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Veröffentlicht am 07.08.2017

Eine Odyssee in Richtung Zukunft

Gott ist nicht schüchtern
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„Er weiß, dass er genau in diesem Moment zu einem Sohn seiner Stadt werden könnte. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Seine Stadt steht vor einem Wendepunkt, und alle wissen, dass es kein Zurück ...

„Er weiß, dass er genau in diesem Moment zu einem Sohn seiner Stadt werden könnte. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Seine Stadt steht vor einem Wendepunkt, und alle wissen, dass es kein Zurück mehr gibt.“

Inhalt

Während der junge Arzt Hammoudi nur noch einmal in seine syrische Heimat zurückkehren muss, um sich eine Verlängerung für seine auslaufende französische Aufenthaltsgenehmigung zu holen, möchte die Syrerin Amal ein freies Leben in ihrer Heimatstadt Deir az-Zour und schließt sich dem Widerstand an. Sie wünscht sich ein schönes Zuhause, einen freien, intakten Freundeskreis und ein echtes berufliches Auskommen ohne Bestechung und ohne ständige Beschattung durch den Staat. Doch die politischen Unruhen greifen bereits drastisch um sich und verändern den Lebensalltag der Bevölkerung sehr nachhaltig und rivalisierende Untergrundbewegungen bringen weiteres Unheil über unschuldige Menschen.

Für Hammoudi bleibt die Rückkehr ins friedliche Europa verwehrt, so dass er beschließt, den Menschen in seinem Land zu helfen – Menschen, die keine medizinische Versorgung bekommen, weil sie ins Kreuzfeuer der feindlichen Armeen geraten sind. Und erst als ihm bewusst wird, dass sein eigenes Leben in Syrien überhaupt keinen Wert mehr besitzt, schlägt er den Weg vieler anderer Flüchtlinge über das Mittelmeer ein. Und auch Amal muss erkennen, dass sie in ihrer Heimat keine Zukunftsperspektive haben wird und nimmt die Anstrengungen einer Flucht auf sich, selbst wenn das bedeutet, die eigene Identität aufgeben zu müssen …

Meinung

Dieser zeitgenössische Roman greift den aktuellen Anlass einer zerrütteten, desolaten Nahostpolitik auf und setzt ihn in Verbindung mit scheinbar willkürlichen Menschenschicksalen, die erst durch die Dramatik der Kriegshandlungen einen unausweichlichen Charakter annehmen. Der Fokus der aus Ascherbaidschan stammenden Autorin Olga Grjasnowa liegt auf der Machtlosigkeit des Einzelnen, der zu Gunsten einer militanten Politik immer weiter ins Hintertreffen gerät. Dabei schont sie den Leser in keiner Weise, sie beschreibt vielmehr sachlich und ausreichend distanziert die Gräuel und Schandtaten im Alltag eines vernichtenden Bürgerkrieges. Terroristen und Selbstmörder treffen auf Unschuldige und jeden Tag, immer wieder aufs Neue entscheidet sich, ob es ein „morgen“ geben wird und wie es denn aussehen mag.

Gerade diese Erzählweise, die Abstand zu Emotionen und Menschen hält, hat mir in diesem Kontext besonders gut gefallen, weil dadurch die Protagonisten fast austauschbar erscheinen, ihre Namen ebenso verblassen, wie die bittere Realität tausender Betroffener. Es sind weniger die starken Charaktere mit ihren persönlichen Entscheidungen, die diesem Roman ein Gesicht verleihen, als vielmehr die gnadenlose, sinnlos erscheinende Notwendigkeit kriegerischer Handlungen, die so viele Menschen mit Unbarmherzigkeit in die heimatlose Ungewissheit treibt.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen hochaktuellen, zeitgenössischen Roman über die vielfältigen Ursachen der Flüchtlingswelle, der mich auf ungewöhnliche Blickwinkel aufmerksam machen konnte und viel Inhalt mit schierem Entsetzen koppelt. Ein Buch, welches Perspektiven zeigt aber auch deutliche Grenzen sichtbar macht – Grenzen, die Menschen geschaffen haben um sie auf Leben und Tod zu verteidigen unter dem Schutzmantel einer fragwürdigen Ideologie. Zeitlos und bewegend zugleich kann der Leser eintauchen in eine Welt, die er eigentlich nicht kennen möchte.

