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Veröffentlicht am 05.06.2024

Eine sprachliche Wucht!

Streulicht
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Ich bin in Deniz Ohdes Debütroman „Streulicht“ ab der ersten Seite versunken und habe mich heimisch gefühlt; entgegen vieler Kritiken, die ich zuvor gelesen hatte und die es als etwas schwierig bezeichneten, ...

Ich bin in Deniz Ohdes Debütroman „Streulicht“ ab der ersten Seite versunken und habe mich heimisch gefühlt; entgegen vieler Kritiken, die ich zuvor gelesen hatte und die es als etwas schwierig bezeichneten, in den Roman hineinzufinden. Vielleicht liegt es am ähnlichen Alter und dem mir wohl bekannten Sound einer 90er-Jahre-Kindheit; ich hatte sofort das Gefühl eine alte Freundin wieder zu treffen, Geschichten aus Kindertagen von damals zu hören. Während die Erzählung zu Beginn noch etwas vor sich hin plätschert nimmt sie ab ca. Seite 50 Fahrt auf und das Bild verdüstert sich zusehends. Stück für Stück offenbart sich eine Welt frei von jeglicher Sicherheit mit einem trinkenden, unwichtige Dinge hortenden Vater, einer stoisch alles aushaltenden Mutter, einem ignoranten Umfeld, in dem kaum gesprochen wird, ein stilles Kind nichts zu Hoffen und noch weniger zu Erwarten hat. Mich schmerzte das Hadern des Mädchens mit seiner Herkunft, allem voran mit seinem ungewöhnlichen Namen, dem „Geheimnamen“, der nicht genannt werden darf und den auch wir Leser*innen nicht erfahren, dem nicht richtigen Gesicht, dem man das Fremde ansehen könnte. Wie ist es möglich, dass Eltern bei dem Kind eine solche Entfremdung von der eigenen Identität nicht bemerken oder einfach so hinnehmen, fragte ich mich, und die Antwort lautet wohl, weil sie ihre eigene nicht (aner)kennen, ihr keine Bedeutung beimessen. Tiefe Einsamkeit und ein beständiges Gefühl des Fremdseins begleitet die Ich-Erzählerin, das auch von den beiden engsten Freunden nicht aufgefangen wird - im Gegenteil wird auch hier immer nur betont sie sei ja nicht wie „die anderen (Ausländer)“, was sie genau dazu macht. Alles gilt ihr persönlich, alles kommt ihr so nah und verdrängt sie an den Rand, wo ihr nichts als Zusehen und Hinnehmen bleibt.

Bei aller Empathie und Verständnis für den schwierigen Background der Protagonistin habe ich mich doch (besonders im Mittelteil) schwer getan mit dem wirklich stark ausgeprägten Selbstmitleid. Ich hätte das Mädchen schütteln mögen, es anschreien „wehr dich, mach etwas, such dir neue Freunde, sag doch was!“ aber dieses Unverständnis scheint mir auch einfach dem Unwissen über derartige Verhältnisse und deren Auswirkungen geschuldet; steckt nicht viel Hochmut und Arroganz dahinter?
Das letzte Drittel fand ich wieder richtig stark. Ganz zart spinnt die junge Frau erste eigene Pläne, hoffnungsvoll scheint ihr Blick in die Zukunft. Sie ist in der Lage zu reflektieren und beginnt vorsichtig sich aus der Lethargie und dem Konstrukt der Handlungsunfähigkeit ihrer sozialen Herkunft zu befreien.

Sprachlich ist das Buch eine Wucht - klare Sätze mit einer ungeheuren Schlagkraft prägen große Teile der Geschichte und entwickeln einen regelrechten Sog, der mich für die Längen im Mittelteil entschädigte. Deniz Ohde legt hier einen aktuellen Bildungsroman vor der mich an Tara Westovers „Befreit“ denken ließ und vielen Menschen eine Stimme geben dürfte.

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Veröffentlicht am 05.06.2024

Was für eine geniale, verrückte Idee!

Die Hauptsache
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Was für eine geniale, verrückte Idee!
Ganz ehrlich - ich habe noch nichts vergleichbares gelesen. Irgendwo zwischen Science-Fiction, Fantasy und brutaler Realität angesiedelt wirft Hilary Leichters Debütroman ...

