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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.10.2020

Historische Ermittlungsarbeit

Der falsche Preuße
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In München wird ein Toter in einem Federmantel gefunden, der offensichtlich ermordet wurde. Der preußische Reserveoffizier Gryszinski, der seit einigen Monaten als kriminalistischer Ermittler in München ...

In München wird ein Toter in einem Federmantel gefunden, der offensichtlich ermordet wurde. Der preußische Reserveoffizier Gryszinski, der seit einigen Monaten als kriminalistischer Ermittler in München ist, beginnt zu ermitteln. Schon die Identifizierung des Opfers stellt ihn und seine Kollegen vor Herausforderungen. Neben den Ermittlungen ist der Freiherr von Gryszinski noch dabei, sich mit seiner belesenen Frau und dem kleinen Sohn in München einzugewöhnen.

„Der falsche Preuße“ ist ein eher gemächlicher Krimi, der klassische Ermittlerarbeit beschreibt. Die Besonderheit ist, dass der Roman Ende des 19. Jahrhunderts spielt und die Ermittlungsarbeit entsprechend anders verläuft als in Krimis, die in der heutigen Zeit zu verorten sind. Besonders interessant sind die Gedanken des Protagonisten bezüglich des voranschreitenden technischen Fortschritts. Die Kriminalistik steckt noch in den Kinderschuhen, Gryszinski selbst hat von dem Pionier der Kriminalistik beziehungsweise Forensik gelernt. Es wurde auch der Konflikt zwischen Fortschritt und Gewohntem deutlich. Bestimmte Methoden der Ermittlungsarbeit haben mich überrascht, zum Beispiel die Vermessung von Ohren und Fingern bevor es den Abgleich von Fingerabdrücken gab.
Die Charaktere sind mehrdimensional und authentisch beschrieben. Besonders anschaulich sind die Beschreibungen der bayerischen Speisen und auch von den Gepflogenheiten zu jener Zeit in der Region lässt sich ein Eindruck gewinnen. Spannend war für mich auch das Spannungsfeld zwischen Preußen und Bayern und das politische und strategische Handeln und Denken der Protagonisten, das doch immer wieder auch im Alltag eine nicht zu unterschätzende Rolle eingenommen hat.

„Der falsche Preuße“ ist ein eher ruhiger Roman, der bei mir nicht die ganz große Spannung erzeugt, mich aber dennoch durch die Charaktere und historischen Beschreibungen überzeugt hat.

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Veröffentlicht am 27.09.2020

Der Sheriff von Raufarhöfn

Kalmann
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Kalmann ist der inoffizielle Sheriff im isländischen Raufarhöfn. Er ist fast Mitte dreißig, in vielen Dingen jedoch kindlich naiv. Von seinem Großvater hat er gelernt, in der Natur und im Leben zu Recht ...

Kalmann ist der inoffizielle Sheriff im isländischen Raufarhöfn. Er ist fast Mitte dreißig, in vielen Dingen jedoch kindlich naiv. Von seinem Großvater hat er gelernt, in der Natur und im Leben zu Recht zu kommen. Kalmann ist Haifischjäger und stellt Gammelhai her. Nebenbei jagt er Füchse, zum Beispiel wenn er von der Schulleiterin der sehr kleinen Schule darum gebeten wird. Auf eben dieser Fuchssuche stößt er auf Blut im Schnee. Von da an ist für Kalmann und ganz Raufarhöfn alles anders. Ein Dorfbewohner wird vermisst und die Polizistin Birna macht sich an die Aufklärung.

Die Mischung aus Krimi und einfühlsamem Roman um Kalmann ist sehr gelungen. Der Schreibstil passt wunderbar zu Kalmann und vermittelt einen intensiven und authentisch wirkenden Eindruck von Kalmanns Innenleben. Die langsame Erzählweise hat mir wirklich gut gefallen und dem Protagonisten, aber auch Beschreibungen über das Leben in einem kleinen abgeschiedenen Ort im Norden Islands, viel Raum gegeben. Besonders überzeugt haben mich die Vergleiche, die Kalmann anstellt oder sein Großvater angestellt hat, um Sachverhalte zu verdeutlichen und zu erklären. „Kalmann“ ist kein rasanter Krimi im engeren Sinne, sondern eher ein Roman über die Entwicklung Kalmanns und dessen Beziehungen zu sich, anderen Personen und der Natur. Die Gedanken, die sich Kalmann bezüglich des Blutes und des Vermisstenfalls, aber auch um das eigene Verhalten und das seiner Mitmenschen macht, sind manchmal naiv und zum Schmunzeln, manchmal aber auch sehr zum Nachdenken anregend.

Kalmann zu begleiten hat mir viel Freude bereitet. Der Charakter Kalmann ist sehr liebevoll beschrieben und die eher langsame Erzählweise hat mich absolut in den Bann gezogen.