Veröffentlicht am 01.08.2017

Die Könige von Loosewood Island

Die Hummerkönige
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„Was ich ihn hätte fragen sollen, war dieses: Wenn er das Rad zurückdrehen und einen Handel mit dem Ozean machen könnte, würde er dann mein Leben gegen das seines Sohnes eintauschen?“

Inhalt

Cordelia ...

„Was ich ihn hätte fragen sollen, war dieses: Wenn er das Rad zurückdrehen und einen Handel mit dem Ozean machen könnte, würde er dann mein Leben gegen das seines Sohnes eintauschen?“

Inhalt

Cordelia Kings lebt seit ihrer Geburt auf der malerischen, wenn auch rauen Insel Loosewood Insland zwischen Neuschottland und Maine und erlebt als Tochter eines alteingesessenen Hummerfischers tagtäglich die Anforderungen, die das Meer an sie stellt. Angefangen bei einer jahrhundertealten Familientradition, die sich auf die Mythologie der Meereswesen stützt bis hin zu den körperlichen Anstrengungen, die sie im Erwachsenenalter als Fischerin und Kapitän eines eigenen Bootes aufbringen muss. Sie hat in der eingeschworenen Gemeinschaft und der Einsamkeit des Meeres ihre Passion gefunden und blickt voller Stolz auf die Geschichte und Vergangenheit ihrer Vorfahren zurück. Gemeinsam mit ihrem Vater hält sie die Tradition aufrecht und kümmert sich ambitioniert um das Fortbestehen der Hummerfischerei in ihrer Heimat. Doch nicht nur eine dunkle Prophezeiung aus grauer Vorzeit trübt ihr persönliches Glück, sondern auch die kriminellen Machenschaften der Konkurrenz, die weder vor Plünderei noch Mord zurückschrecken. Cordelia muss beweisen, dass sie tatsächlich zur Königsfamilie auf Loosewood Island gehört …

Meinung

Der kanadische Autor Alexi Zentner, der bereits für seinen Debütroman „Das Flüstern des Schnees“ für renommierte Literaturpreise nominiert wurde, erzählt in dieser dichten, abwechslungsreichen Geschichte von der Schönheit und Veränderlichkeit des Meeres ebenso wie vom Freud und Leid einer ortsansässigen Familie, die für ihr Auskommen einen profitablen Fischereibetrieb aufrechterhalten muss. Besonders intensiv und anschaulich gestaltet der Autor die Atmosphäre auf den Booten, die Schönheit aber auch Unberechenbarkeit der Natur, die Verlässlichkeit der Menschen aufeinander in ihrem Schaffensprozess und darüber hinaus die Vielfalt menschlicher Beziehungen innerhalb eines Familienverbandes. Gerade dieser Schwerpunkt bringt wundervolle Gedankengänge und echte Emotionen rüber, die von einer intensiven Vater-Tochterbeziehung getragen werden. Aber auch die Liebe der Hauptprotagonistin zu ihrem verheirateten Steuermann, die Zuneigung aber auch Rivalität zu ihren Geschwistern und der Schatten eines tödlichen Dramas aus Kindertagen bereichern den Text und differenzieren die Ursachen für ein Leben in der Gegenwart.

