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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.06.2026

Wichtiges Buch zu einem leider sehr relevanten Thema

Feindbild Frau
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Digitale Gewalt im Internet ist kein neues Thema, aber leider ein immer aktueller werdendes.

Ingrid Brodnig nähert sich der Thematik in ihrem Buch zunächst beschreibend und analysierend und gibt dann ...

Digitale Gewalt im Internet ist kein neues Thema, aber leider ein immer aktueller werdendes.

Ingrid Brodnig nähert sich der Thematik in ihrem Buch zunächst beschreibend und analysierend und gibt dann auch Hinweise zum persönlichen Umgang mit beleidigenden und unangemessenen Inhalten genauso wie zu juristischen Möglichkeiten. Illustriert werden die Aussagen durch Fallbeispiele und Interviews mit betroffenen Politikerinnen, Juristinnen und z.B. einer der Geschäftsführerinnen von HateAid. In kompakten Kapiteln werden verschiedene Formen, direkte und indirekte Folgen und die Motivation hinter digitaler Gewalt beleuchtet. Die Mischung aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, Erfahrungen der Autorin und die Fallbeispiele passt gut, sodass ich das Buch gerne gelesen habe. Dazu hat auch der angenehme Schreibstil beigetragen. Meistens habe ich jedoch nur ein Kapitel am Stück gelesen, um das Gelesene zu verarbeiten.

Insgesamt habe ich einiges gelernt, auch wenn mir natürlich bereits doch schon recht viel bekannt war. Vieles war aber auch neu bzw. spannend, nochmal fundiert eingeordnet zu bekommen. Es wurde wieder einmal deutlich, dass doch einiges im Argen liegt, es aber Möglichkeiten gibt, dem zu begegnen.

Dabei hat mir besonders gefallen, wie die Autorin den Spagat geschafft hat, zwischen individuellen Bewältigungsstrategien bzw. dem Umgang mit digitaler Gewalt und dem Schwerpunkt auf der Problematisierung: Digitale Gewalt existiert, nimmt zu und darf nicht als individuelles Problem der davon betroffenen Person akzeptiert werden.

Ingrid Brodnig zeigt sowohl auf, was es an Präzedenzurteilen gibt oder wie man sich im Kleinen engagieren kann, aber auch, dass wir uns in Europa am Scheideweg befinden. Die Tech-Industrie mitsamt eines sie protegierenden Donald Trump setzt die EU-Kommission sowie den Digital Services Act massiv unter Druck. Insofern trifft die Autorin den richtigen Ton, um die Aktualität und Relevanz des Themas zu verdeutlichen. Gleichzeitig zeigt sie, wo gesetzliche Lücken bestehen, wie diese aber auch behoben werden könnten.

Generell gelingt es ihr gut, die Ambivalenz und Komplexität von persönlichen Entscheidungen im Vorgehen gegen Beleidigungen, Deepfakes, Verleumdungen, Drohungen usw. deutlich zu machen. Das bezieht sich sowohl auf eigene Aktivitäten in Reaktion auf Kommentare im Netz, aber auch auf rechtliche Schritte, die wichtig sein können, aber gut durchdacht sein sollten.

Wer sich mit dem Thema auseinandersetzen möchte oder vielleicht leider durch eigene Betroffenheit auch muss, dem oder der kann ich Ingrid Brodnigs Buch sehr empfehlen.

Veröffentlicht am 21.06.2026

Für mich ein absolutes Lesehighlight in diesem Jahr

Tata
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Ich wusste zu Beginn nicht wirklich, was mich bei diesem Roman erwarten würde und bin entsprechend offen, aber auch nicht euphorisch ans Lesen herangegangen. Ich muss sagen, mich hat dieser Roman vollkommen ...

Ich wusste zu Beginn nicht wirklich, was mich bei diesem Roman erwarten würde und bin entsprechend offen, aber auch nicht euphorisch ans Lesen herangegangen. Ich muss sagen, mich hat dieser Roman vollkommen überrascht und begeistert.

Die erfolgreiche Filmregisseurin und Drehbuchschreiberin Agnes erhält im Jahr 2010 von der Polizei die Nachricht, dass ihre Tante Colette verstorben sei. Allerdings hat sie diese bereits drei Jahre zuvor beerdigt. Agnes macht sich auf nach Gueugnon, die Heimatstadt ihrer Tante. Agnes selbst hat eigentlich schon genug mit sich selbst zu tun, erholt sie sich noch von der Trennung von ihrem Ex-Mann und der Tatsache, dass er sie durch eine jüngere Schauspielkollegin ersetzt hat. Wieder zurück in Gueugnon, wo Agnes viele ihrer Sommerferien verbracht hat, macht sie sich auf die Suche nach Erklärungen für den zweiten Tod ihrer Tante. Colette hat ihr einen Koffer voll mit Kassetten hinterlassen, die nach und nach ein Bild ergeben und Aufschluss über die geheimnisvollen Umstände von Agnes‘ Tod geben.

Neben dem 2010 sich abspielenden Handlungsstrang um Agnes wird auch Colettes Leben ab ihrer harten Jugend erzählt, wie sie sich für ihren jüngeren Bruder eingesetzt und für sich selbst einen Platz im Leben und in der Gemeinschaft von Gueugnon gefunden hat.

