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Veröffentlicht am 13.10.2025

DIe gleichberechtigten Frauen des Bauhauses?

Frauen am Bauhaus Dessau
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„Außerdem galt als oberste Maxime: »Keine Unterschiede zwischen dem schönen und starken Geschlecht. Absolute Gleichberechtigung, aber auch absolute gleiche Pflichten in der Arbeit aller Handwerker.« Das ...


„Außerdem galt als oberste Maxime: »Keine Unterschiede zwischen dem schönen und starken Geschlecht. Absolute Gleichberechtigung, aber auch absolute gleiche Pflichten in der Arbeit aller Handwerker.« Das war revolutionär, waren doch Frauen immer noch mit der Lupe zu suchen an den Universitäten, wo sie erst ab dem Jahr 1895 zugelassen wurden, und auch das nur mit Einschränkungen.“

So der Beginn der Kunstschule und Bewegung Bauhaus. Ich erinnere mich an eine Fernsehserie mit Anna-Maria Mühe, in der sie die Bauhaus Studentin Dörte Helm spielt. Diese Serie zeigt, dass Frauen am Bauhaus eine freiere Rolle hatten, in ihrer Kunst und ihrem Streben ernst genommen wurden. Allerdings mit Abstrichen.

Wie sehr auch im Bauhaus die Männer wieder die Hauptrollen an sich rissen, macht dieses Buch von Unda Hörner deutlich. Die meisten weiblichen Künstlerinnen haben wir leider heute wieder vergessen und es bedarf einer Erinnerung an sie, wie Hörner sie mit ihrem kurzweiligen Buch schafft.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Frauen am Bauhaus eher ausgenutzt als unterstützt wurden. Ihr kreatives Schaffen, ihre Ideen und Entwürfe, ihre Assistenz und Arbeit - all das hat am Bauhaus genauso wie andernorts den Männern eine mühelose Grundlage zur Selbstentfaltung und -beweihräucherung geschaffen. Ideenraub eingeschlossen.

Angefangen bei Isa Gropius, die der Kunstschule aufopferungsvoll assistierte - eine Rolle wie sie noch heute viele Frauen als Haus- und Ehefrauen oder Mütter wie selbstverständlich inne haben, über die baldige Einordnung der weiblichen Studentinnen in vermeintlich „weibliche“ Arbeitsbereiche (Textil) bis hin zum Diebstahl der Arbeit einiger Künstlerinnen, indem sie mit dem Namen eines männlichen Kollegen etikettiert wurden. All diese für das Patriarcht so typischen Unterdrückungsmechanismen haben auch am Bauhaus dafür gesorgt, dass uns Namen wie Lucia Moholy-Nagy, Gunta Stölzl und Anni Albers heute bewusst in Erinnerung gerufen werden müssen.

Unda Hörner macht das auf die ihr übliche Art: Unterhaltend und interessant. Eine empfehlenswerte, kurzweilige Lektüre.

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Eine lange Autofahrt

Der Tag, an dem Max dreimal ins Auto gekotzt hat
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„Wie dem auch sei. Zusammenfassend muss man sagen, dass am Morgen doch nicht alle gut gelaunt waren. Im Gegenteil. Eigentlich waren alle irgendwie missmutig. Also alle außer Tiffany. Tiffany war super ...


„Wie dem auch sei. Zusammenfassend muss man sagen, dass am Morgen doch nicht alle gut gelaunt waren. Im Gegenteil. Eigentlich waren alle irgendwie missmutig. Also alle außer Tiffany. Tiffany war super drauf. Einfach eine Einstellungssache.“

Die Großtante heiratet (zum wiederholten Male), also macht sich die komplette Familie auf nach Wuppertal: Mama, Papa, Oma, Opa, Tiffany und ihre älteren Geschwister Luisa und Max. Letzterer hat am Abend vorher eine Party besucht und sitzt nun mit der Diagnose „Kleiner Feigling“ leidend auf der Rückbank.

So eine Autofahrt, noch dazu eine lange, mit der ganzen Familie ist kein Zuckerschlecken. Da prallen unterschiedliche Befindlichkeiten auf kleinstem Raum aufeinander und es passieren viele kleine Katastrophen. Für die Leserin ist das allerdings sehr erbaulich.

So wurde dieses neue Buch rund um Tiffany und ihre Familie sehnsüchtig erwartet und in einer halben Stunde vom Kind (9) gelesen.
Die Protagonisten sind verrückte, liebenswerte Persönlichkeiten. Eigentlich sehr normal, aber lustig karikiert. Themen wie Alkoholkonsum, Nacktheit, Sex, Beziehungen werden ganz selbstverständlich, ehrlich und saukomisch dargestellt.