Lediglich die eingeflochtene Erzählung über die bösartige Konkurrenz, die dem Hummerfang eigentlich längst abgeschworen hat und stattdessen nun den Drogenhandel favorisiert, erscheint mir etwas unpassend und bringt zwar einige zusätzliche Spannungsmomente in das Geschehen ein, wirkt auf mich aber aufgesetzt und sehr erzwungen. So wandelt sich eine ansonsten sehr verlässliche, besonnene Cordelia in Anbetracht der Umstände zur Brandstifterin, die ihre Rivalen förmlich ausräuchert. Auch die Grenze zwischen Gewaltbereitschaft und Rechtssprechung der Massen missfällt mir in diesem Zusammenhang sehr und lässt mich hier einige Minuspunkte verteilen. Der Roman wäre auch ohne diese Zwischenpunkte hervorragend ausgekommen und hätte schon allein auf Grund der Naturgewalten eine ganz spezifische Anziehungskraft.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen naturverbundenen Familienroman, der mich durch seine differenzierte Betrachtung menschlicher Verhaltensweisen innerhalb eines kleinen Familienkreises einnehmen konnte. Erzählt wird eine Geschichte mit viel Liebe zu den Menschen, mit einer ausgeprägt innigen Vater-Tochter-Beziehung und der Möglichkeit, andere in die Mitte einer Gruppe mit aufzunehmen. Dieser Gedanke konnte mich sehr erwärmen und absolut überzeugen, nur die Umsetzung der tatsächlichen Geschehnisse, der Einsatz der Waffen und die dadurch erzwungene Dramatik geben den Ausschlag für meine Bewertung.

Veröffentlicht am 26.07.2017

Ein kleines Stück Lebensfreude

Swing Time
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„Vielleicht habe ich es auch falsch erklärt, ich bin kein Philosoph. Für mich heißt das etwas ganz Einfaches, als würde man sagen, die Zukunft ist immer schon da, sie wartet auf uns. Warum warten wir nicht ...

„Vielleicht habe ich es auch falsch erklärt, ich bin kein Philosoph. Für mich heißt das etwas ganz Einfaches, als würde man sagen, die Zukunft ist immer schon da, sie wartet auf uns. Warum warten wir nicht auch und schauen, was sie bringt?“

Inhalt

Die Ich-Erzählerin des Buches, die keinen Namen bekommt und dadurch immer etwas fremd und unpersönlich bleibt, entführt den Leser in die bunte, teilweise schillernde Welt des Showbusiness, des Tanzes und eines Lebens auf den großen Bühnen. Geprägt von anmutigen Tänzerinnen, erfolgreichen Entertainern und ambitionierten Mitarbeitern im Hintergrund, weitherzigen Entscheidungen und einer Menge Geld, welches für wohltätige Zwecke im Sinne der Entwicklungshilfe eingesetzt wird, entfaltet sich eine ganz eigene Welt. Im Zentrum des Romans steht die persönliche Lebensgeschichte der Protagonistin, die Einblicke in eine Kindheit voller Hoffnungen schenkt, die später jedoch unerfüllt bleiben und gleichermaßen in ein Erwachsenenleben voller Bemühungen und Selbstansprüche, denen sie nicht genügen kann. Ein ständiges Auf-und-Ab der Gefühle gut verborgen hinter den großen ethischen Fragen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Hautfarbe und der damit verbundenen Rolle in der Gesellschaft prägen den Inhalt über zahlreiche Seiten hinweg.

Meinung

Die erfolgreiche Autorin Zadie Smith, die Trägerin des Welt-Literaturpreises ist, entwirft in ihrem neuesten belletristischen Werk das Porträt einer Frau, die sich selbst zwischen den erfolgreichen Personen ihres Umfeldes sucht und einfach kein passendes Lebensmodell für sich selbst findet, nichts scheint wirklich zu ihr zu passen und immer bleiben Punkte offen, die sie eigentlich nicht verhandeln möchte. Was zunächst wie ein Ausflug in die Kindheit einer Person wirkt, die im Schatten ihrer Freundin steht und immer zwischen allen Stühlen sitzt, manifestiert sich schließlich in einem angepassten aber unerfüllten Leben. Eigene Träume und Hoffnungen werden nicht weiterverfolgt, weil der Alltag sich ausschließlich auf die Wünsche anderer konzentriert.

