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Veröffentlicht am 07.05.2018

Die Tragikomödie eines Lebens

Wie man die Zeit anhält
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„Der Schlüssel zum Glück ist nicht, man selbst zu sein, denn was heißt das überhaupt? Jeder Mensch hat so viele Ichs. Nein. Der Schlüssel zum Glück ist, die Lüge zu finden, die am besten zu einem passt.“


Inhalt


Tom ...

„Der Schlüssel zum Glück ist nicht, man selbst zu sein, denn was heißt das überhaupt? Jeder Mensch hat so viele Ichs. Nein. Der Schlüssel zum Glück ist, die Lüge zu finden, die am besten zu einem passt.“


Inhalt


Tom Hazard hat viele Namen, spielt zahlreiche Rollen und ist immer wieder auf der Flucht vor seinem ganz alltäglichen Leben, denn anders als die normalen Menschen ist er mittlerweile 439 Jahre auf der Erde und sieht jetzt gerade mal wie Anfang vierzig aus. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass es verdammt schwer ist, sich dauerhaft irgendwo niederzulassen, denn die Menschen werden misstrauisch, wenn man einfach nicht älter wird. Doch er ist nicht allein - ein gewisser Hendrich Pietersen hat eine Gesellschaft gegründet, die sich „Die Albatrosse“ nennt. Mitglied wird derjenige, der von einem anderen eingeladen wird und sich auf die Suche nach weiteren „Zeitlosen“ macht, die irgendwo auf der Erde leben, solange bis sie entdeckt werden. Hendrich verspricht dem zermürbten Tom, der sich derzeit als Geschichtslehrer in London verdingt, seine Tochter Marion zu finden, die das Krankheitsbild ihrer Vaters geerbt hat und demnach in echter Gefahr schwebt – doch den Preis, den Tom zahlt ist kein geringer, aller acht Jahre muss er weiterziehen, einen neuen Auftrag annehmen und sich von sämtlichen Menschen, die ihm etwas bedeuten fernhalten. Als er die warmherzige Französischlehrerin Camille trifft, wird ihm bewusst, dass er zu alt ist, um wieder in eine neue Rolle zu schlüpfen …


Meinung


Der britische Bestsellerautor Matt Haig, der mich schon mit seinem Roman „Ich und die Menschen“ überzeugen konnte, hat abermals ein sehr ansprechendes Gedankenkonstrukt erschaffen, welches sich explizit mit der Bedeutsamkeit der verrinnenden Zeit beschäftigt, mit dem verlangsamten Lauf des Lebens und einer Krankheit, die fast an Unsterblichkeit erinnert. So oder zumindest ähnlich könnte es sein, wenn man selbst 700 Jahre leben würde und genau diese Frage wirft diese unterhaltsame Geschichte auf. Wäre es wirklich so erstrebenswert sich dem ewigen Leben anzunähern? Oder würde man das Menschsein nicht einfach in die Dauerschleife legen und keinerlei Wertsteigerung mehr erleben.


Die Geschichte selbst fliegt nur so durch die Jahrhunderte, denn in klar umrissenen Kapiteln erfährt der Leser etwas über die Hexenverfolgung, über das Theater des William Shakespeare und das harte Leben als Seefahrer auf dem Höhepunkt der Piraterie – Tom war nämlich immer dabei, als Zeitzeuge sozusagen. Wechselnd erzählt zwischen damals und heute, nähert man sich dem leicht desillusionierten, melancholischen Helden an, der schon öfter den Wunsch verspürte, seinem Leben ein unnatürliches Ende zu setzen. Doch mit Eintritt in die Gesellschaft der „Albatrosse“ bekommt sein Dasein erstmals eine neue Dimension und diese Aufgabe hält ihn zumindest bei der Stange.


Schade finde ich nur, dass der Plot sehr oberflächlich ausgearbeitet wurde, weniger die wichtigen Fragen stehen im Zentrum, sondern eher die Akzeptanz einer Unmöglichkeit. Der Text bleibt weitgehend locker, die Sprache sehr modern, was nicht immer zum historischen Hintergrund passt und mich eher an eine zeitgenössische Erzählung mit fantastischen Elementen erinnert. Mein Anspruch an die Geschichte war auch ein anderer, habe ich mir doch erhofft, zu erfahren, was wirklich wichtig ist, welche Möglichkeiten in der Vorstellung an sich liegen und wo genau sich die Schnittstellen zwischen der Endlichkeit und der Unsterblichkeit befinden – selbst wenn es nur ein imaginärer Ansatz hätte werden können – gefunden habe ich ihn hier leider nicht.


