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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.07.2018

Gesellschaftskritischer Roman nah am Puls der Zeit

Leere Herzen
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Die Welt im Jahr 2025: Die EU zerbricht immer mehr. In Deutschland ist eine nationalistisch geprägte Partei an der Macht, die demokratische Rechte immer weiter einschränkt. Das bedingungslose Grundeinkommen ...

Die Welt im Jahr 2025: Die EU zerbricht immer mehr. In Deutschland ist eine nationalistisch geprägte Partei an der Macht, die demokratische Rechte immer weiter einschränkt. Das bedingungslose Grundeinkommen wurde eingeführt und es gibt eine Bundeszentrale für Leitkultur.

In diesem rauen politischen Klima führen Britta und Babak ihre psychologische Praxis „Die Brücke“, die mit selbstmordgefährdeten Menschen arbeitet. Britta rationalisiert ihre Arbeit als nützlich für die Gesellschaft und sieht sich ganz pragmatisch und gefühllos als einfache Dienstleisterin. Dass einige Aspekte der Brücke dabei höchst unethisch sind, lässt sie kalt. Erst als sie selbst in Gefahr ist, beginnt Britta sich selbst zu hinterfragen.

Juli Zeh entwirft ein schockierendes Szenario, das in der nahen Zukunft spielt und sich teilweise sehr real anfühlt. Sie zeigt, wie wenig demokratische Prinzipien garantiert sein können, die wir eigentlich als selbstverständlich wahrnehmen. Damit wird der Roman hochaktuell. All das packt sie in eine fesselnde Handlung, wobei sie einen dichten Erzählstil verwendet.

Veröffentlicht am 15.07.2018

Martha tanzt durch brisante Zeiten

Wenn Martha tanzt
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Tom Saller gelingt die Kunst, wichtige historische Ereignisse mit den Einzelschicksalen seiner Protagonisten zu verknüpfen und daraus einen lehrreichen und mitreißenden Roman zu schaffen.

Die Rahmenhandlung ...

Tom Saller gelingt die Kunst, wichtige historische Ereignisse mit den Einzelschicksalen seiner Protagonisten zu verknüpfen und daraus einen lehrreichen und mitreißenden Roman zu schaffen.

Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 2001, wo Thomas das Notizbuch seiner Uroma Martha zu einem Millionenpreis versteigert. Martha hielt darin ihre Erlebnisse an der Kunstschule Bauhaus in Weimar sowie nach Kriegsbeginn in ihrer Heimat Pommern fest. Berühmte Bauhaus-Künstler wie Paul Klee und Wassily Kandinsky verewigten sich ebenfalls in dem Büchlein. Die Höchstbietende bleibt zunächst anonym, lädt Thomas dann jedoch zu einem Abendessen voll überraschender Wendungen ein.

In der zweiten Erzählebene begleitet der Leser die junge Martha durch ihr wechselhaftes Leben vor und während des Zweiten Weltkriegs. In Pommern aufgewachsen, geht sie als Schülerin ans Bauhaus, wo sie sich zu einer Pionierin im Ausdruckstanz entwickelt. Kurz vor Kriegsbeginn kehrt Martha jedoch mit ihrer Tochter Hedi in ihre Heimat zurück und erlebt dort Tragisches, bevor sie schließlich fliehen muss.

Die Geschichte bietet eine Menge emotionale, erschreckende und bewegende Momente und lässt sich flüssig lesen. Besonders zu Beginn hat mich die bildreiche Sprache begeistert, die das Geschehen auf ungewöhnliche Weise lebendig werden ließ. Leider hatte ich das Gefühl, dass der Stil mit dem Fortschreiten des Buches etwas nüchterner und weniger inspirierend wurde. Trotzdem halte ich „Wenn Martha tanzt“ für ein empfehlenswertes Buch, das in einigen Passagen besonders aktuell erscheint.

Veröffentlicht am 15.07.2018

Überraschender Thriller mit kleinen Schwächen

Zu nah
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Nichts ist wie es scheint: Sowohl die Opfer als auch die Verdächtigen in einem Serienmordfall in Dublin verbergen dunkle Geheimnisse. Deswegen erwarten Detective Frankie Sheehan immer wieder Rückschläge, ...

Nichts ist wie es scheint: Sowohl die Opfer als auch die Verdächtigen in einem Serienmordfall in Dublin verbergen dunkle Geheimnisse. Deswegen erwarten Detective Frankie Sheehan immer wieder Rückschläge, Verwirrungen und Überraschungen bei ihren Ermittlungen. „Zu nah“ ist ein wirklich guter, wenn auch kein außergewöhnlich guter Thriller. Die spannende Handlung bietet einige unerwartete Wendungen (inklusive einer ziemlich abrupten Auflösung) und teils komplexe Charaktere. Vor allem Frankie ist tough und kompetent, aber aufgrund einer schrecklichen Erfahrung in ihrer Karriere gleichzeitig traumatisiert. Mir hat die dichte Erzählweise gefallen, jedoch hätte ich mir teilweise ein höheres Erzähltempo gewünscht. Manchmal verliert sich die Handlung in bürokratischen Details. Die Polizisten diskutieren beispielsweise ständig die Finanzierung ihrer Arbeit, aber am Ende führen sie alle benötigten Tests und Aufgaben trotz des Jammerns um das knappe Budget trotzdem durch. Das fand ich etwas irritierend. Abgesehen davon fesselt das Buch meistens und ließ sich leicht lesen.