Die angerissene Freundschaftsbeziehung, die auf mich sehr ambivalent wirkt, nimmt einen eher kleineren Teil der Erzählung ein, während das Bild der Hauptprotagonistin um sie selbst rotiert und ihre persönlichen Handlungen aus allerlei Perspektiven betrachtet. Dabei entsteht im Lauf des Romans schon eine fast drückende Stimmung, weil der Leser unterschwellig die enttäuschte, verpasste und ungelebte Sicht auf all die verstrichenen Chancen erhält.

Der Schreibstil an sich ist tatsächlich das große Plus dieser Erzählung, denn darin erkennt man als ambitionierter Leser sehr viel Schönheit und Liebe zum geschriebenen Wort. Zwar erschweren diverse Zeitsprünge den Lesefluss, doch man findet sich erstaunlich gut in den jeweiligen Aussagen zurecht. Klar definierte Kapitel gepaart mit größeren Erzählabschnitten schaffen eine gängige Struktur, die zum Lesen ebenso animiert wie die Wortwahl selbst.

Fazit

Ich vergebe 2,5 Lesesterne, die ich gerne zu 3 Sternen aufrunde, für diesen Roman, der mich leider auf Grund seiner etwas ermüdenden Handlung nicht fesseln konnte. Zu langatmig und ausufernd waren die Passagen, zu wenig Dramatik und keinerlei positives Entwicklungspotential der Protagonistin haben mir die Freude am Buch leider kontinuierlich genommen. Immer habe ich darauf gehofft, der Funke würde noch überspringen, doch dem war leider nicht so. Die guten Ansätze der Handlung wirken teilweise so langweilig, dass ich einige Seiten nur noch quergelesen habe, während mich andere Passagen wieder ganz gut unterhalten haben. Auf die Autorin bin ich aufmerksam geworden und möchte gerne noch ein anderes Werk von ihr lesen, bei diesem hier fehlte mir einfach die innere Beteiligung, das Herzblut und die Kraft, die ich mir im Vorfeld erhofft hatte.

Veröffentlicht am 06.07.2017

Blaue Flammen über klirrendem Eis

So kalt wie Eis, so klar wie Glas
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Diese Kugel ist lebendig. Sie vermittelt dem Betrachter ein ganz bestimmtes Gefühl. Und das kann sie nur, weil du dieses Gefühl in sie hineingegeben hast. Das ist mutig, denn du lässt jeden, der in diese ...

Diese Kugel ist lebendig. Sie vermittelt dem Betrachter ein ganz bestimmtes Gefühl. Und das kann sie nur, weil du dieses Gefühl in sie hineingegeben hast. Das ist mutig, denn du lässt jeden, der in diese Kugel sieht, auch in dein Herz sehen.“

Inhalt

Als Cora nach dem Tod ihrer Mutter erfährt, dass sie einen Großvater hat, der noch dazu ein angesehener Kugelmacher in der kleinen Gemeinde Rockenfeld ist, ist sie mehr als überrascht. Sehr schnell wird Cora vom Glanz und der besonderen Schönheit der winterlichen Schneekugeln angezogen und beschließt bei ihrem Großvater in die Lehre zu gehen, um selbst eine Kugelmacherin zu werden. Doch schon bald merkt sie, dass in der dörflichen Gemeinschaft ein großes Neidpotential unter den Handwerkern dieser besonderen Zunft besteht. Die Gerüchteküche brodelt und die Dorfbewohner sind untereinander nicht gerade aufrichtig miteinander. Außerdem gibt es immer wieder seltsame blau Flammen über dem See und Cora erkennt, dass die geheimnisvollen Vorgänge in den winterlich kalten Nächten, nicht mit gesundem Menschenverstand erklärbar sind. Als ihr der charismatische Niklas begegnet, den ein blaues Leuchten umgibt und der immer sehr überraschend verschwindet und auftaucht, erforscht Cora die dunklen Geheimnisse dieser verborgenen Welt.