Fazit


Ich vergebe durchschnittliche 3 Lesesterne für einen sehr lockeren, unterhaltsamen Roman. Man findet hier eine inspirierende Geschichte mit hinreichend interessanter Handlung und gut dargestellten Figuren. Dieses Buch ist auch schon für jüngere Leser geeignet, weil es die Phantasie anregt, ohne vorgefertigte Denkweisen zu präsentieren. Für ein kurzes, abenteuerliches Lesevergnügen ist es bestens geeignet, nur die Bedeutsamkeit, die Intensität des Gelesenen hat mir gefehlt und lässt das Buch auch schnell wieder in Vergessenheit geraten. Für eine Verfilmung jedoch würde ich mich aussprechen, dieser Stoff ist geradezu ideal für die Kinoleinwand.

Veröffentlicht am 07.05.2018

Kreuzfahrt ins Verderben

Woman in Cabin 10
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„In meinem Traum trieb die Frau in den kalten, lichtlosen Tiefen der Nordsee, weit unter den peitschenden Wellen und den Schreien der Möwen.“


Inhalt


Lo Blacklock reist als Vertreterin ihrer kurzfristig ...

„In meinem Traum trieb die Frau in den kalten, lichtlosen Tiefen der Nordsee, weit unter den peitschenden Wellen und den Schreien der Möwen.“


Inhalt


Lo Blacklock reist als Vertreterin ihrer kurzfristig erkrankten Chefin auf der Jungfernfahrt des exklusiven Kreuzfahrtschiffes „Aurora Borealis“ nach Norwegen. Mit der Journalistin an Bord sind nur noch 9 weitere Passagiere und das Bordpersonal, denn das neue Schiff soll sich als Luxusliner der ganz besonderen Art in der Tourismusbranche etablieren. Deshalb sind beim ersten Turn über die Nordsee ausschließlich Reporter und Sternchen der Fernsehbranche an Bord, denn der Schiffseigner Richard Bullmer erwartet sich entsprechende Publicity. Doch schon am ersten Abend wird Lo unfreiwillige Zeugin eines Verbrechens, als sie ihre Zimmernachbarin aus Kabine 10 in den Fluten versinken sieht. Vollkommen verzweifelt wendet sie sich an den Sicherheitschef des Schiffes und schildert das Vorkommnis, doch sie muss erfahren, dass Kabine 10 überhaupt nicht belegt ist. Und da auch kein Bordmitglied verschwunden ist, schenkt ihr niemand Glauben. Nur der Mörder weiß jetzt, dass er Lo schnellstmöglich zum Schweigen bringen muss …


Meinung


Die englische Thrillerautorin Ruth Ware, die bereits mit ihrem Debütroman „Im dunklen, dunklen Wald“ internationalen Erfolg hatte, greift hier eine sehr exklusive, wenn auch altbewährte Szenerie für ihren Spannungsroman auf. Den Klassiker mit dem Mord auf dem Kreuzfahrtschiff haben bereits renommierte Kriminalautoren wie Agatha Christie und Sebastian Fitzek aufgegriffen und so erwartet der Leser den erfolgversprechenden Mix aus einer handvoll Protagonisten, die auf engstem Raum, abgeschottet von der Außenwelt dem Bösen ausgeliefert sind.


Die klare Rahmenhandlung lässt der Autorin viel Freiraum bei der Gestaltung ihrer eigenen Hauptpersonen, die hier nun gerade etwas übertrieben und aufgesetzt wirkt. Lo selbst, die Einzige, die wirklich in Gefahr zu schweben scheint, trägt eine Menge persönlichen Ballast mit sich herum. Sei es die traumatische Kindheit oder der erst kürzlich erlebte Einbruch in der eigenen Wohnung - sie ist das reinste Nervenbündel. Darüber hinaus versucht sie ihr Unvermögen über die eigene Arbeit zu kaschieren, indem sie Unmengen an Alkohol konsumiert und sich mit Psychopharmaka über Wasser hält. Leider wirkt gerade sie als leicht neurotische, unglaubwürdige Protagonistin, der man nur ein labiles Seelenkostüm zusprechen konnte etwas fehl am Platze. Deshalb fragt man sich als Leser, warum die Autorin hier so dick auftragen musste – weniger wäre vielleicht mehr gewesen.


