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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.07.2020

Empfehlenswerte Urlaubslektüre

Der Sommer der Islandtöchter
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Auslöser, dieses Buch zu lesen, war für mich der Ort des Geschehens. Denn zu Island habe ich eine besondere Affinität, besonders zu Islands Pferden (die leider im Roman keinerlei Erwähnung fanden). Das ...


Auslöser, dieses Buch zu lesen, war für mich der Ort des Geschehens. Denn zu Island habe ich eine besondere Affinität, besonders zu Islands Pferden (die leider im Roman keinerlei Erwähnung fanden). Das Cover mit den Illustrierten-Frauen empfinde ich allerdings wenig einladend. Ich habe den unterhaltsamen Roman gerne gelesen, insbesondere haben mir die Schilderungen der Natur gut gefallen. Dennoch ist es leider kein Buch, das mir länger in Gedächtnis bleiben wird.

2018: Hannah kann ihren Traumberuf als Violonistin nicht mehr ausüben. Sie sucht Abstand von ihrem wenig einfühlsamen Noch-Ehemann Nils, indem sie zusammen mit ihrem kleinen Sohn Max für ein Jahr nach Island reist. Sie fühlt sich innerlich leer, erschöpft, sucht einen Weg, sich neu zu finden.
1978: Monika, eigenwillige Tochter aus reichem Haus in Lüneburg, soll die Geschäfte ihres Vaters übernehmen, träumt jedoch von einer Zukunft als Malerin. Mit ihren Eltern verbringt sie den Sommer in Island, während ihr strebsamer Verlobter zu Hause an seiner Karriere arbeitet. Monika genießt die Freiheit Islands in vollen Zügen…

Die Autorin kennt Land und Leute aus eigener Erfahrung. Das spürt man dem Buch sehr wohltuend an. Tatsächlich liegt die Stärke des Romans in den Schilderungen von Natur und Landschaft, von Eindrücken, die Meer und Witterung, Licht und Wind hinterlassen, von den inneren Bildern, die man von Island gewinnt. Die Handlung, beide Zeitstränge, werden gefühlvoll und sehr unterhaltsam erzählt. Für beide Protagonistinnen kann man Sympathie empfinden und ihre Situationen, Gefühle und Handlungen nachvollziehen. Die Ausgestaltung der Person Nils empfand ich jedoch als sehr klischeehaft und plakativ, vor allen Dingen unglaubwürdig. Ein Dirigent, der tatsächlich das Trauma seiner Frau, einer gefeierten Violonistin, nicht versteht? Sowohl Hannah als auch Monika finden auf Island Unerwartetes und stellen sich mutig neuen Herausforderungen. Letztlich ist die Geschichte, das Zusammenführen beider Handlungsstränge, vorhersehbar, aber dennoch mit einigen Überraschungen verbunden.

Fazit: Ein unterhaltsamer Roman, leicht zu lesen, ohne besondere Tiefe, mit schönen Naturschilderungen, als Urlaubslektüre sehr zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 30.06.2020

Sehr unterhaltsamer, gut recherchierter Medizin-Schmöker

Das Juliusspital. Ärztin aus Leidenschaft
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Außerordentlich schade finde ich, dass sowohl Covergestaltung als auch der Buchtitel als solcher einen trivialen, kitschigen Roman suggerieren und damit die falsche Zielgruppe anlocken. Dass sich hinter ...


Außerordentlich schade finde ich, dass sowohl Covergestaltung als auch der Buchtitel als solcher einen trivialen, kitschigen Roman suggerieren und damit die falsche Zielgruppe anlocken. Dass sich hinter den Buchdeckeln ein großartig recherchierter historischer Medizin-Schmöker verbirgt, der sich sowohl perfekt unterhaltend als auch mit Wissensgewinn lesen lässt, verrät sein Äußeres leider nicht.

Wir befinden uns in Würzburg im Jahr 1850. Alle Träume der reichen Bankierstochter Viviana Winkelmann, Ärztin zu werden, sind auf einen Schlag dahin, als Viviana unverheiratet und nicht standesgemäß von einem Steinmetz schwanger wird. Sie wird von der Familie, die alles auf die unbefleckte Ehre ihres Standes gibt, unbarmherzig auf die Straße geworfen. Nach Zeiten großer Not wird Viviana Helferin in der Apotheke des renommierten Würzburger Juliusspitals und belauscht heimlich Vorlesungen, denn ihren Lebenstraum, Ärztin zu werden, hat sie auch als uneheliche, mittellose Mutter nicht verloren. Doch Frauen dürfen zu dieser Zeit nicht studieren, nicht einmal Abitur machen. „Frauen fehlt es an geistiger Kraft“, so äußert sich Rudolf Virchow im Buch. Viviana ahnt nicht, dass nicht nur der Zeitgeist, sondern auch ihr eigener Bruder als erbitterter Feind ihrem Lebensziel entgegensteht.