Was für eine geniale, verrückte Idee!
Ganz ehrlich - ich habe noch nichts vergleichbares gelesen. Irgendwo zwischen Science-Fiction, Fantasy und brutaler Realität angesiedelt wirft Hilary Leichters Debütroman unweigerlich und ziemlich schnell die Frage auf, ob wir eigentlich alle einen gewaltigen Dachschaden haben. Gefühlsmäßig hin und her gerissen zwischen hysterischem Kichern und ungläubigem Kopfschütteln bewegte ich mich durch diese rasante, aberwitzige Odyssee durch eine (vordergründig) fiktive Arbeitswelt. Die Protagonistin hat nicht nur diverse Aushilfsjobs sondern passend dazu auch 18 feste Freunde, für jede Lebens- und Gemütslage einen, logisch. Sie pendelt von einer Stelle zur nächsten und entlarvt dabei so manche Absurdität unserer Arbeitsmoral, treibt sie auf die Spitze und reibt uns schonungslos die eigene Austauschbarkeit unter die Nase.

Hoch engagiert ist unsere namenlose Protagonistin, effizient und fleißig und - ob als Vertretung einer vom Aussterben bedrohten Seepockenart oder engagierte Aushilfskraft eines Mörders - immer auf der Suche nach Selbstoptimierung, dem großen Sinn des Seins, eben der Hauptsache.

Die Geschichte liest sich wie ein tiefschichtiges Märchen, das immer noch eine weitere Ebene verbirgt; ich hätte mir jeden zweiten Satz anstreichen mögen. Und während ich lese und nebenbei auf mein Smartphone starre und lese und wieder aufs Handy kucke beschleicht mich so ein merkwürdiges Gefühl, als ob es um mich ginge, nur um mich; das Surreale fühlt sich plötzlich sehr real an. Hilary Leichters Roman stimmt mich nachdenklich und wird mich sicher noch eine Weile beschäftigen.

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Veröffentlicht am 05.06.2024

Große Fabulierkunst!

Seeland Schneeland
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Wir schreiben das Jahr 1921 in Wales, der erste Weltkrieg ist vorbei, die spanische Grippe hat gewütet und wild um sich gegriffen. Der junge Merce Blackboro - für den Kriegsdienst untauglich und schon ...

Wir schreiben das Jahr 1921 in Wales, der erste Weltkrieg ist vorbei, die spanische Grippe hat gewütet und wild um sich gegriffen. Der junge Merce Blackboro - für den Kriegsdienst untauglich und schon lange wieder zurück aus dem ewigen Eis mit Shackleton und dessen Crew - fühlt sich unnütz und des Lebens überdrüssig. So viele junge Männer haben ihr Leben gelassen und was stellt er mit seinem an? Unfähig den Erwartungen der Familienchronik gerecht zu werden, nicht in der Lage eine sinnvolle Richtung zu erkennen und dann noch das Herz! Seines gehört Ennid schon so lange, seit sie als Teenager ein kurzes Intermezzo hatten und ebenso lange zeigt das kecke Fräulein Muldoon mit dem Humpelbein ihm bereits die kalte Schulter und ist jetzt auch noch sang und klanglos nach Amerika aufgebrochen, die Hoffnung auf ein neues Leben im Gepäck und nicht ohne unterwegs noch ein paar Herzen zu brechen - welch eine Schmach! Mit an Bord ist auch Diver Robey, ein steinreicher, amerikanischer Trinker, verwöhnt bis in die Haarspitzen und zu Tode gelangweilt von der High Society und dem schnöden Jetset Leben, dem der wahnwitzige Traum einer transatlantischen Flugstrecke zwischen Amerika und Europa und damit der Ruf eines Träumers anhängt. Als die „Orion“, ehemalige „Seeland“, zukünftige „Sealand“, in Not gerät zwingt dies die Protagonisten zum Handeln und Haltungzeigen, offenbaren sich überraschende Charakterzüge und geheime Sehnsüchte, nimmt das Schicksal manch eine unvorhersehbare Wendung.

Nach anfänglichem Stolpern in die unterschiedlichen Erzählstränge war es mir eine wahre Freude diesen bildgewaltigen Roman zu lesen. Bonné spielt mit der Sprache, den verschiedenen Protagonisten und deren Eigenheiten, lässt sie einem deutlich vor Augen stehen und Form annehmen. Mit feinem Humor und großer Fabulierkunst nimmt er seine Leser/innen mit auf eine abenteuerliche Reise in die Vergangenheit, ins eisige Schneeland.

