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Veröffentlicht am 04.12.2024

Unbeugsam und mutig

Die Gräfin
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Im August des Jahres 1944 stürzt ein britisches Kampfflugzeug im Wattenmeer ab, der Pilot John Philip Gunter wird von der auf Hallig Südfall lebenden Gräfin Diana gefunden. Deren Kutscher Maschmann und ...

Im August des Jahres 1944 stürzt ein britisches Kampfflugzeug im Wattenmeer ab, der Pilot John Philip Gunter wird von der auf Hallig Südfall lebenden Gräfin Diana gefunden. Deren Kutscher Maschmann und Haustochter Meta helfen der Gräfin, den verletzten Mann zu verstecken, riskieren damit ihr Leben für ihn. Zwischen Misstrauen und Zweifel wächst Hoffnung auf bessere Zeiten.

»Pass bloß auf, ermahnte er sich gleichzeitig. Die Gastgeberin war sehr entgegenkommend, keine Frage. Aber ob jemand eine üble Person, sogar ein Nazi war, sah man niemandem an. Die Gastfreundschaft dieser Frau, die zudem noch sehr gut Englisch sprach, könnte vorgetäuscht sein, eine Tarnung, eine clever ausgeklügelte Falle. Wer weiß, wer diese Leute sind.« (Seite 81)

Die 1863 in Preetz geborene Diana Henriette Adelaide Charlotte Gräfin von Reventlow-Criminil entstammte einer alten holsteinischen Adelsfamilie, lehnte sich Zeit ihres Lebens aber dagegen auf. Sie hat nie geheiratet, galt als extravagant und distanziert. Sie kaufte 1910 die kleine Insel Hallig Südfall und nutzte sie erst als Sommerresidenz, später zog sie ganzjährig dahin. Dem Nationalsozialismus stand sie verächtlich gegenüber, so hat sie einem Künstler Zuflucht gewährt, dessen Bilder die Nazis als sogenannte entartete Kunst eingeordnet hatten, einem im Zweiten Weltkrieg im Watt abgestürzten Flieger gewährte sie Asyl. Die Gräfin starb einige Wochen nach ihrem 90. Geburtstag auf ihrer Hallig, die ihre Erben im Jahr 1954 an das Land Schleswig-Holstein verkauften. Seit 1985 gehört Südfall zum Nationalpark Wattenmeer.

Das vorliegende Buch befasst sich mit dem abgestürzten britischen Kampfpilot und dem Leben der Gräfin auf ihrem kleinen Eiland. Der Roman ist fiktiv, die Rettung des Piloten aber nicht. Die bedauerlicherweise kurz vor Erscheinen ihres Debütromans verstorbene Autorin Irma Nelles (1946-2024) hat eine Geschichte rund um das belegte Ereignis geschrieben, die mich nachdenklich zurücklässt. Ich möchte mehr erfahren über diese Frau, die im hohen Alter den Gefahren trotzte und unerschrocken genug war, Hochverrat zu begehen, sich nicht zu beugen, wenn Unrecht geschieht. Gräfin Diana muss eine imposante Erscheinung gewesen sein, die ungeachtet ihrer Herkunft zupacken konnte und sich von nichts und niemandem etwas sagen ließ. Ein Stück Geschichte in Romanform, wie ich es mag. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 02.12.2024

Gehen oder bleiben?

Zwei Leben
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Roberta kehrt 1971 nach drei Jahren Abwesenheit nach Hause in ein kleines Dorf in Süddeutschland zurück, das sie für eine Schneiderlehre in der Stadt verlassen hat. Hier gehört sie hin, wird eines Tages ...

Roberta kehrt 1971 nach drei Jahren Abwesenheit nach Hause in ein kleines Dorf in Süddeutschland zurück, das sie für eine Schneiderlehre in der Stadt verlassen hat. Hier gehört sie hin, wird eines Tages den elterlichen Bauernhof übernehmen und Bäuerin sein. Wilhelm, der Pfarrerssohn und Freund aus Kindertagen, ist noch da, in den folgenden Tagen und Wochen kommen sich beide näher und verlieben sich. Gertrud, Wilhelms Mutter, ist nie warm geworden mit dem Landleben. Ihrem Sohn wünscht sie nach dem Studium ein Leben außerhalb. Bald schon steht Roberta vor einer Entscheidung, die ihr Leben für immer verändern wird.

