehrreich, bringt er uns doch das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte, den Nationalsozialismus, nahe. Die Geschichte lässt einen sehr betroffen zurück, eben weil es in ihr um eine real existierende Familie geht. Sprachlich lässt sich ihr gut folgen, was daran liegt, dass aus der Perspektive der 17jährigen Tochter Ruth erzählt wird. Die Autorin hat gut recherchiert und fasst den Anlass des Romans und den Gang ihrer Recherchen in einem gelungenen Nachwort zusammen. Etwas gestoßen habe ich mich an einigen Längen betreffend die sich stets wiederholenden Überlegungen der Romanfiguren zum Wagnis einer Auswanderung, wenngleich ich nicht verkenne, dass gerade dadurch sehr deutlich wird, in welchem Zwiespalt sich die Juden in Deutschland befanden – einerseits wollten sie ihre Heimat gar nicht verlassen, andererseits gab es für sie dort angesichts des stetigen Beschneidens ihrer Bürgerrechte und Freiheiten kein Fortkommen mehr.
Auf jeden Fall ein lesenswertes Buch und ein wichtiger Beitrag, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Ganz sicher werde ich die dritte Fortsetzung lesen.