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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.01.2025

„»Supervision«. Eigentlich genau das, was auch wir beide ständig miteinander machen.“

Kein Grund, gleich so rumzuschreien
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„»Supervision«. Eigentlich genau das, was auch wir beide ständig miteinander machen.“

Wie schon im Vorgängerbuch „Alle sind so ernst geworden“ erstreckt sich das Repertoire der vorliegenden Gespräche ...

„»Supervision«. Eigentlich genau das, was auch wir beide ständig miteinander machen.“

Wie schon im Vorgängerbuch „Alle sind so ernst geworden“ erstreckt sich das Repertoire der vorliegenden Gespräche über vielfältige Themen hinweg, die mal banal daherkommen und dann doch wieder tiefergehend ausfallen. Es geht über die persönliche Beziehung zu Blumen oder Sehtests, den Ursachen von Albträumen und der eigenen Wahrnehmung von Eitelkeit. Aber auch bis hin zu Fragen, die das gesellschaftliche Leben, hinsichtlich des Umgangs mit Rauschmitteln – besonders Alkohol und Zigaretten – bestimmen sowie die Wahrnehmung Außenstehender auf diese freiwillige Abstinenz.
In dem Buch ist viel geboten, doch Langeweile kommt niemals auf!
Annähernd alle Gespräche überschattend ist nicht nur der Tod von Martin Suters Frau Margrith, sondern insbesondere seine fortdauernde Liebe zu ihr. Doch auch Stuckrad-Barre wird mit einem familiären Todesfall regelrecht konfrontiert, schließlich erfährt er zufällig, durch eine Direct Message eines ihm Unbekannten auf Instagram, vom Tod seines Vaters. Spätestens bei dem Gespräch über diesen Verlust und das Verhältnis zu seinem Vater wird deutlich, dass dieses Buch durchaus nicht nur durch seinen humorvollen Witz brilliert, sondern gleichermaßen den Bogen zu ernsten Themen spannen kann.
Man erfährt nicht nur mehr über die beiden Autoren, sondern auch über sich selbst.

Auch wenn die Gespräche nur in gedruckter Form vorliegen, hört man beide, als säßen sie neben einem, in gewohnter Manier vor sich hin sprechen. Während sie sich in humorvollen, teils ironischen und tragikomischen Diskussionen verlieren und sich selbst dabei niemals zu ernst nehmen, genoss ich es sehr, ihnen zu lauschen.

Gerne hätte ich noch weiter gelesen und mehreren Gesprächen zugehört, aber nun überlasse ich – sehnsüchtig auf einen dritten Band hoffend – Benjamin von Stuckrad-Barre das Schlusswort:
„Ich finde die Gewissheit ganz schön, auch erleichternd, dass irgendwann Schluss ist.“

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Veröffentlicht am 27.12.2024

»[E]s tut doch wohl, Hitler so recht ins Gesicht einen blödsinnigen Wüterich zu nennen.«

Was gut ist und was böse
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»[E]s tut doch wohl, Hitler so recht ins Gesicht einen blödsinnigen Wüterich zu nennen.«

Kai Sina nimmt in diesem Essay Thomas Manns komplexe Beziehung zum Judentum als Ausgangspunkt, um dessen bisher ...

»[E]s tut doch wohl, Hitler so recht ins Gesicht einen blödsinnigen Wüterich zu nennen.«

Kai Sina nimmt in diesem Essay Thomas Manns komplexe Beziehung zum Judentum als Ausgangspunkt, um dessen bisher kaum erforschte Stellung zum Zionismus sowie sein gesamtes politisches Engagement genauer zu betrachten und nicht zuletzt längst etablierte Annahmen richtigzustellen.

Insbesondere das politische, essayistische Frühwerk, bis etwa 1910, das meist vollkommen ignoriert wird, beleuchtet der Autor eingehend und zeigt, wie progressiv, liberal und offen Mann eingestellt war, bevor er zur Zeit des Ersten Weltkriegs eine politische Wende vollzog und den nationalistischen, militaristischen und antidemokratischen Groß-Essay „Betrachtungen eines Unpolitischen“ schrieb.
Der allbekannte Trugschluss, dass Mann bis 1936/37 zur damaligen Lage vollkommen geschwiegen hätte, wird ebenfalls anhand zahlreicher hauptsächlich essayistischer Belege Manns entkräftet.
Schließlich begann Mann schon ab 1921 sich von der politischen Rechten, insbesondere dem „Hakenkreuz-Unfug“, abzugrenzen. Zeitgleich solidarisierte er sich mit den Juden, die einer immer größeren Verleumdung und regelrechtem Hass ausgesetzt waren.
Spätestens während des amerikanischen Exil wurde er gar als politischer Aktivist für die Demokratie wahrgenommen, warnte über Radioansprachen des BBC und klärte über deutsche Kriegsverbrechen sowie die Massenmorde auf.
Über die Jahre des Nationalsozialismus bis zur Gründung Israels, blieb er ein genauer Beobachter des Tagesgeschehens und mischte sich, seine Meinung offen äußernd, konkret ein – immer mit dem Ziel, sich selbst für demokratische Werte verantwortlich zu zeigen.