»Er lachte auch. Wie frei es aussah, wie schön. Wenn nicht in ihn, in sein Lachen hätte sie sich immer verlieben können. Manchmal kam es ihr vor, als wäre es die ganze Kindheit und Jugend so gewesen, und sie hatte es nur nicht gemerkt. Für einen Augenblick lastete es nicht auf ihr, worüber sie gleich reden musste. Für einen Augenblick sah es so aus, als könnte alles leicht ausgehen.« (Seite 233)

Roberta und Gertrud, wie unterschiedlich können Frauen sein. Die eine tief verwurzelt, mit einer großen Verbindung fürs Daheim und der Verantwortung, die sie bindet, egal ob da eine Sehnsucht ist oder nicht. Die andere seit Jahren im Wartemodus verharrend, unzufrieden und unglücklich, nie angekommen und permanent auf der Suche nach einem Ausweg, der sie herausführt aus der Enge des Dorflebens. Zwei Charaktere, die unterschiedlicher könnten nicht sein, deren Wege parallel laufen, ohne dass eine der beiden ahnen würde, es könnte vielleicht anders sein.

Die erste Hälfte des Buches war ruhig, Ewald Arenz ließ sich und der Entwicklung der Charaktere viel Zeit. Wahrscheinlich hat es deshalb ein wenig gedauert, bis ich angekommen bin in der Geschichte, bis der Zauber der Erzählung griff, dann aber zog es mich plötzlich rein. Ich habe nicht erwartet, welche Wendung die Geschichte genommen hat, war erschüttert und traurig, habe mitgelitten, geweint, tat mich schwer zu akzeptieren, welches Schicksal sich der Autor ausgedacht hat. Einfühlsam und emphatisch führte Ewald Arenz zu Ende, was er begann. Er zeigte im Buch, dass Glück und Unglück, Freude und Leid, sehr nah beieinander liegen und man dennoch immer irgendwo etwas Schönes finden kann, das Hoffnung gibt. Lest unbedingt mal rein!

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Veröffentlicht am 29.11.2024

Mathematik und das Leben

Pi mal Daumen
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Der sechzehnjährige Oscar ist hochbegabt und am Anfang seines Mathematikstudiums, als er in einer Vorlesung Moni Kosinsky begegnet, die er zuerst fälschlicherweise für eine Sekretärin oder Angestellte ...

Der sechzehnjährige Oscar ist hochbegabt und am Anfang seines Mathematikstudiums, als er in einer Vorlesung Moni Kosinsky begegnet, die er zuerst fälschlicherweise für eine Sekretärin oder Angestellte der Kantine hält. Die dreifache Großmutter im Leoparden-Look ist allerdings tatsächlich seine Kommilitonin und erfüllt sich mit dem Mathe-Studium heimlich ihren Traum. Die beiden ungleichen Außenseiter freunden sich an, was zu einigen Turbulenzen führt.

»Ich hatte kein Problem damit, dass andere Menschen dumm waren. Die meisten konnten weder rechnen noch klar argumentieren, es war eine Tatsache, mit der ich schon lange lebte. Ich hatte nur ein Problem damit, wenn dumme Menschen so taten, als dürften sie über klügere Menschen bestimmen.«

Oscar ist ein vielseitiger Charakter, aber auch etwas speziell; er ist arrogant, hochgradig intelligent und dadurch oft verletzend, wenn er anderen seine unverblümte Meinung sagt, weil er nicht lügen kann. Mit vollem Namen heißt er Oscar Maria Wilhelm Graf von Ebersdorff, seine adelige Herkunft trägt er allerdings nicht vor sich her. Seine privilegierte Herkunft ist für ihn nichts besonderes, er kennt es einfach nicht anders. Moni Kosinsky ist da ein ganz anderes Kaliber, die Dreiundfünfzigjährige ist bereits dreifache Oma, hält sich mit mehreren Jobs übers Wasser, kümmert sich um die Enkel und ist überhaupt immer und jederzeit für alle Menschen da. Ihr Studium verschweigt sie gegenüber ihrer Familie, was verständlicherweise zu vielen absurden Situationen führt.

