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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.02.2026

Kurzer, aber inhaltsreicher Roman

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Die Romane, die ich bislang von der Autorin gelesen habe – „Wir hätten uns alles gesagt“ und „Daheim“ -, sind kurz und knapp gehalten. Ihr neues Buch fällt mit 156 Seiten sogar noch knapper aus, ist aber ...

Die Romane, die ich bislang von der Autorin gelesen habe – „Wir hätten uns alles gesagt“ und „Daheim“ -, sind kurz und knapp gehalten. Ihr neues Buch fällt mit 156 Seiten sogar noch knapper aus, ist aber sehr inhaltsreich. Die Autorin geht ihrer Familiengeschichte nach und folgt den Spuren ihres Großvaters, über den die Familie sich wegen seiner unrühmlichen Vergangenheit lange ausgeschwiegen hat. Er war im Zweiten Weltkrieg für die SS im polnischen Radom stationiert, wo er an der Errichtung und Auflösung eines Ghettos beteiligt war. Das eigentlich Gelungene an der Geschichte ist, dass die Autorin über die Vergangenheit ihres Großvaters nur spekulieren kann, weil sie weder am Tatort in Radom Ermittlungsansätze findet noch ihre Mutter wesentlich zur Erhellung beiträgt. Diese meint, zum Vergessen berechtigt zu sein. Das Ringen der Autorin nach Antworten ist sehr bildhaft dargestellt. Für mich hätte sie es bei der Darstellung ihrer Reise nach Polen belassen können, ohne dass sie noch zwei weitere Abschnitte anschließt. In ihnen geht es um ihren Besuch bei ihrer Schwester in Neapel, der sie nach ihrem bedrückenden Besuch Polens wieder belebt, und um ein merkwürdiges Vorkommnis im Leben ihrer betagten Schwiegereltern. Literarisch ist das Buch ein Kleinod, weil immer wieder Titel anderer Autoren genannt und aus ihren Büchern zitiert wird.

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Veröffentlicht am 31.01.2026

Geschichten von Essenslieferanten

Liefern
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Das bequeme Bestellen von Essen mit der anschließenden schnellen Anlieferung durch Boten verbreitet sich immer mehr in unserer Gesellschaft. Doch haben wir uns schon einmal Gedanken über das Leben dieser ...

Das bequeme Bestellen von Essen mit der anschließenden schnellen Anlieferung durch Boten verbreitet sich immer mehr in unserer Gesellschaft. Doch haben wir uns schon einmal Gedanken über das Leben dieser Boten gemacht, die wir meistens kaum wahrnehmen? Dieses Buch bietet nun dafür hinreichend Anlass. Der Autor hat mehrere Geschichten über Essenslieferanten verfasst, die überall auf der Welt unterwegs sind – in Tel Aviv, Delhi, Berlin, Istanbul, Buenos Aires. Wir machen quasi eine Weltreise, die sehr rasant und atemberaubend verläuft (für meine Begriffe schon fast zu schnell). Die Schicksale dieser Essensboten sind, wenn wir die Wohlstandsmaßstäbe unserer deutschen Gesellschaft ansetzen, unfassbar. Da ist etwa der eritreische Flüchtling, der von seinem letzten Aufenthaltsort Tel Aviv unbedingt zur Zusammenführung mit seiner Familie nach Berlin will und sich mit Essensauslieferungen durchschlägt, oder der Türke in Istanbul, der trotz Universitätsabschlusses in Literatur im korrupten türkischen System keine Anstellung findet und deshalb vom Ausliefern lebt, oder die allein erziehende Inderin, die auf dem Motorrad Essensbestellungen im gefährlichen Straßenverkehr Delhis ausfährt. Allen gemeinsam ist, dass sie Ausbeutung, Gefahren, Rassismus und Diskriminierungen ausgesetzt sind, das aber aushalten, um „was zu werden“. Positiv ist, dass die einzelnen Kapitel, die den Fokus grundsätzlich auf jeweils einen Lieferanten legen, nicht lose aneinandergereiht sind, sondern in ihnen als Bindeglied die Protagonisten früherer Kapitel erneut auftauchen. Ein Tüpfelchen auf dem i ist noch, dass ein Kapitel von dem kurzen Zusammentreffen des Erzählers selbst mit einem Boten erzählt. Der Autor soll mehrere Jahre für das Buch recherchiert haben, was in den guten lokalen Kenntnissen gut erkennbar wird. Bei dieser Gelegenheit lernen wir Vieles über lokale Besonderheiten der einzelnen Länder, z.B. das indische Lichterfest Diwali, dass sich Istanbul mit Touristenschönheitsoperationen einen großen Bekanntheitsgrad verschafft hat, die Rosenindustrie Kenias.
Ein Buch mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik, geeignet für Globetrotter und an globaler Politik Interessierten.

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Eine vermeintlich glückliche Familie

Alle glücklich
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Die Autorin ist aufgrund ihrer Ausbildung – u.a. Studium der Psychologie und der Pädagogik – prädestiniert, einen Roman über eine Familie zu schreiben. Das ist ihr vorliegend gut gelungen. Sie skizziert ...