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Veröffentlicht am 05.06.2024

Sprachlich wunderschön, bildhaft, intensiv, beklemmend, beeindruckend, lehrreich, emotional, spannend

Heimkehren
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Yaa Gyasis „Heimkehren“ zeichnet die Lebenswege zweier Schwestern nach die, wenn auch aus einer Quelle entsprungen, wie loderndes Feuer und fließendes Wasser unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. ...

Yaa Gyasis „Heimkehren“ zeichnet die Lebenswege zweier Schwestern nach die, wenn auch aus einer Quelle entsprungen, wie loderndes Feuer und fließendes Wasser unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. Während die jüngere Effia Ende
des 18. Jahrhunderts einen englischen Sklavenhändler heiratet und ihre Nachkommen im heutigen Ghana bleiben und zeitlebens von der Sklaverei profitieren, wird die ältere Esi als Sklavin nach Amerika verkauft, wo deren Nachfahren fortan ausgebeutet werden
und erbittert für ihr Recht kämpfen müssen.

Der Roman ist in 14 Abschnitte eingeteilt, jeder Abschnitt widmet sich der jeweils nachfolgenden Generation; im Wechsel begleiten wir beide Familienzweige bis in die heutige Zeit und bekommen so einen ungeschönten Einblick in die Geschichte
der Sklaverei, deren Auswirkungen und Traumata auf ein ganzes Volk bis in die Gegenwart.

„Sie würden nur eine Art von Fesseln gegen eine
andere austauschen, physische Fesseln, die um Handgelenke und Knöchel gelegt wurden, gegen unsichtbare, die die Gedanken banden.“ (S. 134)

Zu sagen, es sei ein schönes Buch, fühlt sich falsch an. Sprachlich wunderschön, bildhaft, intensiv, beklemmend, beeindruckend, lehrreich, emotional, spannend und bei aller Grausamkeit auch hoffnungsvoll - das alles ist „Heimkehren“ aber definitiv und ich habe es in den letzten zwei Tagen quasi inhaliert. Tatsächlich hatte ich beim Lesen öfter den Gedanken „ach, so hing dass also zusammen“, wie ein Crashkurs Geschichtsunterricht und hätte manches Mal laut schreien mögen. Ich möchte bei der Thematik unbedingt am Ball bleiben und bald auch das
vielgerühmte Buch von Colson Whitehead über die „Underground Railroad“ lesen, das hier auch Erwähnung findet.

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Veröffentlicht am 05.06.2024

Ein wertvolles Zeitdokument!

Unter der Mitternachtssonne
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Paul Seesequasis, Angehöriger des Stammes der „Willow Cree“, porträtiert in diesem Bildband acht indigene Gemeinschaften Kanadas vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre hinein. Was als ...

Paul Seesequasis, Angehöriger des Stammes der „Willow Cree“, porträtiert in diesem Bildband acht indigene Gemeinschaften Kanadas vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre hinein. Was als kleines Social-Media-Projekt begann, entwickelte sich bald zu einem erstaunlich großen Erfolg. Unzählige Menschen nahmen mit Seesequasis Kontakt auf weil sie einen Ort erkannten, einem Foto eine Geschichte oder einem Gesicht einen Namen geben konnten und so fügten sich Stück für Stück immer neue Puzzleteile zu einem wertvollen Zeitdokument zusammen - ein kleiner Ausschnitt davon liegt nun in Form dieses faszinierenden Buches vor.

Begleitend zu den Fotos erzählt der Autor Anekdoten, streift verschiedene Biografien und berichtet über wichtige Ereignisse - dabei legt er sein Augenmerk bewusst nicht
hauptsächlich auf das Leid und die Ausbeutung der Völker, sondern auf deren beeindruckende Stärke, ihre Integrität und die Fähigkeit, sich ständig weiterzuentwickeln und neuen Gegebenheiten anzupassen. Auch der außergewöhnliche Kreativität der Menschen und ihrer ab den 1960er Jahren recht aktiven Künstlerszene widmet der Autor ein umfangreiches Kapitel.

Besonders beeindruckend finde ich die tiefe Naturverbundenheit der alten Stämme und die stark intuitive Art ihre Kinder zu erziehen und für sich zu sorgen. Ich habe oft das Gefühl, wir sind durch den schnellen Fortschritt und Wandel mittlerweile so weit davon entfernt, dass wir diese Intuition, diese Verbindung zu unserer Umwelt kaum noch (be)greifen können - solche Bücher tragen wunderbarerweise dazu bei, die Erinnerung an unseren Ursprung zu bewahren.

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