Auch wenn Thomas Manns Ansichten mehrmals die Seiten wechselten und sein demokratischen Verständnis nicht stringent verlief, war er jedoch nie unpolitisch!

In eher akademischer Sprache und kurzen, prägnant geschilderten Kapiteln gelingt es Kai Sina einen annähernd umfänglichen Abriss über Thomas Manns politische Betrachtungen mit mehr als nur einigen neuen Fakten zu geben!

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Veröffentlicht am 27.12.2024

»Hier ist mein Herz, und hier ist meine Hand. Ich liebe Dich! Mein Gott ... Ich liebe Dich!«

«Man kann die Liebe nicht stärker erleben»
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»Hier ist mein Herz, und hier ist meine Hand. Ich liebe Dich! Mein Gott ... Ich liebe Dich!«

Wer sich bereits intensiver mit dem Leben Thomas Manns beschäftigt hat, wird früher oder später auf seine fünf ...

»Hier ist mein Herz, und hier ist meine Hand. Ich liebe Dich! Mein Gott ... Ich liebe Dich!«

Wer sich bereits intensiver mit dem Leben Thomas Manns beschäftigt hat, wird früher oder später auf seine fünf großen homosexuellen Lieben – Armin Martens, Williram Timpe, Paul Ehrenberg, Klaus Heuser, Franz Westermeier – gestoßen sein. Vergleicht man zudem das Werk und Leben Manns miteinander, lassen sich unendlich viele biografische Details herauszulesen. So begegnen wir dem nur ein Jahr jüngeren Tiermaler Paul Ehrenberg besonders in folgenden drei Werken: In Gestalt Hans Hansens in der Novelle „Tonio Kröger“, als Rudi Schwerdtfeger im „Doktor Faustus“ und zuletzt als Joseph in der umfassenden Roman-Tetralogie. Dabei werden seine Schönheit, sein Auftreten und Episoden seines Lebens gleichermaßen literarisch verwertet.

Inwiefern und wann sich die Wege von Thomas Mann und Paul Ehrenberg kreuzten, was sie verband und deutlich trennte, all dem geht der Autor gleichermaßen auf die Spur sowie Manns Gefühlen für den wahrhaften Frauenschwarm, die jedoch unerwidert blieben und seinen Gedanken, welche trotzdem bis zu seinem Lebensende nicht von ihm lassen konnten.

Somit ist das Buch eine Art Doppelbiografie mit Schwerpunkt auf das Leben Paul Ehrenbergs, schließlich ist das Leben Thomas Manns den meisten Lesenden sowieso, zumindest in groben Zügen, bekannt. Zugleich ist es flüssig zu lesen und gut recherchiert, was man alleine an der Menge der Fußnoten sehen kann und überrascht mit teils neuen Erkenntnissen. Zugleich bietet es einen kultur- und zeitgeschichtlichen Abriss.

Auch wenn ich so gut wie jede Neuerscheinung über die „Manns“ mit Begeisterung lese, hat mir dieses Buch besonders viel Freude bereitet, da es verschiedene Werke anschneidet und diese bezogen auf die Beziehung von Thomas Mann und Paul Ehrenberg deutet. Dementsprechend würde ich am liebsten sofort den „Doktor Faustus“ zur Hand nehmen und ihn zum dritten Mal lesen!

Eine ganz große Leseempfehlung!!!

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Veröffentlicht am 17.12.2024

»Es ist zweifellos wahr und doch unfassbar.«

Kaltes Krematorium
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»Es ist zweifellos wahr und doch unfassbar.«

József Debreczeni schildert in diesem Bericht den Weg seiner Deportation nach Auschwitz und nachfolgend in weitere Konzentrationslager. Er erzählt vom immer ...

»Es ist zweifellos wahr und doch unfassbar.«

József Debreczeni schildert in diesem Bericht den Weg seiner Deportation nach Auschwitz und nachfolgend in weitere Konzentrationslager. Er erzählt vom immer gegenwärtigen Hunger, der alltäglichen Gewalt, dem Nachlassen der eigenen Kräfte durch Erschöpfung, Krankheiten sowie sog. Arbeit unter unwidrigsten Bedingungen – eher Versklavung – , Hinterlistigkeiten anderer Häftlinge, aber auch dem Zusammenhalt und endet mit der Befreiung sowie dem Wunsch einfach nur zu überleben.
Besonders deutlich wird die Hierarchie der Kapos, Lagerältesten, etc. beschrieben, welche selbst Häftlinge waren, wenn auch privilegiert. Diese demonstrierten ihre Macht den anderen gegenüber deutlich, anderenfalls hätten sie selbst ihre Sonderrechte verloren.