Die Autorin ist aufgrund ihrer Ausbildung – u.a. Studium der Psychologie und der Pädagogik – prädestiniert, einen Roman über eine Familie zu schreiben. Das ist ihr vorliegend gut gelungen. Sie skizziert eine vermeintlich glückliche deutsche Durchschnittsfamilie: Vater, Mutter und zwei halbwüchsige Kinder; der Vater der Haupternährer, die Mutter die Kümmerin im Alltagsleben mit einem Teilzeitjob, der Sohn Student und die Tochter Gymnasiastin. Das gemeinsame Abendessen ist heilig. Doch hinter diesem scheinbar glücklichen Familienleben offenbart sich recht schnell, dass jedes einzelne Familienmitglied Probleme mit sich herumträgt, die es alleine ausficht, ohne mit den anderen darüber zu sprechen; alle leben eigentlich nur nebeneinander her. Es wechseln sich kurze Kapitel ab, die jeweils in gleichbleibender Reihenfolge aus der Perspektive eines Familienmitglieds erzählt werden. So erfährt der Lesende oft, wie sich dieselbe Situation aus dem Blickwinkel der anderen darstellt. Es ist auch eine gehörige Portion Spannung im Spiel, die zum raschen Weiterlesen animiert. Denn die Ereignisse spitzen sich schnell zu und werden zum Selbstläufer.
Das Buch gibt Anlass zum Nachdenken, ob die eigene Familie möglicherweise nicht der fiktiven ähnelt und wie vielleicht gegengesteuert werden kann.

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Veröffentlicht am 20.01.2026

Kritischer Blick auf das Leistungsturnen

Die Routinen
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Man meint es bei diesem Roman mit der Autobiografie einer Leistungsturnerin zu tun zu haben. Denn aus jeder Zeile springt Insider-Wissen aus der Welt des Mädchen-Leistungsturnens hervor. Umso erstaunlicher, ...

Man meint es bei diesem Roman mit der Autobiografie einer Leistungsturnerin zu tun zu haben. Denn aus jeder Zeile springt Insider-Wissen aus der Welt des Mädchen-Leistungsturnens hervor. Umso erstaunlicher, dass die Autorin gar keine Turnerin ist. Es handelt sich um die schonungslose Offenlegung aller Missstände, die im Leistungssport bis in die jüngste Vergangenheit bestanden haben (oder vielleicht noch bestehen?), und die Abrechnung mit diesem Sport. Beides geschieht stellvertretend durch die Ich-Erzählerin Amik, deren Sportkarriere gerade beendet ist, und der jungen Turnerin Izzy, die sie unter ihre Fittiche nimmt und die gerade einen schweren Unfall bei Ausübung ihres Sports hatte. Eindringlich geht sie auf den Leistungsdruck ein, den Missbrauch durch Trainer und Ärzte, die Schikanen, Erniedrigungen, die verpassten Kindheiten. Dies zu lesen, macht wirklich betroffen. Die gesamte Geschichte wird von diesen Themen beherrscht. Ein Leben außerhalb des Sports scheinen die Turnerinnen nicht zu haben. Dazu passt gut die niemals an Eindringlichkeit verlierende, fast kalt wirkende Sprache. Interessant sind die kurzen Einschübe zu weltbekannten Turnerinnen, z.B. Olga Korbut und Simone Biles.
Wer sich für Sport interessiert, wird dieses Buch mögen; andere werden eher eine fortschreitende Handlung vermissen.

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Veröffentlicht am 17.01.2026

Melancholischer Liebesroman

Die Liebe, später
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Dieser Roman beleuchtet die Altehe eines inzwischen in seinen Sechzigern befindlichen Ehepaares. Mehr als zwanzig Jahre lang war es eine in ruhigen Bahnen verlaufende Ehe, vielleicht auch deshalb, weil ...

Dieser Roman beleuchtet die Altehe eines inzwischen in seinen Sechzigern befindlichen Ehepaares. Mehr als zwanzig Jahre lang war es eine in ruhigen Bahnen verlaufende Ehe, vielleicht auch deshalb, weil die beiden eine Wochenendehe führten. Eine schwere Herzoperation bei ihr mit dem drohenden beruflichen Aus und seine Frühverrentung lässt die Ehe aber ins Trudeln geraten. Sie scheut die permanente Nähe, nach der er sich sehnt. Sie beginnt ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, in der es einige Punkte gibt, die sie nie vollendet hat bzw. an denen sie Zeit ihres Lebens zu knabbern hatte. Dabei verschweigt sie ihrem Mann wiederum so manches. Auch er hat ihr gegenüber nicht alles aus seiner Vergangenheit preisgegeben. Nach und nach erfahren wir Leser mehr Einzelheiten aus ihrer beider Leben. Die Entwicklungen lassen uns hoffen und bangen, ob sich das Ende der Ehe noch abwenden lässt und beide wieder zueinanderfinden.
Die Geschichte ist in leisem, nachdenklichem Ton erzählt. Abwechslungsreich und zum Grundton genau passend sind regelmäßig eingestreute Auflistungen, die jeweils eine Aufzählung von fünf Dingen enthalten und zum Nachdenken anregen, z.B. „Fünf Dinge, die Angst machen“, „Fünf Erkennungsmerkmale der großen Liebe“ oder „Fünf Dinge, die beide von ihren Eltern behalten haben“. Erwähnenswert ist auch ein eingearbeiteter weiterer Handlungsstrang, in dem sie mit dem ihr von Berufswegen anhaftenden journalistischen Spürsinn einem entfernteren Freund bei dem Aufspüren seiner scheinbar grundlos untergetauchten Frau behilflich ist. Hier bringt sie so viel Energie ein, dass sich die Frage stellt, ob sie das die Probleme ihrer eigenen Ehe beiseiteschieben lässt. Nicht zuletzt hat mir gefallen, dass sich die Protagonistin in meinem Alter befindet, was mich in sie gut hineinversetzen ließ.
Für Leser, die anspruchsvolle Liebesromane mögen.

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