Herzerwärmend und unglaublich witzig erzählt Alina Bronsky die Geschichte von Oscar und Moni, lässt mich teilhaben an kuriosen Situationen und tragisch-komischen Momenten. Der mathematische Anteil dabei hat für mich was von böhmischen Dörfern, denn verstanden habe ich diesen nicht, was allerdings nicht schlimm ist, denn dies schmälert den Lesegenuss nicht im geringsten. Ich hätte noch viel länger im Oscar-Universum bleiben wollen, denn letztendlich schlich er sich in mein Herz und bleibt für immer da. Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 27.11.2024

Hoffnung siegt

Die Bibliothekarin von Auschwitz
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Die vorliegende Comic-Adaption des gleichnamigen Romans von Antonio Iturbe erzählt die wahre Geschichte der 1929 in Prag geborenen Edith (Dita) Kraus, einer Jüdin, die durch die Nationalsozialisten verfolgt ...

Die vorliegende Comic-Adaption des gleichnamigen Romans von Antonio Iturbe erzählt die wahre Geschichte der 1929 in Prag geborenen Edith (Dita) Kraus, einer Jüdin, die durch die Nationalsozialisten verfolgt wurde und mehrere Konzentrationslager überlebt hat. Dita wurde während der deutschen Besatzung der damaligen Tschechoslowakei mit ihren Eltern nach Auschwitz deportiert, wo sie sich im Alter von vierzehn Jahren dazu bereit erklärte, acht besondere Bücher zu verwalten, die vor den Bewachern versteckt und an die Gefangenen verliehen oder ihnen vorgelesen wurden. Es handelte sich um alte und vor allem verbotene Bücher, sodass die junge Bibliothekarin täglich ihr Leben riskierte.

Diese Geschichte in Bildern der Graphic Novel hat mich sehr berührt, auch wenn ich das Buch selbst leider nicht gelesen habe. Der Mut des Mädchens beeindruckte mich, ihre Begeisterung fürs Lesen und ihre beispiellose Leistung haben Salva Rubio (Szenarist, Schriftsteller, Historiker) sowie Loreto Aroca (Illustratorin und Comic-Zeichnerin) großartig in Bilder umgesetzt, die das Grauen, das oft kaum in Worte zu fassen ist, sehr präzise widerspiegeln. Ein Werk über die Wunder, das Bücher in unserem Leben bewirken können. Dazu ein Plädoyer für Güte, Hoffnung und Liebe. Lesens- und vor allem sehenswert!

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Veröffentlicht am 26.11.2024

Kleine Teufeleien

Feuerprobe
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Jugendliche Banden treffen in Venedig aufeinander, verabreden sich zu Flashmobs, prügeln aufeinander ein. Commissario Griffoni wird hinzugezogen und versucht herauszufinden, wie es dazu kommt und warum. ...

Jugendliche Banden treffen in Venedig aufeinander, verabreden sich zu Flashmobs, prügeln aufeinander ein. Commissario Griffoni wird hinzugezogen und versucht herauszufinden, wie es dazu kommt und warum. Brunetti befragt in diesem Zusammenhang eigene Quellen, zieht Signorina Elettra hinzu und kommt einem Ereignis auf die Spur, das mit dem Vater eines der Jungen zusammenhängt.

»Licht kann man nicht anfassen. Es erlaubt uns, Dinge zu sehen, aber wir sehen es nicht als etwas Eigenständiges: Wir sehen nur die Dinge, die es beleuchtet.« (Seite 266)

Commissario Brunettis dreiunddreißigster Kriminalfall fing interessant, aber sehr gemächlich an, startete anfänglich auch ohne ihn. Tatsächlich passierte auf den ersten über hundert Seiten so wenig, dass ich schon befürchten musste, dass es ereignislos weitergeht, als die Story plötzlich anzog, bekannte Namen auftauchten und eine Komponente hinzukam, die meine volle Aufmerksamkeit erhielt. Ein über zwanzig Jahre zurückliegendes Unglück brachte die Spannung ins Buch, die Ermittlungen überkreuzten sich. Wie üblich präsentierte die Autorin viele Probleme der heutigen Zeit und befasste sich sozialkritisch damit. Dennoch blieb der Roman ein wenig hinter meinen Erwartungen zurück, wenn auch die zweite Hälfte durchaus an frühere Zeiten anknüpfen konnte. Für Fans der Reihe, zu denen ich mich zähle, trotzdem ein lesenswertes Buch, das mich insgesamt gut unterhalten hat.

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