Dafür entschädigt die Handlung wieder um einiges. Der Autorin gelingt es, den Spannungsaufbau konstant hoch zu halten und damit ein fesselndes Intermezzo zu gestalten. Die gewählte Erzählperspektive macht es unmöglich, die Beweggründe der Verantwortlichen vorzeitig zu erkunden, schlüpft man doch gemeinsam mit Lo in die Rolle der verzweifelten Unschuldigen. Das Rahmenprogramm mit den oberflächlichen, doch durchaus korrupten Mitreisenden, in Kombination mit der unabdingbaren Vertrauensfrage macht diesen Thriller zu einem Page-Turner.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen atmosphärischen Thriller, der die Unausweichlichkeit, die Enge und Bedrängnis einer verzweifelten Frau sehr gut einfängt und ihre Handlungen gekonnt reflektiert. Das Geschehen selbst fesselt den Leser und nimmt ihn mit an Bord des Luxusliners. Dort kann man erleben, wie es sich anfühlt, kein Vertrauen, keine Hilfe und keine realistische Überlebenschance zu haben. Kleine Abstriche in der Ausarbeitung der Protagonisten kann man da verschmerzen. Insgesamt ein solider, gut lesbarer Kriminalroman.

Veröffentlicht am 29.04.2018

Unglückliche Bilanz eines ach so normalen Lebens

Die Lichter unter uns
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„Anna wollte protestieren. Wollte ihm erklären, dass es kein Glücksrezept gab, nicht seine, nicht ihre Art von Familie und auch nicht das Alleinsein. Dass kein Mensch es aushielt, wenn alle Hoffnungen ...

„Anna wollte protestieren. Wollte ihm erklären, dass es kein Glücksrezept gab, nicht seine, nicht ihre Art von Familie und auch nicht das Alleinsein. Dass kein Mensch es aushielt, wenn alle Hoffnungen eines anderen auf ihm lasteten.“
Anna und Jo verbringen ihren Urlaub auf Taormina, einer sizilianischen Insel, auf der sie einst auch ihren Honeymoon gefeiert haben. Diesmal jedoch ist die Beziehung nicht mehr so jung, frisch und unbelastet, denn die beiden Kinder Bruno und Judith nehmen einen Großteil ihrer Freizeit in Anspruch und ein finanzieller Engpass zwingt sie dazu, von allem die Billigvariante zu ergreifen, statt das erhoffte Luxusmodell. Frust, Unzufriedenheit und erkaltete Gefühle prägen den Alltag der beiden. Da kommt Anna der attraktive Schwimmer Alexander, der mit seinem Sohn und seiner blutjungen, schwangeren Freundin Zoe ebenfalls auf Taormina Urlaub macht, wie gerufen. Endlich ein Lichtblick in ihrem Leben, ein Fremder, der ihr Beachtung schenkt und doch so distanziert bleibt. Denn anders als Anna vermutet, hat auch Alexander ein schweres Päckchen zu tragen und längst ist nicht alles so perfekt, wie es scheint …
Von diesem Roman habe ich mir eine tiefgreifende, emotionale Geschichte über den Verlust der Träume erwartet, eine potentielle Antwort auf den Sinn des Lebens, eine Reflexion über innere Gedanken, vermeintliche Fehler und die ehrliche Antwort auf die Frage, ob andere glücklicher sind, als man selbst und warum überhaupt dieser Gedankengang so existentiell, so notwendig erscheint. Doch zu meiner Enttäuschung, vermag es die junge deutsche Autorin Verena Carl, die bereits mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, nicht meine Empathie zu gewinnen. Das große Manko dieses Romans ist meiner Meinung nach sein Triviallität, das ständige Verfallen der Personen in allzu vorhersehbare Muster und ihr dramatisches Auftreten auf der eigentlich entspannten Urlaubsbühne.
Zunächst einmal mangelt es dem Text schon deshalb an Dichte und Innerlichkeit, weil er statt einer Hauptprotagonistin (so wie ich erwartet habe) gleich mehrere Personen ins Zentrum rückt. Dadurch bekommt man als Leser einerseits den Überblick über zahlreiche zwischenmenschliche Befindlichkeiten, verliert aber andererseits den Bezug zu einer speziellen Person. Erschwerend empfinde ich dann die klischeehafte Ausarbeitung der Darsteller, die ich hier bewusst so nennen mochte, da mich die Szenen des Buches vielmehr an einen Film erinnert haben, als mir lieb gewesen wäre. Da findet man die enttäuschte Mittvierzigerin, die sich Abwechslung und Abenteuer wünscht und stattdessen von den anstrengenden Kindern genervt wird. Den schweigsamen Ehepartner, der sich in seiner Jugend auch zu Männern hingezogen fühlte. Die quirlige Vorpubertierende, die an jeder Ecke ein neues Drama in Gang setzt und auf der anderen Seite eine Familie, die alles andere sind als eine Gemeinschaft, sondern in erster Linie Einzelkämpfer mit fragwürdigen Wertvorstellungen.
Und obwohl die Personen sehr bildlich und umfassend gezeichnet werden, bleiben sie mir allesamt fremd, ja schlimmer noch, sie erfüllen mich mit Abscheu und Schrecken und einem zunehmenden Unverständnis für die Realität des Lebens. Das Unglück, die Melancholie, die die Stimmung des Textes mit sich bringt, führe ich im Wesentlichen auf das Unvermögen der Personen zurück, die verlernt haben, miteinander zu kommunizieren, die sich auf fragwürdige Experimente einlassen und denen es an Schaffenskraft und Mut fehlt. Nicht nur, um sich die selbstgelegten Fesseln abzunehmen, sondern auch, um einen generellen, geglückten Neuanfang in die Wege zu leiten.
Einzig der Schreibstil, die Wortwahl und die stilistisch schönen Sätze konnten mich hier ein wenig von der oberflächlichen Handlung ablenken und mich beim Roman halten, den ich ansonsten auf Grund seiner Handlung spätestens ab der Hälfte des Buches wohl abgebrochen hätte.
Fazit: Ich vergebe 2 Lesesterne für einen Roman, der ganz und gar nicht meiner Erwartungshaltung entsprach. Gefunden habe ich anstrengende Menschen, in alltäglichen Handlungen, mit einem kalkulierbaren Vorleben und keinerlei Entwicklungspotential. Viele Klischees, viel Drama um Nichts, wenig Handlungsanreize aber leider auch kein Gedankenkonstrukt der philosophischen Natur. Sacht und leise, plätschert das Geschehen vor sich hin und verliert sich im Nirgendwo, genau wie die Aufräumarbeiten zum Ende der Urlaubssaison, werden die Stühle gestapelt, die Böden gekehrt und die Türen verschlossen – bis irgendwann ein neues, allzu gleiches Intermezzo beginnt.