Meinung

Der deutsche Autor Oliver Schlick entwirft in diesem Jugendbuch eine wunderschöne, winterliche Zauberwelt, deren Grenzen zwischen Realität und Magie immer wieder verwischen. Ganz klassische Elemente einer Fantasygeschichte findet der Leser hier ebenso wie die Grundpfeiler eines guten Jugendbuchs, die da wären: Freundschaft, Liebe, Zusammenhalt und den Glauben gemeinsam Wunder zu bewirken. Mit viel Liebe zum Detail entwirft er ein Bild einer ausgesprochen speziellen Dorfgemeinschaft, die durch ihre kauzigen Charaktere und ihr Herz am rechten Fleck eine besondere Wirkung erzielt. Die Protagonisten sind vielfältig und ihre Rollen im Geschehen wirken klar verteilt. Es gibt das Gute, das Böse und den Mut der Menschen in der Zwischenwelt, sich klar zu positionieren.

Darüber hinaus ist die Geschichte allerdings sehr vorhersehbar und bietet auch in ihrem Verlauf keine Überraschungen. Das Ende passt klar zum entworfenen Bild und fügt sich nahtlos an. Dadurch fehlt es dem Roman etwas an Überzeugungskraft und leider auch an Potential zum Lieblingsbuch. Dennoch vermag der Autor eine schöne Geschichte zu erzählen, die mit viel Humor und interessanten Aspekten aufwartet. Beim Lesen kann man sich alles sehr bildlich vorstellen, so dass mich ein entsprechender Film zum Buch wohl noch mehr überzeugt hätte, als die literarische Vorlage.

Fazit

Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen klassischen Jugendroman mit fantasiereichen Aspekten und einer stimmigen Atmosphäre. Empfehlenswert auch für jüngere Leser, die Freude an abenteuerlichen Erzählungen und Lesemomenten voller Magie haben. Mir hat das Buch gut gefallen, auch wenn es nicht lange nachwirkt und eher als leichte Unterhaltungskost anzusehen ist.

Veröffentlicht am 01.07.2017

Wiese, Weide, Weide - und ein Leben im Westerwald

Was man von hier aus sehen kann
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"Wenn wir etwas anschauen, kann es aus unserer Sicht verschwinden, aber wenn wir nicht versuchen, es zu sehen, kann dieses etwas nicht verschwinden.“

Inhalt

Luise erzählt: von ihrem Freund aus Kindertagen, ...

"Wenn wir etwas anschauen, kann es aus unserer Sicht verschwinden, aber wenn wir nicht versuchen, es zu sehen, kann dieses etwas nicht verschwinden.“

Inhalt

Luise erzählt: von ihrem Freund aus Kindertagen, der auf dramatische Art und Weise ums Leben kam, von ihrer Großmutter Selma und deren absonderlicher Fähigkeit, den Tod in Form eines Okapis in nächtlichen Träumen vorauszusehen, vom Optiker, der ihre Großmutter liebt und unvollendete Briefe sammelt, von Elsbeth, Marlies, Herrn Rödder und dem buddhistischen Mönch Frederik. Und von ihrem Leben in einem kleinen Dorf im Westerwald, dessen Ausmaße nicht mehr ausmachen, als einen Waldrand, einen Bach, wenige Läden und die Uhlheck. Luise erzählt Banales und verpackt darin die Welt, sie schildert das Dorfleben im Alltäglichen und zeigt, wie es sich lebt, wenn man von Menschen umgeben ist, die alles andere als perfekt sind und dennoch so authentisch und notwendig, dass man sie im eigenen Leben nicht missen möchte. Luise beschreibt, wie wertvoll es ist, wenn man voll und ganz da ist, für sich selbst, für andere und für eine Gemeinschaft.