Die großartigen Illustrationen von Astrid Henn heben die Geschichte auf eine visuelle Ebene. Die Figuren werden durch die Bilder noch lebendiger und lustiger.

(Nett sind auch die kleinen Crossover-Reverenzen zu anderen Werken von Kling.)

Kurzum: Marc-Uwe Klings Bücher machen einfach Spaß. Und zwar nicht nur den Kindern.

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Veröffentlicht am 06.09.2025

Humorvoll verpacktes Wissen

Das Lexikon gruseliger Tiere
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„Es gibt viele Gründe, warum sie uns einen Schauer über den Rücken jagen. Wir werden einige der gruseligsten Tiere treffen. Wirst du bis zur allerletzten Seite des Buchs durchhalten?“

Tiere, denen ihr ...

„Es gibt viele Gründe, warum sie uns einen Schauer über den Rücken jagen. Wir werden einige der gruseligsten Tiere treffen. Wirst du bis zur allerletzten Seite des Buchs durchhalten?“

Tiere, denen ihr schlechter Ruf vorauseilt, und solche, denen man bisher nichts Gruseliges unterstellt hätte (Löwen, Elefanten, niedliche kleine Vögel…), die sich dann aber als aggressive Fieslinge herausstellen oder bizarre Lebensweisen haben - in diesem Buch sind die gruseligsten Tiere unserer Welt vereint. Sie werden auf mindestens einer Seite porträtiert und das auf ganz besondere Art.
Eine große Illustration, die meist schon die ein oder andere Verrücktheit offenbart oder einen miesen Charakterzug erahnen lässt, zeigt das betitelte Tier. Das Bild des Tieres ist humorvoll beschriftet und der wissenschaftliche Tiername durchgestrichen und durch eine weniger wissenschaftliche, aber superkomische Bezeichnung ersetzt. Ein kurzer Text gibt uns ein paar Infos zum jeweiligen Tier und beschreibt die gruselige Besonderheit.

Das Lexikon ist dermaßen humorvoll gemacht, dass es sofort zu einem neuen Lieblingsbuch aufgestiegen ist. Es ist eines dieser Bücher, die den jungen Leser sofort abholen und zum Selberlesen animieren. Es überzeugt durch Layout, Sprache, Textmenge und Illustrationen. Hier gibt es Angeberwissen und lustige Fakten ansprechend verpackt. Wir sind begeistert!

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Veröffentlicht am 06.09.2025

Gute Idee, mittelmäßige Umsetzung

No Way Home
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Terry, ein junger, völlig überarbeiteter Arzt, erfährt vom Tod seiner Mutter. Er erbt ihr Haus (und ihren Hund) in einem anderen Bundesstaat. Stress und Trauer lassen ihn alles wie durch einen Nebel wahrnehmen ...

Terry, ein junger, völlig überarbeiteter Arzt, erfährt vom Tod seiner Mutter. Er erbt ihr Haus (und ihren Hund) in einem anderen Bundesstaat. Stress und Trauer lassen ihn alles wie durch einen Nebel wahrnehmen und so hat Bethany, die im selben Ort lebt wie Terrys Mutter, ein leichtes Spiel, als sie sich ihm aufdrängt.
Die Dinge laufen sehr bald völlig aus dem Ruder. Bethany drängt sich mehr als übergriffig in Terrys Leben. Sie bezieht in seiner Abwesenheit das Haus seiner Mutter und lässt sich nicht mehr abwimmeln. Stattdessen holt sie noch ihren ebenso verrückten Exfreund in Terrys Leben.
Terry ist wehrlos. Seit dem ersten Blick, den ihm Bethany in einer Bar zugeworfen hat, lag sein Schicksal in ihren Händen.

Man könnte nun meinen, dass es sich hier um eine toxische Beziehung, eine fehlgeleitete leidenschaftliche Liebe handelt, aber dem ist nicht so. Terry ist an einem Punkt in seinem Leben, in dem der berufliche Stress und die Trauer um seine Mutter, ihn völlig außer Gefecht gesetzt haben. Er nimmt kaum etwas wahr, scheint handlungsunfähig. Und das machen sich zwei völlig dreiste Menschen zu Nutzen.
Wir erfahren auch aus Bethanys und Jesses Perspektive Teile der Geschichte und müssen feststellen, dass sie nicht aus reiner Berechnung in Terrys Leben dringen, sondern völlig durchgedreht und unberechenbar sind.