Veröffentlicht am 15.07.2018

Interessante Ideen, aber zu konventionelle Umsetzung

Höllenjazz in New Orleans
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Die erste Hälfte zieht sich aufgrund der Struktur ziemlich stark hin, während die knappe zweite Hälfte deutlich spannender ausfällt. Insgesamt ist „Höllenjazz“ ein solider und durchaus unterhaltsamer Kriminalroman, ...

Die erste Hälfte zieht sich aufgrund der Struktur ziemlich stark hin, während die knappe zweite Hälfte deutlich spannender ausfällt. Insgesamt ist „Höllenjazz“ ein solider und durchaus unterhaltsamer Kriminalroman, der seinem Hype für meinen Geschmack jedoch nicht ganz gerecht wird.

Musik, Mafia, Mord: Das Romanumfeld bietet enorm viel Potential. Zwischen der verruchten Jazz-Szene in New Orleans, der mysteriösen Mordserie und dem extremen Kulturclash zwischen verschiedenen Einwanderergruppen habe ich eine besondere Atmosphäre erwartet, die vor Spannung und Exzentrizität knistert. Das war leider nicht der Fall. „Höllenjazz“ ist ein ziemlich konventioneller Krimi. Das ist nicht unbedingt schlimm, immerhin lässt er sich sehr flüssig lesen. Für mich hat jedoch das Besondere gefehlt.

Gleich vier Ermittler bearbeiten den Fall um den mysteriösen Axeman:

Detective Lieutnant Michael Talbot leitet die offiziellen Ermittlungen der Polizei und hofft, durch einen Erfolg endlich den Respekt seiner Kollegen zu gewinnen. Ihm zur Seite steht der irische Detective Kerry Behan, der seine eigene Agenda hat.
Der ehemalige Polizist Luca D’Andrea, der gerade seine Gefängnisstrafe wegen Korruption verbüßt hat, soll den Fall für den lokalen Mafiaboss aufklären.
Ida Davis arbeitet als Sekretärin in einer Detektivagentur. Sie ermittelt heimlich selbst im Fall Axeman, um sich ihren Traum, Detektivin zu werden, zu erfüllen. Ida ist mit Lewis Armstrong befreundet und bittet ihn ab und zu um Hilfe.
Der opiumsüchtige Journalist John Riley berichtet über den Fall für die Lokalzeitung.

Viele Personen (Eine vier Seiten lange Personenliste leitet den Roman ein… uff.), viele Motivationen. Durch die ständig wechselnden Erzählperspektiven dauerte es ziemlich lange, bis ich eine Bindung zu den Charakteren aufbauen konnte. Gerade im ersten Drittel war es teilweise schwer, den Überblick zu behalten, wer bereits welche Informationen herausgefunden hatte. Obwohl ich alle vier Perspektiven für sich genommen interessant fand, verloren sie durch die kurzen Kapitel und die ständigen Perspektivwechsel viel von ihrer Wirkung. Wahrscheinlich hätte mir der Roman besser gefallen, wenn sich der Autor auf zwei Ermittlungsansätze konzentriert und diese intensiver ausgebaut hätte.

Veröffentlicht am 15.07.2018

Spannende Krise eines unsympathischen Pharmakonzerns

Riskante Manöver
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Ein unsympathischer Pharmakonzern, ein für Kinder tödliches Medikament und zwei verschwundene Mitarbeiter: Die Krisen-PR-Spezialisten Mats Holm und Laura May werden von Wenner Pharma für einen schwierigen ...

Ein unsympathischer Pharmakonzern, ein für Kinder tödliches Medikament und zwei verschwundene Mitarbeiter: Die Krisen-PR-Spezialisten Mats Holm und Laura May werden von Wenner Pharma für einen schwierigen Fall engagiert. Die beiden sollen den Konzern durch die Krise führen. Dabei werden sie nicht nur mit einer wütenden Öffentlichkeit und einer gewissenhaften Presse konfrontiert, sondern geraten auch mit einigen arroganten, besserwisserischen Mitgliedern des Unternehmensvorstands aneinander.

Birand Bingül erzählt die Geschichte realistisch und rasant. Einzig einige Entwicklungen im Bereich Mord und Folter fand ich überzogen und unnötig für die Geschichte. Der Rest liest sich jedoch sehr spannend. Gerade der Kontrast zwischen der kühlen, berechnenden Welt des Pharmakonzerns und der chaotischen, erschütternden Krankheitssituation der kleinen Sophie charakterisiert die beiden Seiten hervorragend. Mats und Laura müssen hier einen gewaltigen Spagat hinlegen, um ihren Auftrag erledigen zu können.

Neben dem komplexen Fall erzählt der Krimi auch die persönliche Geschichte von Mats und seiner verstorbenen Frau Helena, die Lauras Schwester war. Zwischen den Erwachsenen und Mats‘ 19-jähriger Tochter Liv gibt es eine Menge Konflikte. Wodurch diese ausgelöst wurden, erfährt der Leser erst nach und nach in kurzen Erinnerungen. Alle Protagonisten sind mit großer Liebe zum Detail gezeichnet, so dass man schnell mit ihnen mitfiebert. All diese Elemente fügt Bingül zu einem gelungenen und fesselnden Debütkrimi zusammen.