Ursprünglich wurde das Buch bereits 1950 veröffentlicht, doch erst jetzt, über 70 Jahre später, liegt es in deutscher Übersetzung vor – ehrlich gesagt viel zu spät, aber nicht zu spät.
Ohne Zweifel – es ist kein schönes Buch, aber es ist wichtig und zeigt in aller Ausführlichkeit, noch dazu schonungslos, den Alltag in Konzentrationslagern. Dagegen wirkt die glatte und geradezu schöne Sprache des Autors, der man das journalistische Können des Autors anmerkt, fast ein wenig fehl am Platz.
Debreczeni wertet weniger, als er beobachtend schildert und man fühlt sich nicht nur betroffen, sondern durch die detaillierten Beschreibungen einfach nur fassungslos!

Wofür mir selbst die passenden Worte fehlten, hat Carolin Emcke sie gefunden und zwar in ihrem angehängten Nachwort, welches man nicht treffender hätte schreiben können! Darin spannt sie auch den Bogen zur Gegenwart und macht deutlich, wieso dieses Buch so wichtig ist:
»Es ist nicht auszuhalten, und es gehört doch ausgehalten.«

Bitte überlegt nicht, dieses Buch zu lesen, sondern lest es einfach!
Wer sich mit der Thematik beschäftigt, wird an diesem Bericht nicht mehr vorbeikommen, da dieser eines der eindrucksvollsten Zeugnisse über den Holocaust ist und unbedingt gelesen werden muss!

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Veröffentlicht am 17.12.2024

»Denn Schönheit war es, die am Ende im Gedächtnis blieb«

Hey guten Morgen, wie geht es dir?
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»Denn Schönheit war es, die am Ende im Gedächtnis blieb, nicht äußere Schönheit, sondern die Schönheit eines Moments, der völlig unerheblich war.«

Juno Isabella Flock kannte mehrere Dokumentationen über ...

»Denn Schönheit war es, die am Ende im Gedächtnis blieb, nicht äußere Schönheit, sondern die Schönheit eines Moments, der völlig unerheblich war.«

Juno Isabella Flock kannte mehrere Dokumentationen über sog. Love-Scammer und wunderte sich, wie man auf solche Leute hereinfallen kann. Immerhin hatte sie selbst Erfahrung damit, spielte gar mit diesen Betrügern, in dem sie immer nachts, wenn sie nicht schlafen konnte – das war leider häufig bei ihr der Fall –, ominösen Chatanfragen auf Instagram antwortete und von ihrem Tag erzählte, bis die ansonsten so hartnäckigen Accounts aufhörten ihr zu antworten. Juno gefiel dieses Spiel. Es brachte ihr Abwechslung vom Alltag, mit ihrem pflegebedürftigen Mann Jupiter und ihren Schlafstörungen.
Als sie eine Nachricht von Owen_Wilson223 bekommt, geht sie wie gewöhnlich vor, schreibt ihm zurück und doch ist diesmal alles anders. Der Besitzer des Account offenbart sich immer mehr, gibt gar seinen Namen, Benu, preis und anstelle über Geld zu schreiben, zeigt er wirkliches Interesse am Alltag Junos.
Doch ist das von Dauer?!

Martina Hefters Roman ist eine besondere Lektüre. Auf eindrückliche Weise schildert er den Alltag Junos hinsichtlich ihres Jobs, des Zusammenlebens mit ihrem pflegebedürftigen Mann sowie ihrer eigenen Bedürfnisse. Dies gelingt besonders gut durch die Chats, in denen sich Juno ihrem Gegenüber voll und ganz offenbaren und sie selbst sein kann.
Aufgrund der leisen, bewussten und schlichtweg schöne Sprache der Autorin verliert man sich mitten in den Schilderungen. Gegen Mitte des Romans wurde mir die Handlung jedoch zu abschweifend und ich wusste nicht, in welche Richtung der Text weiterhin gehen würde. Auch blieb die Symbolik der Namen für mich rätselhaft. Dennoch war ich gegen Ende hin wieder gefangen!

Zur Causa des Buchpreises: Tatsache ist, es hätte wirklich schlechtere Bücher treffen können und dieses Buch ist kein schlechtes. Zudem erfreut es sich durchweg einer allgemeinen Begeisterung. Somit ist die Wahl für mich eindeutig nachvollziehbar!

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