Veröffentlicht am 26.04.2018

Deine Heimat ist Vergangenheit

Letzte Fahrt nach Königsberg
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„Aber irgendwie hatten sie noch ein hinlänglich normales Leben führen können – oder wenigstens die Illusion davon. Und jetzt die totale Zerstörung einer ganzen Welt. Ihrer Welt. Mit den Mauern der Stadt ...

„Aber irgendwie hatten sie noch ein hinlänglich normales Leben führen können – oder wenigstens die Illusion davon. Und jetzt die totale Zerstörung einer ganzen Welt. Ihrer Welt. Mit den Mauern der Stadt waren auch die ihrer Kindheit und Jugend eingestürzt.“


Inhalt


Geboren und aufgewachsen in der wunderschönen Stadt Königsberg, nahe der Ostseeküste wächst Ella in einem gut situierten Elternhaus auf. Der Vater erfolgreicher Weinhändler, die älteren Geschwister an höheren Schulen und im Haushalt gibt es Personal. Unbeschwert und glücklich erlebt Ella ihre Jugend, genießt ihr Leben, trifft sich mit Freunden und entdeckt ihre Welt mit den Augen einer aufblühenden jungen Frau. Doch die Schatten ihrer Zeit verdunkeln den Horizont, denn nicht nur der persönliche Schicksalsschlag vom Tod des Vaters, welcher der Familie den finanziellen Rückhalt raubt, belastet die Aschmoneits, sondern auch die Erstarkung des Nationalsozialismus mit immer dramatischeren Auswüchsen. Ella muss ihren erstrebten Traumberuf an den Nagel hängen, da ein Studium nicht mehr möglich ist und ihre aufkeimende Leidenschaft für Victor Jacoby steht ebenfalls auf wackeligen Beinen. Als der Krieg schließlich mit voller Wucht in Königsberg wütet, lebt Ella bereits in Potsdam bei ihrer Schwester – doch in der Heimat wartet Wertvolles auf sie und der Hunger der Familie ist groß. Sie beschließt entgegen aller Warnungen nochmals zurückzukehren, um zu retten, was noch zu retten ist. Bis es immer schwieriger wird einen Zug zu bekommen, weil die Menschen in Heerscharen die Heimat verlassen und auch für Ella eine schmerzhafte Trennung bevorsteht …