Zusammen ergeben beide Stränge ein komplexes Gesamtbild, ergänzt durch die Kassetten von Colette. Dies macht es aus meiner Sicht unfassbar spannend und man kann toll miträtseln. Gleichzeitig sind die Charaktere mit viel Liebe gezeichnet und auch da habe ich als Leserin über den Roman hinweg wirklich Nähe entwickeln können – obwohl für mich Colette bis zum Schluss rätselhaft geblieben ist. Valerie Perrin hat den Mut, sehr viele Themen in die Geschichte zu integrieren, auch sehr ernste, gesellschaftlich relevante. Mir hat die Mischung sehr gut gefallen und ich habe mich über jeden Nebenstrang und jedes – vermeintliche – Abschweifen gefreut. Der Schreibstil hat mich komplett in den Bann gezogen, obwohl man sich erstmal auf ihn einlassen muss. Wenn das gelingt, kann man mit „Tata“ viele schöne, spannende und emotionale Lesestunden verbringen.

Ich kann den Roman wärmstens weiterempfehlen, Französischkenntnisse können allerdings bei dem ein oder anderen Chanson-Text hilfreich sein. Allerdings ist das kein Muss, ich mochte die Authentizität auch ohne die wenigen eingestreuten Chanson-Texte zu verstehen.

Dass das Buch irgendwann ein Ende finden musste, habe ich sehr bedauert…

Veröffentlicht am 15.06.2026

Humorvoller Krimi

Hope Joanna
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Die Berliner Kommissarin Hope Joanna wird zu einem Tatort gerufen. Bei der Leiche handelt es sich um einen berühmt berüchtigten Händler von alten Dingen, oftmals in Zusammenhang mit der NS-Zeit und Adolf ...

Die Berliner Kommissarin Hope Joanna wird zu einem Tatort gerufen. Bei der Leiche handelt es sich um einen berühmt berüchtigten Händler von alten Dingen, oftmals in Zusammenhang mit der NS-Zeit und Adolf Hitler. Es stellt sich heraus, dass der Tod des Mannes durch einen Schlangenbiss verursacht wurde. Als die Ermittler:innen um Hope Joanna herausfinden, dass ein übers Darknet sagenumwobenes Elixier etwas mit dem Todesfall zu tun hat, das nun von geheimen Boten abgeholt und an den Käufer übergeben werden sollte, wird es abenteuerlich.

Ich kannte Horst Evers bisher nur als Kabarettist und nicht als Krimiautor. Die Mischung aus Humor und Krimi funktioniert aus meiner Sicht aber ausgezeichnet, insbesondere zu Beginn und auch gegen Ende des Buches. In der Mitte hat es mich nicht mehr ganz so gepackt, trotzdem habe ich den Krimi insgesamt gerne gelesen. Wie nicht anders zu erwarten, lässt sich „Hope Joanna“ leicht und flüssig lesen. Auch die zum Teil sehr absurden Ideen finde ich gelungen. Außerdem fließen immer wieder sehr ernsthafte gesellschaftliche und politische Themen ein, die das Buch bereichern.

Ich würde „Hope Joanna“ allen empfehlen, die sich auf einen humorvollen, nicht allzu ernsthaften und realistischen Krimi einlassen mögen. Mir hat das Lesen Spaß gemacht.

Veröffentlicht am 14.06.2026

Ein einfühlsamer Roman über eine herausfordernde, aber sehr liebevolle Mutter-Sohn-Beziehung

Sie wollen uns erzählen
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Der neue Roman von Birgit Birnbacher beschäftigt sich auf einfühlsame und sensible Weise mit dem Umgang mit Neurodivergenz bzw. ADHS in der Familie.

Es ist der letzte Tag vor den Sommerferien. Zeugnisausgabe. ...

Der neue Roman von Birgit Birnbacher beschäftigt sich auf einfühlsame und sensible Weise mit dem Umgang mit Neurodivergenz bzw. ADHS in der Familie.

Es ist der letzte Tag vor den Sommerferien. Zeugnisausgabe. Oz, dritte Klasse, hat hart auf den Wunschschnitt hingearbeitet, verbunden mit der Empfehlung fürs Gymnasium. Gleichzeitig steht eine „Unbeschulbarkeit“ im Raum, hat er doch Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, gedanklich bei der Sache zu bleiben. Trotzdem hat er den Notenschnitt erreicht. Doch feiern kann er diesen mit seiner Mutter wohl nicht – weil die Sache mit dem Kaninchen am letzten Schultag passiert ist und er jetzt neben dem Zeugnis einen Brief der Lehrerin mit nach Hause bringt.

Während er sich überlegt, wie er seiner manchmal sehr ungeduldigen und impulsiven Mutter das Kaninchen-Drama schonend beibringen kann, hofft er auf eine „kleine“ Katastrophe, die von der Sache mit dem Kaninchen ablenkt. Und diese „kleine“ Katastrophe passiert: Seine Großmutter verschwindet aus der Klinik, in der sie wegen einer Krebserkrankung operiert werden sollte. Kurzentschlossen fährt Ann, Oz‘ Mutter, mit ihrem Sohn ins Innergebirg. Dorthin wo Ann, damals wie Oz ein ebenfalls überaus lebhaftes Kind, gemeinsam mit ihren Eltern und der etwas jüngeren Schwester aufgewachsen ist.