Meinung

Dieses Buch aus der Feder der deutschen Autorin Mariana Leky hat mich voll und ganz überzeugt und darüber hinaus noch überrascht. Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem aus so wenig Handlung, so viel gemacht wurde. Denn im Nachhinein betrachtet, passiert in diesem Text nicht viel mehr als das ganz alltägliche, routinierte Leben, gespickt mit ein paar äußerst herkömmlichen Begebenheiten (Geburtstage, Hochzeiten, Todesfälle), die fast gar nichts besagen und lediglich einen Blick auf die Vergänglichkeit der Zeit offenbaren. Und doch habe ich jede Zeile dieses Romans genossen und so viel mehr zwischen den Zeilen entdeckt, als ich erwartet habe.

Zunächst einmal überzeugt der Roman mit einer gekonnt gewählten Erzählperspektive, die es ermöglicht auch die zahlreichen, kauzigen Nebencharaktere ins rechte Licht zu rücken. Trotz einer Vielzahl an Protagonisten fällt es dem Leser leicht, die einzelnen Personen auseinanderzuhalten und die Ereignisse aus Vergangenheit und Gegenwart in den richtigen Zusammenhang zu bringen. Die Dorfgemeinschaft wird aufs Beste charakterisiert und die Autorin legt großen Wert auf eine bewusste Rollenverteilung und eine klare Aussage bezüglich der geschaffenen menschlichen Charakterzüge. So findet man den bibelfesten Alkoholiker, dem das Leben den Inhalt raubte. Die abergläubische Frau mit dem Hang zu ausgefallener Garderobe und schlauen Lebensweisheiten, den pragmatischen Optiker, der immer präsent ist, wenn man ihn braucht, den Weltenbummler, der auf der Suche nach neuen Eindrücken seine Heimat immer wieder verlässt und sogar einen Hund, der mehrere Leben hintereinander lebt und den so schnell nichts aus der Bahn wirft. Dieses Zusammenspiel macht den Reiz des Buches aus, weil es ebenjene Menschen sind, die der Geschichte ihren Charme einhauchen.

Ausgesprochen gut gefallen hat mir auch die Emotionalität des Buches. Durchgehend humorvoll geschrieben mit sympathischen Witzeleien, ohne Klamauk und dann wieder vor allem im zweiten Teil des Romans mit tieftraurigen Begebenheiten, die mich zu Tränen gerührt haben und dennoch vollkommen ohne Kitsch und Klischee auskommen. Es sind auch diese kleinen Feinheiten, die Gefühlsregungen, die dieses Buch ausmachen, die tiefe Weisheiten vermitteln, die mich an die Vergangenheit und die Zukunft denken lassen und die eine Frage im Hintergrund formulieren, die da heißen könnte: „Was wird bleiben von Dir? Wem hast Du deine volle Aufmerksamkeit geschenkt? In wessen Leben warst Du anwesend? Und wie erinnerst Du dich an die wichtigen, prägenden Personen deiner eigenen kleinen Welt?

Fazit

Für mich war dieser Roman ein Lesehighlight, dem ich gerne 5 Sterne und eine besondere Auszeichnung verleihen möchte zum „Buch-der-alltäglichen-Besonderheit“. Eine schlichte, einfache Welt, die nur dadurch wirkt, wie sich die Menschen in ihr verhalten. Ein Buch ohne große Thematik, fast ohne Existenz einer Außenwelt, welches sich mit menschlichen Entscheidungen im Positiven wie im Negativen auseinandersetzt und von verpassten Chancen ebenso erzählt, wie von beeindruckenden Leistungen. Die Lektüre kommt ohne Politik, ohne Gott, ohne Glanz und Glamour aus und hinterlässt doch einen hellen Schein, der noch lange nachstrahlt. Absolute Leseempfehlung!