Meinung


Auf Grund einer Leserempfehlung habe ich zu diesem interessanten Roman gegriffen, der nicht nur eine spannende Geschichte über eine junge Frau und deren Leben verspricht, sondern auch die Aufarbeitung einer Familiengeschichte vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs und insbesondere der Zerstörung der ostpreußischen Metropole Königsberg, aus der auch meine Großmutter väterlicherseits stammt.


Dieser Roman erfüllt dabei alle Voraussetzungen, die ich an ansprechende, unterhaltsame Belletristik stelle und malt nicht nur das schöne Bild einer für immer verlorenen Stadt, als diese sich noch in ihrem Glanz sonnte, sondern zeigt einmal mehr, wie zerstörerisch und vernichtend das zivile Leben während des Krieges war. Anhand der persönlichen Lebensgeschichte, die der Autor Ulrich Trebbin sehr ehrlich und liebevoll aufarbeitet und sie geschickt mit den historischen Ereignissen der Zeit verbindet, entsteht ein bewegender, sehr umfassender Einblick in die alltäglichen Belastungen, die heeren Träume, die erschütternden Wahrheiten und die traurigen Bilanzen einer ganzen Generation.


Dabei lebt dieses Buch durch und mit einer starken, unbeirrbaren Frau, die trotz aller Tiefschläge unbeirrt, ja manchmal regelrecht naiv ihren Weg beschreitet, um aus allen Entscheidungen und Verfehlungen ihre Lehren zu ziehen und nicht in Resignation und Starre zu verfallen, sondern beständig vorwärts zu schreiten. Gerade diese facettenreiche, lebhafte Hauptprotagonistin hat für mich einen wesentlichen Teil des Charmes dieses Buches ausgemacht. Denn einmal abgesehen von den ansprechenden Schauplätzen, den gut gezeichneten Nebenfiguren und den aufklärenden Hintergrundfakten, war es in erster Linie Ella, die mich für sich und ihr Leben einnehmen konnte.


Abwechslung und Vielfalt zeigt sich auch in den wechselnden Zeitebenen, die sich generell an persönlichen Stationen festmachen, die für ein Menschenleben entscheidende Wendungen bringen. Der Tod des Vaters, die leicht distanzierte Beziehung zur Jugendliebe, die Heirat mit der guten Partie, die nicht zwangsläufig auf Liebe basiert aber auch die Rückkehr in die zerstörte Heimat, das Vermissen der Verunglückten und die erbarmungslose Lücke, die der Krieg in zwischenmenschliche Beziehungen reißt – all das sind Themen, die nicht nur angeschnitten, sondern auch mit Leben gefüllt werden. Deshalb kann ich auch gut über einige langatmigere Passagen hinwegsehen, die sich mit dem Präparieren von Schmetterlingen oder der detaillierten Stadtbeschreibung befassen. Es passt alles gut zusammen und ergibt ein schlüssiges Bild.


Fazit


Ich vergebe sehr gute 4 Lesesterne (4,5 wenn man so möchte) für diesen individuellen, intensiven Roman, der für mich sowohl Zeitzeugnis als auch Lebensgeschichte darstellt. Er beschäftigt sich mit zahlreichen Themen, die manchmal zwar nur angeschnitten werden aber in ihrer Fülle und Gesamtwirkung unschlagbar sind. Ich empfehle das Buch all jenen, die Familiengeschichten lieben, die Menschenschicksale kennenlernen möchten, die wissen wollen, wie es in vergangenen Zeiten war, die sich mit Begriffen wie Herkunft, Heimat und Erinnerungen identifizieren können und die einen gelungenen Unterhaltungsroman suchen. Denn auf der Reise, die dieses Buch beschreibt, findet man sehr viel Menschlichkeit, viel Leid, viel Mut, viel Leben und die Gewissheit, das alles einen Sinn und Zweck erfüllt – sei es ein Einweckglas mit Schweinebraten oder eine vergilbte Fotografie mit welligen Rändern.

