Mord oder Selbstmord?
AutopsieAuch wenn es sich um die zweiten Band der Harry Kent-Reihe handelt, kann man das Buch auch gut ohne Vorkenntnisse lesen. Ich bin erst hier eingestiegen und hatte keinerlei Verständnisprobleme. Einige Dinge ...
Auch wenn es sich um die zweiten Band der Harry Kent-Reihe handelt, kann man das Buch auch gut ohne Vorkenntnisse lesen. Ich bin erst hier eingestiegen und hatte keinerlei Verständnisprobleme. Einige Dinge aus der Vergangenheit werden in diesem Band wieder aufgegriffen, sodass man einen Einblick in das Leben der Protagonisten bekommt. Das hat mir gut gefallen.
Etwas gestört hat mich, dass sowohl der Polizeiarzt Harry Kent als auch die Ermittlerin DCI Francis Noble ziemlich abgerissene Persönlichkeiten sind. Er ist tablettenabhängig, sie gerade trockene Alkoholikerin. Ich finde das eigentlich immer nicht so toll, denn man hat solche Thematiken sehr oft in Krimis bzw. Thrillern. Allerdings hat mich der Autor dann doch davon überzeugt, dass es für die Geschichte sehr passend ist. Man merkt, dass er als Medizinstudent ist und sich somit mit dem Stress, dem Ärzte ausgesetzt sind, auskennt. Und das wird ziemlich anschaulich geschildert: Eine große Verantwortung, immer unter Zeitdruck und aufgrund der langen Schichten kaum Zeit zu schlafen oder das Privatleben.
Überhaupt habe ich noch nie ein Buch gelesen, indem so realistisch über die Medizin geschrieben wurde. Zum einen wird deutlich, welche Hierarchie in Krankenhäusern herrscht und unter welchen Druck die Angestellten stehen. Auch dass es wichtig ist, sich zu profilieren wird hier sehr deutlich. Aber auch die psychische Belastung, unter denen vor allem Ärzte in der Notaufnahme stehen, wird sehr deutlich. Kein Wunder, dass manche Götter in Weiß eher distanziert wirken.
Die eigentliche Geschichte ist aber auch sehr spannend, auch wenn sie die ein oder andere Länge hat. Harry Kent wird damit beauftragt zu helfen, den Mord an Susann Bayliss aufzuklären und taucht damit in die Intrigen und Vertuschungsversuche einer Kinderklinik ein. Allerdings tritt man sehr lange auf der Stelle, es gibt kaum neue Erkenntnisse - eben auch nicht für den Leser. Deswegen fand ich es zur Mitte hin etwas langweilig.
Das ändert sich dann allerdings, je weiter das Buch dem Ende zu geht. Hier habe ich es einfach nicht mehr aus der Hand legen können und auch wenn man ca. 80 Seiten vor dem Schluss schon weiß, wer hinter allem steckt, bleibt es spannend. Ich hätte mit allem gerechnet, hatte natürlich auch meine Vermutungen, aber garantiert nicht mit dieser Auflösung. Damit hat mich der Autor für den etwas ereignislosen Mittelteil wieder versöhnt.
Nicht ganz so passend finde ich allerdings den Titel. Natürlich werden Autopsien vorgenommen, aber diese spielen wirklich eine sehr untergeordnete Rolle. Ein bisschen mehr vom Inhalt hätte der Titel meiner Meinung nach schon verraten dürfen.
Alles in allem hat mir das Buch aber sehr gefallen. Ich werde die Reihe auf jeden Fall weiterverfolgen, denn ich bin auch gespannt, wie es in Harrys Privatleben weitergeht. Von mir gibt es 4 Sterne!