Birgit Birnbacher beschreibt in schöner, angemessener Sprache die Herausforderungen, die ein Kind in Systemen bewältigen muss, in denen Angepasstheit und Funktionieren im Kontext von Lehrplänen und Regeln vorausgesetzt wird. Und wie anstrengend der Spagat zwischen dem Wunsch, dass es das Kind in diesem System schafft und der gleichzeitigen Wut und dem Wunsch, dass das Kind so sein darf und soll, wie es ist, für die Eltern ist. Auch das Spannungsfeld, in dem die Eltern als Paar zerrieben werden, wird einfühlsam beschrieben – insbesondere vor dem Hintergrund, dass Ann ebenfalls Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle und der Aufmerksamkeit für Dinge hat, die sie nicht priorisiert.

Für mich ist der Roman ein Plädoyer für das Beibehalten und Feiern unserer Einzigartigkeit, die nicht immer in starre Systeme passt (und passen muss). Sowohl an Ann und Oz, aber auch an Anns Mutter, sieht man eindrücklich, dass eine gewisse Eigenheit zwar manchmal schwer auszuhalten, aber doch sehr liebenswürdig ist.

Der Roman fesselt mit seinen sehr fein herausgearbeiteten Charakteren. Das Geschehen wird abwechselnd aus der Perspektive von Oz und von Ann erzählt. Die Suche nach der Oma und alles, was damit zusammenhängt, nimmt ab Mitte des Romans viel Raum ein. Die große Verbundenheit zwischen Ann und Oz ist dabei aber immer präsent und für mich ist eben diese Beschreibung der Mutter-Sohn-Beziehung das absolute Highlight des Buches. Auch die Sprache mit der Birgit Birnbacher diese Beziehung und Nähe zwischen den Beiden beschreibt, auf sehr sensible Weise, ist hervorzuheben. Die mir eher unbekannten österreichischen Redewendungen geben dem Roman eine Authentizität, die ich sehr positiv empfunden habe.

"Sie wollen uns erzählen" von Birgit Birnbacher ist eine berührende Mutter-Sohn-Geschichte, die ich sehr empfehlen kann.

Veröffentlicht am 16.05.2026

Viele Verdächtige, viele Motive, viele Wendungen und viel Spannung

Home Before Dark
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Der Stand-alone-Thriller “Home before Dark” bewegt sich auf zwei Zeitebenen. Zum einen begleitet man als Leser:in die 24-jährige Marsibil im Jahr 1977, die zurück in ihren Heimatort zu ihren Eltern kehrt, ...

Der Stand-alone-Thriller “Home before Dark” bewegt sich auf zwei Zeitebenen. Zum einen begleitet man als Leser:in die 24-jährige Marsibil im Jahr 1977, die zurück in ihren Heimatort zu ihren Eltern kehrt, um den zehnjährigen Jahrestag des Verschwindens ihrer zwei Jahre älteren Schwester Stina zu begehen. Vor zehn Jahren hatte Marsi einen Brieffreund, mit dem sie sich am Abend des Verschwindens ihrer Schwester hatte treffen wollen. Schon lange quält sie der Verdacht, dass ihre Brieffreundschaft mit dem Verschwinden von Stina zu tun haben könnte. Erzählt hat sie jedoch niemandem von ihren Schuldgefühlen. Als Marsi nun auf einmal wieder einen Brief von ihrem ehemaligem Brieffreund erhält, beginnt sie, nach Antworten und ihrer Schwester zu suchen.

Die zweite Zeitebene spielt zehn Jahre zuvor, rund um das Verschwinden von Stina. Diese Ebene konzentriert sich auf Stinas Leben und ihre Perspektive in der Zeit kurz vor ihrem Verschwinden. Es geht um erste Erfahrungen mit Jungs, üble Streiche, Freundschaft und Familie.

Beide Perspektiven und Zeitebenen wechseln sich ab, sodass man als Leser:in sehr langsam eine Ahnung bekommt, was 1967 passiert sein könnte. Allerdings bekommt man diese Ahnung eigentlich doch nicht, weil es unheimlich viele potenziell Verdächtige, Motive und auch Wendungen gibt. Ich habe das als durchaus spannend empfunden, allerdings doch etwas erschlagend. Der Thriller zeichnet sich vor allem durch die unterschwellige Düsternis aus, die sich vor allem auch im Zuhause der Schwestern durchzieht. Die Eltern versuchen, Marsi von ihren Nachforschungen abzuhalten und verhalten sich wie so viele andere Personen zum Teil sehr merkwürdig.

An einigen Stellen war es mir etwas too much, spannend fand ich es aber immer. Auch der Schreibstil ist fesselnd und war für mich sehr gut zu lesen. Das Ende ist etwas speziell, aber je länger ich darüber nachdenke, eigentlich sehr passend.