Den mit 570 Seiten recht umfangreichen Roman habe ich in kurzer Zeit regelrecht verschlungen. Denn es ist den Zwillingsschwestern Claudia und Nadja Beinert auf perfekte Weise gelungen, einen historischen Roman so lebendig zu schreiben, dass man beim Lesen völlig eintaucht in eine Zeit, in der ein Spital ein Ort zum Sterben war, in der Ärzte, die etwas auf sich hielten, nicht im Krankenhaus arbeiteten, sondern Privatpraxen führten und in der renommierte Professoren, teils eitel und selbstherrlich, teils besessen forschend, in Würzburg ihre neuesten Erkenntnisse an die Studenten weitergaben. Wie sich Viviana, verwöhnte Tochter aus reichem Haus, wandelt zur Kämpferin für die Frauen und ihr Recht auf Bildung, wird spannend und einfühlsam erzählt. Zudem lernt man sehr viel über den Stand der Medizin Mitte des 19. Jahrhunderts. Der sehr sorgsame Sprachstil passt perfekt zur geschilderten Zeit. Die sehr detailverliebte Erzählweise erleichtert das Ein- und Wegtauchen in die Geschichte und verrät, zumindest ansatzweise, wie viel sorgfältige Recherchearbeit hinter dem Roman steckt. Mir hat das Buch sehr, sehr gut gefallen!

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Veröffentlicht am 28.06.2020

Ideale Mischung zwischen Humor und Tiefgang

Spätsommer ist auch noch Sommer
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Die Autorin kannte ich bislang nicht. Doch der treffliche Titel zog mich an. Und was soll ich sagen: Das Buch war für mich eine echte Entdeckung. Wunderbar, wie die Autorin mit leichter Hand und einer ...


Die Autorin kannte ich bislang nicht. Doch der treffliche Titel zog mich an. Und was soll ich sagen: Das Buch war für mich eine echte Entdeckung. Wunderbar, wie die Autorin mit leichter Hand und einer lächelnden Schreibfeder, dazu in finnischer Freizügigkeit, erzählt von einer Lebenszeit, die - zumindest zeitweilig - gar nicht so lustig ist.

Ulla, 74, pensionierte Zahnärztin, hatte über 10 Jahre ihren ungeliebten Mann Olli rund um die Uhr gepflegt. Ihre erste Tat nach dem Tod von Olli, überhaupt ihre erste Aktivität für sich selbst nach den langen Jahren der Pflege, ist ein Friseurbesuch mit allem Drum und Dran. Im nächsten Schritt nimmt sie Kontakt auf mit ihren alten Freundinnen Hellu und Pike, die sie trotz der jahrelangen Vernachlässigung wieder freudig in ihre Runde aufnehmen. Auf der Suche nach allem, was Spaß macht, wird nichts ausgelassen. Das ruft in den Kindern von Ulla größte Besorgnis hervor, denn „Mamilein“, die Greisin, scheint in deren Augen offensichtlich an fortschreitender seniler Demenz zu leiden…

Der Roman ist ein offenherziges und warmherziges Plädoyer dafür, auch in fortgeschrittenen Jahren das Leben Tag für Tag bewusst zu genießen. Heiter und beschwingt führt uns die Autorin anhand der drei Freundinnen durch deren verschiedene Versuche, alles auszuprobieren, was gefällt oder vielleicht letztlich auch nicht gefällt, wie zum Beispiel die missglückten neuen Augenbrauen, mit denen man aussieht wie Leonid Breshnew. Hauptsache, Schwung kommt ins Leben. Denn die Blessuren, die einem das Leben verpasst hat, gilt es bunt zu bemalen, nicht zu beweinen. Zwar blieb mir beim Lesen des Öfteren das Lachen im Hals stecken, denn hinter aller Vergnüglichkeit werden die Bedrohungen des Alters nicht ausgespart. Doch genau dies macht die Tiefe des Buches aus.

Doris Dörrie sagte einmal: „Humor funktioniert so, als würde man das Fenster aufmachen und es kommt wieder Luft rein.“ So, genau so erfrischend ist dieser wunderbare Roman zu lesen.


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Veröffentlicht am 23.06.2020

Die Kunst der lebenden Architektur für die Kleinsten erklärt

Hundertwasser: Ein Haus für dunkelbunte Träume
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Die erste Assoziation, wenn man das Buch in Händen hält, ist bei Erwachsenen „Hundertwasser“, ganz klar. Kleinere Kinder sehen viele, viele bunte Flächen, Vögel, Bäume, haben Spaß an dem vielen Gold auf ...