Veröffentlicht am 24.04.2018

Dunkle Geheimnisse in der amischen Gemeinde

Blutige Stille
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„Im Kopf eines Mörders spielen sich finstere und boshafte Dinge ab, er wird geleitet von vielen schwarzen Gedanken und einem geheimen Hunger, wie ihn sich die meisten Menschen nicht einmal vorstellen können.“


Inhalt


Kaum ...

„Im Kopf eines Mörders spielen sich finstere und boshafte Dinge ab, er wird geleitet von vielen schwarzen Gedanken und einem geheimen Hunger, wie ihn sich die meisten Menschen nicht einmal vorstellen können.“


Inhalt


Kaum zu glauben, aber wahr, in der beschaulichen Kleinstadt Painters Mill wird die Familie Plank, Mitglieder der ortansässigen amischen Gemeinde regelrecht niedergemetzelt. Während die Eltern, das Baby und die beiden Söhne fast schon gnädig erschossen wurden, mussten die beiden Teenager Mädchen eine leidvolle Verstümmelung ertragen. Für die Ermittlerin Kate Burkholder nimmt dieser grausige Fall, extreme Formen an, nicht nur, weil jegliches Motiv für den Massenmord zu fehlen scheint, sondern auch, weil es schauerliche Parallelen zu ihrer eigenen Vergangenheit gibt. Sie erbittet sich Hilfe von ihrem Kollegen John Tomasetti, mit dem sie etwas mehr als nur kollegiale Freundschaft verbindet. Doch die dürftigen Indizien bereiten den beiden Kopfzerbrechen und ein Tagebuch der ermordeten Mary Plank, die ihren Mörder vielleicht sogar geliebt hat, doch niemals einen Namen erwähnte und auch keine auffallenden körperlichen Merkmale. Kate ahnt, dass in Painters Mill ein skrupelloser Mörder lebt, doch welche Rolle spielen die integrierten Zeugen, von denen es anscheinend mehr als zwei gibt …


Meinung


Linda Castillo hat sich mit ihrer Reihe um die engagierte Ermittlerin Kate Burkholder und ihren spannenden Kriminalfällen in der amischen Gemeinde einen festen Platz in der Liga der Thriller-Autoren gesichert. Mit den mittlerweile 9 Bänden erwartet den motivierten Leser, nicht nur eine ganze Reihe Unterhaltungsstoff, sondern auch ein gut durchdachtes Konzept, bei dem der Hauptprotagonistin und ihrem vom Leben gebeutelten Freund, genau der richtige Stellenwert eingeräumt wird. Dieser Punkt ist meines Erachtens auch der ausschlaggebende für den nicht zu verachtenden Suchtfaktor, den diese Reihe erzeugt. Denn eher untypisch für eine Krimireihe kann man die Bände hier durchaus in beliebiger Reihenfolge lesen, da die Fälle in sich geschlossen sind, so dass sich die Einhaltung der Chronologie vielmehr aus der privaten Lebensgeschichte der Ermittlerin ableitet.


Doch auch der Spannungsfaktor ist nicht zu verachten, die Beschreibung der Orte, der ganze Handlungsrahmen, die gut gewählten Nebencharaktere – all das macht das Lesen zu einem echten Vergnügen, insbesondere weil man immer genau zum richtigen Moment das nächste Puzzleteilchen serviert bekommt, um sich selbst die Frage zu stellen, wer nun am ehesten als potentieller Täter in Frage käme. Langeweile verspürt man nicht, vielmehr ein echtes Kopfkino dank des gut gewählten Settings und der interessanten Einblicke in das Leben der tiefgläubigen, bescheidenen Amischen, von denen man den Außenseiterstatus förmlich erwartet und merkt, mit welchen Vorurteilen sie tagtäglich zu kämpfen haben.


Fazit


Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen gut konzipierten Thriller, der mich einmal mehr für die Reihe einnehmen konnte. Ich werde sie definitiv weiterverfolgen und freue mich auf weitere Lesestunden mit dem Ermittlerpaar Burkholder/ Tomasetti. In Erinnerung bleibt hier wohl eher die Gesamtkonzeption als der einzelne Roman, denn inhaltlich findet man hier nicht den nervenaufreibenden Thrill, der sich aus der Kenntnisnahme eines gestörten Täters ergibt, sondern vorrangig eine schlüssige Rahmenhandlung, die mit sprachlichen Bildern aufwartet, die man sich sehr gut vors innere Auge rufen kann. Sehr empfehlenswert!