So interessant diese Geschichte ist und beginnt, leider wird ihr Potential nicht ausgeschöpft. Ich habe schnell angefangen mich zu langweilen, weil Terry sich nicht aus seiner Starre lösen kann und mich die Beweggründe der verrückten Eindringlinge nicht interessiert haben. Man schaut dem Mann seitenweise zu, wie ihm sein Leben und sein Erbe aus der Haus gerissen werden, doch weder die Protagonisten noch der Spannungsbogen entwickeln sich.
Ein weiteres kleines Ärgernis beim Lesen war, dass die Themen Sex und medizinische Abnormitäten gleichmäßig über die Geschichte verstreut sind. Ersteres völlig unnötig und sterbenslangweilig, zweiteres ebenso unnötig und ekelig.

Meiner Meinung nach eine unbedeutende Lektüre und eine verschenkte, nicht besonders gut umgesetzte Idee.

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Veröffentlicht am 23.08.2025

Eine Frau, die es wagt, in den späten Jahren das Recht des Lebens einzufordern

Das gefährliche Alter
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„Einer Frau, die es wagt, in den späten Jahren das Recht des Lebens einzufordern, wird mit Abscheu begegnet. Niemand hat Erbarmen mit ihr, niemand gibt ihr recht.“

Elsie ist eine solche Frau. Sie ist ...

„Einer Frau, die es wagt, in den späten Jahren das Recht des Lebens einzufordern, wird mit Abscheu begegnet. Niemand hat Erbarmen mit ihr, niemand gibt ihr recht.“

Elsie ist eine solche Frau. Sie ist vierzig, in den Wechseljahren, fühlt sich alt. Sie lässt sich von ihrem Mann scheiden, mit dem sie eine harmonische Ehe führt. Allerdings ist sie gelangweilt von der Sicherheit und Vorhersehbarkeit ihrer Ehe und ihres Lebens. So lässt sie alles hinter sich: Ihren Exmann, ihre Freunde und nicht zuletzt ihre Eitelkeit. Sie zieht in ein abgelegenes kleines Haus, das sie sich ganz nach ihren Vorstellungen von ihrem Verehrer entwerfen lassen hat. Zwei Frauen, die sie als Personal anstellt, sind ihre einzige Gesellschaft.

Durch Briefe und Tagebucheinträge lernen wir Elsie sehr genau kennen. Nichts scheint sie mehr verstecken oder beschönigen zu wollen. Ihre Worte sind sehr direkt und fast schon gefühlskalt. Doch je näher wir sie kennen lernen, desto deutlicher wird, dass sie immer noch in ihrem ‚alten‘ Leben verhaftet ist, so ganz gelöst hat sie sich trotz ihrer Flucht noch nicht.

Erstaunlicherweise ist „Das gefährliche Alter“ schon 1910 erschienen, aber kein bisschen gealtert. Damals war das Buch ein Skandal und ich kann mir vorstellen, dass es auch heute noch viele empören wird. Hier wählt eine Frau, die alles zu haben scheint und gesellschaftlich anerkannt ist, den Weg in ihre Freiheit. Eine Freiheit, die mit Einsamkeit gleichzusetzen ist.
Sie versucht sich radikal zu lösen, um kein Spielball einer Gesellschaft zu sein, die für eine Frau ab vierzig keinen Platz zu bieten kann. Die ältere Frau hat keine Funktion mehr: Sie wird nicht mehr für ihre Schönheit bewundert, sie eignet sich nicht mehr zur Reproduktion und Individualität und eigene Wünsche und Ziele werden ihr nicht zugestanden. So endet das Leben einer Frau an diesem Punkt gewissermaßen. Elsie zeigt diese Ungeheuerlichkeit sehr unverhohlen auf.

Die Geschichte gewinnt schnell an Fahrt und überrascht gegen Ende. Selten habe ich so eindringliche Worte über die Situation einer Frau im Patriarchat gelesen. Elsies Geschichte ist sehr aufwühlend und hat auch 2025 nicht allzu sehr an Relevanz verloren.

„Würde eine solche Frau schließlich alles daran setzen, eine wahre und eindringliche Schilderung ihres Seelenlebens darzulegen – wo fände sich wohl ein Verleger, der es wagte, die Verantwortung für die Herausgabe dieses Buches zu übernehmen?“

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