Die erste Assoziation, wenn man das Buch in Händen hält, ist bei Erwachsenen „Hundertwasser“, ganz klar. Kleinere Kinder sehen viele, viele bunte Flächen, Vögel, Bäume, haben Spaß an dem vielen Gold auf dem Cover. Das ist schon eine besondere Kunst, wie Lucie Vandevelde mit ihren Bildern sowohl die ganz Kleinen erreicht wie auch die „wissenden“ Erwachsenen. Sie trifft genau die „Sprache“ Hundertwassers. Das ist beeindruckend.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Das kleine Mädchen Maya muss zuschauen, wie ihr Lieblingsbaum auf dem Grundstück gegenüber plötzlich mehr und mehr hinter einer hohen Mauer verschwindet. O Schreck, ein neues Haus wird gebaut. Was wird dann mit dem Baum passieren, unter dem es zusammen mit Lea und Leo so schöne Kindergeburtstagsfeiern gab und in dessen Zweigen sich Coco, der Papagei, so gerne versteckte? Viele Baumaschinen rücken an, Bagger, Kräne, Lastwägen, alle machen Lärm und Staub. Nach vielen Wochen ist das Haus fertig. Da zeigt ein wunderlich bunt gekleideter Mann den Kindern, dass der Baum inmitten eines Hofes stehen geblieben war und um ihn herum viele, viele Pflanzen einen Platz gefunden haben, teils sogar mitten aus den bunten Hauswänden herauswachsend. Ein Märchen, so schön…

Dass Hundertwasser selbst im Buch den Kindern etwas erzählt von den Pflanzen, die wie die Menschen Mieter sein sollen in dem neuen Haus, dass sie gepflegt werden müssen und dass diese Pflege in unserer eigenen Verantwortung liegt, ist ein geschickter Dreh im Buch, den die Kinder ohne Mühe beim Vorlesen verstehen. Schön wäre es, wenn Eltern ihren Kindern das „echte“ Hundertwasser-Haus in Wien auf Bildern oder vielleicht sogar noch direkt vor Ort zeigen könnten und ihnen dabei etwas über die Gedanken von Friedensreich Hundertwasser vermitteln könnten. Achtung vor der Natur, die sich in einer lebenden, bewegten Architektur zeigt – das verstehen auch die Kleinsten dank dieses wunderbaren Bilderbuchs.

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Veröffentlicht am 22.06.2020

Ein sehr gelungener klassischer Whodunit

Halligmord (Ein Minke-van-Hoorn-Krimi 1)
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Schon lange nicht mehr hat mir ein Kriminalroman so viel Spaß gemacht wie dieser hier. Intensiv wie ein Kammerspiel, auf kleinstem Raum spielend und perfekt inszeniert, entwickelt sich die Suche nach ...


Schon lange nicht mehr hat mir ein Kriminalroman so viel Spaß gemacht wie dieser hier. Intensiv wie ein Kammerspiel, auf kleinstem Raum spielend und perfekt inszeniert, entwickelt sich die Suche nach dem Schuldigen vor den Augen des rätselnden Lesers.

Die Szenerie könnte nicht besser gewählt sein. Auf einer Nordsee-Hallig spült das Meer menschliche Knochen frei, ein Skelett, das schon viele, viele Jahre im Boden gelegen haben muss. Aber wer ist der Tote? Minke van Hoorn, ursprünglich Meeresbiologin, ist in ihre friesische Heimat zurückgekehrt und als Kommissarin in die Fußstapfen ihres verstorbenen Vaters getreten. Doch dieser erste Fall ist alles andere als einfach für sie. Der einzige Kollege ist ausschließlich beschäftigt mit den Festvorbereitungen für seinen Renteneintritt, die zwei alteingesessenen Familien auf Nekpen sind überaus schweigsam, und dann verschwindet auch noch der Sohn des alten Deichgrafen. Minke gerät schwer unter Druck, denn ein gewaltiger Herbststurm rollt auf die Hallig zu…

Von der ersten Seite an zieht die Autorin den Leser in ihren Bann, was zu einem ganz großen Teil daran liegt, dass sie außerordentlich intensiv die spezielle Atmosphäre einer Nordsee-Hallig zu schildern versteht. Man hat beim Lesen ständig das Gefühl, die würzig-salzige Meeresluft zu atmen, den Wind auf der Haut zu spüren, die Weite des Horizonts und die Begrenztheit der Hallig vor Augen. Dazu kommt auch die Nähe, die der Leser zu Minke von Hoorn aufbaut, denn ihre verhaltene Trauer um ihren Vater und ihr gelassenes, nachdenkliches Wesen machen sie überaus sympathisch. Überhaupt werden die Menschen auf der Hallig sehr vielschichtig und einfühlsam geschildert, kantig, geradeaus, ein wenig wunderlich. In relativ kurzen Kapiteln, dennoch folgerichtig, mit leisem Humor gewürzt, durchweg spannend erzählt Christa Henning die Geschichte. Wohldosiert, in ganz kleinen Häppchen, bekommt der Leser Informationen, die ihn zum Miträtseln animieren. Wie ein klassisch gestrickter Kriminalroman nach englischem Muster erfolgt in einer eindrücklichen letzten Szene die überraschende Aufklärung. Ein Lesegenuss!

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