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Veröffentlicht am 16.09.2020

Unterschwellige Spannung

Ihr Königreich
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Roy und sein jüngerer Bruder Carl sind in dem norwegischen Bergdorf Os auf einem abgeschiedenen Hof bei ihren Eltern aufgewachsen. Nach dem Tod der Eltern ist Carl zum Studieren in die USA gegangen und ...

Roy und sein jüngerer Bruder Carl sind in dem norwegischen Bergdorf Os auf einem abgeschiedenen Hof bei ihren Eltern aufgewachsen. Nach dem Tod der Eltern ist Carl zum Studieren in die USA gegangen und Roy hat die Autowerkstatt bzw. spätere Tankstelle seines Onkels übernommen. Dann kehrt Carl mit seiner Frau Shannon zurück nach Os und plant, ein Erholungshotel zu bauen. Schnell wird klar, dass nicht alles so ist, wie es scheint und vorgegeben wird.

Jo Nesbø hat einen ruhigen Schreibstil, der unaufgeregt die Geschehnisse beschreibt. Roy ist ein interessanter Charakter, der für mich immer plastischer wurde je mehr ich gelesen habe. Generell ist die Konstellation der ProtagonistInnen sehr spannend und eindrücklich beschrieben.
„Ihr Königreich“ ist für mich eher ein Familiendrama mit Thrillerelementen als Kriminalroman, da es meiner Meinung nach weniger um die Aufklärung eines Verbrechens als um Dynamiken geht, die zu Verbrechen führen können. Nichtsdestotrotz habe ich den Roman als durchgängig spannend empfunden. Den Aufbau finde ich gelungen, da schrittweise im Roman Vergangenes ans Licht kommt und Gegenwärtiges dadurch erklärt wird. Nach Beenden des Buches war ich etwas unschlüssig, ob ich den Schluss noch realistisch finde. Die Wendungen habe ich als positiv und teilweise überraschend empfunden, dennoch ist es mir am Ende etwas zu viel, ohne jetzt spoilern zu wollen.

Alles in allem bin ich beeindruckt davon, wie es Jo Nesbø gelingt, mit so viel Ruhe auf vielen Seiten die Spannung hochzuhalten. Und dass das mit einem Protagonisten gelungen ist, der mich fasziniert, mit dem ich mich aber nicht im Entferntesten identifizieren kann, ist wirklich erstaunlich.

Nachdem ich mich im ersten Versuch mit Harry Hole etwas schwer getan habe (warum auch immer), ist „Ihr Königreich“ mein zweiter Anlauf in Bezug auf Romane von Jo Nesbø. Ich muss sagen, ich bin froh, dass ich „Ihr Königreich“ eine Chance gegeben habe. Auch Harry Hole wird die wohl in naher Zukunft nochmal bekommen.

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Veröffentlicht am 15.09.2020

Ein sehr spannender Thriller, der klassische Ermittlungsarbeit und Social Media verknüpft

Der Fahrer
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Ein Täter entführt Frauen und hinterlässt einen Hashtag mit Leuchtfarbe auf ihren Autos. Auf ihren Social Media Kanälen hinterlässt er Botschaften an die Polizei. Jens Kerner und sein Team versuchen, die ...

Ein Täter entführt Frauen und hinterlässt einen Hashtag mit Leuchtfarbe auf ihren Autos. Auf ihren Social Media Kanälen hinterlässt er Botschaften an die Polizei. Jens Kerner und sein Team versuchen, die Frauen lebend zu finden und den Täter aufzuspüren. Es häufen sich die Hinweise darauf, dass alles mit Jens Kerner persönlich zu tun haben könnte.

„Der Fahrer“ ist der erste Thriller, den ich von Andreas Winkelmann gelesen habe. Dementsprechend sind mir die Protagonisten um Jens Kerner zunächst unbekannt gewesen. Allerdings war das unproblematisch, da die Charaktere schnell und verständlich eingeführt werden genauso wie deren Beziehungen zueinander. Die Charaktere haben Tiefe und obwohl ich Jens Kerners Liebe zu seinem Auto eigentlich nicht nachvollziehen kann, wirkte sie auf mich trotzdem authentisch. Andreas Winkelmanns Schreibstil lässt sich leicht und flüssig lesen und ich habe es als Hamburgerin als sehr spannend empfunden, viele der Orte wiederzuerkennen und vor Augen zu haben. Interessant fand ich auch die offensichtlichen Schnittstellen zwischen klassischer Ermittlungsarbeit und internetbasierten Methoden beziehungsweise die Herausforderung der Koordination von Ermittlungen, die teilweise auch online nötig sind. Diese thematische Verknüpfung ist gut gelungen. Auch die Passagen aus Sicht des Täters sind spannend, da sie häppchenweise Aufschluss über das Motiv geben, aber nicht so viel verraten, als das offensichtlich ist, um wen es sich bei dem Täter handelt.

Der Fall an sich ist bis zum Schluss spannend aufgebaut und wendungsreich, sodass ich gerne weiterlesen wollte und direkt einen weiteren Thriller aus der Reihe um Jens Kerner gelesen habe.

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